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Wirecard widerspricht Berichterstattung: Wurde die Financial Times instrumentalisiert?

FT-Redakteur Dan McCrum berichtete über den vermeintlichen Wirecard-Skandal
FT-Redakteur Dan McCrum berichtete über den vermeintlichen Wirecard-Skandal

Wirecard vs. Financial Times: Innerhalb weniger Tage hatte einer der größten, deutschen Finanzkonzerne nach Recherchen der FT zu möglicher Geldwäsche und Fälschung fast 4,5 Milliarden Euro an Wert eingebüßt. Der gyhpte Zahlungsdienstleister wehrt sich vehement, die Wirtschaftszeitung bleibt bei ihrer Story. Deren verantwortlicher Redakteur war zuletzt allerdings einer Fälschung aufgesessen.

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Es steht Aussage gegen Aussage: In zwei Artikeln hatte die Financial Times (FT) in der vergangenen Woche über mögliche Geldwäsche und Fälschung bei Wirecard berichtet. Daraufhin brach die Aktie des Münchner Zahlungsdienstleisters in der Spitze um bis zu 30 Prozent ein.

Wirecard bezeichnet Artikel als “völlig bedeutungslos”

Dabei beruft sich das Blatt im ersten Artikel auf die Existenz einer angeblich internen Präsentation mit dem Namen “Project Tiger” vom 7. Mai 2018, in der unter anderem von „Geldwäsche“ und „Kontenfälschung“ die Rede sei. Verdächtigt würde ein in Singapur ansässiger Wirecard-Topmanager, der mittels gefälschter und zurückdatierter Verträge unzulässige Transaktionen durchgeführt haben soll. Ferner sei die Präsentation erstellt worden, um sie einen Tag später den laut FT “vier höchstrangigen Managern [des Unternehmens], angeführt von [Vorstandschef Markus] Braun”, vorzustellen. Wohlgemerkt behauptet die FT nicht explizit, dass die Topmanager die Präsentation auch wirklich gesehen hätten.

Die Antwort von Wirecard, das zuletzt nach rasantem Wachstum die Commerzbank aus dem Dax drängte, ließ nicht lange auf sich warten: Es handle sich um einen „falschen, ungenauen, irreführenden und diffamierenden Artikel“, der „keine Substanz“ habe und „völlig bedeutungslos“ sei. Daraufhin legte die FT am Freitag nach und konkretisierte ihre Vorwürfe: Demnach hätte die von Wirecard selbst beauftragte Anwaltsfirma Rajah & Tann Beweise gefunden. Diese würden auf “schwerwiegende Fälschungsdelikte und/oder Kontenfälschung” hindeuten. Hierbei beruft sich das Wirtschaftsblatt auf einen von der Kanzlei erstellten vorläufigen Bericht. Dieser wiederum hätte die Grundlage der Präsentation gebildet. Ob diese Präsentation nun vor dem Top-Gremium gehalten wurde oder nicht, bleibt unklar.

4,5 Milliarden Euro Börsenwert in drei Tagen verbrannt

Dem milliardenschweren Finanzdienstleister setzten die FT-Berichte schwer zu. Auch das zweite Dementi am Freitag fand wenig Gehör bei den Anlegern. Die Aktie sackte in Folge zum zweiten Mal nach Mittwoch ab und schloss bei 108,50 Euro. Somit büßte Wirecard seit der Veröffentlichung des ersten Artikels etwa 4,5 Milliarden Euro an Börsenwert ein. Die Glaubwürdigkeit des bislang gefeierten Payment-Dienstleisters steht auf dem Spiel. Grund genug für Wirecard, nun eine härtere Gangart einzulegen: Am Montag wandte man sich erneut an Investoren. Darin bestätigt der Finanzdienstleister unter anderem den Kontakt zur besagten Rechtsanwaltskanzlei und dementiert in diesem zwar nicht die Existenz einer entsprechenden Präsentation, jedoch deren angeblichen Inhalt. So heißt es im Wortlaut:

(…)Im April 2018 äußerte ein Mitarbeiter der Wirecard in Singapur Bedenken gegenüber unserer lokalen Rechts- und Compliance-Abteilung wegen angeblicher Handlungen eines Mitarbeiters des Finanzteams von Wirecard in Singapur. Die Vorwürfe bezogen sich auf mögliche Compliance-Verletzungen im Bereich der Rechnungslegung und bezogen sich für den Zeitraum von 2015-2018 auf Gesamtumsätze in Höhe von EUR 6,9 Mio. und Gesamtkosten von EUR 4,1 Mio. sowie einen internen Transfer von geistigem Eigentum an Software im Wert von EUR 2,6 Mio.

