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VW lädt Journalisten zu Event – und will Berichterstattung zensieren

Volkswagen-Werke in Wolfsburg

Dieselgate, Top-Manager in Haft oder angeklagt: Volkswagen kann derzeit eigentlich nicht noch mehr schlechte Presse vertragen. Für eine Veranstaltung am Dienstagmorgen griff die PR-Abteilung der Wolfsburger deswegen zu radikalen Methoden. Das ging nach hinten los.

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So ist es den Journalisten, die an der Veranstaltung in Isenbüttel teilnehmen wollen, untersagt, Bild- und Tonaufnahmen anzufertigen. Zudem dürfen keinerlei Zitate oder Fakten, die im Rahmen des Events mitgeteilt werden, publiziert werden, wenn diese nicht zuvor durch die Presseabteilung des Konzerns abgesegnet worden sind. Oder mit anderen worden: zensiert. Das scheint sogar zu gelten, obwohl zusätzlich eine Sperrfrist festgelegt wird.

In der Einladung zur Präsentation des neuen, elektrisch angetriebenen iD-Autos heißt es unter anderem: „Um sicherzustellen, dass keine vertraulichen Inhalte veröffentlicht werden, müssten wir Sie bitten, uns Zitate (direkte und indirekte) und auch die Fakten zuzuschicken, die Sie gedenken zu verwenden“, ist auf Horizont nachzulesen. Und weiter: „Wir können ein (sic!) solchen Zugang leider nur gewähren, wenn wir die Artikel vor Veröffentlichung einmal sehen und ggf. ändern können, da zum Teil vertrauliche Firmeninternas (sic!) besprochen werden, die zwar für den Handel wichtig sind, die wir aber aus verständlichen Gründen nicht einer breiteren externen Öffentlichkeit zugänglich machen wollen.“ Eine Ausnahme würde es nicht geben. Wer die Einladung annehme, stimme den Bedingungen zu, heißt es.

Geheimhaltungsvereinbarung reicht nicht aus

Dass Unternehmen bei nicht-offiziellen Präsentationen vor dem Launch neuer Produkte um Geheimhaltung bemüht sind, versteht sich. Andernfalls würde man einen möglichen Wettbewerbsvorteil riskieren. Für gewöhnlich unterschreiben Journalisten zu diesem Zweck aber eine Geheimhaltungsvereinbarung (NDA) mit einer klar definierten Sperrfrist, ab der die Informationen veröffentlicht werden dürfen – ohne vorherige Abnahme durch die Unternehmenskommunikation. Wer dagegen verstößt, muss für gewöhnlich mit hohen Geldstrafen rechnen. Das scheint dem Wolfsburger Autobauer aber nicht zu genügen. Gegenüber Horizont beruft sich ein Unternehmenssprecher auf Vorgaben seitens der Rechtsabteilung.

Was nun aber die PR-Abteilung der Wolfsburger geritten hat, die freie Berichterstattung unterbinden zu wollen, lässt sich nur mutmaßen. Ein Grund dürfte sein, dass es sich bei der Veranstaltung primär nicht um ein Presseevent handelt. Vielmehr will man Händler als Markenbotschafter für die neue Elektro-Modellreihe gewinnen. Zudem seien „wenige, ausgewählte Journalisten“ geladen worden. Dass die Einladung dennoch einem größeren Kreis zuteil würde, dürfte den für Presseeinladungen ungewöhnlichen Bedingungen geschuldet sein.

Für die geladenen Journalisten stellt sich die Teilnahme am Event als ein Dilemma dar: Wenn einer der größten Autobauer der Welt exklusive Informationen zu einer neuen Produktreihe verkünden will, hat das hohe Relevanz. Ist dieser Autobauer zuletzt durch den Dieselskandal in Verruf geraten und will sich nun im Elektroauto-Segment neu erfinden, umso mehr. Allerdings kann kein journalistisches Erzeugnis, das im Anschluss eines solches Events und vor dessen Publikation erst noch von der Unternehmens-PR abgesegnet wird, als journalistisch unabhängig bezeichnet werden. Und dürfte somit für viele der geladenen Medien mit entsprechenden Compliance-Regeln unbrauchbar sein. Selbst als Hintergrundgespräch taugt ein solches Event dann kaum – wenn denn die gewonnenen Informationen vor der Publikation erst noch von VW abgesegnet werden müssen.

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