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Ein Jahr auf dem “Beifahrersitz” der ADAC-Bosse: Warum die WiWo behauptet, dass der Automobilclub gegen die Wand fährt

Die Wiwo-Autoren Volker ter Haseborg (l) und Simon Book geben Einblick in ihre ADAC-Recherche
Die Wiwo-Autoren Volker ter Haseborg (l) und Simon Book geben Einblick in ihre ADAC-Recherche ©Fotos: WirtschaftsWoche/ Montage: MEEDIA

Ein Jahr lang hat die Wirtschaftswoche für eine Titelgeschichte das Innere des ADAC beleuchtet, der mit 21 Millionen Mitgliedern Deutschlands größter Verein ist. Der Bericht zeichnet das Bild eines in sich zerstrittenen Automobil-Clubs, bei dem fünf Jahre nach dem großen Betrugsskandal zentrale Reformen gescheitert sind. Der ADAC nennt das "Protokoll einer Selbstzerstörung" eine "subjektive Momentaufnahme" der WiWo-Autoren. Gegenüber MEEDIA geben die Journalisten Einblick in ihre Recherchen.

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Böses gelbes Blut – das Protokoll einer Selbstzerstörung” ist der Titel des Beitrages, der dem größten europäischen Verkehrsclub ADAC ein Scheitern auf ganzer Linie attestiert. Von fehlenden Reformen ist die Rede, einer “desaströsen” Finanzlage und einer “katastrophalen” Stimmung innerhalb des Vereins. Regionalclubs gehen gerichtlich gegen die ADAC-Zentrale in München vor, weil sie Teile der für den ADAC fälligen Versicherungssteuer zahlen müssen. Und vom ehemaligen Geschäftsführer Möller (im Oktober 2018 entlassen) angestoßene Reformenvorhaben seien wegen des Widerstands des Präsidenten Markl schon im Keim erstickt worden. Ein Geschäftsmodell, so die Essenz des Textes, mit dem der Auto-Club künftig Geld verdienen könnte, fehlt.

Die WiWo-Autoren Volker ter Haseborg und Simon Book stützen ihre Recherche auf Beobachtungen und Gespräche innerhalb des Vereins. “Der ADAC”, erzählt ter Haseborg gegenüber MEEDIA, “hat uns viele Zugänge ins Unternehmen gegeben, viele Gespräche und Termine möglich gemacht, die sonst nie etwas geworden wären”. So konnte der Autor zum Beispiel an einer Visions-Sitzung mit Präsidium und Geschäftsführung teilnehmen, die in “einem sehr kleinen Kreis” stattfand und in dem Beitrag ausführlich beschrieben wird. Über 40 Gespräche haben die Reporter für den Beitrag im Umfeld des ADACs geführt.

“Subjektive Momentaufnahme”

Doch es gibt Kritik: Die Aufmachung, der Titel (“Protokoll einer Selbstzerstörung”) und der Ton des Textes lassen kaum einen anderen Schluss als den der Autoren zu. Einige Leser “empfinden unsere Berichterstattung als zu einseitig oder kritisch”, erzählen die Autoren und verteidigen sich: Die 8-seitige Titelgeschichte sei bewusst szenenstark erzählt. Der Leser könne sich also sein eigenes Bild von der Situation des ADACs machen.

Auch der ADAC spricht auf Nachfrage von einer “subjektiven Momentaufnahme von zwei Journalisten” – und malt ein ganz anderes Bild: “Die Transformation des ADAC ist in vollem Gange, dabei sind viele Hausaufgaben zu erledigen, die wir sehr gewissenhaft angehen. Das ehrenamtliche Präsidium steuert den ADAC in eine erfolgreiche Zukunft und macht dabei auch vor gravierenden Veränderungen nicht halt. Unter anderem ist die 3-Säulen-Struktur des ADAC das Resultat einer Beseitigung von Fehlern der Vergangenheit.”

Auf diese Kritik entgegnen die Autoren im Interview: “Wir haben versucht, verschiedene Meinungen innerhalb des ADAC zu verstehen und diese Erkenntnisse in unseren Artikel einfließen zu lassen. Dennoch sehen wir natürlich in unserem Job immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Durch die Darstellung verschiedener Blickwinkel können wir versuchen, das Bild so umfassend wie möglich zu zeichnen. Aber völlige Objektivität kann es als Reporter kaum geben.”

MEEDIA hat die Autoren der WiWo-Titelgeschichte zu Ihren Recherchen befragt.

