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Financial Times vs. Wirecard: Antworten auf die wichtigsten Fragen im Medien-Wirtschaftskrimi

“FT”-Redakteur Dan McCrum berichtete über den vermeintlichen Wirecard-Skandal
"FT"-Redakteur Dan McCrum berichtete über den vermeintlichen Wirecard-Skandal

Der Gegenwind für die Financial Times nach Exklusiv-Berichten zu möglichen Bilanzierungsverstößen beim Finanzdienstleister Wirecard nimmt zu: Die Staatsanwaltschaft München hat Ermittlungen gegen einen FT-Reporter eingeleitet. Währenddessen rückt die Bafin das Wirtschaftsblatt in die Nähe von Marktmanipulation. Die FT selbst weist dies vehement von sich. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum komplexen Fall.

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Warum wird gegen die Financial Times ermittelt?

Die Staatsanwaltschaft München I hat auf Basis “einer konkreten Strafanzeige eines Anlegers” ein Ermittlungsverfahren gegen einen Journalisten der Financial Times (FT) eingeleitet. Das bestätigt man auf Anfrage gegenüber MEEDIA (FAZ hatte zuerst berichtet). Aufgrund dieser Strafanzeige habe man ein Ermittlungsverfahren eingetragen. Ferner heißt es: “Uns liegt des weiteren eine Aussage eines Aktienkaufinteressenten vor, der bestätigt, er habe Informationen über einen bevorstehenden Bericht der Financial Times über Wirecard gehabt.” Ermittelt wird “wegen Vergehens nach dem Wertpapierhandelsgesetz”.

Tatsächlich war die Aktie des Unternehmens nach Veröffentlichung der Recherchen zu Bilanzierungsverstößen sowie Geldwäsche in einer Wirecard-Niederlassung in Singapur eingebrochen, nachdem zuvor etliche Leerverkäufer ihre Positionen gegen den Münchner Zahlungsdienstleister aufgestockt hatten. Bei Leerverkäufen machen Spekulanten Gewinne bei fallenden Kursen. Die Weitergabe einer solchen Information wäre ein Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz.

Wie ist die rechtliche Situation?

Die Staatsanwaltschaft und Bafin nennen den Namen des Journalisten, gegen den ermittelt wird, nicht, allerdings stammen die Wirecard-Recherchen der Financial Times allesamt von Dan McCrum.  Ob die Vorwürfe zutreffend sind, wird nun im Rahmen einer Vorermittlung der Staatsanwaltschaft geklärt. Fest steht, dass für Finanzjournalisten entsprechende Regelungen nach dem Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) gelten.

Insidergeschäfte sind nach Paragraph 14 (WpHG) verboten und stellen eine Ordnungswidrigkeit bzw. eine Straftat dar. Das gilt auch für die sogenannte “Übermittlung von Insiderinformationen ohne Presseveröffentlichung”. Darin heißt es: “Journalistinnen und Journalisten dürfen Insiderinformationen grundsätzlich nicht einem anderen mitteilen oder zugänglich machen. Gemeint ist damit jedoch nicht die journalistische Veröffentlichung der Insiderinformation, die gerade zu den Aufgaben des Journalisten gehört und zulässig ist.”

Heißt: Belastende Informationen dürfen im Rahmen der journalistischen Tätigkeit veröffentlicht werden, jedoch nicht vor der Veröffentlichung oder ohne Veröffentlichung in einem Medium anderen mitgeteilt werden. Auch der Pressekodex sieht vor, dass Journalistinnen und Journalisten besondere ethische Standards beachten sollen, wenn sie über das Geschehen an den Finanzmärkten berichten und dabei über Insiderinformationen verfügen. Die Richtlinie 7.4 etwa regelt, dass Journalisten Informationen vor ihrer Veröffentlichung ausschließlich für publizistische Zwecke nutzen dürfen, nicht aber zum eigenen persönlichen Vorteil oder zum persönlichen Vorteil anderer. Wohlgemerkt hat der Pressekodex keine strafrechtliche Wirkung, sondern ist nur ein Regelwerk der freiwilligen Presseselbstkontrolle. Zudem gilt er nur für deutsche Medien. Die FT hat ihren Hauptsitz in London.

