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Spiegel droht im Kulturkampf erneute Zäsur: Mit diesen Themen treten die Kandidaten zur Mitarbeiter KG-Wahl an

Die Fusion der Redaktionen von Spiegel und Spiegel Online sind beschlossene Sache – der Kulturkampf aber noch nicht vorbei
Die Fusion der Redaktionen von Spiegel und Spiegel Online sind beschlossene Sache – der Kulturkampf aber noch nicht vorbei Foto: imago/ Steinach

Die Mitglieder KG des Spiegel steht vor der Wahl einer neuen Geschäftsführung, die in den kommenden drei Jahren die Interessen der Belegschaft im Gesellschafterkreis vertritt. Seitens der Redakteure ist eine Neubesetzung der Posten sicher – MEEDIA veröffentlicht und analysiert die Bewerberschreiben der Kandidaten und skizziert, womit sie mitten im Transformationsprozess Akzente setzen wollen.

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Der Wahlkampf im Hause Spiegel ist in der heißen Phase. Die Mitglieder der Mitarbeiter KG sind dazu aufgerufen, eine neue Geschäftsführung zu wählen. Das Gremium, das sich aus Print-Redakteuren, Dokumentaren und Verlagsmitarbeitern zusammensetzt, vertritt die stillen Gesellschafter des Spiegel Verlags, die mit 50,5 Prozent die Mehrheitseigentümer stellen.

Das Erbschaftskonstrukt, das sich Spiegel-Gründer Rudolf Augstein ausgedacht hat, mag in der Medienlandschaft einmalig sein, es ist aber auch einmalig kompliziert. Die Geschäftsführung der KG ist Chefredakteuren und Verlagsleitern übergeordnet, Angestellte werden somit zu Chefs ihrer Chefs.

Dieses Konstrukt stellt das Haus vor besondere Herausforderungen, vor allem wenn es um mit der Digitalisierung einhergehende Reformen geht. So haben die in einer Tochtergesellschaft ausgegliederten Spiegel-Online-Kollegen kein Recht auf einen Platz in der KG. Zu lange sperrte sich das Gremium – auch aus eigenen Interessen – einem Paradigmenwechsel – was sich nun ändern soll.

Seit Januar stehen Spiegel und Spiegel Online offiziell unter einer gemeinsamen Chefredaktion. Mit Verspätung soll – nach aktuellem Stand – im Mai ein Gemeinschaftsbetrieb starten, Online-Kollegen sollen sukzessive endlich auch in die KG aufrücken. Der Fusionsbeschluss ist ein Erfolg in der Bilanz der aktuellen KG-Geschäftsführung unter Susanne Amann. Obwohl die bisherige Wirtschaftschefin des Spiegel – im Gegensatz zu ihrem aus Altersgründen ausscheidenden Redaktionskollegen Martin Doerry – noch einmal zu Wahl antreten könnte, entschied sie sich dagegen. Ihre jüngste Beförderung in Führungsebene stieß intern auf Kritik. Der Vorwurf: Sie habe ihre Position im eigenen Interesse ausgenutzt.

Nun wird die Mitarbeiter KG definitiv eine neue Führung bekommen. Seit einigen Tagen werben die Anwärter auf einen der begehrten Posten in der Geschäftsführung um Stimmen.

Sorge um die redaktionelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit, Kritik an Fusionsplänen, Frauenquote, Satzungsreform: Das sind die Bewerbungsschreiben der fünf KG-Kandidaten aus der Spiegel-Redaktion (als pdf-Datei )

MEEDIA liegen die Schreiben vor, mit denen sich die fünf Kandidaten für einen der beiden für die Redaktion vorgesehenen KG-Plätze (weiter setzt sich die KG-Geschäftsführung aus zwei Vermarktungs- und einen Dokumentationsvertreter zusammen) bewerben und damit die Zukunft des Spiegel in den kommenden Jahren mitbestimmen können.

„Keine Eigeninteressen verfolgen“: Kritik an bisheriger Geschäftsführung

Drei der fünf aufgestellten Kandidaten nehmen in ihren Bewerbungsschreiben auf die Diskussionen rund um den Interessenkonflikt Amanns Bezug: „Geschäftsführer der Mitarbeiter KG zu sein, das ist ein forderndes Amt. Und es verschafft Macht auf Zeit. Es muss klar sein, dass ein Amtsinhaber keine persönlichen Interessen verfolgt“, schreibt Alexander Neubacher, leitender Redakteur bei Spiegel+, beispielsweise in seinem Bewerbungsbrief. Auch Olaf Stampf, Ressortleiter Wissenschaft und Technik, schreibt, dass es in der KG-Geschäftsführung „keine Grauzonen“ mehr geben dürfe. „Wer in seiner Zeit als Kommanditist in die Leitungsebene des Hauses aufsteigt, muss aus der KG-Geschäftsführung aussteigen. Ich gebe an dieser Stelle eine entsprechende Selbstverpflichtung ab und fordere meine Mitbewerber auf, dies ebenfalls zu tun.“ Gegen Karriere auf KG-Ticket sprechen sich auch Stampf und Michael Fröhlingsdorf aus, der mit einem eigenen Konflikt in die Wahl gestartet ist. Fröhlingsdorf ist seit vier Jahren Vorsitzender des Betriebsrates, eine Doppelfunktion nicht möglich. “Ich sorge mich um die Zukunft unseres Spiegel”, schreibt er. Der Journalist will seinen Betriebsratsposten (erst) mit Wahl in die KG-Führung aufgeben. 

Als Kritik an der bisherigen KG-Arbeit zu interpretieren sind auch Einlassungen zum Mitspracherecht der stillen Gesellschafter. Zwei der Kandidaten betonen, sich vor wichtigen Entscheidungen „selbstverständlich“ (Fröhlingsdorf) mit den Wählern auszutauschen, was zu einer „gesunden Amtsführung“ (Neubacher) gehöre. In den vergangenen Monaten hatte es mehrfach Diskussionen über den Prozess der Redaktionsfusion gegeben. KG-Mitglieder hatten ihre Geschäftsführung so verstanden, über Modalitäten per Abstimmung entscheiden zu dürfen. Das Gremium aber hatte – ganz im Gegenteil – ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem ein Votum als nicht verpflichtend erachtet wurde.

“Baustelle” Mitarbeiter-KG: Weshalb sich bislang keine Geschäftsführung an eine Satzungsreform getraut hat

Nicht nur diese Einlassungen verdeutlichen einen der Schwerpunkte im KG-Wahlkampf: Eine Reform des eigenen Gremiums. Den Bedarf formuliert Betriebsrat Fröhlingsdorf. Die KG sei eine „Baustelle“. Und weiter: „Die Satzung ist nicht mehr zeitgemäß und teilweise sogar nicht mehr gesetzeskonform. Ein Beispiel dafür nennt er in seinem Schreiben zwar nicht, allerdings plädiert er für „neue Mechanismen“, wenn nach Zusammenlegung der Redaktionen der Anteil der Journalisten auf über zwei Drittel steige – bislang sind Redaktion wie Verlag gleichermaßen im Gremium vertreten.

Eine Reform der Satzung ist keine neue Forderung. Auch die scheidende Geschäftsführung hatte damit geworben, sie angehen und an die Ansprüche des 21. Jahrhunderts samt Digitalisierung anpassen zu wollen. Der Prozess gilt jedoch als extrem aufwendig. Je nach Gewichtung, so heißt es, wird für die Änderung eine Mehrheit zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln der stillen Gesellschafter benötigt, dazu zählen Korrespondenten wie auch Kollegen in Vorruhestand. Auch wenn eine Reform allgemein weitgehend für Konsens gehalten wird, wurde der organisatorische Aufwand bislang gescheut – vom juristischen Aufwand einer inhaltlichen Überarbeitung mal abgesehen.

In seiner möglichen Doppelrolle sieht Fröhlingsdorf im Übrigen keinen Interessenkonflikt, heißt es aus Spiegel-Kreisen.  Auch in Konzernen finden sich Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat wieder. Die Meinung dürfte zumindest so lange gelten, wie die KG als reines Kontrollgremium verstanden wird. Bei einer neuen Satzung, so heißt es weiter, müsse aber auch über das Rollenverständnis der KG-Geschäftsführer gesprochen werden. In den vergangenen drei Jahren wurden die Aufgaben deutlich strategischer interpretiert als zuvor, das Gremium hat sich aktiv eingebracht, Druck auf Chefredaktion wie auch Geschäftsführung erhöht

