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“Dann bleibe ich gern in meiner Blase” – so unterschiedlich bilanzieren Boris Palmer und Hasnain Kazim ihren Facebook-Tausch

Der Kater nach dem Facebook-Tausch-Rausch: Hasnain Kazim (links), Boris Palmer
Der Kater nach dem Facebook-Tausch-Rausch: Hasnain Kazim (links), Boris Palmer

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis90/Die Grünen) und der Spiegel Online-Korrespondent Hasnain Kazim hatten für eine Woche das Facebook-Profil des jeweils anderen übernommen. Ziel war es, aus den eigenen Filterblasen auszubrechen und auszuloten, ob hier ein Dialog möglich ist. Die Bilanz der beiden fällt nach dem Experiment sehr unterschiedlich aus.

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Boris Palmer scheint mit dem Verlauf des Experiments trotz einiger Kritik eher zufrieden zu sein. Er schrieb (noch auf Kazims Facebook-Seite): “Mein früherer Münchener Kollege Christian Ude hat mir einen guten Rat gegeben: ‘Der Politiker muss immer darauf achten, dass er auch atmosphärisch verstanden wird.'” Ihm selbst gelinge dies oft nicht wegen seines “mathematisch geschulten Denkens” und wegen seiner Impulsivität. “Könnte ich die Zeit eine Woche zurück drehen, würde ich darauf mehr Rücksicht nehmen. Ich würde deutlich weniger Haupteinträge machen und dafür mehr nachfragen und erklären. Mein Wunsch, möglichst viel Information zu geben, hat mich nach der Rückmeldung vieler Kommentare zu weit getrieben”, merkt Palmer durchaus selbstkritisch an. “Am dritten oder vierten Tag war ich auch allmählich erschöpft von tausenden von Kommentaren. Und der Sonntag, an dem ich dank einer langen Bahnfahrt von Jena nach Tübingen viel Zeit hatte, zeigte mir, dass beidseits ein viel größeres Verständnis entsteht, wenn man sich Zeit lässt und aufeinander eingeht – sogar auf Facebook.”

Auf beiden Seiten, also bei Kazim und bei ihm stellte Palmer “starke Anzeichen” dafür fest, “dass das neue Reizklima als Überforderung wirkte”. Der Wunsch, dass der jeweilige Seiteninhaber zurück kehren möge, sei von Tag zu Tag häufiger geäußert worden. Sowohl bei Kazim als auch bei ihm sei “fälschlich behauptet” worden, es würde gar nicht diskutiert oder geantwortet. Palmer fiel außerdem auf, das Kazim “sehr viel mehr positive Reaktionen erhalten hat als ich.”

Das sieht Hasnain Kazim anders. Er veröffentlichte sein Fazit zu der Tausch-Aktion als Artikel bei Spiegel Online unter der Überschrift “Mit Rechten reden?”. Das Ergebnis des Experiments sei ernüchternd: “Ein sinnvoller Dialog, das ist meine Erkenntnis, ist auf der Facebook-Seite von Boris Palmer nicht möglich. Ja, es gab einige, die ernsthaftes Interesse an einem Austausch hatten. Auch manche, die zwar eine harte Auseinandersetzung suchten, aber doch auch bereit waren, zuzuhören und eigene Positionen wenigstens zu überdenken. Ein großer Teil aber wollte keine konstruktive Debatte. Zwar dürfte es eine Minderheit sein, die pöbelte, beleidigte, ‘alternative Wahrheiten’ und Unterstellungen verbreitete und darauf abstruse Vorwürfe konstruierte. Aber es war, wie so oft und wie auch jenseits der virtuellen Welt, eine laute Minderheit, die den Ton angab.”

Es sei bemerkenswert, wie viele “Rechtsextreme bis Neonazis” sich auf Palmers Seite lautstark äußern dürften, so Kazim. Allerdings: “Palmer versicherte mir – und ich glaube es ihm -, dass er von vielen dieser Leute noch nie zuvor auf seiner Seite gelesen habe. Dass es also neue Fake-Accounts waren, die das Experiment zum Scheitern bringen wollten.” Etwa drei Dutzend Leute habe er während der Woche des Experiments auf Palmers Seite wegen diffamierender Äußerungen geblockt. Er werde die Namen Palmer mitteilen, damit der entscheiden kann, wie weiter mit ihnen verfahren wird. Kazim schließt mit Resignation: “Wenn solche Leute aus dem Diskurs auszuschließen bedeutet, dass man in seiner ‘Filterblase’ verharren wolle, ja dann bleibe ich in Zukunft gern in meiner ‘Blase’.

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Palmer wiederum zeigte sich mit Kazims Text nicht einverstanden. Er formulierte – wieder Herr seiner eigenen Seite – zehn Fragen an den Spiegel-Online-Korrespondenten.

Auch Kazims Schlusssatz griff er auf: “Warum dieser Schluss? Lieber in der Blase bleiben, kann das unser Ziel sein?” Palmer endet seine Replik, wie man es von ihm kennt: “Ich bin gespannt auf Ihre Antworten, Ihr stets streitlustiger Boris Palmer”.

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