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Nichts als Ärger: Wie Springers Bild Politik mit seinen Magazin-Covern im Populismus fischt

Wöchentlich wiederkehrender Negativismus: Bild-Vize und Bild Politik-Verantwortlicher Nikolaus Blome © imago images / Sven Simon/ Montage: MEEDIA

Als MEEDIA zur Premiere von Bild Politik titelte, das neue Magazin gefalle Wutbürgern, war das mehr eher als Sorge gemeint, denn als Fakt. Zu offensichtlich schienen die Redakteure aus dem Springer-Hochhaus am rechten Rand der Gesellschaft zu fischen. Diese Intention wies Bild-Vize Nikolaus Blome zum Start vehement zurück. Nun tun er und sein Team offenbar alles, um diesen Verdacht zu bestätigen.

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Wer die Cover bislang erschienen vier Ausgaben in eine Reihe legt, gewinnt den Eindruck, als sei die Magazin-Extension auf den Kaufimpuls jener Zielgruppe ausgelegt, die vor allem einen publizistischen Frustableiter sucht. In diesem Land, so könnte man angesichts der Titelstories von Bild Politik meinen, geht nichts voran – und wenn, dann in die falsche Richtung. „Warum versagt die Regierung?“ hieß es Anfang Februar zum Auftakt des auf unbestimmte Zeit angelegten Verkaufstests in drei norddeutschen Grosso-Gebieten auf dem Titel. Das Magazin, das nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden klare Kante zeigen und damit eine Marktlücke füllen soll, reproduziert sich in seinen Negativismen (bislang) Woche für Woche selbst.

„Wie kann es sein, dass Rentner bei uns Flaschen sammeln müssen?“, lautete die Headline von Heft Nr. 2, eine Frage, die Journalisten durchaus auf dem Cover stellen können. Sie könnten aber genauso fragen, wie es möglich ist, dass weiterhin schamlose Luxus-Renten und -Gehälter gezahlt werden, u.a. in der Wirtschaft oder etwa bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das wäre das gleiche Thema, aber nicht die dieselbe Stoßrichtung – und offenbar so gar nicht die Agenda von des Springer-Magazins, das zwar die Klaviatur der Empörung über unfähige Politiker zelebriert, nicht aber die der Veranschaulichung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.

Die Cover der ersten Ausgaben von Bild Politik

Und es wurde nicht besser: Die Cover-Story „Wie macht die ARD Politik mit dem tatort?“ dürfte zentral in das Beuteschema der AfD-Populisten gepasst haben, ebenso die auf dem Titel der neuesten Ausgabe gestellte Frage: „Warum haben bei uns Täter mehr Rechte als Opfer?“ In der kurzen Zeit, in der das zunächst aufwändig beworbene Magazin im Testgebiet erscheint, haben wir gelernt, dass von den drei Heft-Teilen „Ärger“, „Neugier“ und „Freude“ inhaltlich offenbar nur der erste „liefert“, wenn es um die Titelgeschichten von Bild Politik geht.

Damit macht das Magazin selbst Politik und gerät zum Affirmativ einer Weltsicht, die es doch genauso gut aufbrechen und hinterfragen könnte. Diese Chance wird, Stand jetzt, vertan. Den von den Entwicklern und Machern versprochenen konzeptuellen Schuss Economist sucht man vergebens, geliefert wird ein Themen-Cocktail, der – geradezu penetrant – wie zuweilen die tägliche Bild riecht, die aber zur Kompensation durchaus mehr bietet als Frust und Ärger. Das ist ein Konzept, das publizistisch nicht überzeugt und offenbar zugleich am Lesermarkt keinen Halt findet, wie MEEDIA aufgrund von Grosso-Beobachtungen an anderer Stelle bereits beschrieben hat. Für die Vertriebsexperten im Hause Springer dürfte das aufgrund der bei Populisten erkennbar anbiedernden Ausrichtung des Magazins als größter Schlag ins Kontor empfunden werden.

Es zeigt aber auch, dass die Zielgruppe der Frustrierten, die Zeitschriften als Mainstream- oder Merkel-Medien ablehnen und schon lange nicht mehr kaufen, durch Printtitel nicht in großem Maße zu mobilisieren sind. Deren Medium scheinen eher Web-Plattformen und Social Networks zu sein. Print-Medien wie Cicero, Tichys Einblick und Junge Freiheit, denen von vielen attestiert wird, in dieser Zielgruppe gut zu funktionieren, verzeichnen allesamt Auflagen auf kleinem Niveau.

Cicero lag im vierten Quartal 2018 in den beiden wichtigen IVW-Kategorien Abos und Einzelverkauf bei 39.479 Exemplaren, das entsprach einem Minus von 0,9% gegenüber dem Vorjahr. Auch die Junge Freiheit verliert Käufer: 23.134 Abonnements und Einzelverkäufe verzeichnete die Wochenzeitung im vierten Quartal 2018 – ein Minus von 2,5%. Tichys Einblick liegt mit 47,7% zwar deutlich über dem Vorjahr, gehört mit 15.974 Abos und Einzelverkäufen aber weiterhin zu den kleinen Lichtern der Publikumszeitschriftenbranche.

Zum Vergleich die Performance der Springer-eigenen Medien: Die beiden Tageszeitungen Bild und Welt waren mit Verlusten von 9,8% und 11,7% die größten Absteiger des vierten Quartals bei den überregionalen Blättern. Bild setzte laut IVW 1.316.812 Exemplare via Abo und Einzelverkauf ab – 143.236, bzw. 9,8% weniger als ein Jahr zuvor. Die Welt stürzte inklusive Welt kompakt sogar um 11,3% ab, erreichte werktäglich nur noch 76.455 Abos und Einzelkäufer, ist hinter Bild, Süddeutscher Zeitung, F.A.Z. und Handelsblatt nur noch die Nummer 5 der überregionalen Tageszeitungen.

Doch auch mit Blick auf die Social-Media-Bilanz zeichnet sich kein Erfolg ab. In den sozialen Netzwerken spielte das digital bundesweit zum reduzierten Copypreis von 1,99 Euro als ePaper angebotene Bild Politik (Heftverkaufspreis 2,50 Euro) bislang keine Rolle. Die Marke kam seit der Ankündigung Mitte Dezember laut Social-Media-Analyse-Tool Talkwalker insgesamt nur in 2.700 Tweets vor. Die nach Likes und Retweets erfolgreichsten Tweets kamen dabei zudem vor allem von den Machern Nikolaus Blome und Selma Stern.

Mitarbeit: Jens Schröder

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