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“Wir verstehen uns als Labor”: Zeit und Zeit Online legen Investigativ-Ressorts zusammen

Investigativ-Chefs Holger Stark (l.) und Karsten Polke-Majewski
Investigativ-Chefs Holger Stark (l.) und Karsten Polke-Majewski ©Fotos: Vera Tammen

Zeit und Zeit Online wollen näher zusammenrücken, was bislang vor allem im Umbau der Chefredaktion deutlich geworden ist – nun folgt der nächste Schritt. Ab sofort arbeiten die Investigativteams beider Redaktionen integriert. Im Interview mit MEEDIA erklären die Leiter Holger Stark und Karsten Polke-Majewski, weshalb sich ihre Ressorts für die "Labor"-Phase eignen.

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Zeit und Zeit Online sollen näher zusammenrücken, was in erster Linie in der Chefredaktion deutlich geworden ist. Die Investigativteams sind nun die ersten Ressorts, die fusionieren – warum?
Holger Stark: 
Wir eröffnen damit ein Labor mit dem Ziel, voneinander zu lernen und Recherchen über alle uns verfügbaren Medienkanäle noch besser zu orchestrieren. Es geht um Schlagkraft und die Qualität unserer Arbeit. Die wollen wir weiter steigern.

Investigativressorts funktionieren anders als Themenressorts. Was zeichnet Sie besonders aus, als „Labor“ zu fungieren – vor allem, wenn letztlich alles zusammengehen soll?
Karsten Polke-Majewski: Ihren letzten Schluss würde ich so erst einmal nicht ziehen. Ein Labor richtet man ein, um Dinge zu testen. Das besondere an unseren Ressorts ist, dass wir sowohl bei Zeit Online als auch bei der Zeit sehr erfahrene und versierte Kollegen haben, die ihre eigenen Herangehensweisen an Geschichten haben. Bei Zeit Online haben wir eine eigene Methode entwickelt, Investigatives und Datenrecherchen zu verbinden. Zugleich sind wir je nach Nachrichtenlage in die aktuelle Berichterstattung eingebunden. Bei der Zeit wird zwar auch aktuell gearbeitet, oft liegt der Schwerpunkt aber auf aufwendigen Rekonstruktionen und tiefen Recherchen. Wir erhoffen uns noch bessere Geschichten, wenn wir diese Fähigkeiten zusammenführen.
Holger Stark: Hinzu kommt: Wir sind von der Denkweise, wie wir an Themen herangehen, die Ressorts mit der größten Artenverwandtschaft. Wir alle lieben große Datenbestände, uns treiben die gleichen offenen Fragen an, wir sind ähnlich hartnäckig, wenn wir etwa herausfinden wollen. Und wir sind gemeinsam der Meinung, dass man Journalismus anders definieren kann, als asthmatisch morgens um 9 Uhr eine Geschichte für mittags um 12 Uhr runterzuschreiben – auch, wenn das in Einzelfällen nötig sein mag. Wir fühlen uns für dieses Experiment bereit. Labor heißt aber auch: Wir haben uns das Projekt für zunächst zwei Jahre vorgenommen und wollen schauen, wo wir dann stehen. 

Es war zunächst die Rede davon, die Berliner Redaktionen örtlich in einem Redaktionshaus zusammenzuführen, jetzt kommt ihr Pilotprojekt der Teamzusammenführung. Wann wird darüber entschieden, wann und welche Ressorts Ihrem Beispiel folgen?
Holger Stark: Wir planen derzeit nicht, weitere Ressorts von Print und Online auf diese Weise zusammenzuführen. Uns ist wichtig, dass alle unsere investigativ arbeitenden Kollegen und Kolleginnen Lust auf dieses Experiment haben – und dass unsere Recherchen so gut sind, dass man sich eine Zweiteilung danach gar nicht mehr vorstellen mag. An der Fusion von Chancen und Wissen bei der Zeit zu einem neuen Großressort wird bereits gearbeitet.

Sie haben bereits bei einigen Projekten eng zusammengearbeitet, ihre Recherchen Print wie Online orchestriert. Inwiefern ist die Zusammenlegung der Investigativressorts nur noch eine Formalität?
Karsten Polke-Majewski:
Es ist schon noch deutlich mehr als eine Formalität, denn auch wenn Sie bei Projekten zusammenarbeiten und ein Thema über beide Medien hinweg koordinieren, schaut man bei getrennten Redaktionen doch zuerst auf sich selbst. Das soll sich im Interesse der Recherchen ändern. 

Holger Stark: Wir haben uns bislang einmal im Monat zusammengesetzt und über Themen gesprochen, im täglichen Workflow aber getrennt gearbeitet. Das war gut, aber nicht so gut, wie wir sein können. Nehmen wir den Fall des Attentäters Anis Amri als Beispiel: Die Kollegen von Zeit Online haben damals sehr schnell und sehr gut auf den Anschlag reagiert, während wir bei der Zeit über drei Monate ein großes, später mit dem Nannen-Preis ausgezeichnetes Dossier recherchiert haben. In dieser Zeit saßen wir exklusiv auf vielen Ermittlungsakten, während die Online-Kollegen die Geschichten quasi wöchentlich fortgeschrieben haben. Das können wir viel besser koordinieren. Am Ende sollen beide profitieren: Zeit wie Zeit Online. Danach haben wir übrigens beschlossen, dass wir einen gemeinsamen Datenserver anschaffen. 

Über wie viele Ressourcen werden Sie als gemeinsame Redaktion zukünftig verfügen?
Holger Stark: 
Wir haben vier Kollegen von Zeit Online und sechs Kollegen von der gedruckten Zeit. Zusammen sind wir also zehn Leute, bei denen es nicht mehr darum geht, wer aus welchem Betrieb stammt. Wir wollen Teams nach ihrer Qualifikation losschicken. Wir haben beispielsweise herausragende Fachleute zum Thema Rechtsextremismus oder auch bezüglich des „Islamischen Staats“. Und beide Seiten bringen viel Erfahrung und gute Kontakte im Bereich Medizin, Gesundheit und Ernährung mit. 

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De facto gibt es aber zwei Betriebe, aus denen sich ihr Team zukünftig zusammensetzt, seitens Zeit Online wurde extrem lange über einen Tarif gestritten. Werden Ungleichheiten mit der Zusammenlegung aufgehoben?
Karsten Polke-Majewski:
Es wird keine betrieblichen Änderungen geben, was durchaus einen Sinn hat. Wir verstehen uns wie gesagt als Labor. Uns ist wichtig, erst einmal über Inhalte und Formate zu sprechen, bevor große formale Transformationsprozesse losgetreten werden. 

Das macht aus Sicht eines Ressortleiters Sinn und muss vielleicht auch gesagt werden; Content first und Conditions second muss aber nicht jedem gefallen.
Holger Stark: In diesem Fall stimmt es aber auch, denn es gibt kein klar zu erkennendes Gehaltsgefälle. Wir haben beim Blick auf die Gehälter festgestellt, dass die Unterschiede eher zwischen einzelnen Kollegen bestehen. Es gibt in unserem Ressort auch einige Online-Kollegen, die besser verdienen als manche Print-Kollegen.

Sprechen wir über die aktuelle Investigation. Die Zeit hatte zuletzt öffentlich nach Whistleblowern aus der IT-Branche gesucht – worauf sind Sie aus?
Holger Stark: 
Wir haben diesen Aufruf zusammen mit mehreren internationalen Medien gestartet, unter anderem in Amerika, Frankreich und Großbritannien. Weltweit werden rund 80 Prozent der Internetstruktur durch amerikanische Firmen beeinflusst, eine immer größer werdende Rolle spielen die Chinesen. Darum geht es uns. Wir wollen uns jede Form von Missbrauch mit dem digitalen Rohstoff des 21. Jahrhunderts anschauen – das kann vom Missbrauch von Gesundheitsdaten über Datenmissbrauch rund ums Autofahren bis hin zu Fällen reichen, wie wir sie etwa bei Facebook und Cambridge Analytica gesehen haben. 

Würden solche Recherchen über internationale, in den USA sitzende Firmen, ohne Rechercheallianzen, wie auch die Zeit sie eingeht, überhaupt möglich sein?
Karsten Polke-Majewski:
Ich würde nicht behaupten, dass sie unmöglich wären, sie wären aber schwieriger. Die Zusammenarbeit mit Medien aus anderen Ländern hilft enorm, weil die Erfahrung und die Kenntnis über die Zustände von Land zu Land unterschiedlich sind. Wir haben bei den Cum-Ex-Recherchen, wo es  auch um unterschiedliche Steuerrechte in den Ländern ging, beispielsweise extrem davon profitiert.
Holger Stark: Die Erfahrung zeigt, dass es in anderen Ländern praktisch nie möglich ist, so tief zu bohren und Quellen aufzutun, wie es Journalisten aus den jeweiligen Heimatland schaffen. Das haben wir zuletzt sehr deutlich bei den Recherchen für das Daphne-Project gespürt, als wir gemeinsam mit vielen internationalen Journalisten dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia nachgegangen sind.

Das Daphne-Project war auch insofern interessant, da die Zeit erstmals mit einem direkten Konkurrenten, nämlich der SZ, kooperiert hat. Bleiben deutsche Kooperationen die Ausnahme?
Karsten Polke-Majewski:
Kooperationen, beispielsweise mit Fernsehsendern, kommen immer wieder vor. Wir wägen das von Projekt zu Projekt ab. Natürlich gibt es aber einen Wettbewerb – das ist auch gut so.
Holger Stark: Manche Geschichten sind einfach größer als der Egoismus einer einzelnen Redaktion. Es ist aber wichtig, dass nicht der Eindruck von Klüngelei oder Absprachen entsteht. Im Sinne des Wettbewerbs und im Sinne der Glaubwürdigkeit der Medien. 

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Alle Kommentare

  1. Sehr kluger Schritt für das linksextreme Boulevardblatt, dass wohl nicht umsonst keine Zahlen beim IVW veröffentlicht.
    Auch beim Focus haben strukturelle Änderungen zur nötigen Kostenreduktion führen können.
    Natürlich mussten einige Angestellte gehen, aber die Presselandschaft ist heute so vielfältig, dass ich überzeugt bin, dass Journalisten sehr schnell woanders unterkommen.

  2. Seltsames Gebahren. Auf den Fotos geben sich alte weiße, privilegierte Männer als seriöse Biedermänner und in den von ihnen zu verantworteten Pamphleten kommen gewöhnlich völlig Verstörte und Hetzer zu Wort.

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