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News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Trendbeobachter Björn Staschen (NDR NextNewsLab): “Clickbaiting ist keine Nachricht”
Trendbeobachter Björn Staschen (NDR NextNewsLab): "Clickbaiting ist keine Nachricht" © Felix Engel

Abschied von der Nachricht – so lautete die Headline eines Beitrags, den der Journalist und Vocer-Vorstand Frederik Fischer vergangene Woche im Rahmen der Essay-Reihe "Werteorientierte Digitalisierung" bei MEEDIA veröffentlichte. Fischer fordert darin eine neue "Ethik der Aufmerksamkeit". Seinen Thesen setzt nun Björn Staschen, Leiter des NextNewsLab beim NDR, einen anderen Ansatz entgegen: den bewussten Abschied von der Linearität.

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Von Björn Staschen

Glaubt wirklich irgendwer, Menschen würden „auf Nachrichten verzichten“ wollen? Oder dass „Medien nur überleben werden, wenn sie sich von Nachrichten verabschieden?“, wie der von mir sehr geschätzte Frederik Fischer in seinem MEEDIA-Essay einen Text des Columbia Journalism Review zusammenfasst – auch wenn sich dieser Satz im CJR-Artikel nicht direkt findet? Ist es wahr, dass die Online-Aufmerksamkeitsindustrie im Allgemeinen und Nachrichten im Besonderen von einer wachsenden Zahl von Menschen „als ‚ungesund‘ eingestuft und gemieden werden?“

Ich glaube nicht.

Eine Entgegnung ist in dieser Debatte insofern schwierig, als dass die Beteiligten nicht definieren, was sie unter „Nachrichten“ verstehen. Mutmaßlich meint jeder Autor mit dem Begriff das, was seiner These am ehesten hilft. Mal sind Nachrichten die „reflexhafte Berichterstattung über rhetorische Grenzüberschreitungen“, wie bei Frederik Fischer. Oder „skandalöse, schockierende, personenbezogene, laute, schnell wechselnde Reize“, wie bei Rolf Dobelli in seinem Kurzessay „Hände weg von News“.

Aber mal ehrlich: Das sind keine Nachrichten, die Fischer und Dobelli beschreiben. Sondern schlechte Nachrichten, oft sogar gar keine Nachrichten. Clickbaiting ist keine Nachricht. Schlechte Überschriften, die Klicks generieren, erfüllen Nachrichtenwertkriterien nicht. Es ist nicht die Nachricht, die uns schadet. Es ist die zunehmende Ignoranz dessen, was eine Nachricht ausmacht. Und das kostet Glaubwürdigkeit, Vertrauen und am Ende auch Publikumsinteresse.

Mein gesamtes Berufsleben lang arbeite ich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und zwar fast ausschließlich in Nachrichtenredaktionen. Ich habe beim Radio damit begonnen, fünf-Minuten-Slots zu füllen und war zuletzt daran beteiligt, Berichte zu den 15-minütigen Sendungen der Tagesschau um 20 Uhr beizusteuern. Und täglich treibt mich und meine Kollegen dabei das Interesse, das Wichtigste, das Relevante, das für eine möglichst große Zahl von Menschen Folgenschwere zu transportieren. Eine gute Redaktion ringt jeden Tag darum, was eine Nachricht ist und was nicht. Über die 20-Uhr-Meldung von Daniel Küblböcks Zusammenstoß mit dem Gurkenlaster haben wir monatelang gestritten.

Die „Zeitung“ hat sich nicht umsonst aus dem niederdeutschen Wort „Tidinge“ erfunden, das für „Nachricht, Neuigkeit“ steht. Und nicht umsonst stehen wir am Gartenzaun und erzählen uns das Neuste aus der Nachbarschaft. Wir interessieren uns für das, was um uns herum passiert – im nahen wie im weiteren Radius.

Staschen in seiner Rolle als öffentlich-rechtlicher Korrespondent: “Debatte über Nachrichtenwert hört nie auf” © Kathrin-Marie Bschor

Glaubt wirklich irgendwer, eine Gesellschaft wolle nicht von der ersten erfolgreichen Marslandung erfahren, wie seinerzeit von der Mondlandung? Oder von der Kündigung eines Abrüstungsabkommens, das jahrzehntelang (nicht allein) europäischen Frieden gesichert hat? Es gibt Dinge, die ohne Zweifel berichtenswert sind, Nachrichten, auch kurz zugerufen, auch ohne Analyse – und übrigens ohne jeden „Schaden für die Gesellschaft“, wie Kritiker ins Feld führen. Die meisten Analysten hätten nichts zu analysieren, gäbe es keine zu Grunde liegende Nachricht.

