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Robo-Journalismus: Konkurrenz für Redakteure oder praktische Helferlein?

Robos und Redakteure Hand in Hand?
Robos und Redakteure Hand in Hand?

Das, was Mittmedia gelungen ist, erinnert schon ein bisschen an Magie. Hatten die Alchemisten einst versucht, Gold aus dem Nichts zu erschaffen, gewinnt das schwedische Medienhaus seit Jahren zahlende Abonnenten mit Artikeln, die ein Roboter schreibt. Sollten Redakteure jetzt in Panik verfallen?

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Tatsächlich haben die Schweden nicht den Robo-Journalismus erfunden, wohl aber einen gelungenen Use Case für maschinell erstellte Artikel entwickelt. MittMedia startete für seine Lokalzeitungen Ende 2017 den sogenannten “Homeowners Bot”. Er hat nur einen Zweck: lokale Informationen zum Immobilienmarkt zu sammeln und in Artikel zu verwandeln. “In den Artikeln erfährt man, wer verkauft und gekauft hat – und natürlich zu welchem Preis”, erklärt Li LÉstrade, Head of Content Development beim größten schwedischen Medienhaus. Leser bekommen, je nach geografischem Interesse, eine Push-Benachrichtigung über einen Kauf oder Verkauf in der Nachbarschaft. Ein sofortiger Erfolg: “Es ist die meistgelesene Artikel-Gattung unserer Premium-Nutzer.”

Wie DigiDay berichtet, hat der “Homeowners Bot” seit dem Launch im September 2017 enorme 34.000 Artikel produziert – 480 pro Woche –, die maßgeblich zur Erschließung neuer Abonnenten beigetragen haben. Nach Angaben von DigiDay hat MittMedia durch Roboterjournalismus 1000 neue zahlungswillige Abonnenten gewonnen, die sich den Immobilienvoyeurismus zehn Euro im Monat kosten lassen.

Leser halten Robo-Artikel für besonders glaubwürdig

Den Lesern dürfte dabei kaum aufgefallen sein, dass die Artikel kein Mensch, sondern ein Algorithmus geschrieben hat. Zumindest kommt eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München zu dieser Erkenntnis. Rund 1000 Probanden hatten die Forscher 2018 zur Qualität von Robo-Artikeln befragt. Die Studienteilnehmer sollten bewerten, inwiefern unterschiedliche Texte, die entweder mit oder ohne “Robos” erstellt wurden, überzeugten. Tatsächlich schnitten die von Bots verfassten Texte sehr gut ab. Die Befragten empfinden diese als sehr glaubwürdig.

Denn im Unterschied zu von Menschen verfassten Artikeln punkteten die Robotertexte mit einer sehr dichten Faktenlage. Die Darstellung von Zahlen und Fakten erhöhe die Reliabilität einer verschriftlichten Ausarbeitung und professionalisiere diese innovative Form der Berichterstattung, so die Forscher. Parallel seien menschliche Texte verständlicher bzw. einfacher zu lesen gewesen. Eine Studie der Oxford University kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Hier bevorzugten die Probanden sogar die maschinell erstellten Artikel. Tatsächlich werden bereits täglich tausende Artikel nicht nur ohne menschliches Zutun und Kontrolle produziert, sondern sogar veröffentlicht.

Nachrichtenagenturen setzen verstärkt auf Robos

Besonders intensiv genutzt werden Robo-Journalisten bereits von der Nachrichtenagentur Associated Press. Etwa, um Kursentwicklungen von Unternehmen zu vermelden oder Quartalsbilanzen zusammenzufassen. Dazu haben Redakteure vorab entsprechende Textbausteine vorformuliert. Ein Algorithmus muss diese Bausteine nur noch plausibel kombinieren und um die entsprechenden Zahlen ergänzen. Alle drei Monate werden so mithilfe der Programmierung bis zu 4.000 Berichte verfasst.

