Anzeige

Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Daniel Bröckerhoff, Moderator von "heute+" ©Daryl Collin Williams/ Montage: MEEDIA

Eine spontane Eingebung, der Impuls, eben dies der Welt dort draußen mitzuteilen, schnell in die Smartphone-Tastatur getippt … und schon ist es passiert: Daniel Bröckerhoff, Journalist und ZDF-Moderator bei „heute+“, weiß, wie leicht die Kommunikation im Netz entgleiten kann. Im vierten Teil der MEEDIA-Essay-Reihe „Werteorientierte Digitalisierung“ schreibt Bröckerhoff über Pseudo-Debatten, kollektive Schnappatmung und eine unterschätzte Tugend: Gelassenheit.

Anzeige

Von Daniel Bröckerhoff

Szenario eins

Nachts um halb eins, irgendwann vor drei Jahren. Wütend laufe ich durch die dunklen Gänge des ZDF in Mainz, vom Nachrichtenstudio Richtung Garderobe, das Handy in meiner Hand, unzufrieden mit meiner Leistung. Wieder eine Sendung, in der ich mich für meine Ansprüche einmal zu viel verhaspelt habe. Während ich in Richtung Maske biege, suche ich nach Ablenkung auf Twitter. Was ich stattdessen finde ist ein Anonymus, der sich genau über diese Versprecher lustig macht. Empört versuche ich, mich zu rechtfertigen, zu erläutern, warum es um diese Nachtzeit manchmal schwierig ist, deutlich zu reden. Die hämische Antwort: „Da ist aber jemand dünnhäutig.“ Ich antworte noch wütender – er wird noch hämischer. Irgendwann gebe ich mich geschlagen.

Szenario zwei

24. Juli 2018, morgens um acht. Ich stehe – wieder müde – in meiner Küche, der Deutschlandfunk läuft. Vorabmeldung zum neuen Verfassungsschutzbericht. Zwei Zahlen machen mich stutzig. Ich zücke Twitter und schreibe:

Vorabinfos a.d. neuen #Verfassungsschutzbericht: In D leben 700 islamistische Gefährder. Und über 12.000 gewaltbereite Rechtsradikale (neuer Höchststand).

Rechenaufgabe: Welche Gruppe ist größer?

Textaufgabe: Über welche Gruppe reden wir mehr & warum?

Meine Kalkulation geht voll auf. Innerhalb kurzer Zeit bekommt der Tweet die erhoffte Aufmerksamkeit, sowohl von denen, die meine Kritik teilen (darunter auch der Account von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet), als auch von denen, die mir vorwerfen, die islamistische Gefahr zu relativieren. Aber nur ein einziger, relativ entspannter User weist mich darauf hin, dass diese Zahlen gar nicht miteinander vergleichbar seien, weil unterschiedliche Kriterien an die jeweiligen Gruppierungen gelegt werden. Kurz: Ich hatte Apfelsinen mit Mandarinen verglichen – und fast niemand hatte es bemerkt. Ich schäme mich für diesen unjournalistischen Fehltritt und lösche den Ursprungs-Tweet. In einem neuen Tweet versuche ich, den Fehler zu korrigieren. Niemand interessiert sich dafür.

Beide Beispiele zeigen, wie leicht die Kommunikation im Netz entgleiten kann, wenn ich nicht bewusst hinterfrage, was ich dort tue, beziehungsweise was dort passiert.

Ich habe in den letzten Jahren viel Zeit aufgewendet, um mit Medien- und Systemkritikern (und Kritikern des medialen Systems) im Netz zu diskutieren. Ich wollte verstehen, was sie genau stört, was sie unzufrieden macht, und wie wir Journalisten diese Bedürfnisse besser erfüllen können. Denn wenn ein Teil der Bürger sich nicht wahrgenommen fühlt und sich deswegen von Medien und Politik abwendet, bekommen wir über kurz oder lang ein Problem. Eine Demokratie braucht eine ausgewogene Diskussionskultur, denn die ist einer ihrer Grundpfeiler. Aber mit dem Internet hat sich diese verändert – und mit ihr die öffentliche Debatte.