Sicherlich, die Debatte über Nachrichtenwert-Kriterien hört nie auf. Und wir sollten sie wiederbeleben. Wir sollten noch intensiver streiten und überlegen, was wirklich eine „Nachricht“ ist und was nicht. Raus aus der Bequemlichkeit, jede Nachricht muss Mühe machen.

Warum senden wir sie dennoch?

Die Medien stecken dabei aber in einem entscheidenden Dilemma. Nehmen wir den letzten massenhaften Datenmissbrauch durch einen jungen Mann aus Hessen, der als „Hack“ durch die Medien ging. Nach der Information in den Morgennachrichten, dass Millionen Datensätze mit zum Teil sehr persönlichen Informationen veröffentlicht wurden (aus meiner Sicht eine Nachricht), hörte ich in der Mittagsausgabe schon, dass Politiker den Hack (der keiner war) lauthals verurteilten. Und schon fleißig über Konsequenzen stritten, ohne dass der Urheber des Datenleaks überhaupt bekannt war, geschweige denn sein Vorgehen oder seine Motivation. Die Politiker-Aussagen sind aus meiner Sicht alles andere als eine Nachricht, sondern eine überflüssige Verlegenheitsmeldung.

Warum senden wir sie dennoch? Weil die Zitate eine klassische „Weiterdrehe“ sind. Das Thema war relevant, aber es gab nichts Neues. Die nächste Nachrichtenausgabe musste gefüllt werden – fünf Minuten zur vollen Stunde – aber eigentlich gab es nichts zu sagen. Also schauen wir mal, wer etwas dazu zu sagen hat, auch wenn er nichts zu sagen hat.

Und hier liegt aus meiner Sicht des Pudels Kern. Wir haben uns daran gewöhnt, Nachrichten an die Linearität unserer Ausspielkanäle anzupassen. Jede Stunde drei bis fünf Minuten im Radio, um 20 Uhr 15 Minuten im Fernsehen, rund um die Uhr in Nachrichtenkanälen – wir müssen füllen. Wir passen die Realität da draußen an unsere Sendepläne an. Jeden Tag gibt es scheinbar – das suggerieren wir unseren Nutzern – gleich viele wichtige, relevante Nachrichten. Aber das ist – mit Verlaub – Quatsch. Niemand steht regelmäßig fünf Minuten am Gartenzaun, um sich mal Wichtiges und mal weniger Wichtiges zu erzählen. Hauptsache fünf Minuten.

In der Linearität verleihen wir Themen an bestimmten Tagen eine Bedeutung nur deshalb, weil gewichtige andere Themen fehlen. Wir relativieren unsere Nachrichtenwert-Kriterien Tag für Tag – das kommt einer Entwertung gleich. Diese Beliebigkeit schafft einen Themenbrei, in dem auch Clickbaiting und Fake News verzehrbar und verzeihlich werden. An anderen, „nachrichtenstarken“ Tagen kommen dagegen relevante Dinge zu kurz, weil es so viele von ihnen gibt: das klassische Dilemma des Nachrichtenjournalismus

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Lasst uns die Nachrichten aus der Linearität befreien. Das ist heute möglich, weil digitale Ausspielwege uns erlauben, mal mehr und mal weniger zu berichten. Wenn es nichts gibt, muss auch niemand Themen nachrichtliche Sichtbarkeit verleihen, die keinen echten Nachrichtenwert haben. Es ist schlicht egal, wie lange ein Podcast ist, wie voll eine Überblicksseite auf einem Nachrichtenportal. Wenn sie kurz ist, weiß ich, dass es wenig zu berichten gibt: ein gutes Gefühl! Besser, als würde ich mit dem unguten Gefühl abschalten, dass mir hier nur Relevanz vorgegaukelt wird, um „Strecke zu machen“. Faszinierend, dass sich viele Formate in non-linearen Ausspielwegen den Vorgaben der alten Linearität beugen und beispielsweise festen Längen, festen Veröffentlichungsrhythmen folgen – ohne jede Not! Denn digitale Ausspielwege befreien uns von den Gesetzen des Linearen.

Redaktionelle News-Riten wie Längenvorgaben und Zahl der Meldungen – falsch!

Wenn man es puristisch sehen wollte, würde gelten: Längenvorgaben für Nachrichten sind falsch. Zur halben Stunde immer drei Schlagzeilen – falsch. Der Aufmacher immer in 80 Zeilen – falsch. Zeitungen bestimmen den Druckumfang einer Ausgabe häufig an der Zahl der verkauften Anzeigen – auch problematisch.

Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

In der Non-Linearität des Digitalen ist es leichter, diesem Ansatz zu folgen. Aber selbst Nachrichten im Radio könnten in ihrer Länge variieren – schließlich lässt sich in den meisten Programmen mit Musik leicht auffüllen. Vom Verkehrsstudio lernen heißt – etwas überspitzt – siegen lernen: Oder sind die Staumeldungen immer gleich lang, auch wenn es keine Staus gibt? Theoretisch könnte sogar die Tagesschau mal länger und mal kürzer sein – an Tagen mit weniger relevanten Themen könnten wir zum Beispiel mehr erklären – wenn es denn fünfzehn Minuten sein müssen, damit der Einschaltzeitpunkt für den Tatort um 20.15 Uhr nicht verhunzt wird. Wer genau zuschaut, sieht, dass die Tagesschau dieses schon heute praktiziert: Mehr Erklärung, auch grafisch – immer häufiger.

Es geht nicht um reine Schule, um „Ganz“ oder „Gar Nicht“, sondern um einen Denkanstoß, um die Bereitschaft, Längen zu hinterfragen. Wenn wir uns diese Varianz leisten – Nachrichten so lang zu machen, wie sie aus inhaltlichen Gründen sein sollten – dann wird auch die Debatte um die Inhalte wieder spannender. Weil eben kein Redakteur denkt: „Na gut, das nehmen wir mit, wir haben ja heute Platz“. Und kein Zuschauer das Gefühl bekommt: „Gestern war an dieser Stelle ein Thema, das mein Leben verändern wird. Aber heute, ob dieses Thema auch mein Leben verändert?“ Vielleicht leisten wir uns dann auch wieder Debatten darüber, ob der Genozid in einem fernen Land wirklich nicht berichtenswert ist. Oder die Umweltkatastrophe am anderen Ende der Welt. Und Refinanzierung gelingt nicht über Nachrichten, sondern über Erklärung, Einordnung, Konstruktives statt Clickbaiting.

Wir sollten deutlich weniger Reaktionen transportieren, hohle Phrasen, Politikersprech. Das sind keine Nachrichten, sondern – und hier haben die oben zitierten Kritiker recht – Reflexe. Mehr Ereignis, mehr Geschehen mit Relevanz, weniger Worte. Das mag altmodisch klingen – aber in den oben angesprochenen Debatten berufen wir uns ja auch auf das „Goldene Zeitalter“, als Nachrichten noch Vertrauen genossen.

Nochmal: Befreit die Nachrichten aus der Linearität. So wie die Welt, in der sie geschehen. Auch die Realität dosiert Ereignisse nicht. Nachrichten wird es immer geben – wir müssen nur dafür sorgen, dass Menschen sie ernst nehmen, dass sie uns vertrauen. Das ist unsere Aufgabe, und dabei kann es helfen, nur so viel zu berichten, wie es auch zu berichten gibt.

Über den Autor: Björn Staschen ist nach Stationen als Reporter, Auslandskorrespondent und Schlussredakteur Projektleiter für das crossmediale Nachrichtenhaus im NDR und leitet das NextNewsLab. Sein Beitrag gibt seine private, persönliche Sicht wieder, nicht die des NDR. Er arbeitet als Dozent für „Mobile Journalism“ an der Hamburg Media School und ist aktives Mitglied im Beirat des Digital Journalism Fellowships.

Über die Reihe: Dies ist der dritte Teil einer von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht. Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

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Alle Kommentare

  1. Viel wichtiger ist doch die Frage, ob die Nachricht wahr oder eine journalistische Erfindung ist.

    1. Nö! Solange es eine klassische Nachricht ist, die Faktisches wiedergibt und sich an journalistische Standards für Nachrichten hällt, stellt sich diese Frage nicht.
      Sobald es um die Deutung und Einordnung des Geschehenen geht, wird es zwangsläufig subjektiv – und mag je nach Blickwinkel vom einen oder anderen als “nicht wahrheitsgemäß” beurteilt werden. Dann ist es allerdings auch schon keine Nachricht mehr und sollte als Meinungsbeitrag gekennzeichnet werden.
      Ich halte die Vorschläge von Herrn Staschen auf jeden Fall für sehr schlüssig.

  2. Linearität aufbrechen ist sicher gut, aber nur ein Teil des Weges: Personalisierung und Regionalisierung von News sind heute kein Hexenwerk mehr, sondern technisch leicht umsetzbar, ohne personellen Mehraufwand. Denn schon Hörer in Goslar – weniger Touristen als im Vorjahr! – interessiert zu Recht der Rücktritt eines Bürgermeisters an der Nordsee nicht mehr, obwohl beides in Niedersachsen spielt. Und immer noch ein Nachrichtenproblem: wichtige Berichte über die oft sperrigen EU-UN-X-Gremien doch bitte allgemein verständlich, diese Institutionen müssen sprachlich zum Leben erweckt werden, jetzt mehr denn je.

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