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„Leicht erkennbare Fehler“: Spiegel legt Relotius-Fälschungen offen – und entzaubert den eigenen Mythos vom knallharten Factchecking

Claas Relotius

Der Spiegel hat fast die Hälfte aller Texte überprüft, die der Fälscher Claas Relotius im Laufe der Jahre geschrieben hat. Das Ergebnis ist niederschmetternd für die Branche im Gesamten – und ganz besonders für das Hamburger Medienhaus. Es entzaubert die früher so hochgelobte Dokumentation des Hauses, die „jedes Wort“ überprüfen sollte. Einige der Fakten hätte sie im Vorfeld erkennen können.

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Der Spiegel hat auf seiner eigenen Seite damit begonnen, die Fehler der rund 60 Beiträge des als Hochstapler enttarnten Claas Relotius öffentlich zu machen. 28 der 60 Beiträge sind bereits „verifiziert“, und in ihnen entdeckte das Hamburger Medienhaus fast immer bewusste Fälschungen, Übertreibungen oder willkürliche Ergänzungen. Relotius gelang es dabei sogar, selbst einfachste Fakten zu vertauschen. Viele davon hätte die Dokumentation des Hauses im Vorfeld entdecken können, was sich auch der Spiegel eingesteht.

Es beginnt damit, dass Relotius offenbar schon simple Tatsachen verwechselte: Ein Protagonist einer Geschichte, der offiziell tot, in Wirklichkeit aber sehr lebendig war, hieß etwa nicht Constantin Reliu, sondern Reliu Constantin. Ein kurzes Gespräch mit ihm hätte den Irrtum aufdecken können. Dieses hat Relotius aber nur fingiert. Während einer Gerichtsverhandlung trug der Protagonist laut Relotius zudem eine „Schiebermütze“. Kopfbedeckungen sind vor rumänischen Gerichten jedoch gar nicht erlaubt.

Auch beim Text Touchdown über den US-Footballspieler Colin Kaepernick, der sich aus Protest gegen Rassismus in den USA zur Nationalhymne vor Spielbeginn hinkniete, entdeckte der Spiegel Fehler, die vor Veröffentlichung des Textes leicht zu erkennen gewesen wären. „So wird ein anderer im Text erwähnter Footballspieler, der sich über Rassismus-Erfahrungen beklagt, fälschlicherweise auf derselben Spielerposition wie Kaepernick verortet: Quarterback, ‚einer der besten überhaupt‘, heißt es im Text.“ Tatsächlich spielte er in der Mannschaft als Verteidiger.

Als fragwürdig stellten sich auch Behauptungen von Relotius in dem Text „Königskinder“ heraus, in dessem Nachgang der Spiegel-Fälscher Spenden von Lesern einsammelte, was ihm eine Strafanzeige einbrachte. So schrieb Relotius in der Reportage 2016, der Krieg sei an einem „Sommertag vor zwei Jahren“ nach Aleppo gekommen. Dabei war die syrische Stadt seit Sommer 2012 zwischen Regierungstruppen und Rebellen umkämpft. Ebenfalls leicht nachprüfbar sei die Behauptung gewesen, die Protagonisten der Reportage hätten nach ihrer Einreise in die Türkei Wassermelonen geerntet. Der Spiegel dazu: „Da die Haupterntezeit für Melonen in der Türkei von Mai bis September dauert, stellt sich vor dem dargestellten Zeithorizont die Frage, ob die Kinder rechtzeitig in der Türkei ankamen, um noch bei der Ernte helfen zu können“.

Spiegel räumt ein: Faktenfehler wären bei Textkontrolle „relativ einfach zu erkennen“ gewesen

So zieht sich das durch so ziemlich alle Texte, die Der Spiegel in seiner Offenlegung behandelt. Auch bei der preisgekrönten Reportage „Nummer 440“ über das Leben von Jemeniten Mohammed Bwasir, der „2002 aus Afghanistan nach Guantanamo kam und dort 14 Jahre lang eingesperrt war, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben wurde“. Die Darstellung von Relotius widerspricht im Wesentlichen den Akten des US-Verteidigungsministeriums, die zuvor über Wikileaks öffentlich wurden. Bwasir kam laut Pentagon-Akte im Mai 2002 nach Guantanamo. Laut Relotius sei er jedoch schon im Februar dorthin gekommen. Der Spiegel dazu: „(Der Unterschied) ist auch deshalb wichtig für die Geschichte des Reporters, weil es entscheidet, ob Bwasir überhaupt im Camp X-Ray, in den berüchtigten Käfigen, eingesperrt war. Camp X-Ray wurde nämlich Ende April 2002 geschlossen.“

Es sind Fakten, die nicht immer den Ton der Geschichte prägen, aufmerksame Faktenchecker aber zumindest hätten stutzig machen können. Der Spiegel bezeichnet sie vereinzelt in seinem Text als zum Teil „relativ einfach zu erkennen“. Das lässt vermuten, dass die Dokumentation bei den Texten des preisgekrönten Reporters einiges versäumt hat: Schließlich ist es gerade die Härte und Genauigkeit der Faktenchecker, die der Spiegel stets voranstellte. Selbst die Wetterdaten der Rechercheorte würden genau überprüft, hieß es immer wieder.

Einen Großteil der Detailfehler konnte die Spiegel-Dokumentation laut eigenen Angaben aber gar nicht erkennen. Selbst im Nachhinein lassen sich einige Schilderungen nicht zweifelsfrei überprüfen. Etwa Beschreibungen aus dem Bürgerkrieg in Syrien, wo nur wenige Journalisten vor Ort sein können. Oder Gespräche mit Dortmunder Kneipenbesitzern über die Wahl von Donald Trump, von denen offenbar weder vollständige Namen noch Bilder dokumentiert sind.

Reporter Relotius täuschte seinem Arbeitgeber Recherche-Reisen vor, die er gar nicht antrat

Abseits dessen führte Relotius seinen Arbeitgeber allzu häufig bewusst an der Nase herum. Bei seiner Zulieferung zur Titelgeschichte „Nass“ über den Klimawandel stellte sich etwa heraus, dass der Fälscher die eigentlich geplante Reise zum Inselstaat Kiribati im Südpazifik gar nicht angetreten habe. „Er sei zwar laut Buchung nach Los Angeles geflogen, von dort aber nicht weitergereist“, heißt es beim Spiegel. Immer wieder lässt sich dieses Muster erkennen: Relotius fingierte für seine Geschichten Interviews mit Protagonisten oder eine Recherche vor Ort, bediente sich stattdessen öffentlich zugänglichen Quellen und spitzte diese in unzulässiger Weise zu.

Die Tatsache, dass sich so viele Schilderungen nicht belegen lassen, grundsätzliche Faktenfehler aber trotzdem nicht erkannt wurden, scheint ein grundsätzliches Problem zu sein, mit dem sich das Hamburger Medienhaus beschäftigen muss. Die Offenlegung der Fehler in den Relotius-Texten ist in dieser Hinsicht ein erster Schritt; die Aufklärung damit aber noch lange nicht beendet.

(rt)

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