Medienmacher haben darauf unterschiedlich reagiert. Mal zaghaft-vorsichtig wie die Öffentlich-Rechtlichen, mit aktiven Twitter-Offensiven oder Constructive-Journalism-Formaten wie „Plan B“ (ZDF) oder „Perspektiven“ (NDR Info), die den Weg aus der pessimistischen Debattenkultur weisen sollen. Mal ungestüm und vor Selbstbewusstsein strotzend wie der Axel Springer Verlag, der gleich sein gesamtes Unternehmen auf digitale Öffentlichkeit bürstete.

Die neue Selbstverantwortung der Konsumenten

Doch die Kritik an „den Medien“ ist geblieben. Und das liegt an zwei Punkten:

  1. Die medialen Reformen sind noch nicht weit genug fortgeschritten, und gerade die publikumsträchtigen Sendungen, Magazine und Redaktionen ändern sich nur langsam, wahrscheinlich, weil es ihnen immer noch nicht nötig erscheint.
  2. Was sich in meiner Wahrnehmung bislang nicht eingestellt hat, ist eine Selbstreflexion der Medienkonsumenten im Umgang mit und ihr Wissen über (soziale) Medien.

Bei so gut wie jeder Beschwerde sind „die Journalisten“, „die Medienhäuser“ und/ oder „die sozialen Netzwerke“ mindestens mit schuld am miesen Zustand der Welt und der öffentlichen Streitkultur. Viele Kritiker (aber auch Medienmacher) tun dabei oft so, als seien die Konsumenten den Medienerzeugnissen hilflos ausgeliefert. Sie übersehen dagegen völlig, dass die eilige Dreifaltigkeit aus Journalisten, Medienhäusern und Netzwerken vor allem eines will: dem Konsumenten gefallen. Denn am Ende geht es auch dort immer vor allem um messbaren Erfolg.

Und den versuchen Medienmacher mit allen möglichen Mitteln zu erreichen. Entweder mit möglichst skurrilen Geschichten (10 Fragen an einen Hooligan, die du dich niemals trauen würdest zu stellen, Vice), mit dem Aufblasen von kleinen Ereignissen zum Skandal (Als Claudia Roth bei AfD-Rede im Bundestag lacht, kommt es zu einem Eklat, Huffpo) oder mit klaren Meinungsstücken (Stoppt die Putschisten! Junge Welt zum Thema Venezuela).

Aber auch jede spitze Äußerung von Politikern oder anderen Prominenten wird gern aufgenommen – was beiden Seiten in der Regel mehr nutzt als schadet. Jede streitbare These, jede provokante Wortäußerung und jedes (vermeintlich) aus dem Zusammenhang gerissene Zitat findet auf dem Markt der Empörung reißenden Absatz, ganz egal, ob sie eine Debatte wirklich weiterbringt oder nicht.

Nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn verdankt seine bundesweite Bekanntheit wohl eher seinen provokanten Äußerungen zu Hartz IV, zur Inneren Sicherheit oder zu englischsprachigen Servicekräften in Berlin-Mitte als seiner Gesundheitspolitik. Viele Politiker haben so mindestens eine Medien-Karriere gemacht, die AfD hat diese Form der gezielten Tabubrüche sogar bis ins Parlament gebracht. Auch dafür sollen nach der Meinung vieler Kritiker die Medien die Hauptschuld tragen. „Der Brexit tobt, Trump wütet, die AfD opferposiert. Dass die redaktionellen Medien immer noch nicht merken, dass sie instrumentalisiert werden – oder es nicht merken wollen, oder es merken und richtig finden. Jeden verdammten Tag aufs Neue“, schimpfte im Januar Sascha Lobo auf Spiegel Online.

Dabei vergisst nicht nur er, dass jeder, der sich in dieser digitalen Gesellschaft bewegt einen Teil der Verantwortung dafür trägt, wie sie aussieht. Konsumenten sind durch die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke selbst zum Medienproduzenten geworden – und das nicht nur, weil sie Blogs oder meinungsstarke YouTube-Kanäle betreiben oder mit langen Facebook-Postings ihre Meinung zum Weltgeschehen mitteilen.

