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Neuer Spiegel-Chef Klusmann beruft Clemens Höges und Armin Mahler als Interims-Blattmacher

Clemens Höges (links) und Armin Mahler sind übergangsweise Blattmacher des Magazins
Clemens Höges (links) und Armin Mahler sind übergangsweise Blattmacher des Magazins

Beim Spiegel kehrt nach den Enthüllungen in der Betrugsaffäre um Ex-Reporter Claas Relotius langsam Ruhe ein: Die dreiköpfige Aufklärungskommission hat ihre Arbeit aufgenommen. Unterdessen berichten die Funke-Zeitungen in einer Kolumne, dass erste personelle Konsequenzen in der Dokumentation gezogen wurden. Außerdem ist die Frage, wer übergangsweise als Blattmacher agiert, offenbar geklärt.

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Als Interims-Chefs werden Armin Mahler und Clemens Höges als Blattmacher der Nachrichtenmagazin fungieren, wie der Spiegel auf Nachfrage von MEEDIA mitteilte. Der frühere Chef der Mitarbeiter KG Mahler leitete 27 Jahre lang das Wirtschaftsressort und war zuletzt als Wirtschaftsreporter im Einsatz; Höges dagegen war bereits unter Chefredakteur Wolfgang Büchner dessen Vize, damals neben Klaus Brinkbäumer. Das neu formierte Duo leitet das Magazin nun übergangsweise, nachdem dessen Chef Steffen Klusmann bekannt gab, dass der designierte Chefredakteur Ullrich Fichtner und der designierte Blattmacher Matthias Geyer ihre Verträge vorerst aussetzen werden.

Für Höges führt das Engagement an alter Wirkungsstätte zu einer Doppelbelastung, denn er ist zugleich Mitglied der dreiköpfigen Aufklärungskommission im Fall Relotius und einziger Vertreter mit einer intimen Kenntnis des Hauses: die anderen beiden Task-Force-Mitglieder, die freie Journalistin Brigitte Fehrle und der von der RP an die Ericusspitze gewechselte Spiegel-Nachrichtenchef Stefan Weigel, müssen sich mit den Abläufen beim Nachrichtenmagazin erst noch vertraut machen.

Zu viel Nähe zur Redaktion?

Erste personelle Konsequenzen in der Dokumentation soll es indes schon gegeben haben, berichtet Kai-Hinrich Renner in seiner Medienkolumne für Zeitungen der Funke Mediengruppe. “Der Dokumentar, der für das Gesellschaftsressort arbeitete, für das Relotius schrieb, hat nach Angaben aus Redaktionskreisen ein Vorruhestandsangebot angenommen”, heißt es dort. Beim Spiegel soll das Gesellschaftsressort einen Sonderstatus genossen haben. Laut Bericht hätte der Dokumentar sich “nicht wie die meisten seiner Kollegen in der Dokumentation, sondern auf demselben Flur wie die Redakteure des Ressorts” befunden. Die Spiegel-Pressestelle erklärte, dass der Verlag einzelne Vertragsverhältnisse nicht kommentiert. Außerdem wolle man “der Arbeit und den Ergebnissen der Kommission nicht vorgreifen”. Aller Voraussicht nach wird diese mindestens ein halbes Jahr tätig sein.

Ob das mit dem erwähnten Sonderstatus der Dokumentation tatsächlich stimmt, bezweifelt zumindest der Medienjournalist Daniel Bouhs. Er merkt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter an: “Der Spiegel hat mit dem Umzug ins aktuelle Gebäude die einst separate Dokumentation verteilt in die Nähe der Heft-Ressorts.” Dies sei zuletzt nicht nur wegen des Fact-Checkings passiert, sondern auch, weil die Dokumentare für Ressorts recherchieren.

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Es sei denkbar, dass die strukturelle und auch räumliche Nähe Teil des Problems sein könnte. Womöglich, schließt er, sei es daher klug, “Beschaffung und Kontrolle zu trennen, auch wieder räumlich.” Er twittert: “Nicht ‘Hand in Hand’ arbeiten, sondern im Workflow tatsächlich hintereinander. Vielleicht ist aber auch das bisherige Modell das stärkere. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse der Kommission.”

Entscheidung über mögliche Veruntreuung offen

Hinsichtlich der möglichen Veruntreuung von Spenden (MEEDIA berichtete) durch den Ex-Spiegel-Redakteur hatte der Spiegel vorigen Freitag erklärt, man habe Erkenntnisse und Hinweise an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Diese prüft nun, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen Relotius einleitet. Eine Entscheidung gibt es allerdings noch nicht, wie Nana Frombach, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg, auf Anfrage erklärte.

Nachdem der Spiegel über die mögliche Veruntreuung der Spenden berichtet hatte, räumte Relotius über seine Anwälte schließlich die Vorwürfe im Wesentlichen ein, machte aber geltend, das eingesammelte Geld nicht behalten, sondern sogar aufgestockt zu haben. Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigte den Eingang einer Spende von Relotius im Oktober 2016. Es ist aber davon auszugehen, dass mögliche Unregelmäßigkeiten auch über den bekannten Fall hinaus durch die Staatsanwaltschaft überprüft werden.

Der im Dezember beim Spiegel fristlos ausgeschiedene Reporter hat indes offenbar keinen Redebedarf. Wie sein Hamburger Anwalt auf Anfrage mitteilt, werde es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine öffentlichen Äußerungen in der Sache geben.

tb

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Alle Kommentare

  1. Der (immer selbe) Dokumentar prüft am fertigen Artikel also zumindest teilweise seine eigene vorangegangene Recherche. Ein Hoch auf das legendäre, zu Recht gerühmte, welteinmalige Zwei-Augen-Prinzip! Das ist natürlich bombenfaktensicher.

    1. Berichten Sie doch mal, wie andere Redaktionen ihre Texte verifizieren. Und wie zum Beispiel Sie Relotius auf Anhieb entlarvt hätten.

      1. Ich hätte die Texte schon wegen des Kitschfaktors nicht gedruckt. Es sei denn natürlich, ich würde bei Bunte arbeiten.

  2. Beim SPIEGEL selbst wird sich nicht viel ändern. Märchen, die die eigene Weltsicht bestätigen, sind einfach zu schön.

  3. Die Tatsache, daß diese Neuigkeiten hier, aber nicht beim Spiegel selbst zu finden sind, beweisst, daß das Umdenken nach dem Relotius-Skandal nicht erhöhte Transparenz umfaßt. Auch daß ein beteiligter Dokumentar, nicht aber die direkten Vorgesetzten des Betrügers, freigestellt wurde, deutet auf mangelnde Konsequenz hin. Wo beleiben die systematischen Änderungen? Und hat der freischaffende Journalist Moreno, der angesichts seiner hervorragenden Intuition und seines mutigen Eintretens für die Wahrheit genau zu dem Typ Mitarbeiter gehört, den der Spiegel nun dringend benötigt, endlich eine Festanstellung bekommen? Wohl nicht.

    Also, nein, nein, nein, die Aufarbeitung des oberpeinlichen Falls durch das Hamburger Magazin ist bisher alles andere als überzeugend. Ein begrenztes Eingeständnis von Fehlern und das Bauernopfer eines untergeordneten Mitarbeiters reichen angesichts der Dimension des Betrugs und der jahrelangen Ignoranz einfach nicht aus, um ein echtes Umdenken zu beweisen.

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