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Nach Kurzmitgliedschaft in Bremer AfD: Fernsehjournalist Hinrich Lührssen jetzt Spitzenkandidat der „Bürger in Wut“

Nach der Abstimmungsniederlage gegen den Bremer AfD-Landeschef Frank Magnitz (li.) hat sich Hinrich Lührssen neu orientiert: Bei den “Bürgern in Wut” darf er Spitzenkandidat sein
Nach der Abstimmungsniederlage gegen den Bremer AfD-Landeschef Frank Magnitz (li.) hat sich Hinrich Lührssen neu orientiert: Bei den "Bürgern in Wut" darf er Spitzenkandidat sein

So kurz die politische Karriere des Fernsehautors Hinrich Lührssen bislang ist, so schillernd verläuft sie. Im Sommer 2018 war der Journalist (u.a. "stern TV") in die Bremer AfD eingetreten, kehrte der Rechts-Partei nach einer Wahlschlappe um den Spitzenplatz für die nächste Bürgerschaftswahlen aber den Rücken und trat im Krach aus. Nun hat er erneut Anschluss gefunden: bei den "Bürgern in Wut".

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Von Eckhard Stengel

Hauptsache Spitzenkandidat: Der freie Fernsehjournalist und Buchautor Hinrich Lührssen ist nach seinem AfD-Austritt kurzerhand zur Wählervereinigung „Bürger in Wut“ (BIW) gewechselt und dort sogleich auf Platz 1 ihrer Bremer Liste für die kommenden Regionalwahlen gehievt worden. Bei der AfD war Lührssen zuvor mit seiner Kandidatur für den Spitzenplatz gescheitert.

Der 60-jährige Fernsehreporter, bekannt für humoristische Beiträge in „stern TV“ und im Radio-Bremen-Regionalfernsehen und bis 2012 auch als Buchautor für den Rowohlt-Verlag tätig, ist immer wieder für eine Überraschung gut. Zunächst wurde er Mitglied der AfD – obwohl er vorher nie durch politische Äußerungen aufgefallen war. Nach seinem Eintritt im Sommer 2018 machte er schnell Karriere: Er wurde in den Bremer AfD-Landesvorstand berufen und hoffte sogar auf die Spitzenkandidatur für die nächste Bürgerschaftswahl am 26. Mai. Doch der Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz machte dem Neuling einen Strich durch die Rechnung: Entgegen früheren Ankündigungen bewarb sich Magnitz plötzlich selbst um den Spitzenplatz und gewann die Kampfabstimmung mit 32 zu 19 Stimmen.

Der überrumpelte Lührssen verließ prompt die Partei und warf ihr vor, dass im Bremer Landesverband „Anti-Demokraten“ das Sagen hätten, „die sich mit üblen Tricks an der Macht halten“. Als Beleg führte er unter anderem eine große Zahl von Parteiausschlussverfahren der Landesparteispitze gegen interne Kritiker an. Dass auch er selber nach wenigen Monaten bei Magnitz in Ungnade gefallen war, liegt nach Lührssens Ansicht daran, dass er sich mit den Kritikern getroffen habe. „Wir haben zusammen einen Weihnachtsmarkt-Bummel gemacht“. Das habe dem Vorsitzenden gereicht, um ihn „abzusägen“, so Lührssen in einem Interview mit Radio Bremen.

Nach seiner Scheidung von der AfD ließ sich der Reporter sofort von einer anderen Gruppierung anlocken: den „Bürgern in Wut“. Sie selbst nennen sich „bürgerlich-konservativ“, doch wirken sie eher rechtspopulistisch – auch wenn sie nicht so weit rechts stehen wie die AfD und gesitteter auftreten. Auf Initiative der BIW wurde Lührssen nicht nur neues Mitglied, sondern innerhalb weniger Tage auch als Spitzenkandidat für den Wahlbereich Bremen aufgestellt, also in derselben Position, die er eigentlich bei der AfD übernehmen wollte. Eine öffentliche BIW-Mitgliederversammlung wählte ihn am vergangenen Wochenende mit 24 zu fünf Stimmen ohne Enthaltungen (82,8 Prozent) auf den ersten Listenplatz.

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Dass die „Bürger in Wut“ für ihn nur zweite Wahl seien, bestreitet Lührssen im Gespräch mit MEEDIA. Er habe sich zunächst für die AfD entschieden, weil es sich bei ihr um eine bundesweite Partei handele – anders als die kleine Wählervereinigung BIW, die bisher fast nur in Bremen und der Schwesterstadt Bremerhaven aktiv ist. Das jedoch werde sich jetzt ändern. „Ich persönlich habe keine bundespolitischen Ambitionen“, sagt Lührssen, aber er finde es wichtig, Erfahrungen aus anderen Bundesländern nutzen zu können. Bei den BIW fühle er sich jetzt auch menschlich „gut aufgehoben“, ganz anders als bei der AfD.

Die Wutbürger haben zwar keinen Björn-Höcke-Flügel wie die AfD, aber auch bei ihnen dreht sich vieles um Kriminalität, um Ausländer und um das Abwerten der „verbrauchten Altparteien“. Daneben fordern die BIW aber auch eine Rückkehr zum dreigliedrigen Schulsystem mit Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. „Das halte ich auf jeden Fall für sinnvoll“, sagt Lührssen zu dieser Rolle rückwärts. Auch die geforderte einheitliche Schulkleidung findet er gut. Keine klare Meinung hat er zu einem Kopftuchverbot an Schulen, das im Wahlprogramm von 2015 stand. Ob diese Forderung auch im aktuellen, noch nicht veröffentlichten Programm steht, weiß Spitzenkandidat Lührssen nicht. Und seine Unterlagen hat er beim Telefonat mit MEEDIA gerade nicht zur Hand.

Bei der letzten Bürgerschaftswahl hatten insgesamt nur 3,2 Prozent der teilnehmenden Bremer und Bremerhavener für die BIW gestimmt. In der Stadt Bremerhaven allein waren es aber fast 6,5 Prozent; und da es in dem Zwei-Städte-Staat reicht, in nur einer der beiden Kommunen die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, konnten die BIW damals mit einem Abgeordneten aus Bremerhaven in das Landesparlament einziehen. Zwei Jahre später bekamen sie Zuwachs durch zwei ehemalige AfD-Abgeordnete.

Bei der nächsten Wahl Ende Mai hoffen die „Bürger in Wut“ auf sieben Prozent, also mehr als das Doppelte des Ergebnisses von 2015. Sollten sie das tatsächlich schaffen, hätten sie den Status einer Fraktion erreicht, für den mindestens fünf Abgeordnete nötig sind – ein Status, der mehr parlamentarische Rechte und mehr Zuschüsse einbringt als bei einer kleineren Abgeordnetengruppe. Fraktionsvorsitzender will Lührssen aber angeblich nicht werden: „Da habe ich keine Ambitionen.“

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