Nein: Mit jedem Klick, Kommentar, Like und Share sind sie mit dafür mitverantwortlich, wie öffentliche Debatten verlaufen, welches Thema und welcher Diskurs, welcher Sound mehr Aufmerksamkeit bekommen. Denn Medienmacher, siehe oben, achten schon aus Selbsterhaltungstrieb darauf, was wie konsumiert wird. Und je öfter ein Thema für Aufsehen sorgt, desto öfter schauen sie dorthin – so entsteht schnell ein sich selbst erhaltendes System aus Erregung und Gegenerregung, das bis zum Exzess fortgeführt werden kann.

Heftige Schnappatmung: die Kakophonie der Krakeeler

Hinzu kommt, dass die Pseudo-Debatten häufig nur in Schriftform und zwischen Fremden geführt werden. Dieser Art der Kommunikation fehlen so viele Facetten des zwischenmenschlichen Austauschs, dass zuweilen kaum möglich ist zu sagen, was das Gegenüber eigentlich meint, oft wird immer von der schlechtesten Variante ausgegangen. Und auch der Kontext des Gesagten und der Empfänger spielt eine Rolle, denn er entscheidet, wie die Äußerung gedeutet wird. Sascha Lobo – um ihm hier Recht zu geben – nannte das Phänomen „Social Heisenberg“.

Die sozialen Medien sind an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig, ihre Algorithmen bevorzugen und befeuern diese Erregungsdynamik. Und Medien nutzen dieses System, um möglichst viel gesehen zu werden.

Dabei sind es längst nicht nur medienferne Menschen, die die Kakophonie der Krakeeler mitkreischen. Oft genug sind es auch Politiker, Aktivisten, Journalisten bis hin zu Chefredakteuren, die mit Tweets und Postings #nurmalso eben dafür sorgen, dass irgendwo in der Republik jemand heftige Schnappatmung bekommt und die Diskussionen entgleisen. Ich nenne hier bewusst keine Namen, weil schon das die Erregungs-Spirale wieder in Gang setzen würde. Aber als Beispiel sei der Tweet des CDU-Politikers Nico Lange genannt: „Ich fahre Auto. Ich esse Fleisch. Ich mag Silvesterfeuerwerk. #nurmalso“. Oder der Shitstorm, der sich Anfang des Jahres wegen eines „Nazis raus“-Tweet über meine ZDF-Kollegin Nicole Diekmann ergoss.

Als Kulturwissenschaftler fand ich es von Anfang an interessant, den unterschiedlichen Weltanschauungen bei diesen Kämpfen um die Deutungshoheit zuzusehen. Doch bei dieser Perspektive gerät die Motivation des Individuums aus dem Blick: Warum stellt sich wer hinter eine bestimmte Weltsicht? Die Frage lässt sich nur individuell beantworten: Es ist immer das Set aus biografischen Erfahrungen, Persönlichkeit, Psyche, Erziehung und sozialer Wirklichkeit, das die Richtung mitbestimmt.

Dieses Set beeinflusst, bei welcher Wortmeldung wir an die Decke springen, auf die Palme gehen und unser Pulsmesser zu glühen anfängt, die Psychologie spricht hier von „Triggern“, also Auslösern. Vordergründig ist das bei den einen die Ungerechtigkeit der Welt und der Klimawandel, bei den anderen Themen wie „Flucht und Migration“ oder Dieselfahrverbote. Doch eigentlich steckt – so meine Überzeugung – noch etwas anderes dahinter. Denn im Grunde geht es dabei um Emotionen, und diese sind immer hochgradig individuell.

Warum regen wir uns eigentlich auf?

Ich habe gelernt, mir selbst diese Frage in den letzten Monaten immer dann zu stellen, wenn ich mich dabei ertappte, wie manche Postings, Menschen, Themen hochemotionale Gefühlsregungen in mir auslösten. Dabei stellte ich fest, dass das besonders oft der Fall war, wenn ich mich selbst unsicher fühlte (Szenario eins), wenn mein Gegenüber einen wunden Punkt getroffen hatte (Szenario zwei) oder wenn ich mich nicht ernstgenommen fühlte, indem zum Beispiel meine journalistische Kompetenz in Frage gestellt wurde.

