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Im Namen des Klicks: Henryk M. Broder vor dem Social-Media-Schnellgericht

AfD-Chefin Alice Weidel umarmt Publizist Henry M. Broder

Das Foto, das den Publizisten und Welt-Journalisten Henry M. Broder zeigt, wie er von der AfD-Chefin Alice Weidel umarmt wird, hat für viel Wirbel und einen veritablen Shitstorm gegen Broder gesorgt. Auch zahlreiche Journalisten und Medienmenschen haben sich daran beteiligt. Die Sache zeigt leider auch, wie wenig lernfähig Medien und ihre Macher sind. Ein Kommentar.

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Anklage, Beweisaufnahme, Urteil – alles in einem Tweet. Foto dran, auf Publish gedrückt – fertig ist das Social-Media-Schnellgericht. Angeklagt und verurteilt wurde in diesem Fall Henryk M. Broder. Er war einer Einladung der AfD-Bundestagsfraktion gefolgt und hatte vor den Abgeordneten eine Rede gehalten. Wie sich herausstellte, war es eine typische Broder-Rede: witzig, provokant, kritisch aber auch fragwürdig, polemisch, ironisch. Man muss weiß Gott nicht mit allem einverstanden sein, was er da sprach, bzw. später bei der Welt als Text dokumentiert wurde. Dass er die Auftritte der jugendlichen Klima-Aktivistin Greta Thunberg zum „Kindesmissbrauch“ erklärt oder die Gender-Thematik für ziemlich bescheuert hält, wird für Kenner des Broder’schen Oeuvres keine Überraschung sein. Nebenbei erklärt er auch, dass er nicht daran glaubt, dass es einen von Menschen herbeigeführten Klimawandel gibt. Das bringt zuverlässig viele Zeitgenossen auf die Palme. Broder weiß das und drückt mit Lust die Knöpfe, die die Nadel in den roten Bereich wackeln lassen.

Broder baute in seine Rede vor der AfD aber auch ein Plädoyer für freie Meinungsäußerung ein. Er schrieb und sprach: „Ich trete ein für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft ein, in der niemand ausgegrenzt wird. Ich beurteile die Menschen in meiner Umgebung nicht nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion, sondern danach, ob sie – grob gesprochen – auch andere Meinungen als die eigenen gelten lassen.“ Das wiederum ist kaum ein Sound, der nach lupenreiner AfD klingt. Ohne ihn namentlich zu nennen, bekam auch der bei der Rede abwesende AfD-Chef Alexander Gauland von Broder einen mit, indem er dessen berüchtigtes „Vogelschiss“-Zitat rüffelte: „Es geht auch um etwas, das unsere PC-mäßig unverdorbenen Eltern in die Worte ‚Das tut man nicht‘ fassten. Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die 12 schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen ‚Vogelschiss‘.“ Es gibt noch viele weitere lesenswerte Stellen in der Rede Broder vor der AfD. Dass man ihm in allen Punkten folgt, würde Broder wohl auch gar nicht erwarten. Aber man kann, wenn man die Rede denn gelesen hat, wirklich nicht sagen, Broder habe sich damit bei der AfD angebiedert.

Man könnte sogar zum Schluss kommen, dass Broder mit seiner Rede der AfD deutlicher die Stirn geboten hat, als etwa die Chefredakteure von ARD und ZDF, als diese ebenfalls eine AfD-Einladung folgten und im Oktober vergangenen Jahres auf einer von der AfD Dresden veranstalteten Podiumsdiskussion zu Gast waren. Peter Frey vom ZDF und Kai Gniffke von der ARD waren damals sehr bemüht, die AfD-Anhänger nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen (hier die Folge unseres Podcasts „Die Medien-Woche“, die sich mit dem Auftritt der ARD- und ZDF-Chefs bei der AfD befasst). Die beiden Top-Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zeigten viel Verständnis. Man stelle sich mal vor, ein bekannter AfD-Politiker hätte den ZDF- oder ARD-Chefredakteur an die Schulter gefasst, umarmt oder ihm die Hand gegeben, es wäre ein Foto gemacht worden, das von der AfD in den sozialen Medien veröffentlicht worden wäre.

Wäre dann auch ein Shitstorm losgebrochen?

Vermutlich nicht, weil Frey und Gniffke die Reflexe der Social-Media-Meute nicht so triggern wie Henry Broder. Broder ist mit seinem Blog-Projekt „Die Achse des Guten“ dem linksliberalen Milieu schon seit jeher ein Dorn im Auge. Broder selbst ist auch ein Typ, der natürlich aneckt, der giftig sein kann und ungerecht. Der provoziert, polemisiert und den Streit eher sucht, als ihm aus dem Wege zu gehen. Das alles kann man von Peter Frey und Kai Gniffke nicht sagen.

Aber brechen wir die Debatte um das Broder-AfD-Foto doch mal runter auf die Frage: Sollten Journalisten (oder Politiker) mit der AfD reden? Frey und Gniffke haben es getan. Sie sind einer Einladung der AfD gefolgt. Broder hat es getan. Er ist einer Einladung der AfD gefolgt. Ich halte dies in beiden Fällen für richtig. Die AfD ist eine frei gewählte Partei, natürlich muss, sollte und darf man mit deren Vertretern reden. Den vielleicht besten Beitrag zur Entzauberung der AfD lieferte der ZDF-Journalist Thomas Walde, der Gauland einem Interview dadurch entzauberte, dass er lauter Sachfragen stellte, die nichts mit dem AfD-Leib- und Magen-Thema Flüchtlinge zu tun hatten. Wenn man kritisiert, dass Broder mit und vor der AfD redete, müsste man dann nicht auch kritisieren, dass das ZDF Alexander Gauland zum Interview einlud?

Oder war der Auftritt Broders bei der AfD gar nicht der Aufreger, sondern wirklich nur das Foto? Broder selbst bezeichnet es als kleinkariert und banal, dass Leute sich über das Umarmungsbild aufregen. Er selbst hat in seiner Rede vorweggenommen, dass die AfD ihn instrumentalisiert. Es war von Alice Weidel womöglich nicht sehr nett, diese Foto-Situation herbeizuführen. Broder selbst sagt, er sei überrascht von der Wirkung des Bildes. Weidel dürfte davon nicht überrascht gewesen sein. So wie Broder regelmäßig Knöpfe drückt, auf dass sich die Leute aufregen, so tut dies auch die AfD. Viel, sehr viel wurde darüber geredet und debattiert, dass die Medien nicht über jedes Stöckchen springen sollten, das die AfD hinhält. Oft muss man aber berichten, weil es schlicht relevant ist, etwa wenn der AfD-Vorsitzende das Dritte Reiche als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet.

Hier, in diesem speziellen Fall des Umarmungs-Fotos, hätte man aber wirklich mal die Füße stillhalten können. Aber das scheint ja nicht zu gehen. Der Reiz der schnellen Klicks und der Instant-Aufmerksamkeit durch Social Media ist für Medien und Journalisten schlicht zu groß. Jeder Witz, jede Pointe muss mitgenommen werden, jeder Affekt muss bedient werden für den schnellen Klick und das schale Like. Sie können offenbar nicht anders.

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