In ihrer Geschichte “Böses gelbes Blut” blicken Sie hinter die Kulissen des ADAC, einen Verein, der ihren Beobachtungen zufolge mehr mit sich selbst beschäftigt ist, statt notwendige Umstrukturierungen anzustoßen. Ein Geschäftsmodell fehle bislang. Was war der Aufhänger für die Recherche?
Volker ter Haseborg: Vor etwa einem Jahr haben wir festgestellt, dass der ADAC sich intensiv Gedanken über seine Zukunft macht. Das ging weit über die Frage hinaus, wie der Verein sich nach dem großen Skandal um den Betrug beim „Gelben Engel“ juristisch neu aufstellen musste. Es ging um eine Vision für den ADAC von morgen, etwa um die Frage: Was passiert, wenn sich Autos in Zukunft selbst reparieren – braucht es den ADAC dann noch? Geschäftsführung und Präsidium wollten den ADAC zu einem modernen Unternehmen machen. Nur eben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, wie wir dann während des Jahres herausfanden. Die grundsätzliche Idee der Recherche aber blieb immer dieselbe: Zu schauen, wie wandlungsfähig eine Organisation mit 21 Millionen Mitgliedern ist – das wollten wir journalistisch begleiten und aufschreiben.

Wie verliefen die ersten Rechercheschritte?
Simon Book: Nachdem Herr ter Haseborg und ich uns entschieden hatten, über den ADAC zu recherchieren, haben wir zunächst einmal ein erstes Treffen mit der Geschäftsführung angefragt. Ich kannte Herrn Möller (mittlerweile Ex-Geschäftsführer des ADAC, Anm. der Red.) noch von früheren Auftritten und Treffen. So machte der ADAC schon im Frühsommer ein erstes Gespräch möglich. Hier haben wir Herrn Möller unsere Idee vorgestellt, den ADAC ein Jahr lang zu begleiten und dabei sehr „nah dran“ zu sein am Verein und seinem Wandel. Es folgten weitere Treffen mit dem Präsidenten, August Markl, auch mit Kommunikationschef Christian Garrels. Schließlich einigten wir uns, das Großprojekt anzugehen und erstellten gegenseitig Listen: wir eine Wunschliste, welche Zugänge wir gerne hätten. Der ADAC eine mit den Terminen, die möglich wären. Anschließend haben wir verhandelt.

“Eigentlich ein Sperrgebiet für Journalisten”
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Sie berichten in ihrem Beitrag zum Teil äußert detailliert aus Besprechungen und Streits zwischen den Herren Markl und Möller. Konnten Sie an den Sitzungen also auch persönlich teilnehmen?
Volker ter Haseborg: Ja. Wir waren sehr oft in München. Der ADAC hat uns viele Zugänge ins Unternehmen gegeben, viele Gespräche und Termine möglich gemacht, die sonst nie etwas geworden wären. So saßen wir etwa in der gemeinsamen Sitzung der Geschäftsführer aus Zentrale und Regionalclubs. Das ist so etwas wie die Vorstandssitzung bei einem Konzern – eigentlich Sperrgebiet für Journalisten. Zudem haben wir uns natürlich selbstständig ein Kontakt-Netzwerk in die Regionalclubs und Ortsvereine aufgebaut und so zusätzliche Gesprächspartner gefunden. Mein persönlicher Höhepunkt war aber die Teilnahme an einer Visions-Sitzung mit Präsidium und Geschäftsführung, in einem sehr kleinen Kreis. Der ADAC, so das Ziel, sollte in Zukunft nicht mehr als Pannenhelfer wahrgenommen werden, sondern als „Community of Communities“. In der Sitzung bekam ich das Gefühl, dass Präsident Markl Probleme mit dieser Idee hat, die vor allem von Geschäftsführer Möller vorangetrieben wurde. Wenige Wochen später hat Möller den ADAC dann verlassen.

Wie sind Sie anhand ihrer Beobachtungen schlussendlich zu diesen düsteren Einschätzungen in Ihrem Beitrag gekommen?
Simon Book
: Wir haben während der letzten Monate vor allem beobachtet und diese Beobachtungen aufgeschrieben. Darüber hinaus haben wir mit vielen Beteiligten aus Präsidium, Geschäftsführung und Regionalclubs gesprochen. So ergab sich das Bild des ADAC, das wir gezeichnet haben. Der Text ist bewusst erzählerisch und szenenstark gehalten, damit sich die Leser ihr eigenes Urteil bilden können. Das war unser Ziel.

