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Bild und die „schmutzigen Enthüllungen“ über das Dschungelcamp: Was wirklich hinter der Anti-RTL-Kampagne steckt

Die Bild-Zeitung wird in Zukunft auf einen Teil ihrer Exklusivberichte zum Dschungelcamp verzichten müssen

Mit einer Enthüllungsserie zu den „schmutzigen Tricks beim Dschungelcamp“ schießt Bild derzeit gegen den TV-Sender RTL – obwohl das Blatt selbst jahrelang von der Show profitierte. Was ist denn da los, fragen sich nicht nur Medieninsider. Denn das Timing der Kampagne ist verdächtig: Gerade erst hat RTL sein eigenes General-Interest-Portal gestartet und macht der Zeitung damit mächtig Konkurrenz.

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Jahrelang haben es die Bild und RTL bei der Dschungelshow so gehalten wie in einer friedlichen Koexistenz: Seit der ersten Staffel schickt Bild seine Redakteure nach Australien, damit sie vor Ort über den Dschungel berichten können. Das Boulevardblatt profitierte mit Exklusiv-Inhalten zur beliebten B-Promi-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, mitunter auch kritische. RTL freute sich seinerseits über die kostenfreie PR. Und die Show lockt trotz zuletzt etwas abbröckelnder Quoten regelmäßig Millionen vor den Bildschirm und ist schon fast traditionell das erste große Highlight des Fernsehjahres.

Der Sender störte sich nicht einmal daran, dass die Bild alle Dschungelkandidaten bereits vor der offiziellen Verkündung preisgab. Im Gegenteil: Die Kölner unterstützten die Zeitungskollegen sogar bei ihrer Recherche vor Ort. Die Bild war es, die zuerst mit den ausgeschiedenen Kandidaten sprechen durfte. Und auch die ein oder andere Camp-Info sickerte aus dem Dschungel direkt in die Redaktion.

Ab 2019 aber läuft vieles anders. Erstmals werden die Bild-Redakteure nicht vor Ort sein, wie ein Sprecher von Axel Springer auf Anfrage von MEEDIA bestätigt. Nicht, weil RTL das untersagt – sondern, weil das Springer-Blatt es offenbar selbst verweigert hat. Über den Grund für das plötzliche Desinteresse schweigt sich der Sprecher aus: „Wir kommentieren unsere redaktionellen Entscheidungen nicht.“ Man könnte aber unken, dass dieser auf der Hand liegt: RTL wird die meisten Exklusiv-Inhalte in dieser Staffel selbst einbehalten und auf dem neu geschaffenen Boulevardportal RTL.de platzieren – was die Bild ärgern dürfte.

„Große Enthüllungsserie“

Es ist eine ungewöhnliche Lage für das Springer-Blatt, dass RTL sein eigenes Portal erstmals mit Informationen zur Show bevorzugt und nicht die Zeitung. Dass Bild seine Redakteure deshalb nicht nach Australien schickt, ist die eine Sache. Die andere aber ist die – man kann es kaum anders nennen – Schmutzkampagne, die das Boulevardblatt seit Tagen gegen den Sender fährt: mitten im Countdown des Senders für die neue Staffel, die am Freitag in Australien startet. Bild hat sich für die Serie über angebliche Tricks und Schummeleien hinsichtlich des Aufmerksamkeitsfensters sozusagen die beste Sendezeit ausgesucht – oder, ganz profan betrachtet, den Zeitraum, in dem es dem Privatsender am meisten wehtun könnte. Immerhin lassen sich die Kölner die Dschungelsause alljährlich einen höheren zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Nun gibt’s von Springers Flaggschiff statt freundlicher Unterstützung für das RTL-Format geschäftsschädigendes Trommelfeuer frei Haus. Seit Anfang der Woche veröffentlicht Bild-Redakteur Daniel Cremer (zuvor laut eigenem Bekunden über zehn Staffeln IBES-Reporter vor Ort) mit seinem Kollegen Andreas Thelen „die große Enthüllungsserie“ – eine siebenteilige Abhandlung aller „schmutzigen Tricks“ der Dschungelshow. In seinem Artikel schreibt Cremer: „Zehn Staffeln waren wir in Australien vor Ort und schauten den Promis am Lagerfeuer zu. Jetzt verraten wir zum ersten Mal alles!“ Warum man damit so lange gewartet und das Spiel mitgemacht hat, verrät der Dschungelcamp-Kenner allerdings nicht. Abseits der kritischen Berichte in der Vergangenheit war eine Enthüllungsserie dieser Größe zu der Show bei der Bild noch nicht zu lesen.