All diese Trigger führten dazu, dass es zu hitzigen Diskussionen kam, in denen mir häufig die Wortwahl entgleiste, weil ich mich persönlich angegriffen fühlte. In anderen Fällen war ich oft hilflos, wenn mein Gegenüber eine besonders ignorante Wortäußerung von sich gegeben hatte, die mir zeigte, dass nicht mal ein Grundwissen zum diskutierten Sachverhalt vorhanden war.

Allzu oft flüchtete ich mich in solchen Situationen in Sarkasmus oder Ironie, um dem Gegenüber meine Überlegenheit zu demonstrieren oder ich reagierte auf Vorwürfe mit Gegenvorwürfen. Genauso oft schwang ich die Moralkeule, wo die Zurückhaltungs-Zieharmonika einen besseren Klang erzeugt hätte. Oder ich ließ mich von Ablenkungs-Versuchen („…und was ist mit…?“) auf das falsche Diskussionsgleis setzen.

Die Folge waren verhärtete Fronten, das Gefühl missverstanden worden zu sein – und ein inneres Aufgewühlt-sein, das mich manchmal um den Schlaf brachte. Erst als ich begann, mich mit den dahinterstehenden Mechanismen auseinanderzusetzen, meine eigenen Trigger und Schwachpunkte zu erkennen und meine Sprache zu hinterfragen, wurde es besser.

Auf der einen Seite bekam ich von Diskussionsteilnehmern das Feedback, dass sie sich über den konstruktiven Austausch gefreut hätten. Auf der anderen Seite ließ ich mich nicht mehr so häufig in sinnlose Diskussionen hineinziehen, deren Ziel kein Konsens oder Wissenstransfer, sondern schlichtes Abreagieren am Gegenüber war.

Diskussion – ja, bitte! Aber demokratisch

Für mich gibt es daher nur einen Weg, dieser überhitzten medialen Erregungsblase die Luft rauszulassen: Jeder und jede muss bei sich selber anfangen, seinen eigenen Medienkonsum und seine eigene Medienproduktion im erweiterten Sinne (klicken, liken, kommentieren, teilen) zu hinterfragen. Und gerade Journalisten sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu hilft es, sich diesem Fragenkatalog zu unterziehen:

  1. Warum lese/schaue/konsumiere ich gerade dieses Medienprodukt und kein anderes?
  2. Warum rege ich mich gerade auf?
  3. Hat es Jemand darauf angelegt, dass ich mich aufrege?
  4. Ist es möglich, dass ich etwas falsch verstanden habe oder dass eine Geschichte, eine Äußerung oder ein Kommentar auch anders gedeutet werden können als ich es in meiner Erregung getan habe?
  5. Wem nutzt es, wenn ich meine Erregung mitteile?
  6. Wenn ich meine Erregung mitteilen will: Wie kann ich dafür sorgen, dass daraus nicht noch mehr Erregung entsteht? Welche Worte wähle ich und welche Gedanken teile ich mit? Welche könnten missverstanden oder (absichtlich) falsch ausgelegt werden?
  7. Würde ich das Geschriebene morgen so auch noch schreiben?
  8. Sind die Diskutanten an einem konstruktiven Austausch interessiert, der lösungsorientiert ist – oder wollen sie sich einfach nur abreagieren? Wenn Letzteres der Fall ist: Will ich dann trotzdem mit ihnen diskutieren? Wenn ja: Warum?
  9. Welche Perspektive nimmt mein oder meine Gegenüber in Diskussionen ein, und ist es mir möglich, diese Perspektive zu übernehmen, um die Diskussion konsensorientierter zu machen?
  10. Wäre es vielleicht eine bessere Idee, das Handy oder den Computer beiseite zu legen und stattdessen eine Runde zu entspannen?

Über den Autor: Daniel Bröckerhoff, Jahrgang 1978, moderiert seit 2015 die ZDF-Nachrichtensendung „heute+“, die  unter anderem mit Livestreams die Brücke zwischen linearem und nicht-linearem Bewegtbild schlägt. Davor war er Autor beim NDR Medienmagazin „Zapp“ und Reporter für die Einsplus-Talkshow „Klub Konkret“. Bröckerhoff ist Absolvent der RTL Journalistenschule. Er engagiert sich im Beirat des DJF und lehrt Social Media unter anderem als Dozent an der Hamburg Media School.

Über die Reihe: Dies ist der vierte Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht. Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Anzeige