Die nimmermüden Text-Maschinen schreiben aber auch nicht nur über Quartalsbilanzen, sondern zu allem, was sich exakt messen und strukturieren lässt: Etwa Sport und Wetterberichte. Das Berliner Startup Retresco macht’s vor: Innerhalb weniger Sekunden produzieren Algorithmen die Spielberichte zu allen 30.000 Begegnungen in allen Fußball-Ligen. Hinzu kommen Produktbeschreibungen, Immobilienanzeigen und auch Wettervorhersagen. Weil der Datenschatz mit jedem Bericht wächst, sind die Bots mittlerweile sogar in der Lage, aktuelle Entwicklungen historisch einzuordnen.

In Großbritannien geht die Press Association noch einen Schritt weiter. Zusammen mit dem Data-Startup Urbs Media erzeugen Bots spezifischen Content für lokale Zielgruppen. Im Rahmen des Projekts “Radar” entstehen so bis zu 30.000 Artikel pro Monat. Zunächst werden dafür Datensätze von ausgewählten Regionen zusammengestellt und anschließend in Artikeln formuliert. Eine solche Story schafft es dann auch mal auf die Titelseiten der kooperierenden Zeitungen, wie etwa der Norwich Evening News. Google unterstützt das Projekt im Rahmen seiner Digital News Initiative mit 700.000 Euro.

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Die fleißigen Fließbandarbeiter

AP strebt an, künftig sogar bis zu 80 Prozent der Artikel im Sortiment von Robos produzieren zu lassen. So sollen Freiräume für die menschlichen Mitarbeiter entstehen, die dank der technischen Unterstützung deutlich mehr Zeit in etwa investigativen Journalismus investieren können.

Anders setzt die niederländische Nachrichtenagentur ANP ihre Bots ein. Hier redigieren die sogenannten “Natural Language Generationssysteme” die Texte menschlicher Kollegen, um sie sachkundiger oder gar verständlicher zu machen.

Dass auch Medienhäuser und vor allem Regionalmedien ebenfalls vom Einsatz der “Robos” profitieren können, stellt die Stuttgarter Zeitung unter Beweis. Zusammen mit den Stuttgarter Nachrichten veröffentlicht die Redaktion täglich den “Feinstaubradar”: Leser können online die Feinstaubbelastung in bestimmten Wohngebieten einsehen. Dafür greift der Dienst auf Wetterdaten und Daten Hunderter Feinstaubsensoren, die Privatleute aufgehängt haben, zu. User-Generated-Content meets Robo sozusagen. Ein Algorithmus baut aus den Informationen Texte, morgens eine Prognose und abends einen Bericht über die tatsächliche Luftverschmutzung.

Branche sieht Entwicklung noch skeptisch

Vertreter der Medienbranche sehen die Entwicklung derweil mit Skepsis: Einer repräsentativen Umfrage von Statista zufolge zweifeln 49 Prozent der Befragten am Einsatz von Roboter-Journalismus im “automatisierten Nachrichtenwesen”. 28 Prozent standen dem Thema komplett negativ gegenüber. Nur drei Prozent äußerten sich rein positiv.

Dennoch wirkt die allgemeine Angst vor dem Jobverlust durch die Robo-Kollegen mit Blick auf aktuelle Use-Cases unbegründet. Die Algorithmen leisten Fleißarbeit in klar abgegrenzten Aufgabenbereichen. Anders formuliert: Sie schreiben, was wohl bislang kein Redakteur je gerne geschrieben hat und für die angesichts grassierender Sparmaßnahmen in deutschen Medienhäusern künftig auch schlichtweg Ressourcen fehlen: Zusammenfassungen mit geringer Haltbarkeit nach einem immergleichen Muster auf Basis von Zahlen und Fakten, die kaum redaktioneller Einordnung bedürfen. So sind Robos keine Konkurrenz zu Redakteuren, die kreativer und assoziativer arbeiten können als ihre softwarebasierten Kollegen, sondern vielmehr praktische Helferlein.

Noch, möchte man hinzufügen.

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