Partner von:
Anzeige

“Ankara provoziert ohne Grund eine neue Krise”: Spiegel-Korrespondent Popp über die Situation in der Türkei

Maximilian Popp ist Türkei-Korrespondent für den Spiegel
Maximilian Popp ist Türkei-Korrespondent für den Spiegel ©Fotos: Spiegel/ Picture Alliance/ Montage: MEEDIA

Am Sonntag kam die Meldung, dass zwei deutsche Journalisten keine Arbeitserlaubnis für die Türkei erhalten und das Land verlassen müssen. Maximilian Popp arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Türkei-Korrespondent für den Spiegel. Im Interview blickt er auf den aktuellen Fall, die Arbeit in einem autokratischen Staat und erläutert, warum der Kuschelkurs der Bundesregierung ein Ende haben sollte.

Anzeige

Das türkische Presseamt in Ankara hat den beiden Journalisten Jörg Brase vom ZDF und Thomas Seibert vom Tagesspiegel keine Akkreditierung für das laufende Jahr erteilt. Auch ein nicht ständig in der Türkei lebender NDR-Reporter ist davon betroffen (MEEDIA berichtete). Am Dienstag twitterte der ZDF-Mann dann, dass die Türkei ihre Entscheidung korrigiert habe, er werde nun doch eine Pressekarte erhalten.

“Ich werde in den kommenden Tagen nach Istanbul zurückkehren. Thomas Seibert wartet weiter auf seine Karte, und viele andere auch”, teilte er über den Kurznachrichtendienst mit. Dies zeigt die Willkür mit der Erdogan die Türkei regiert, sagt Spiegel-Journalist Maximilian Popp gegenüber MEEDIA. Er ist seit 2016 Türkei-Korrespondent für das Nachrichtenmagazin.

Im Interview spricht er über die Pressefreiheit in der Türkei und kritischen Journalismus trotz starker Repressalien. Außerdem erklärt er, warum die deutsche Regierung erneut einen härteren Kurs gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan fahren sollte.

Herr Popp, Ihre Kollegen Jörg Brase und Thomas Seibert sind am Sonntag des Landes verwiesen worden. Beide haben keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen der türkischen Regierung?
Maximilian Popp: Das ist bitter. Dass Jörg Brase nun doch eine Arbeitserlaubnis bekommt, zeigt, mit welcher Willkür Erdogan die Türkei regiert. Es ist ja bekannt, wie die Situation für Medien in der Türkei ist und wie es vor allem für türkische Reporter aussieht. Dort sind mehr als 100 Journalisten in Haft. Auch Deniz Yücel und Meşale Tolu saßen lange unschuldig im Gefängnis. Es ist frustrierend, zu sehen, wie wenig die türkische Regierung noch auf Meinungsfreiheit und auch Rechtsstaatlichkeit gibt.

Wie ist derzeit die Arbeitssituation für türkische Journalisten und Korrespondenten ausländischer Medienhäuser?
Wenn man in der Türkei unabhängigen, kritischen Journalismus leistet, steht man als türkischer Staatsbürger mit einem Bein im Gefängnis und muss damit rechnen, dass es Repressionen gibt. Ganz so dramatisch ist die Lage für ausländische Journalisten nicht. Die Arbeitsbedingungen für Korrespondenten sind ungleich freier und einfacher als für die türkischen Kollegen. Daher kann man das nur bedingt miteinander vergleichen. Trotzdem werden auch da die Räume enger. In den letzten zwei, drei Jahren hat die Regierung begonnen, die Akkreditierung als Machtinstrument einzusetzen, da die Aufenthaltsgenehmigung für Korrespondenten daran gekoppelt ist. Sie muss jedes Jahr verlängert werden. Das ist Schikane.

“Genauso kritisch, präzise, wahrhaftig wie zuvor”

Spüren Sie auch, dass “die Räume enger” werden?
Ich bin seit zweieinhalb Jahren als Korrespondent in der Türkei. Bislang konnte ich dort relativ frei arbeiten, hatte Zugänge sowohl zu Regierungs- als auch Oppositionskreisen und wurde dabei nicht groß behelligt. In diesem Jahr ist es so, dass die Akkreditierung sehr lange dauert und ich nicht weiß, ob ich sie noch bekomme.

Ähnlich ergeht es laut der Foreign Media Association bis zu 60 Korrespondentinnen und Korrespondenten, die auf eine Erneuerung ihrer Pressekarte warten. Welche Taktik steht seitens der türkischen Regierung dahinter?
Es geht darum, Unsicherheit zu verbreiten und in Ankara existiert wohl auch der Wunsch, dadurch die Berichterstattung zu beeinflussen. Es ist natürlich eine irrige Vorstellung. Ich bin mir sicher, dass Korrespondenten sich davon nicht beeinflussen lassen und genauso kritisch, genauso präzise, genauso wahrhaftig wie zuvor berichten. Das ist die einzig mögliche Antwort.

Was würden Sie tun, wenn in naher Zukunft das freie Ausüben ihres Berufs nicht mehr garantiert ist und sie erste Restriktionen spüren?
Wenn ich die Akkreditierung nicht bekomme, kann ich nicht im Land bleiben. Da sprechen wir von einigen Wochen. Wenn es so sein sollte, bleibt mir keine andere Wahl, als das Land zu verlassen.