Wie reagiert die Financial Times?

Die Wirtschaftszeitung zeigt sich standhaft und veröffentlichte am Montag ein Statement zu den Vorwürfen. Darin heißt es im Wortlaut:

Jede Anschuldigung gegen die FT oder einen ihrer Reporter oder Mitarbeiter wegen Marktmanipulation oder unethischer Berichterstattung in Bezug auf Wirecard ist unbegründet und falsch. Es ist eine Nebelwand, die die schwerwiegenden Anschuldigungen verdeckt, die von der FT aufgedeckt wurden.

Unsere Reporter recherchieren zu diesem Unternehmen seit vier Jahren und veröffentlichten im vergangenen Monat Artikel, die auf glaubwürdigen Beweisen für betrügerische Buchhaltung basieren, die in internen Dokumenten, die von der FT gesehen wurden, detailliert beschrieben werden. Auch die Stellungnahme von Wirecard wurde vermeldet. Diese Artikel weisen ein erhebliches öffentliches Interesse auf und sind frei zugänglich auf FT.com.

Wir wurden von der deutschen Finanzaufsicht oder der Staatsanwaltschaft München nicht kontaktiert. Jede Untersuchung scheint daher im frühestmöglichen Stadium zu liegen, da die Ermittler noch nicht mit denjenigen gesprochen haben, von denen sie sagen, dass sie untersuchen.

Damit dementiert die Wirtschaftszeitung zwar nicht ein Ermittlungsverfahren, bestreitet aber jegliche Kontaktaufnahme seitens der Bafin oder der Staatsanwaltschaft.

Wie verhält sich Wirecard?

Wirecard weist die in den Recherchen erhobenen Anschuldigungen weiterhin als Diffamierung zurück. “Nichts an dem heute erschienenen Bericht ist wahr”, hieß es zuletzt in einer Pressemitteilung der Münchner. Zudem erklärte das Unternehmen bereits, das Wirtschaftsblatt verklagen zu wollen. “Wir werden gegen die ,Financial Times’ rechtlich vorgehen”, erklärt eine Sprecherin gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Angeblich wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Mitarbeitern, die in den Berichten namentlich genannt wurden.

Die Münchner verwiesen in ihren Dementi immer wieder darauf, dass interne Untersuchungen die besagten Mitarbeiter entlastet hätten. Weitere Details oder gar den internen Bericht hat der Zahlungsdienstleister jedoch nicht vorgelegt. Kurzum: Die Klärung steht weiterhin aus. Die Vorwürfe stehen nach wie vor im Raum. Allerdings verweist man darauf, dass auch die Staatsanwaltschaft München keinen Ermittlungsbedarf gegen Wirecard sehe.

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Was war bislang passiert?

Insgesamt hatte Wirecard nach der Veröffentlichung der FT-Berichte zuletzt bis zu 40 Prozent seiner Marktkapitalisierung eingebüßt. Von 170 Euro in der Spitze war der Kurs der Aktie auf zuletzt unter 100 Euro gefallen. Die Glaubwürdigkeit des gehypten Payment-Dienstleisters ist angeschlagen. Die Ermittler der Münchner Staatsanwaltschaft sahen zwar keine Hinweise auf kriminelle Kursmanipulation durch die Konzernspitze, doch nur wenig später geriet die Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse erneut unter massiven Beschuss von Spekulanten. Insgesamt hatte die FT drei Berichte mit dem Vorwurf krimineller Kontomanipulationen und Dokumentfälschungen gegen einen Wirecard-Mitarbeiter in Singapur veröffentlicht.