Der ADAC spricht in Bezug auf den Beitrag von einer “subjektiven Momentaufnahme”. Was ist Ihre Meinung?
Volker ter Haseborg: Unser Artikel ist eine Reportage – und diese Stilform ist nun mal auch subjektiv, schließlich beschreibt der Reporter, was er sieht und erlebt. Wir haben versucht, verschiedene Meinungen innerhalb des ADAC zu verstehen und diese Erkenntnisse in unseren Artikel einfließen zu lassen. Dennoch sehen wir natürlich in unserem Job immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Durch die Darstellung verschiedener Blickwinkel können wir versuchen, das Bild so umfassend wie möglich zu zeichnen. Aber völlige Objektivität kann es als Reporter kaum geben.

Wie viele Gespräche haben Sie für die Recherche geführt und wie viele Dokumente haben sie ausgewertet?
Simon Book: Allein in meinem Kalender stehen über 25 Termine in Zusammenhang mit dem ADAC. Beim Kollegen ter Haseborg sieht es wahrscheinlich nicht anders aus. Auch wenn wir den ein oder anderen Termin gemeinsam absolviert haben, so waren es am Ende bestimmt 40 Gespräche und Treffen, die allermeisten davon persönlich, die wir in den vergangenen zwölf Monaten hatten. Dazu kommt natürlich noch die Recherche in dutzenden Dokumenten, Präsentationen und internen Unterlagen, die so ein Projekt mit sich bringt. Unser internes Notiz-Dokument, in dem wir über das Jahr alle Beobachtungen, Zitate und Szenen zusammengetragen haben, umfasst beinahe 60 Din A4 Seiten.

“Wichtig, dass auch in Zeiten von Sparprogrammen aufwändigen Recherchen unternommen werden”

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen?
Volker ter Haseborg: Wenn man ein Unternehmen über einen so langen Zeitraum begleitet, entsteht eine Masse an Material. Wir mussten aussieben – und uns vor allem ein Konzept überlegen, wie wir unseren Lesern unser Thema präsentieren können. Wir haben uns schließlich für einen Beitrag im Protokoll-Stil entschieden und unsere Geschichte entlang der Tage erzählt, die in der Zeit unserer Recherche entscheidend für den ADAC waren.
Simon Book: Bei der Recherche hatten wir oft zu tun mit der schieren Komplexität des Vereins. Es gibt ja nicht nur die Zentrale, es gibt auch noch 18 Regionalclubs, tausende Ortsgruppen und Vereine. Der ADAC ist mitunter unüberschaubar – und natürlich sehr, sehr divers in seinen Sichtweisen auf sich selbst. Wir haben einige Zeit gebraucht, um die verschiedenen „Strömungen“ im Club zu identifizieren und herauszufiltern, welche Gruppe im ADAC, etwa auf den Hauptversammlungen, den Ton angibt: die Motorsportler, auch wenn sie rein zahlenmäßig nur einen sehr kleinen Teil der Mitglieder ausmachen.

Wie war die Resonanz auf den Beitrag?
Simon Book: Der ADAC interessiert viele Menschen, jeder Vierte hierzulande ist Mitglied. Entsprechend war uns klar, dass das Thema funktionieren könnte – gerade auch im Internet. Dennoch ist die Leser-Resonanz, zumindest die, die mich erreicht, geteilt: manche schreiben in tiefer Sorge um „ihren ADAC“, der in der Krise steckt. Andere empfinden unsere Berichterstattung als zu einseitig oder kritisch. Wieder andere denken nach dem Motto: „Der Auto Lobby geschieht es gerade recht.“ Die Resonanz der Kollegen indes ist ziemlich einhellig. Viele sagen uns, wie wichtig und richtig sie es finden, dass auch in Zeiten von Sparprogrammen und Spesenkürzungen solche langfristigen, aufwändigen Recherchen unternommen werden.

Glauben Sie anhand ihrer Recherche, dass der ADAC nach dem Abgang Möllers die Strategie korrigieren kann?
Volker ter Haseborg: Ich würde keine Prognose wagen. Es gibt einfach zu viele Interessengruppen innerhalb des ADAC, so dass man heute kaum sagen kann, was nach den beiden Hauptversammlungen in diesem Jahr von den Reform-Ansätzen übrig bleibt.

Der Beitrag “Böses gelbes Blut – Protokoll einer Selbstzerstörung” kann hier gelesen werden (Paid). Die Fragen an die Autoren wurden schriftlich gestellt.

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