“Ziemlich großer Unsinn” beim Facebook-Tausch: So heftig geht Hasnain Kazim den „Palmer-Man“ an

Der Journalist und der Politiker: Hasnain Kazim, Boris Palmer (v.li.)

Boris Palmer und Hasnain Kazim haben in einem ungewöhnlichen Filterblasen-Experiment seit Montag ihre Facebook-Accounts getauscht: Tübingens Oberbürgermeister verfasst Postings im Namen des Spiegel-Reporters und anders herum. Doch irgendwie verläuft das Social-Media-Experiment nicht wie geplant.

Es war der Abschluss einer angeregten Debatte zwischen Zweien, die gerne und viel diskutieren: Rund zwei Stunden lang redeten Tübingens Oberbürgermeister und der Spiegel-Reporter für CampusTV über Diskussionskultur und Meinungsäußerung im Netz. Bis schließlich Palmer vorschlug: „Wissen Sie was: Debattieren Sie doch mal auf meiner Facebookseite mit und ich nehme Sie in Schutz gegen alle Angriffe. Und ich debattiere auf Ihrer Seite mit und Sie verteidigen mich!“. Kazim musste schmunzeln, überbot aber sogar den Vorschlag: „Nein, ich übernehme für eine Woche Ihre Seite und Sie für eine Woche meine!“ Der Saal im Tübinger Kino Museum tobte.

Facebook: Accounttausch Boris Palmer / Hasnain Kazim

Sie haben ihr Versprechen eingehalten. Boris Palmer und Hasnain Kazim haben ihren Facebook-Account getauscht. Der Spiegel-Autor postet nun zu Tübingern Themen wie Miet-und Wohnungspreisen. Der Oberbürgermeister Themen aus der Politik. Der eine jeweils auf dem Profil des anderen – eine Woche lang. Wir sind gespannt auf das Experiment. Wer wissen möchte, wie es zu dem Tausch kam: https://bit.ly/2S6VLG4

Gepostet von CampusTV Tübingen am Montag, 28. Januar 2019

Im Anschluss sicherten die Kontrahenten zu, die eigenen Facebook-Accounts entsprechend vorzubereiten. Und sie hielten Wort: Seit Montag postet der Spiegel-Autor zu Tübinger Themen wie Miet- und Wohnungspreisen. Der Oberbürgermeister widmet sich Themen aus der Politik. Das war zumindest der Plan.

Doch bereits an Tag 2 geht Kazim den Grünen-Politiker direkt an:

Benimmregeln. Oder: Was man sagen darf und was nicht. Oder: Was Meinungsfreiheit ist. Oder: Warum Palmer nicht…

Gepostet von Boris Palmer am Montag, 28. Januar 2019

Der Spiegel-Korrespondent setzte sich am Dienstag in einem langen Facebook-Post zunächst mit Vorwürfen auseinander, wonache man in Deutschland seine Meinung aufgrund von Zensur und Political Correctness nicht mehr frei äußern dürfe: „Das ist, mit Verlaub, ziemlich großer Unsinn. Selbstverständlich darf man in Deutschland zunächst einmal alles sagen“, so Kazim. Auch dürfe man Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik kundtun. „Und natürlich darf man auch den Islam nicht mögen“, schreibt der Journalist auf Facebook. Jedoch müsse man für seine Worte auch geradestehen. Und Aussagen hätten Konsequenzen. Vermeintlichen Trollen sagt der Spiegel-Reporter direkt den Kampf an. Denen, die  „eine Konversation kapern wollen, die ausschließlich auf Provokation aus sind“. Auf dieser Facebook-Seite hätte er am Vortag ein paar davon erlebt. „Ich stoppe den Austausch mit ihnen, und wenn sie dennoch weitermachen, blockiere ich sie.“

Tag 3Guten Morgen aus Tübingen an die Leserschaft von Hasnain KazimTag 1 wollte ich nutzen, um Ihnen zu zeigen, dass…

Gepostet von Hasnain Kazim am Dienstag, 29. Januar 2019

Daraufhin nimmt er sich Palmer direkt zur Brust: „Provokation kann durchaus ein Mittel der Kommunikation sein. Ich glaube, ich kann Provokation ganz gut“, so Kazim. Es mache ja auch Spaß, Trottel zur Weißglut zu bringen. Palmer könne auch Provokation. „Der sagt, die sei wichtig, um Bewegung in die Politik zu bringen. Provokation sollte aber nicht zum Standardinstrument werden, wenn man eigentlich einen konstruktiven Dialog will. Palmer ist ein gutes Beispiel dafür, dass sie im Übermaß schädlich ist“, so der Spiegel-Reporter auf Facebook. In Tübingen mache er, soweit er das beurteilen könne, eine gute Politik. „Dennoch hat er sich mit seinen Provokationen für eine Aufgabe als Landes- oder Bundespolitiker disqualifiziert. Er gilt auf längere Sicht als ’nicht durchsetzbar‘, das sagen mir selbst ihm wohlwollende Leute. Das ist Folge seiner Worte, und die hat er nun zu tragen. Er hätte sich auch klüger äußern und mehr erreichen können.“

Palmer hält sich bei kritischen Rückfragen zurück

Eine Retourkutsche Palmers blieb bislang aus. Der 46-Jährige präsentiert sich als „Palmer-Man“, Kazims Profibild tauschte er gegen eine Batman-Zeichnung ein. In einem ersten Zwischenfazit zeigt er sich zufrieden: „Die gestrige Umfrage hat gezeigt, dass ich bei der hiesigen Leserschaft mehrheitlich sogar auf Wohlwollen zählen kann, die empörten, abweisenden und teilweise mit dem Nazivorwurf kombinierten Kommentare sind also nicht repräsentativ.“ Umso mehr sei er gespannt, „ob wir noch in eine konstruktivere Diskussion über meine Thesen kommen werden.“ Jedoch werfen ihn unter dem Posting mehrere Nutzer vor, gar nicht auf die Kommentare einzugehen. Tatsächlich hält sich „Palmer-Man“ bei der Beantwortung kritischer Rückfragen eher zurück.

Großartig anders sieht das beim von Kazim gekaperten Palmer-Profil allerdings auch nicht aus. Auch hier kommentieren Facebook-Nutzer fleißig, allerdings ohne große Gegenwehr oder Replik des Spiegel-Reporters. Dabei hatte dieser noch am Montag nach der Übernahme angekündigt: „Mir geht es um: Austausch, den Versuch, die Follower des anderen zu verstehen, vielleicht ein bisschen zur Versachlichung beizutragen, Dinge zurechtzurücken – oder auch einzusehen, dass hier und da Dialog wirklich keinen Sinn hat.“

Beide Kontrahenten scheinen sich darauf zu beschränken, ihre Thesen in der vermeintlich anderen Filterblase zu teilen. Zur Provokation taugt das allemal, zum Austausch vielleicht weniger. Lediglich das Publikum, an das sie sich wenden, hat sich seit Montag geändert. Vielleicht wäre die ursprüngliche Idee, zusammen mit dem jeweils anderen und dessen Fans oder Followern zu diskutieren, zielführender gewesen.

Bis Ende der Woche soll das Facebook-Experiment noch laufen.