Redaktionsfusion: Es geht nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“
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Die Wahl einer neuen Geschäftsführung ist längst keine mehr über das „Ob“ des digitalen Wandels und Redaktionsfusion, wohl aber über das „Wie“. Nicht alle der fünf Kandidatinnen und Kandidaten gelten dem Wandel und der Fusion zugeneigt – auch wenn niemand die jüngsten Beschlüsse zurücknehmen will (und praktisch auch nicht kann). Intern, wie auch aus anderen Medienberichten, gilt hinsichtlich der Fusion unter anderem Stampf als kritischer Geist. In seinem Konzept zeigt er sich dem Wandel gegenüber zwar aufgeschlossen. So biete die Fusion jedem die Chance zu experimentieren. Es heißt aber auch: „Unklug wäre es jedoch, erzwingen zu wollen, dass jeder künftig alles können und leisten muss.“ Auch vor Bürokratie und Strukturen, die uns in unserer Arbeit eher behindern als voranbringen, warnt er. Und: „Verhängnisvoll wäre es, den gemeinsamen Betrieb für ein verstecktes Sparprogramm zu missbrauchen; jeglicher Verlust an publizistischer Qualität würde uns wirtschaftlich schaden. Klar ist für mich, dass unser Wochenmagazin noch lange die tragende Säule unseres Unternehmens sein wird.“ .

In eine gleiche Kerbe schlägt Fröhlingsdorf: Trotz der Gerechtigkeit, Onliner in die KG aufzunehmen, sehe der Betriebsratschef „kein publizistisches und wirtschaftliches Konzept“. Auch er beteuert, dass der „herausragenden Bedeutung“ des gedruckten Magazins „nicht ausreichend Rechnung getragen“ werde. „Koordination und Abstimmung sind wichtig. Gleichmacherei gefährdet jedoch die Qualität all unserer Produkte.“ Und: „Schon jetzt ist klar, die Geschäftsführung hat die rechtlichen und kulturellen Probleme der Fusion unterschätzt und Erwartungen geschürt, die nicht erfüllt werden können.“ Konkrete Maßnahmen oder Punkte, um den Job besser zu erledigen, enthält auch Fröhlingsdorf seinen Wählern vor.

Unabhängigkeit der Redaktion: Gruner + Jahr als Beispiel mit “abschreckender Wirkung”

Explizit warnen beide in ihren schreiben auch vor Abhängigkeiten. Abseits der Zustimmung über neue Innovationen und abteilungsübergreifender Arbeit dürften aber „keine Grenzen überschritten“ werden, schreibt Stampf. Fröhlingsdorf warnt zudem über eine”zunehmende Abhängigkeit von Gruner + Jahr, beziehungsweise Bertelsmann.“

Gemeint sind zum einen Dinge wie neue Ableger, die der Spiegel in den vergangenen Monaten gestartet hat, um sich im Anzeigenmarkt breiter aufzustellen. Dazu gehören zwar aus der Redaktion heraus entwickelte Produkte wie Spiegel Classic, Expedition oder Coaching, für die Kandidatin Susanne Weingarten verantwortlich zeichnet, aber auch extern eingebrachte Hefte wie die Luxus-Publikation S-Magazin. In der Redaktion stoßen vermarktungsgetriebene, extern von Agenturen oder Redaktionsbüros verantwortete Angebote wie diese auf Unmut. Es sei “fatal, wenn im Verlag journalistisch fragwürdige Produkte entstehen, die unserem guten Ruf schaden”, schreibt Stampf. Auch Mitbewerberin Anette Bruhns, Leiterin der Deutschland-Nachrichten und Mitgründerin von ProQuote, warnt: „In Zeiten sinkender Erlöse sind Verlagsleiter versucht – wie bei Gruner + Jahr mit abschreckender Wirkung zu beobachten – sich in Redaktionen so einzumischen, dass sich die Machtverhältnisse verschieben. Die KG muss solche Versuche in ihre Schranken weisen.“

Im Falle der Abhängigkeiten stehen zum anderen Allianzen mit anderen Verlagen im Fokus. Seit 2019 vermarktet der Spiegel seine Inhalte auch in Kooperation der Ad Alliance von Bertelsmann, in der auch die Mediengruppe RTL und Gruner + Jahr Mitglied sind. Innerhalb der Redaktion wird dies von einigen Kräften offensichtlich als negativer Einfluss gewertet. Aus Vermarktungssicht werden in dem Programm die Reichweiten der Medienhäuser gebündelt, gemeinsame Angebote gemacht, der Spiegel verfügt mit Spiegel Media weiterhin über eine eigene Vermarktung.