Unter den Enthüllungen bislang: der „künstliche Wasserfall“, unechte Spinnenweben und ein angeblicher „Schacht unter dem Plumpsklo“. Und: Im Dschungeltelefon unterhält sich eigentlich gar nicht Daniel Hartwich mit den Kandidaten, sondern ein Produzent. So weit, so unspektakulär.

Empfindlicher dürfte es die Show-Produzenten treffen, dass Bild etwa behauptet, unter der Woche würden lediglich 6.000 Zuschauer für die Kandidaten anrufen (was der Sender vehement bestreitet). Oder dass ein Technikcontainer nur 30 Meter vom Promi-Camp entfernt stehe. Unterm Strich jedoch präsentiert Bild keine Schummel-News, die als Aufreger bei den Fans taugen dürfte; vieles, was das Boulevardblatt den Fernsehmachern ankrittelt, ist einfach einer derart aufwändigen Produktion geschuldet. Trotzdem wirbt das Boulevardblatt mit dieser Serie sogar auf deutschen Straßen:

 

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Was aber ist der Hintergrund des neuen Kurses? Bild sei, so jedenfalls vermutet man in Kreisen der Beteiligten, ziemlich genervt von der Tatsache, dass die auflagenstarke Zeitung beim Dschungel künftig weniger dominant mitmischen kann. Schließlich macht die Showberichterstattung wie der Sport noch immer einen enormen Teil des Traffics aus. Über die Veränderung der Lage sei das Blatt informiert worden, heißt es weiter.

Öffentlich sieht Bild-Chef Reichelt die mediale Konkurrenz im Horizont-Interview dagegen als Ansporn: „Mein Verständnis von Journalismus ist nicht, von irgendjemandem irgendetwas gesteckt zu bekommen, sondern das herauszubekommen, was uns keiner freiwillig geben will.“

RTL fährt Bild in die Parade

RTL kann man indes wohl nicht verübeln, mit Inhalten über den Dschungel, die früher bei der Bild gelandet sind, nun dem eigenen Portal Auftrieb zu verleihen. Die Kölner scheinen dennoch überrascht ob der aus ihrer Sicht trotzigen Reaktion des Verlags – und haben deshalb auf ihre Weise reagiert. RTL hat den kompletten Fragenkatalog der Bild-Redakteure nebst Antworten vorab veröffentlicht, um den Enthüllungen den Wind aus dem Segel zu nehmen. 76 Fragen beinhaltet dieser, darunter auch äußerst Lapidares wie „Ist es richtig, dass es ein Tempolimit auf dem Gelände und in der Umgebung für Produktions-Autos von 30 km/h gibt, und das u.a. Shuttle-Busse die Mitarbeiter ins Camp bringen?“. Die Antwort von RTL: „In ganz Australien gibt es Tempolimits. Auf dem Gelände 10 km/h. Shuttle-Busse gibt es.“ So geht es immer weiter.

In Köln hofft man, dass sich die Bild bald wieder besinnt. Schließlich hat das Portal dank seiner Reichweite auch enormen Einfluss. Die „Schmutz“-Kampagne nimmt man betont gelassen zur Kenntnis – und entsinnt sich an vergangene Jahre: Schon einmal hat es die Zeitung mit RTL nicht gut gemeint, wenn auch in einer ganz anderen Sache. Nämlich als der Kai Diekmann-Freund Dieter Bohlen, seit Jahren der Kopf hinter der RTL-Castingshow „DSDS“, mit einem seiner Enthüllungsbücher beim damaligen Bild-Chef angeeckt sein soll. In der Folge fiel dem Vernehmen nach die Bild-Berichterstattung über die Show erstmal deutlich kleiner aus als üblich. Den Quoten, sagt man, habe das aber nicht geschadet.

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