Anzeige

Kommando Schrumpfkurs: Hans-Peter Buschheuer über Miss-Management und die „Todesspirale“ der DuMont-Titel

Hans-Peter Busscheuer war Chefredakteur des Kölner Express sowie des Berliner Kurier

An der Nachricht, dass das Verlagshaus DuMont sich von all seinen Zeitungen und Druckereien trennen will, überrascht vielleicht nur der Zeitpunkt und die Art und Weise, wie diese Absicht bekannt geworden war. Ex-DuMont-Chefredakteur Hans-Peter Buschheuer nennt in seinem Gastbeitrag für MEEDIA vier Gründe für den Untergang des schwierigen Erbes des 2015 verstorbenen Verlegers Alfred Neven DuMont.

Anzeige

Von Hans-Peter Buschheuer

Schon nach dem Tod des Verlagspatriarchen Alfred Neven DuMont im Mai 2015 waren sich fast alle Insider einig, dass die Hinterbliebenen des Verlegers sich schnellstmöglich von dem kriselnden Erbe trennen würden. Dass es nun fast vier Jahre gedauert hat, hat viel mit der inneren Verfassung des Hauses DuMont zu tun. Denn seit Jahren schon versuchen Alfreds Erben die Zeitungen ganz oder teilweise abzustoßen. Zu lange aber glaubte man, im Besitz einer Goldmine zu sein, rechnete sich den Verlag schön, schätzte seien Wert auf eine Milliarde Euro. „Mondpreise“, wie man beim NRW-Rivalen Funke spottete, dem das Kölner Verlagsimperium zum Kauf angeboten worden war.

Und zu spät dämmerte den Verlagsmanagern, dass manche der Zeitungen (wie etwa in Berlin oder Hamburg) mit Bordmitteln nicht mehr zu retten seien. Mit der Strategie einer „digitalen Transformation““ ist man krachend gescheitert; die Webauftritte der DuMont-Titel gehören zu den grafisch wie inhaltlich schwächsten Angeboten der deutschen Zeitungslandschaft. Entsprechend miserabel sind die Nutzerzahlen der Online-Auftritte der Kölner.

Das Motto hieß „Perspektive Wachstum“, das Programm Stellenabbau

Unter dem stark nach Orwell klingenden Motto „Perspektive Wachstum“ begann Verlagsmanager Christoph Bauer vor fünf Jahren mit dem radikalen Umbau des Konzerns – einhergehend mit drastischem Stellenabbau in allen Bereichen des Verlags und der Redaktionen.

So setzte man eine verderbliche Todesspirale (Kostensenkung durch Entlassungen, sinkende Qualität, sinkende Auflage, Erhöhung des Copypreises, weiter fallende Auflage, Verringerung der Erlöse usw. usf.) in Bewegung – bis heute. MEEDIA hat sauber nachgerechnet, dass die DuMont-Titel im Vergleich zur übrigen kriselnden Branche überdurchschnittlich an Performance verloren haben. Die Qualitätsverschlechterung der Zeitungen war also eingepreist in die „Perspektive Wachstum“, die in Wirklichkeit ein Kommando Schrumpfkurs war und ist. „Runtergerockt“ und „klinisch tot“, wie Uwe Vorkötter, Ex-Chefredakteur des DuMont-Blattes Berliner Zeitung zutreffend kommentierte.

„Was hat Dich bloß so ruiniert“, sangen die „Sterne“ und fragten „Warst Du nicht fett und rosig?“. In der Tat blickt seit dem Bekanntwerden der Verkaufspläne eine staunende Öffentlichkeit kopfschüttelnd auf den Verlagsriesen vom Rhein. Besonders in DuMonts Heimatmarkt Köln kann man das Fiasko kaum fassen. DuMont gehört zur Rheinmetropole wie der Karneval, das Kölsch und der Klüngel. Verlagspatriarch Alfred Neven DuMont bestimmte jahrzehntelang nicht nur ganz nach Gutsherrenart die Geschicke seines Hauses, sondern auch die seiner Vaterstadt Köln. Gegen DuMonts Interessen zu regieren, war keine gute Idee in der Domstadt.

Doch der Niedergang des Imperiums hatte sich schon lange vor dem Tod des Padrons angedeutet. Vier Gründe:

Zu spät dämmerte dem Patriarchen, dass der Junior mit dem Verlags-Einmaleins überfordert war

Erstens: „Alfred ist das Problem“, sagte schon vor zehn Jahren ein Verlegerkollege zum Zustand des Hauses an der Amsterdamer Straße und meinte damit das ungelöste Problem der Erbfolge im Hause DuMont. Lieblingssohn Markus verstarb 1995 im Alter von nur 27 Jahren. Dessen jüngerer Bruder Konstantin wurde eilends in die Erbfolge beordert, ein Kommandounternehmen, das alle, die den jungen DuMont kennen, heute noch verwundert. Sein bisweilen bizarres öffentliches Auftreten („Herr Sonderbar“, betitelte die Süddeutsche Zeitung ein Porträt des Juniors), sein Unwille, das Verlags-Einmaleins zu erlernen und sein Unvermögen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, führten schließlich zum Zerwürfnis und Ausscheiden aus dem väterlichen Unternehmen. Bis aber Konstantins Überforderung auch dem Patriarchen klar wurde, gingen wertvolle und letztlich verlorene fünfzehn Jahre ins Land.

Zweitens: Der Hofstaat. Weil Alfred Neven DuMont („AND“) keinen Widerspruch duldete, verhielt sich seine Umgebung entsprechend. Es mangelte nicht an kritischen Managern und Chefredakteuren, die Kontra gaben. Deren Überleben bei DuMont währte aber meist nur kurz. So entstand ein modernes Hofschranzentum. Die Schmeichler und Ja-Sager waren es letztlich auch, die schlechte Nachrichten von AND fern hielten. Dass DuMont die digitale Zukunft verschlafen hat, liegt auch an diesem Management-Versagen.

Die Gesellschafter-Familien waren sich in herzlicher Abneigung verbunden

Drittens: Die Familien. MDS ist ein Fifty-fifty-Unternehmen zweier Kölner Familien, der DuMonts und der Schüttes. Beide „Familienstämme“ waren sich in herzlicher Abneigung verbunden, einig nur beim Geldverdienen. In der Zeitungskrise zeigte sich auch dieser Zwist als Grund für die Lähmung und Entscheidungsschwäche des Unternehmens. Weil der über 80-jährige Alfred Neven DuMont bis kurz vor seinem Ableben nicht geneigt war, die Führung des Hauses in jüngere Hände zu übergeben – aus Angst, die Schüttes könnten das Zepter übernehmen.

Viertens: Die Erben. Weder der gelernte Bankkaufmann Christian Schütte (der 2007 in der FAZ verkündete: „In zehn Jahren ist Google tot“) noch die Pferdejournalistin Isabella Neven DuMont sind in der Lage oder Willens, der Zeitungskrise die Stirn zu bieten. Aus Furcht, das Erbe könne gänzlich schwinden, vertrauten sie dem Verlagsmanager Christoph Bauer die Geschicke des Konzern an. Die drei verbindet das Desinteresse an der Publizistik und damit auch mangelndes Gefühl für den Zeitungsmarkt.

So wohnt dem Ende des DuMont-Imperiums auch die vage Hoffnung auf einen Neuanfang inne. „Was Besseres als den Tod findest du überall“, heißt es bei den Bremer Stadtmusikanten. Übersetzt auf das Schicksal der bedrohten Redaktionen: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Kopf hoch, Kameraden!

Hans-Peter Buschheuer (66) war bis 2015 Chefredakteur bei DuMont, zunächst des Kölner Express (2001 bis 2003), danach des Berliner Kurier. Heute arbeitet er als selbstständiger Medienberater für NGOs wie „Sea-Eye“, „Space-Eye“ und die Deutsche Umwelthilfe.

Anzeige