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“Sache für Profis”: FDP-Chef Lindner tadelt Schülerdemos – und stolpert über frühere Aussagen

Hält nichts von Schüler-Demos in der Unterrichtszeit: FDP-Chef Thomas Lindner
Hält nichts von Schüler-Demos in der Unterrichtszeit: FDP-Chef Thomas Lindner © dpa

"Das ist eine Sache für Profis": Derart oberlehrerhaft kritisierte Christian Lindner am Wochenende die freitäglichen Schüler-Demos für Klimaschutz. Dafür hagelt es Kritik – nicht zuletzt auch von besagten Profis. Der FDP-Chef fühlt sich "gewollt missverstanden".

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Lindner sieht den Einsatz von Schülern für ein besseres Klima kritisch. Es gehe wertvolle Unterrichtszeit verloren, sagte der FPD-Chef der Bild am Sonntag (BamS). “Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.” Das Zitat verbreitete er dann auch via Twitter:

Statt zu demonstrieren und Stunden zu verpassen, sollten die Schüler lieber in den Unterricht gehen und sich “über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren”, sagte Lindner weiter.

Umstrittene Schülerdemonstrationen

Die Schülerdemonstrationen sind in Regierungskreisen umstritten. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) erklärte jüngst, sie lehne Schülerstreiks während der Unterrichtszeit ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen bezeichnete die Demonstrationen als “sehr gute Initiative”. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) forderte die Schüler indes auf, ihre Proteste in die Freizeit zu verlegen. Dies würde der Sache “sicherlich noch einmal eine ganz neue Durchschlagkraft verleihen und ihr ernsthaftes Engagement unterlegen”, so Altmaier gegenüber der Rheinischen Post.

Insofern ist Lindner mit seiner Kritik am Zeitpunkt der Schülerdemos nicht alleine. Wohl aber mit seiner “Profi”-Formulierung, die viele als Tadel jugendlicher Initiative sehen. Auf Twitter gab es zwar immerhin rund 3.000 Likes für seinen Tweet, die knapp 400 Retweets und Antworten auf seine Botschaft fallen aber überwiegend negativ aus. Bei “Anne Will” war der FDP-Chef in Folge bemüht, seine “Profi”-Aussage zu erläutern. Gemeint seien ausschließlich die Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Klimawandel auskennen – und eben nicht Politiker oder nur Erwachsene.

Lindner stolpert über frühere Aussagen

Auf Twitter war “Team Lindner” am Wochenende ebenfalls um Schadensbegrenzung bemüht. Man heiße die Demonstrationen gut, es gehe vielmehr darum, dass Wissenschaftler und Ingenieure über die Auswahl der besten Mittel entscheiden sollten, “um Klimaschutz zu erreichen”, ließ man mitteilen. Doch der Beigeschmack, dass Lindner Kindern nicht allzu viel zutraut, bleibt nach dem BamS-Interview haften.

In der ohnehin emotional geführten Klimadebatte stolpert der FDP-Politiker zudem gleich über mehrere seiner früheren Aussagen zum politischen Einsatz von Schülern. So hatte er als 18-jähriger Firmengründer in einem Beitrag für das Jugendmagazin 100 Grad kritisiert, dass man in der Schule die Zeit absitzen müsse. “Wenn man in der Schule sitzt, und man sitzt seine Zeit ab, weiß, dass man telefonieren, den Kunden besuchen oder Arbeit erledigen müsste, dann kommt man sich so vor, als sei die Zeit durch den Schredder gelaufen”, war dort 1997 zu lesen. Des weiteren hob er die Kompetenz hervor, die nicht “akademisch domestiziert” sei und erklärte: “Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.”

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Klima-Profis auf Seiten der Schüler

Hervorgekramt wird auch Lindners Kampagne zum Bundestagswahlkampf im Sommer 2017. Auf Plakaten war sein Konterfei zu sehen neben den Worten “Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer.” Ein krasser Widerspruch zu seinen nun getätigten Aussagen, möchte man meinen.

Doch auf Twitter reagiert der FDP-Chef gewohnt offensiv und spricht von einem “gewollten Missverstehen” – und erklärt: “Jeder soll demonstrieren – aber außerhalb der Schulpflicht.” Von einem schulterzuckenden Emoji begleitet wiederholt er: “Zu Erreichung dieser Ziele braucht man nun eben Ingenieurinnen, Techniker und Ökonomen – also #Profis.”

Jedoch stehen diese Profis den Forderungen der Kinder ohnehin sehr nahe. “Die Klima-Profis sind klar auf Seiten der Schüler!”, twitterte etwa der Klimaforscher Stefan Rahmstorf. “Die Schüler gehen auf die Straße, weil die Politiker trotz schöner Worte die Klimaziele verfehlen. Greta Thunberg versteht mehr vom knappen Emissionsbudget und den Kipppunkten des Klimas als Herr Lindner.”

Es scheint fast so, als hätte Lindner in seiner Forderung nach einer Professionalisierung der Debatte die Rechnung ausgerechnet ohne die Profis gemacht.

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