Anzeige

Möglicher Fichtner-Putsch: Machen hausinterne Kräfte Politik gegen die Spiegel-Chefredaktion?

Ullrich Fichtner (re.) könnte über den Fall Claas Relotius (li.) stolpern ©Fotos: Picture Alliance/ Archivbild/ Montage: MEEDIA

Eine Veröffentlichung des Funke-Medienredakteurs Kai-Hinrich Renner sorgt zum Ende der Woche für große Irritationen und Verwunderung in der Medienbranche – hat der designierte Spiegel-Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner bei einem Vortrag zugegeben, Aussagen mehrerer Zitatgeber in einer Person zusammengefasst zu haben? Belege dafür gibt es keine, Spiegel-Intern wittert man nun eine Verschwörung. Plant jemand einen Fichtner-Putsch?

Anzeige

„Wenn in einer Story mehrere Figuren zu einer verschmelzen“, lautet die Überschrift der „Medienmacher“-Kolumne des Journalisten Kai-Hinrich Renner in dieser Woche. Wenn in einer Story mehrere Figuren zu einer verschmelzen, dann hat man es mit einem handfesten Medienskandal zu tun, mit einem Journalisten, der sein Handwerk nicht ernst nimmt, mit einem Betrüger. Claas Relotius war so ein Reporter, der es mit der Wahrheit alles andere als genau nahm, der log und betrog, der zugunsten seiner Geschichten fälschte und verdichtete – und Ullrich Fichtner gilt als sein Entdecker.

Der designierte Co-Chefredakteur des Spiegel steht im Fokus der aktuellen Renner-Veröffentlichung. Er soll Teilnehmern der Journalistentagung Reporterforum erklärt haben, Menschen Worte in den Mund zu legen, die sie niemals gesagt haben. Dabei beruft sich Renner auf eine Tonbandaufnahme jener Veranstaltung, auf der Fichtner im Jahr 2016 rund eineinhalb Stunden über die Dramaturgie einer Magazingeschichte referierte.

Fichtners Erklärungen im Vortrag lassen durchaus Spekulationen zu

Auch MEEDIA liegt die Aufnahme vor, aus der Renner folgenden Abschnitt durchaus korrekt zitierte:

Häufig sehe ich in Texten … dass mehrere Figuren eingeführt sind … die dasselbe erzählen. Das brauche ich überhaupt nicht. … Klar, man macht eine Recherche, man redet mit vielen Leuten … die Leute sagen auch ähnliche Sachen. Das Problem ist: Wir wollen es nicht doppelt und dreifach hören, sondern nur einmal. Das reicht völlig. Ich behelfe mir dann so, dass ich inhaltliche Sachen zusammenziehe auf eine Figur.

Der kritische, durch den Fall Relotius sensibilisierte Beobachter mag aufhorchen – „inhaltliche Sachen zusammenziehen“? Was soll das bedeuten? Die Frage darauf bleibt offen. Fichtner erläuterte es 2016 nicht weiter, und auch gegenüber Renner will er sich nicht erklären. Zumindest nicht offiziell. Fichtner habe dem Medienjournalisten eine ausführliche Stellungnahme zukommen lassen, aus der wiederum nicht zitiert werden soll, heißt es.

Nach Infos von MEEDIA hat der Spiegel-Mann versucht, Renner zu erläutern, was er mit „zusammenziehen“ meinte. Demnach sei es – wie schon im Vortrag angedeutet – darum gegangen, Aussagen oder Sachverhalte anhand von Zitaten nicht doppelt oder dreifach zu erzählen. Vielmehr wolle er erklärt haben, sich einen Protagonisten, dessen Aussagen sich mit denen weiterer Zitatgeber decken mögen, stellvertretend hinauszuziehen, um doppeltes Zitieren (und damit Wiederholungen) zu vermeiden. Aussagen aus weiteren Gesprächen würden nach dieser Lesart dann etwa in eigenen Worten oder Beobachtungen wiedergegeben – „wenn es sich anbietet“, so Fichtner in seinem Vortrag weiter. In der Prä-Relotius-Ära habe zudem niemand daran gedacht, Dinge entsprechend zu (ver-)fälschen, soll die Lesart lauten.

Führungsebene nicht erfreut

Fichtners Erklärungen im Vortrag lassen durchaus unterschiedliche Interpretationen und Spekulationen zu, was nicht besonders für die inhaltliche Qualität spricht. Sicher sind einige Positionen des Journalisten, wie man die Dramaturgie eines Artikels bestimmt, auch streitbar. Allerdings erklärt der designierte Spiegel-Chef auf der anderen Seite an keiner Stelle, einer Person Zitate unterzujubeln. Diese Interpretation wirft Renner aber in seinem Artikel in Frageform auf: „Der preisgekrönte Reporter Fichtner lässt in seinen Reportagen Zitate verschiedener Personen zu den Aussagen einer einzigen Figur verschmelzen?“ (Der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner hat hierzu im Anschluss an die MEEDIA-Veröffentlichung eine Stellungnahme abgegeben, die die Redaktion am Ende des Textes wiedergibt.)

Auf Führungsebene des Spiegel ist man über diese Form der Berichterstattung selbstverständlich alles andere als erfreut und wittert Verschwörung. Es liegt nahe, dass der Medienjournalist den Audio-Mitschnitt wohl kaum beim Stöbern im Web oder irgendwelchen Archiven gefunden hat, sondern explizit darauf hingewiesen worden sein muss – die Interpretation, es gehe um Zitate, frei Haus mitgeliefert. Und so sieht man in der Spitze des Spiegel eine aus den eigenen Reihen gestartete, gezielte Attacke auf den bereits angeschlagenen Fichtner. Versucht jemand, den Designierten zu stürzen?