Konkret behauptet die FT, dass Wirecard Scheinumsätze mit verschobenen Geldern vorgenommen habe. Der Zahlungsdienstleister bestreitet das. Zudem hat Wirecard bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen möglicher Kursmanipulation gestellt. Die Behörde arbeite eng mit der Finanzaufsicht Bafin zusammen, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst zuletzt. Derart große Kursschwankungen wie in den vergangenen zwei Wochen sind bei Dax-Unternehmen sehr ungewöhnlich. Parallel hatte auch die Finanzaufsicht BaFin geprüft, ob es sich um eine gezielte Attacke von Spekulanten handelte. Beide Behörden waren und sind im Austausch.

Der FT-Journalist McDrum und Wirecard haben eine Vorgeschichte. Für das FT-Blog “Alphaville” griff der Journalist im Jahr 2016 eine negative Studie von Zatarra Research, einer bis dato völlig unbekannten Research-Firma, auf. Die Wirecard-Aktie verlor in Folge rund ein Viertel ihres Wertes. Wie sich herausstellte, war man einer Fälschung aufgesessen. Die Staatsanwaltschaft München stellte fest, dass es sich bei der vermeintlichen Studie um einen Fall gezielter Marktmanipulation handelte, mit dem Ziel, der Wirecard-Aktie zu schaden. Bereits zuvor hatte sich die FT in der Reihe “House of Wirecard” kritisch mit den Bilanzen des Unternehmens auseinandergesetzt.

Welche Rolle spielt die BaFin?

Am Montagmorgen hatte die Finanzaufsicht BaFin neue Spekulationen auf fallende Aktienkurse bei Wirecard einstweilen untersagt. Mit sofortiger Wirkung ist es verboten, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Wirecard-Aktien “zu begründen oder bestehende Netto-Leerverkaufspositionen zu erhöhen”, teilte die Behörde mit. Leerverkäufer sind Spekulanten, die mit fallenden Kursen Geld verdienen.

Insbesondere ab dem 1. Februar sei laut der BaFin ein Anstieg von Leerverkäufen zu beobachten gewesen, die sich auch in den vergangenen Tagen weiterhin deutlich erhöht hätten. Am 30. Januar war der erste kritische Bericht in der FT erschienen. Das Verbot gilt bis zum 18. April.

Warum ist der Vorfall so bedenklich?

Bemerkenswert ist, dass ein Unternehmen nach Veröffentlichung kritischer Berichte nicht nur mit einem Dementi reagiert, sondern eine Einzelperson – den Journalisten – strafrechtlich belangen will. Dass der Streit zwischen FT und Wirecard durchaus persönlich ist, hatte sich schon angedeutet. So erklärten die Münchner in einem Dementi vor einer Woche:

Wir widersprechen der Berichterstattung von Dan McCrum ausdrücklich.

Nun wird anscheinend gegen McCrum persönlich ermittelt. Damit nicht genug: Auch die deutsche Finanzaufsicht rückt die FT-Artikel in die Nähe der Marktmanipulation, ohne konkret zu werden. In der Erklärung zum Leerverkaufs-Verbot für Wirecard-Aktie heißt es unter anderem: “Die Short Attacken wurden begleitet und begünstigt von negativen Berichterstattungen in den Medien.“ Auf Nachfrage von Finanz-Szene.de wollte man sich aber nicht dazu äußern, welche Medien damit gemeint sind.

Der Vorstoß der BaFin schlägt durchaus Wellen unter Wirtschaftsjournalisten. So twitterte Capital-Redakteur Christian Kirchner:

Mit derselben Stoßrichtung fragt Heinz-Roger Dohms auf Finanz-Szene: “Weiß die BaFin etwas, was das Publikum nicht weiß – oder schießt sie krass übers Ziel hinaus?” Fest steht: Die ohnehin komplexe “Causa Wirecard” ist um eine Dimension reicher.

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