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“Die meisten Redaktionen unternehmen nichts gegen Desinformation auf Facebook” – #ichbinhier-Admin Alex Urban nimmt Medien in die Pflicht

Die Facebook-Gruppe #ichbinhier versucht unter der Leitung von Alex Urban  das Klima in den Kommentarspalten zu verbessern
Die Facebook-Gruppe #ichbinhier versucht unter der Leitung von Alex Urban das Klima in den Kommentarspalten zu verbessern

Als Admin der Facebook-Gruppe #ichbinhier überblickt Alex Urban täglich die Nutzer-Kommentare auf den großen Medienseiten bei Facebook. Im Interview mit MEEDIA fordert er die Online-Redaktionen zu mehr Verantwortung auf – man dürfe Accounts, die den Diskurs vergiften und ihre Narrative verbreiten wollen, keine Bühne bieten. Das Thema müsse endlich in den Köpfen der Redakteure ankommen.

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Das Facebook-Projekt #ichbinhier beobachtet seit über zwei Jahren die Kommentarspalten der großen Facebook-Seiten. Hat sich das Klima gebessert?
Alex Urban: Es ist eher schlechter geworden. Accounts mit Sympathien für Rechtspopulismus bis hin zum Rechtsextremismus sind besser vernetzt und nutzen die großen Medien geschickter als Bühne. Wenn die Medien nicht endlich reagieren, wird sich daran nichts ändern. Wir alleine kämpfen gegen Windmühlen.

In einem offenen Brief fordern Sie Online-Redaktionen auf, sich intensiver mit Kommentaren unter ihren Facebook-Posts auseinanderzusetzen. Was hat Sie gerade jetzt zu dem Brief bewogen?
Der Frust hat sich bei mir über die letzten Jahre angestaut. Ich war einfach enttäuscht von den Medien. Die meisten Redaktionen unternehmen nichts, um gegen Desinformationskampagnen auf Facebook vorzugehen. Sie lassen zu, dass der Diskurs von ihren Seiten vertrieben wird.

Was meinen Sie damit?
Wenn die Bildzeitung etwa über ein Gewaltverbrechen von Asylbewerbern berichtet, landet dieser Artikel über den Tag hinweg viermal auf der Facebookseite. Dadurch bekommt die Bild zwar mehr Klicks. Es verstärkt aber auch unnötig Aggressionen und Wut. Das ist insbesondere dann schädlich, wenn den Kommentaren nicht einmal widersprochen wird.

Nehmen Online-Redaktionen Facebook also nicht ernst genug?
So scheint es. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Seiten. Die Welt nehme ich zum Beispiel aus meiner Kritik heraus. Dort sitzen Journalisten hinter dem Social-Media-Account, die schon nach den ersten Kommentaren versuchen, Wind aus den Segeln zu nehmen.

Mit Erfolg?
Bei der Welt lässt sich das sehr gut vergleichen. Als Die Welt und N24 auf Facebook noch separate Seiten aber bereits eine gemeinsame Redaktion hatten, posteten beide dort identische Artikel. Mit dem Unterschied: Die Welt hat die Posts moderiert, N24 nicht. Bei der Zeitung sahen die Kommentarspalten ganz gut aus, bei N24 waren sie eine Katastrophe.

“Bewusstsein fehlt, was Desinformationen anrichten können”

Wie sollte eine gute Moderation denn aussehen?
Erstmal muss man schauen, wie sich die Kommentare entwickeln. Wenn das von vornherein ausgeglichen ist, muss die Redaktion nicht eingreifen. Sie kann sachliche Kommentare mit Likes unterstützen und loben. Auf unsachliche, hässliche Posts muss sie reagieren. Am besten sind in dem Fall Fakten und weiterführende Links. Wichtig ist, stets auf das Thema des Beitrages zurückzuführen. Ansonsten entgleitet die Debatte. Auch Humor kann helfen, wobei man aufpassen muss, dass dieser nicht falsch verstanden wird.

Warum fällt das einigen Redaktionen so schwer?
Vielleicht fehlt ihnen das Bewusstsein dafür, was Desinformationen anrichten können. Aber natürlich ist es auch eine Geldsache. Es ist zum einen teuer, Social-Media-Redakteure zu beschäftigen. Zum anderen hoffen die Redaktionen vielleicht, dass mehr Kommentare und Reaktionen den Artikel nach oben bringen und sie dadurch den Traffic erhöhen.

 

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In vielen Fällen haben Redaktion wegen des Zensurvorwurfes Angst davor, Kommentare zu entfernen. Können Sie diese Angst nachvollziehen?
Natürlich haben Redaktionen keine Lust, sich ständig mit diesem Vorwurf auseinanderzusetzen. Beleidigungen müssen aber gelöscht werden. Ansonsten liegt es an der Redaktion selbst, ob sie bestimmte Desinformationen stehen lassen möchte oder nicht. Sie können genauso gut auf den Kommentar reagieren und ihn richtigstellen.

Wo liegt denn die Grenze zur Meinungsfreiheit?
Auch wenn das Arbeit bedeutet: Jede Redaktion muss sich selbst klarwerden, ab welchem Punkt sie dazwischen geht. Meiner Meinung nach gilt die Meinungsfreiheit dann nicht mehr, wenn es Richtung Volksverhetzung geht. Sobald es pauschal und unsachlich wird oder wenn es gegen bestimmte Gruppen geht, ist das ein Schritt zu viel.

“Es darf nicht sein, dass über eine Plattform, die wir alle bezahlen, Desinformationen gestreut werden”

In Ihrem offenen Brief haben Sie insbesondere ZDF heute als negatives Beispiel angeführt. Warum?
Mich nervt es, dass das ZDF als gebührenfinanzierter Sender den Accounts eine Bühne bietet, die den Diskurs vergiften und ihre Narrative verbreiten wollen. Es darf nicht sein, dass über eine Plattform, die wir alle bezahlen, Desinformationen gestreut werden können. Das ist hier ganz massiv der Fall. (Das ZDF hat sich zu den Vorwürfen unter dem Brief auf Facebook geäußert, Anm. d. Red.)

Wie ist das bei den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern?
Bei der “Tagesschau” ist das nach meinem Gefühl ausgeglichener. Bei ZDF heute wird man als Kommentator sofort angegangen, ausgelacht oder muss sich zynische Kommentare gefallen lassen. Wenn es darum geht, dass im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot verunglückt ist, kommen dort Posts wie “selber schuld” und ähnliche Sachen.

Moderiert die “Tagesschau” also besser?
So genau lässt sich das nicht sagen. Möglicherweise machen die mehr im Hintergrund, filtern Kommentare besser aus oder löschen sie schneller. Der Unterschied ist auf jeden Fall merklich.

Haben Sie Hoffnungen, dass sich Online-Redaktionen bessern werden?
Ehrlich gesagt nein. Die Debatte ist an sich nicht neu. Wir warnen seit Monaten vor diesem Missbrauch in den Kommentarspalten. Ich glaube das Thema ist nicht einmal in den Köpfen der Redakteure angekommen.

#ichbinhier ist eine Facebook-Gruppe, die gegen Hasskommentare im Netz vorgeht, um das Diskussionsklima auf Facebook zu verbessern. Gruppenmitglieder identifizieren Beiträge, unter denen besonders viele solcher Kommentare zu finden sind, und versuchen die Diskussionen zu versachlichen. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig, indem sie die Beiträge der Mitglieder liken.

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