Beim Spiegel ticken die Uhren anders

Fichtners Zukunft in der Chefredaktion ist ungewiss, wie Renner vergangene Woche in seiner Kolumne auch noch mal betonte. Noch vor offiziellem Antritt wurde erklärt, der Journalist lasse seinen Chefredakteursvertrag im Zuge der Relotius-Affäre zunächst ruhen. Wie es weitergeht, darüber hat Chefredakteur Steffen Klusmann nach MEEDIA-Infos bereits vor zwei Wochen entschieden und mit Fichtner darüber gesprochen. Das Ergebnis wird derzeit noch gehütet wie ein Staatsgeheimnis. In der kommenden Woche, wolle Klusmann seine Entscheidung offiziell machen, heißt es aus der Redaktion. Bereits vor der aktuellen Renner-Veröffentlichung sah es nicht gut für Fichtner aus.

Und so wirkt es, als wolle jemand den Sturz Fichtner eher beschleunigen als ihn grundsätzlich herbeiführen. Intrigen gehören zum alltäglichen Geschäft beim Spiegel – nicht nur für die eigene Berichterstattung. Der Vorfall scheint ein weiteres Mal zu zeigen, dass innerhalb des Spiegel noch immer Kräfte wirken, die an der Zerlegung der eigenen Strukturen mehr Interesse zu haben scheinen, als am Fortschritt. Besonders im Zuge der Relotius-Affäre, die der Spiegel akribisch und bislang vorbildlich aufarbeitet – wie auch den anstehenden oder bereits angestoßenen Umstrukturierungen, die zur Redaktionsfusion von Spiegel und Spiegel Online führen sollen, ist eigentlich mehr Zusammenhalt statt Sabotage gefragt. Doch beim Spiegel ticken die Uhren eben anders.

Update, 15.03., 18.40 Uhr: Kai-Hinrich Renner hat sich zur obigen Fichtner-Berichterstattung bei der Redaktion gemeldet und kritisiert, dass er im Vorwege nicht kontaktiert worden ist. Wir dokumentieren sein Statement in voller Länge und weisen zugleich darauf hin, dass dieses ausschließlich die Meinung des Funke-Kolumnisten widerspiegelt, nicht die der Redaktion:

Die Stellungnahme von Kai-Hinrich Renner:

„Ich bin beim Verfassen meiner aktuellen Kolumne über Ullrich Fichtner von niemandem instrumentalisiert worden – schon gar nicht von jemandem aus dem Spiegel. Ich habe von der Existenz der Audio-Datei, auf der sich ein Mitschnitt von Fichtners Workshop anlässlich des Reporterforums 2016 findet, durch Claudius Seidls Stück ‚Er spielte Schicksal‘ aus der FAS vom 23.12.18 erfahren. Unter Berufung auf diese Datei schreibt Seidl, Fichtner habe seinen Zuhörern geraten, sich bei der Montage von Reportagen an ‚Mission Impossible 5‘ zu orientieren. Diese Datei interessierte mich, nur konnte ich sie auf Reporterforum.de nicht finden, wo sie laut Seidl stehen sollte. Ich fragte also bei dem Feuilletonchef der FAS nach, ob ich möglicherweise etwas übersehen hätte. Das hatte ich nicht. Die Datei war verschwunden.

Die Quelle, von der ich die Datei dann bekam, steht weder in Diensten des Spiegel, noch handelt es sich bei ihr um jemanden, der Fichtner Böses will. Die Passage mit den verschiedenen Personen, deren ‚inhaltliche Sachen‘ Fichtner auf eine Figur ‚zusammenzuziehen‘ pflegt, habe ich rein zufällig gefunden. Mir ging es zunächst ja nur um die Mission-Impossible-5-Stelle. Seidl hatte die Datei, wie er mir mitteilte, nur stichprobenweise abgehört. Sonst hätte er vermutlich die ‚Zusammenzieh‘-Passage bereits im Dezember zitiert.

Falsch ist die Behauptung, Fichtner habe mir in seiner Mail erklärt, ihm sei es bei dem Begriff ‚zusammenziehen‘ darum gegangen, ‚Aussagen oder Sachverhalte anhand von Zitaten nicht doppelt oder dreifach zu erzählen. Vielmehr wolle er erklärt haben, sich einen Protagonisten, dessen Aussagen sich mit denen weiterer Zitatgeber decken mögen, stellvertretend hinauszuziehen, um doppeltes Zitieren (und damit Wiederholungen) zu vermeiden. Aussagen aus weiteren Gesprächen würden nach dieser Lesart dann etwa in eigenen Worten oder Beobachtungen wiedergegeben‘. Diese Aussagen macht Fichtner in seiner Mail nicht. 

Die Behauptung, „in der Prä-Relotius-Ära habe zudem niemand daran gedacht, Dinge entsprechend zu (ver-)fälschen“, also mehrere Personen in einer zusammenzufassen, ist falsch. Ich widerlege diesen Unsinn bereits in meiner Kolumne, in der ich auf das erstmals 1987 erschienene Standardwerk ‚Die Reportage‘ von Michael Haller verweise, in dem diese Praxis ausdrücklich legitimiert wird. Das Bewusstsein, dass es sich bei dieser Praxis streng genommen um das Anfertigen einer Fälschung handelt, war noch vor 15, 20 Jahren nicht sonderlich weit verbreitet.

Dass mir MEEDIA vor dem Freischalten des Stückes ‚Möglicher Fichtner-Putsch: Machen hausinterne Kräfte Politik gegen die Spiegel-Chefredaktion?‘ nicht die Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben hat, ist in meinen Augen hochgradig unprofessionell.“

Anzeige