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Henryk M. Broder über das AfD-Foto: „Der Shitstorm kam aus einer Ecke, aus der ich ihn nicht erwartet hätte“

Der Publizist Henryk M. Broder bei der AfD-Fraktion

Große Aufregung über ein Foto, das den Publizisten und Welt-Journalisten Henryk M. Broder zeigt, wie er von AfD-Chefin Alice Weidel umarmt wird. Broder hielt eine Rede vor der Bundestagsfraktion der Partei. Als die Empörung über das Bild hochkochte, war der Inhalt seines Vortrags noch unbekannt. Später wurde der Text bei welt.de veröffentlicht und zeigt ein deutlich differenzierteres Bild. MEEDIA sprach mit Broder über die Empörungswelle, seinen Auftritt bei der AfD und das berühmte Foto.

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In der Rede, die Sie vor der AfD-Bundestagsfraktion gehalten und bei Welt.de veröffentlicht haben, haben Sie den Shitstorm selbst schon vorweggenommen. Sie haben geschrieben: „Wenn es keinen Shit-Storm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.“ Ist der Shitstorm nun ungefähr so geworden, wie sie sich das vorgestellt haben?
Ja, so ungefähr. Was ich nicht geahnt habe: Ich dachte, die Leute würden abwarten, bis die Rede erscheint. Aber dass sie sich dermaßen über ein Bild aufregen, ohne zu wissen was ich gesagt habe – das finde ich kommt einer einen kollektiven Ejaculatio Praecox sehr nahe.

Wie kam das Bild denn zustande?
Sie kommen jetzt in die Schleifspur der Leute, die sich über mich aufregen. Sie wollen nur etwas über das Bild wissen und die Rede interessiert sie nicht? Ich finde, es ist eine ausgezeichnete Rede.

Wir können gerne über die Rede reden. Aber der Aufreger ist aktuell das Bild und man kann sich verschiedene Situationen vorstellen, wie das Bild zustande gekommen ist. Ich würde das gerne von Ihnen hören. Den berühmten Kontext.
Ich finde es nachträglich bedauerlich, dass ich diese Situation nicht inszeniert habe. Es kann irgendein linker Trottel im DLF sagen, dass es Holocaust-Leugner und Klima-Leugner gibt – daraufhin gibt es keinen Shitstorm. Aber wenn ich von Frau Weidel umarmt werde, die, soviel ich weiß, weder wegen Drogenhandels noch für die Förderung von kriminellen Clans in Berlin abgeurteilt wurde, dann regt sich das halbe Land auf. Ich finde das albern. Wie das Bild zustande gekommen ist, kann ich Ihnen genau sagen: Ich kam in den Saal, ging in eine Ecke, legte meinen Mantel ab und zog meine Mappe mit Notizen heraus. Da kam Frau Weidel auf mich zu und nahm mich in den Arm. Ich war überrascht, denn das passiert einem 72-Jährigen selten, dass ihn eine junge Frau spontan umarmt. Ich hatte offenbar nicht den nötigen ethisch-moralischen Widerstand dagegen entwickelt. Ich muss zugeben, ich hätte nie geahnt, dass so was zu solchen Irritationen führen würde. Wenn ich das klarstellen darf: Die Initiative ging nicht von mir aus, sondern von Frau Weidel. Ich habe das weder als sexuelle Anmache noch als politische Vereinnahme empfunden. Wobei das vielleicht ein bisschen leichtfertig von mir war, ich habe das ja auch in der Welt geschrieben: Politiker und Journalisten sollten nicht öffentlich miteinander knutschen. Außer bei Will oder Maischberger. Da geht alles!

Sie haben das in ihrer Rede auch schon vorweggenommen und gesagt, es sei ihnen bewusst, dass sie von der AfD instrumentalisiert werden aber das sei Ihnen wurscht. Jetzt hat diese Instrumentalisierung vielleicht ein bisschen eine andere Form angenommen, als Sie das womöglich vermutet haben. Hätten Sie damit gerechnet, dass dieses Bild in dieser Form verbreitet und kritisiert wird?
Als Jude in Deutschland können sie der Instrumentalisierung gar nicht entgehen. Dass es aber dabei so eine Heftigkeit annehmen würde – damit hätte ich nie gerechnet. Das bestätigt meine Erfahrung, dass nichts so zuverlässig ist wie der Zufall. Der Shitstorm kam aus einer Ecke, aus der ich ihn nicht erwartet hätte. Ich sage noch einmal: Als es mit dem Shitstorm losging, war noch kein Wort meiner Rede bekannt gewesen. Niemand wusste, ob ich bei der AfD einen Mitgliedsantrag stelle, ob ich die in die Tonne schreibe oder was ich mache. Nur wegen einem banalen Bild brach die Empörung los. Ich werde mich nie wieder trauen, bei einer längeren Autobahnfahrt irgendwo hinter einen Baum zu pinkeln. Irgend jemand könnte mich fotografieren und dann als Exhibitionisten vorführen. Man lernt aus allem.

Aber Sie sind schon lange im Geschäft und haben viele provokante Texte geschrieben und Dinge gesagt, an denen sich Leute reiben. Sie sind bekannt dafür, dass Sie einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen. Die Aufgeregtheiten der Welt und der Medien sind ihnen nicht fremd. Da finde ich es schon ein wenig überraschend, dass Sie die Aufregung um dieses Foto nicht nachvollziehen können. Dass da niemand sagt: Jetzt warten wir mal ab, was er in seiner Rede gesagt hat, damit muss man doch rechnen.
Kann sein, dass ich mir da eine gewisse polnisch-romantische Naivität bewahrt habe, aber damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Und wissen Sie was: Damit war auch nicht zu rechnen. Der Reizpunkt war ja: Broder bei der AfD. Ob es da ein Foto mehr oder weniger gibt, wäre ja völlig egal. Die Leute regen sich darüber auf, dass ich mich von Frau Weidel habe umarmen lassen. Ich bitte Sie! Banaler und kleinkarierter geht es doch gar nicht mehr! Was wäre denn gewesen, wenn sie mir aus irgendeinem Anlass eine Ohrfeige gegeben hätte?

Was ging Ihnen im Moment des Fotos durch den Kopf?
Ich habe das nur kurz wahrgenommen. Was mich beschäftigte, war etwas ganz anderes. Ich hatte ein Geschenk für Gauland mitgebracht, eine amerikanische Krawatte mit Freiheitsstatue und Stars and Stripes. Der Mann ist ja kein großer Amerika-Liebhaber und ich dachte, es wäre eine gute Pointe, ihm diese Krawatte zu schenken. Auch, damit er mal seine Hunde-Krawatte zur Reinigung bringen kann. In dem Moment des Fotos überlegte ich gerade, ob ich die Pointe mit der Krawatte zu Beginn oder am Ende des Vortrages bringen sollte. Gauland war aber nicht da, es wäre also nur eine symbolische Überreichung gewesen. Das waren meine Gedanken in dem Moment. So banal ist das.

 

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Warum haben Sie die Einladung der AfD angenommen?
Ein Grund war der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs, der im Bundestag den AfD-Leuten zurief: Schaut in den Spiegel, wie hässlich ihr seid. So einen Satz würde ich mir dreimal überlegen. Diese Form der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ist einfach gruselig. Ich kann dazu nur eins sagen: Wenn mich morgen eine fanatische, islamistische, homo- und judenfeindliche Moschee zu einem Vortrag oder einem Gespräch einladen würde, würde ich auch hingehen.

Gäbe es denn überhaupt Einladungen, die Sie ablehnen würden?
Wahrscheinlich von Veganern. Wegen dem Essen. Ich hasse Tofu.

Es wird jetzt auch viel über Sie im Netz ausgegraben, u.a. ein altes Foto, das Sie auf einem Gruppenbild mit dem Gründer der rechten Webseite Politically Incorrect, heute PI-News, zeigt. An anderer Stelle war zu lesen, Sie hätten sich schon längst als AfD-Wähler geoutet. Wie gehen Sie damit um?
Das Foto entstand bei einem Treffen von Bloggern, bei dem Stefan Herre (Gründer von Politically Incorrect; Anm.d.Red.) auch dabei war, vor 14 oder 15 Jahren, sollte also inzwischen verjährt sein. Ich war auch schon mal mit Erika Steinbach im Café und habe Kurt Waldheim in Wien besucht. Mein Gott, ich bin 50 Jahre im Showbusiness unterwegs, da kann man schon einiges ausgraben. Ich hätte noch mehr gefunden. Dass ich mich als AfD-Wähler „geoutet“ hätte, ist Unsinn. Sie „outen“ sich ja heute schon als AfD-Wähler wenn sie nicht der Meinung sind, dass es einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt. Es gab auch witzige Reaktionen, zum Beispiel von meiner besonderen Freundin Sawsan Chebli. Die hat getwittert: „Und der sagt mir, ich hätte einen an der Klatsche“. Ich muss sagen, das ist eine wirklich coole Reaktion. Aus Frau Chebli und mir könnte noch was werden.

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