Das Compliance-Team von Wirecard, das über unabhängige und umfassende Untersuchungsrechte verfügt, hat standardmäßig eine interne Untersuchung der Vorwürfe eingeleitet. Diese interne Untersuchung hat zu Nachweisen geführt, dass die Vorwürfe unbegründet waren. Darüber hinaus gab es Hinweise darauf, dass die Vorwürfe auch mit persönlichen Feindseligkeiten zwischen den beteiligten Mitarbeitern zusammenhängen könnten. In Übereinstimmung mit unseren internen Compliance-Richtlinien hat sich das Compliance-Team dennoch für eine unabhängige Untersuchung durch die renommierte in Singapur ansässige Compliance-Kanzlei Rajah & Tann entschieden.

Wollte hier ein Wirecard-Mitarbeiter nur einen anderen diffamieren und leakte zu diesem Zweck brisante Dokumente an die Presse? So könnte man es zumindest zwischen den Zeilen lesen. Der Aktienkurs erholte sich nach der jüngsten Ankündigung zumindest leicht. De facto weist Wirecard den Vorwurf zurück, wonach es entsprechende Verstöße überhaupt gegeben habe. Dabei nennt das Unternehmen den FT-Autor sogar beim Namen:

Wir widersprechen der Berichterstattung von Dan McCrum ausdrücklich.

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FT: “Wir bleiben bei unserer Berichterstattung”

Tatsächlich haben McDrum und Wirecard eine Vorgeschichte. Für das FT-Blog “Alphaville” griff der Journalist im Jahr 2016 eine negative Studie von Zatarra Research, einer bis dato völlig unbekannten Research-Firma, auf. Die Wirecard-Aktie verlor in Folge rund ein Viertel ihres Wertes. Wie sich herausstellte, war man einer Fälschung aufgesessen. Die Staatsanwaltschaft München stellte fest, dass es sich bei der vermeintlichen Studie um einen Fall gezielter Marktmanipulation handelte, mit dem Ziel, der Wirecard-Aktie nachweislich zu schaden. Bereits zuvor hatte sich die FT in der Reihe “House of Wirecard” kritisch mit den Bilanzen des Unternehmens auseinandergesetzt.

Auf das deutliche Dementi von Wirecard reagiert die FT jedoch ebenso entschlossen: “Wir stehen zu unserer Berichterstattung”, heißt es auf Anfrage gegenüber MEEDIA. In einem Artikel von Montagmorgen mit dem Titel “Wirecard veröffentlicht Untersuchung von Bilanzvorwürfen” zitiert das Blatt unter anderem einen Sprecher der Singapurer Polizei, wonach die Behörden “die Angelegenheit” untersuchen würden.

Tatsächlich hält man in der Branche auch noch eine andere Lesart für denkbar: Demnach könnten institutionelle Anleger entsprechende Dokumente in bester “Bad Banks”-Manier an die Presse geleakt haben, um von den fallenden Kursen zu profitieren. So hatten offenbar Shortseller in den Tagen vor dem ersten „FT“-Artikel ihre Wetten gegen den Zahlungsdienstleister deutlich aufgestockt. Laut Finanz-Szene.de erhöhte sich das Volumen der zum Leerverkauf verliehenen Aktien innerhalb drei Wochen um rund 250 Millionen Euro. Blieb der Anteil der verliehenen Aktien bis zum 21. Januar über Wochen relativ konstant, zog er bis zum 25. Januar sprunghaft an. Zum vergangenen Mittwoch, dem Tag der Veröffentlichung des ersten Artikels, erreichte er einen vorläufigen Höhepunkt.

Für 13 Uhr hat Wirecard einen Conference Call angekündigt. Tatsächlich geht es nicht nur um die Reputation des deutschen Payment-Riesen. Auch der gute Ruf von Ernst & Young, seit 2008 als Wirtschaftsprüfer für Wirecard tätig, steht auf dem Spiel.

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