Es fehlen die konstruktiven Ansätze

Auch wenn Bruhns wie auch ihre restlichen Kollegen deutlich weniger bis gar keine Ängste bedienen sondern Progressivität vermitteln wollen („Keine Angst vor der Zukunft!“, schreibt Weingarten, Neubacher stellt die Vorteile der Zusammenarbeit mit SpOn heraus), bleiben auch sie weitgehend farblos, wenn es um den kritisch-konstruktiven, konkreten Blick nach vorne geht. Insgesamt werden von den Kandidaten eher Ängste und Sorgen bedient als Zuversicht gestreut, insgesamt auf dem richtigen Weg zu sein. Lieber fallen Plattitüden (Der Spiegel als „starke Marke“, das Fördern von Innovationen, „Spezialistentum“ als Erfolgsgarant) als Vorschläge, die eine Idee davon vermitteln, wie der angestoßene Wandel von Gesellschafterseite aus weiter ge- oder befördert werden soll – dabei ist das der große Vorteil, den das komplizierte Konstrukt des Spiegel mit sich bringt: Es wird nicht nur der Eindruck vermittelt, gestalten zu können, stattdessen gibt es die tatsächliche Gelegenheit.

Abseits der Satzungsreform besetzt niemand der Bewerber strategische Themen, in denen Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass und Geschäftsleitung noch extremen Nachholbedarf vorweisen – beispielsweise im (multimedialen) Zusammenspiel der Marken Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV (wer hat eigentlich einen Blick auf Spiegel TV?). Zwar ist neben Neubacher Susanne Weingarten die einzige im Quintett, die die Fusion ausdrücklich begrüßt und dafür plädiert, die Marke Spiegel auf allen Kanälen präsent und schlagkräftiger zu machen – große politische Themen, wie beispielsweise eine neue Umgangskultur aussehen könnte, aber fehlen. Stattdessen haben die Bewerber eher Ideen davon, was nicht geht, anstatt herauszuarbeiten, was mit ihnen ginge – mehr noch: Nach innen gaben sie sogar eher noch ein Zeichen der maximalen Destruktivität, in dem alle Kandidaten kollektiv eine Einladung ihrer Spiegel-Online-Kollegen ablehnten. 

Falsches Signal: Kein Vorstellungsbesuch bei Spiegel Online

Wie bereits bei der vergangenen Wahl hatten die Onliner die KG-Kandidaten eingeladen, sich ihnen vorzustellen. Dem Vernehmen nach hatte Weingarten sogar schon zugesagt, Neubacher – als Spiegel+-Redakteur immerhin eine Art Bindeglied zwischen den Redaktionen – sollte seine Bereitschaft geäußert haben. Stellung dazu nehmen wollten sie – wie generell kein Kandidat zum Vorfall oder seinem Programm – nicht.

Eine Wahlkampftour durch alle Ressorts ist, neben einer Hauptversammlung, die bereits stattfand, dabei eigentlich üblich. SpOn-Angestellte zählen, wie beschrieben, (noch) nicht zu den Wahlberechtigten. Es habe letztlich eine Abstimmung der Kandidaten untereinander gegeben, die zu einer Absage des Termins führte. Stattdessen habe man zugesagt, sich nach den Wahlen als Vertreter der KG vorzustellen. Bei den vergangenen Wahlen war es zumindest zu Vorstellungsrunden einzelner KG-Bewerber gekommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung hat es geheißen, dass eine Reform der Satzung seit der Erstfassung nicht vorgenommen wurde. Die Information war unzutreffend, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Alle Kommentare

  1. Ich bewerbe mich auch, und zwar mit diesem Programm:
    • radikaler Gehaltsschnitt in den oberen Rängen;
    • Gewinnbeteiligung für alle;
    • regelmäßige Tätigkeitsnachweise aller Redakteure;
    • Anonymität aller Texte;
    • Verbot von Nebentätigkeiten.

  2. Also Sätze wie: “Fröhlingsdorf warnt zudem über eine”zunehmende Abhängigkeit von Gruner + Jahr, beziehungsweise Bertelsmann” oder “sind Verlagsleiter versucht – wie bei Gruner + Jahr mit abschreckender Wirkung zu beobachten – sich in Redaktionen so einzumischen, dass sich die Machtverhältnisse verschieben” klingen aber sehr nach “rechtspopulistischen Verschwörungstheorien™”, wissen Fröhlingsdorf und Bruhns denn nicht dass nirgendwo Journalisten so frei sind wie im besten Deutschland aller Zeiten? Es gibt sicher eine Bertelsmann Studie die das zweifelsfrei beweist. Gegenteiliges zu behaupten wäre also eine “Gefahr für die Demokratie™”!

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