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Paradebeispiel für den Streisand-Effekt: Wie Tichys Einblick Unterlassungsklagen von Madsack zur Eigen-PR nutzt

RedaktionsNetzwerk Deutschland, Roland Tichy: Klage kassiert, Self-Promotion-Offensive gestartet © Picture Alliance/ Montage: MEEDIA

Seit einigen Tagen können Leser des Online-Magazins Tichys Einblick, das vom ehemaligen WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy betrieben wird, ausführlich lesen, dass dort bestimmte Dinge nicht zu lesen sind. Hintergrund ist eine juristische Auseinandersetzung zwischen Tichy und der Verlagsgruppe Madsack, bzw. dem zugehörigen Redaktionsnetzwerk Deutschland, die ein Paradebeispiel für den so genannten Streisand-Effekt ist.

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Roland Tichy selbst veröffentlichte bei Tichys Einblick vergangenen Montag einen Artikel, der sich mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland und einer angeblichen Einflussnahme der SPD auseinandersetzt. Tichy insinuierte in dem Text vielfach und überdeutlich, dass die SPD auf Veröffentlichungen des RND Einfluss nehmen würde. Hintergrund ist, dass die SPD-eigene Medienholding ddvg mit rund 23,1% eine Beteiligung an der Verlagsgruppe Madsack besitzt, zu der wiederum das RND gehört. Das RND beliefert Zeitungen der Madsack-Gruppe, aber als Dienstleister auch andere Blätter, mit überregionalen Artikeln und Berichten aus der Hauptstadt.

Die Tichy-Argumentationslogik ging ungefähr so, dass die mittelbare Minderheitsbeteiligung der ddvg dafür sorgt, dass praktisch alle Veröffentlichungen des RND SPD-gelenkt seien. Nun kann man darüber streiten, ob es sinnvoll ist, dass eine Partei Beteiligungen an Medienhäusern besitzt. Darüber wurde in der Vergangenheit auch mehrfach ausführlich und kritisch diskutiert, und die SPD-Medienholding ddvg war und ist immer wieder Gegenstand kritischer Berichterstattung. Dass diese Beteiligung „heimlich“ sei, wie Tichy schrieb, ist also Unsinn. Die Beteiligungsverhältnisse sind öffentlich an vielen Stellen einsehbar und waren auch schon häufig Gegenstand von Berichterstattung.

Ebenso ist es realitätsfern zu behaupten, eine solche mittelbare Beteiligung habe Einfluss auf Berichterstattung oder Kommentare in Veröffentlichungen des RND oder angeschlossener Zeitungen. Beim RND und Madsack empfand man den Tichy-Text als schwer rufschädigend und wehrte sich mit dem juristischen Mittel eines Unterlassungs-Schreibens, wie es in der Medienbranche mittlerweile üblich ist.

Angegriffen wurden mehrere Formulierungen in dem Tichy-Text und mindestens eine Tatsachenbehauptung, die Tichy auf Twitter tätigte, um den Artikel zu promoten. Im Kern zielte das Unterlassungsbegehren darauf, dass Tichy nicht mehr behaupten sollte, die SPD würde die RND-Veröffentlichungen beeinflussen.

Nun lief die Sache aber nicht ganz so, wie sich das die Verlagsgruppe Madsack womöglich erhofft hatte. Tichy versah seinen Text mit einem Hinweis, dass dieser bis zu einer bestimmten Frist gelöscht werde. Sein Magazin verfüge nicht über die Ressourcen, „um mit diesen (sic!) machtvollen Gegner presserechtliche Auseinandersetzungen zu führen. Pressefreiheit ist die Freiheit sehr reicher Organisationen und Personen.“ Gleichzeitig verbreitete Tichys Einblick, dass bestimmte „Tatsachen“ nicht mehr geschrieben werden dürften und verwies darauf, dass das Internet nichts vergesse. Dieses Vorgehen sorgte nach Informationen von MEEDIA für ein weiteres Unterlassungsschreiben, da Tichy auf „Tatsachen“ verwies, die er laut der ersten abgegebenen Unterlassung doch erklärt hatte, nicht weiter zu verbreiten. Auch die zweite Unterlassung wurde nach Informationen von MEEDIA abgegeben.

Tichy beließ es aber nicht dabei, sondern stichelt auf Twitter weiter gegen das namentlich nicht genannte „SPD-Medienimperium“.

Zudem veröffentlichte er auf seiner Website einen Spendenaufruf, weil „eine mächtige Organisation, die wir hier nicht nennen dürfen unter dem Risiko hoher Geldleistungen“ Tichys Einblick gezwungen habe Artikel, Tweets und Facebook-Eintragungen zu löschen: „Ihr medialer Einfluß (sic!) soll nicht sichtbar werden.“

Screenshot von Tichys Einblick

Die PR-Taktik verfängt. In einschlägigen rechten Blogs und so genannten Alternativmedien, u.a. beim berüchtigten PI-News, sowie in zahlreichen Tweets und YouTube-Videos wird nun das Narrativ von der „bösen SPD“ gesponnen, die versucht ihren angeblichen Medieneinfluss mit juristischen Tricks zu verschleiern, Links auf die archivierte Originalstory oft inklusive. Die Geschichte dürfte somit eine weitaus größere Aufmerksamkeit erfahren haben, als sie ohne den Streit bekommen hätte. Dies ist ein Parade-Beispiel für den so genannten Streisand-Effekt im Netz, bei dem der Versuch, eine Veröffentlichung zu unterbinden, für eine verstärkte Verbreitung sorgt.

Roland Tichy und Tichys Einblick nutzen dies für PR-Zwecke und Spenden-Aufrufe. Auf Twitter bedankte sich Tichy schon für die „großartige Unterstützung“ bei seinen Lesern.

Roland Tichy und Tichys Einblick haben auf Anfragen für diesen Artikel nicht reagiert. Kurz nach der Anfrage von MEEDIA verschickte Tichys Einblick jedoch eine Pressemitteilung, in der Roland Tichy u.a. folgendermaßen zitiert wird: „Wir können und werden jene Äußerungen, zu deren Unterlassung wir uns verpflichtet haben, nicht wiederholen. Jedoch werden wir selbstverständlich weiter kritisch über die SPD, die DDVG und deren Beteiligungen berichten.“ Ein Sprecher der Madsack-Mediengruppe kommentierte auf Anfrage von MEEDIA: „Wir müssen uns nicht jeden Humbug bieten lassen.“

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