“Hielt diesen Kurs der Regierung für ein großes Missverständnis”
Anzeige

Wie betrachten Sie das aus einer mehr berufsethischen Sicht?
Was ich nicht machen will, dass ich irgendwelche Kompromisse oder Abstriche eingehen muss. Dafür bin ich nicht in der Türkei. Wenn ich das Gefühl hätte, ich bin hier nicht mehr sicher oder es geht aus anderen Gründen nicht mehr, wäre auch ein Punkt erreicht, an dem ich sagen müsste, dass ich außerhalb des Landes über die Türkei schreibe. Der Sinn eines Korrespondenten kann nicht sein, nur dort zu sein und dann nicht mehr zu berichten, was ist und was da vor sich geht. Das war für mich aber auch klar, als ich kurz nach dem Putsch 2016 in die Türkei gezogen bin. Da war das Umfeld bereits schwierig und ein halbes Jahr später wurde Deniz Yücel festgenommen.

Bei aller Einschränkung gibt es doch in der Türkei noch immer kritische Stimmen.
Absolut, und das kommt in der deutschen oder europäischen Wahrnehmung manchmal etwas zu kurz. Es gibt immer noch viele Kolleginnen und Kollegen, die mutig und couragiert ihrer Arbeit nachgehen. Das betrifft weniger die großen Mainstream-Medien, weil die mittlerweile weitgehend unter Kontrolle der Regierung oder in Besitz von Freunden des Präsidenten Erdogans sind. Aber es sind in den vergangenen Jahren alternative Portale entstanden, ganz oft im Internet, die sich um unabhängigen Journalismus bemühen und das auch relativ erfolgreich tun. Sie erfahren mit ihrer Arbeit viel Zuspruch und das ist bemerkenswert.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von MEEDIA (@meedia.de) am

Einige Beobachter der aktuellen Situation sagen nun, dass die türkische Regierung internationale Beziehungen mit Deutschland und anderen Ländern auf dem Rücken der dortigen Pressevertreter austrägt. Zu welchem Urteil kommen Sie?
Es ist recht verwirrend, weil die türkische Regierung sich in den vergangenen Monaten um Entspannung bemüht hat. Da hatte man das Gefühl, dass gerade die Beziehung zu Deutschland die schwerste Krise überwunden hat. Es gab auch von Seiten der Bundesregierung großes Entgegenkommen. Peter Altmaier war in Ankara, hat sich jede Kritik verkniffen – Maas zuvor bei einem Besuch in der Türkei ebenso. Daher kam das Gefühl auf, dass sich beide Länder aufeinander zu bewegen, ob man das jetzt gut oder schlecht findet. Jetzt provoziert Ankara eigentlich ohne Grund so eine neue Krise. Es könnte die Wahl am 31. März eine Rolle spielen. Andererseits wurde das Thema Akkreditierung in der regierungsnahen türkischen Presse nicht groß aufgegriffen.

Woran liegt der neue Kurs dann?
Es liegt aus meiner Sicht an Veränderungen in Erdogans Team. Er hat einen neuen Mediendirektor, Fahrettin Altun. Er gilt als Hardliner. Altun hat in kleinerer Runde gesagt, dass er den Beweis antreten wird, die Berichterstattung zu drehen und dass er alle unter Druck setzen kann.

“Vorhandene Hebel besser nutzen”

Der Kuschelkurs der deutschen Regierung mit Ankara hat nicht geholfen. Was erwarten Sie nun von ihr?
Ich hielt diesen Kurs der Regierung für ein großes Missverständnis, nicht erst seit dem Arbeitsverbot der Kollegen. Natürlich gibt es das Mantra „Mit der Türkei in Dialog bleiben“, was erstmal nicht verkehrt ist. Nur sollte man schon wissen, was man mit diesem Dialog erreichen will. Als 2017 der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner verhaftet wurde, hat Sigmar Gabriel (damaliger deutscher Außenminister, Anm. d. Red.) einen härteren Kurs gegen die Türkei gefahren. Dann kam plötzlich Bewegung rein.

Also fordern Sie wieder ein härteres Vorgehen gegen Erdogan?
So traurig es ist, aber das ist die einzige Sprache die Erdogan versteht. Ich wünsche mir von der Bundesregierung, dass sie die vorhandenen Hebel besser nutzt und mehr Druck macht. Auch wirtschaftliche Sanktionen können dann die richtigen Mittel sein, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen türkischen Wirtschaftslage.

Auch wenn ein harter Kurs dazu führen könnte, dass Sie künftig aus einem Nachbarland berichten müssen.
Das Szenario besteht. Es besteht für alle, die keine Arbeitserlaubnis haben. Wenn die türkische Regierung einem die Arbeitsgrundlage entzieht, dann ist das traurig, aber so geht es dann auch nicht mehr. Es ist ja fast eine Ironie der Geschichte, dass Jörg Brase nach seiner Ausweisung geplant hatte, künftig aus dem Iran über die Türkei zu berichten, weil er dort die Papiere bekommen hat, die ihm die Türkei verwehrt hat. Das sind türkische Zustände im Jahr 2019. Wenn das ein Partner sein soll, mit dem man einen “konstruktiven Dialog” führen will, dann viel Glück.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Wie gesagt, aus Sicht der Türkei gibt es Gründe warum bestimmte Personen keine Akkreditierung erhalten.

    Es gibt kein Menschenrecht auf Falschberichterstattung

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia