Partner von:
Anzeige

“Aufgabe einer Jury kann es nicht sein, Fakten zu überprüfen” – Reporterpreis-Jury erklärt die Auszeichnung für Fake-Reporter Claas Relotius

Meedia-Relotius-1.jpg

Im Nachgang zur Affäre um den ehemaligen Spiegel-Reporter Claas Relotius, der zigfach Reportagen fälschte, für die er vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, arbeitet die zuständige Jury des Reporterpreises den Fall aus ihrer Sicht auf. Die Jury-Mitglieder, die Relotius erst Ende 2018 zum vierten Mal den Reporterpreis zudachte, zeigt sich selbstkritisch aber auch enttäuscht, wütend und beschämt. Die Mitglieder machen sich zudem Gedanken, was sich ändern sollte.

Anzeige

Relotius gewann Ende 2018 mit dem Spiegel-Text “Ein Kinderspiel” seinen vierten Reporterpreis. In dem Text beschreibt er Videochats mit einem Syrer, der als Junge mit einem Graffito angeblich den Syrienkrieg auslöste. Relotius hat, nachdem aufgeflogen war, dass er seine Stories fälschte, alle Reporterpreise zurückgegeben.

“Natürlich ist der Fall Anlass zur Selbstüberprüfung und Gewissenserforschung. Er wird aber leider von Einigen als Plattform für Besserwisserei, Spiegel-Bashing und Neunmalklugerei missbraucht”, sagt Nikolaus Brender, ehemaliger ZDF-Chefredakteur und Mitglied der Reportage-Jury des Reporterforums, das den Reporterpreis verleiht. Konkrete Vorschläge, was sich ändern sollte, machen die Jury-Mitglieder auch. TV-Produzent Friedrich Küppersbusch etwa nennt aus seiner Sicht sechs Ideen:

1. Man kann die Texte anonymisieren, um den möglichen Zampano-Nimbus oder auch – Malus von AutorIn/Redaktion zu verringern. (Bei Feldenkirchens Schulz-Story zum Beispiel wär´s jedoch eh wurscht, die kannte jeder.)

2. Man kann die Debatte um inhaltliche Plausibilität notorisch ansetzen.

3. Man kann das Beuteschema feiner justieren: Reportage ist, was der berichtet, der im Berichtszeitpunkt vor Ort war. (Damit wäre “Kinderspiel” raus und eine Reihe sehr guter, ex post berichtender Texte. Nicht wenige Texte sind eher “Dokumentationen” als “Reportagen”. Relotius´ ebenfalls gefälschter Text über die Hinrichtungsbegleiterin kam im Gewand der klassischen Reportage daher und wäre drin geblieben.)

4. Man kann Demut gegenüber vermeintlichen Querulanten üben. Diesmal hat uns einer gefehlt.

5. Man kann den inhaltlichen Ertrag höher bewerten und stilistische Brillanz niedriger – da scheint derzeit ein Dissens zu herrschen.

6. Man kann einen oft ungerechten Argwohn gegenüber klassischen “Heldenreise” – Erzählungen entwickeln.

Interessant an den Aussagen der Jury-Mitglieder ist, dass es durchaus eine gewisse Kontroverse um die abermalige Verleihung des Preises an Claas Relotius gab. Cigdem Akyol, freie Journalistin aus Zürich, sagt: “Es gibt durchaus Geschichten aus dem Ausland, die mich stutzig machen: Manche Szenen und Dialoge passen einfach zu gut in die Dramaturgie, es wirkt perfekt. Auch bei der Geschichte von Claas Relotius gab es Bedenken in unserer Runde – auf mich aber wirkte die arabisch-deutsche Übersetzung sauber, die Reportage war packend, Details aus Syrien schienen richtig – eine wichtige Geschichte, sehr gut erzählt, so lauteten meine Argumente. Zudem bin ich davon ausgegangen, dass komplett erfundene Geschichten es nicht ins Heft schaffen würden.”

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von MEEDIA (@meedia.de) am

Anzeige

Der Stil von Relotius wurde von einigen Jury-Mitgliedern als zu “kitschig” empfunden. Letztlich gab es aber eine knappe Entscheidung für den Text. Deutsche Welle-Chefredakteurin Ines Pohl gibt bei allen Fragen, denen sich die Jury nun stellen muss, auch zu bedenken: “Die Aufgabe einer Jury kann es nicht sein, Fakten zu überprüfen. Das muss in den Redaktionen geleistet werden.” Kollektiv hält die Jury fest: “Wir sind erschüttert, wir sind enttäuscht, wir sind wütend und, ja, wir schämen uns, dass wir diesem Betrüger auf den Leim gegangen sind.” Insgesamt gehörten der für die Kategorie Reportage zuständigen Jury zehn Journalistinnen und Journalisten an. Hier gibt es die kompletten Erläuterungen aller Jury-Mitglieder als PDF.

In der SWR1-Radiosendung “Leute” hat sich auch der ehemalige Spiegel-Reporter und Mit-Initiator des Reporterpreises, Cordt Schnibben, zum Fall Relotius geäußert. Er habe nicht direkt mit Relotius zusammengearbeitet und auch keine Texte von ihm redigiert, so Schnibben. Er habe aber immer mal wieder mit ihm gesprochen, “man hatte so das Gefühl, dass er ein ganz zurückhaltender, schüchterner Mensch ist. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass er ständig Angst hatte, dass man hinter die Fassade blickt. Aber weil er eben so eine Type war, konnte er, glaube ich auch, so viele Leute täuschen.”

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

    1. Genau.

      Und das gilt für alle:
      Jeden an den Pranger, fertigmachen, draufhacken, trauftreten, mit Schmutz bewerfen, imma und imma wieda und durch den Fleischwolf drehen und dann als Faschierter aufs Kreiz auffinageln.

      Ja, so is Leben. So einfach.
      Das hätte jeder andere und jede – auch gesagt. Exakt so.

    2. Die Quote der nicht mehr ganz Zurechnungsfähigen hier ist aber echt gut! Andere kreuzigen , weil sie nicht denken wie man selber – ist ein neues highlight der allgemeinen Verrohung…Ronald, Ronald- und das auch noch wegen Sacha Lobo- einer der trübsten Tassen in diesem trüben Geschäft. Starke Nummer !

  1. Der Relotius-Schlamassel ist schon schlimm. Verwunderlich, wie sich nun alle herausreden wollen, Herr Bender, Frau Pohl etc. Dass das dem Spiegel passiert ist, ist schon possierlich. Was wurde uns Normalo-Journalisten stets die Edelfedern von Spiegel, Zeit u.a. als leuchtendes Beispiel vorgehalten! Wir waren ja schon allesamt für Minderwertigkeitskomplexe qualifiziert. Das es bei manchen nicht so kam, war wohl Chefredakteuren mit sehr viel gesundem Menschenverstand geschuldet und uns, die wir für jeden Fakt, jede Zahl, jede Begebenheit, jedes Zitat in unseren Artikel gerade stehen.

      1. Gestern um 21.34 Uhr schon betrunken gewesen? Und heute Morgen ab 7.51 Uhr (siehe unten) immer noch oder schon wieder?

  2. Die Relotius-Blamage wäre sicherlich jedem einzelnen Juror des “Reporterpreises” ähnlich passiert, wenn er selbst Spiegel-Chefs gewesen wären. Meine jahrzehntelange Erfahrung ist: Je abgehobener und selbstgerechter ein TV-Chefredakteur oder ein Zeitungsressortchef auftritt, umso willfähriger lässt er sich von politisch nahestehenden Kollegen an der Nase herumführen. Bei derart “gewachsenen” Beziehungen wird – wissentlich und auf Verdacht – quasi alles durchgewinkt. Wenn schon die Richtung stimmt, stimmt auch der Inhalt…

  3. Sehr interessant- “wir sind nicht für Fakten zuständig”. DAS HAT MAN AUCH GEMERKT! Trotzdem- danke für diese Bestätigung!

  4. bla, bla, bla

    wenn es nur darum geht für eine selbsternannte Elite im Hintergrund….die Meinung zu machen.

    Der Faker hat geliefert was gewollt wurde.

  5. Ich finde diese Ideen des Herrn Produzenten herzerfrischend. Pfuuuuhhhh. Ich lieg vor lachen, der Herr Produzent hat einen Humor, der relativ selten is. Sowas gefällt mir gleich bessa.

  6. Nee, ich glaub das nicht mit der Angst.

    Aber wurscht, soll der Herr Schnibben denken und glauben was er will. Was geht das mich eigentlich an?

    NIX.

    1. Oda doch?

      Weil: Die Überschrift gfallt mir ned.

      Es ist Aufgabe…blablabla.

      Es ist Aufgabe eines Juris Fakten zu überprüfen, und do steig i ned oba, wurscht wos is.

      “Party”. Logo? Nein kapiert keiner?

      P A R T Y. So wie Partei…parteilich sein zb…???

  7. ps. sollte es irgendjemandem besser gehen, dann hungere ich gerne freiwillig. Mehr oder weniger. Sagt es.
    Ich habe kein Problem damit mich zu opfern. Und die Schuld zu tragen.

    So bin ich.

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia