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Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Hamburger Journalismusexperten Stephan Weichert (re.) und Leif Kramp, digitaler Diskurs: Debatten in “allen erdenklichen Schattierungen”
Hamburger Journalismusexperten Stephan Weichert (re.) und Leif Kramp, digitaler Diskurs: Debatten in "allen erdenklichen Schattierungen"

Kommentare und Reaktionen hunderttausendfach, Tag für Tag: Das „ungeheure Kanalsystem“ der digitalen Medien hat nicht nur das Dialogpotenzial explodieren lassen, sondern zugleich die Partizipationsspirale überdreht. Die Aggressivität und Lautstärke dieser digitalen Debattenkultur ist dabei völliges Neuland. Die Journalismusforscher Stephan Weichert und Leif Kramp beschreiben in einem Essay die Risiken und Nebenwirkungen für die Mediengesellschaft.

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Dies ist der erste Teil eines mehrteiligen Essay- und Interview-Dossiers unter dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, das MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht. Im Januar 2019 erscheint zudem die aktuelle Studie „Hass im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“ von Leif Kramp und Stephan Weichert im Vistas Verlag (Leipzig).

Von Stephan Weichert & Leif Kramp

Als sich der überlebensgroße Radio-Aficionado Bertolt Brecht Ende der 1920er Jahre dafür aussprach, den Rundfunk in den „denkbar großartigsten Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“ zu verwandeln, ahnte er nicht, dass seine Gedankenwelt auch Menschen im 21. Jahrhundert faszinieren wird: Partizipation, Interaktivität und ein selbstbestimmter Umgang mit Medien – das waren die Zutaten seiner später als „Radiotheorie“ bezeichneten Schriften zur Demokratisierung der Medienaneignung.

Wollte der eingefleischte Kommunist Brecht den Rundfunk in „ein ungeheures Kanalsystem“ umbauen, das den Bürgern zu mehr Gespräch, Debatte und Diskurs verhilft, geht es seit Etablierung des Internet um eine nicht minder spektakuläre Herausforderung: den digitalen Raum nach den Werten und Bedürfnissen unserer Gesellschaft auszugestalten und zu bespielen.

Aktueller denn je, unter dem Neologismus „News Literacy“ verhandelt, erstrahlt die leicht verstaubte Medienkompetenz in neuem Glanze: Das Lehrkonzept der eingedeutschten „Nachrichtenkompetenz“ ähnelt jedoch nur ansatzweise seinen medienpädagogischen Urahnen von Brecht über Hans-Magnus Enzensberger bis Dieter Baacke. Sie rückten allesamt die selbstbestimmte Mediennutzung und eine daraus resultierende Kritikfähigkeit der Gesellschaft ins Zentrum ihres Oeuvres.

Zwar hat sich die Medienkritik als Substrat einer gesunden Digitalisierungsskepsis bis dato erhalten. In der digitalen Nachrichtenpraxis geht es aber vorrangig um journalistische „Howdunnit“-Ansätze, also handfeste Kernkompetenzen, die vorrangig in digitalen Tools und Techniken zum Einsatz kommen: Sie werden etwa bei der Verifikation und Faktenprüfung von Informationen genutzt, aber auch im Umgang mit Hassrede und Hetze oder bei der Herstellung von Glaubwürdigkeit und Kenntlichkeit der Medieninhalte. Im Fokus der digitalen Alltagspraktiken steht die Herausforderung für Redaktionen, junge Zielgruppen – vor allem Jugendliche und junge Erwachsene – mit ihren Inhalten begeistern zu können.

Seit Jahren nun macht den Redaktionen, auch den deutschen, die recht hohe Schlagzahl an Gesprächen, Gerüchten und allerlei verbalen Ausdünstungen im Netz zu schaffen. Sie hat die Sehnsüchte der Apologeten von damals zumindest quantitativ bei weitem übertroffen: Das „ungeheure Kanalsystem“ der digitalen Medien hat nicht nur das Dialogpotenzial explodieren lassen, sondern zugleich die Partizipationsspirale überdreht. Alleine die Social-Media-Abteilungen von Spiegel Online und tagesschau.de müssen jede Woche hunderttausende Kommentare und Reaktionen von Nutzern auf ihren Websites durchpflügen und qualifizieren. Brecht auf Speed sozusagen.

Auch qualitativ gesehen weist die Diskursqualität im Netz alle erdenklichen Schattierungen auf: Es gibt harte, aber faire Auseinandersetzungen über Sexismus, Antisemitismus und Flüchtlingspolitik; doch muss man diese eher konstruktiven, lösungsorientierten Diskurse bisweilen mit der Lupe suchen. Im Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst geht es im Digitalen weniger um ein Miteinander als ein Gegeneinander. Nicht Argumentetransfer und Konsensbildung, sondern Schlagabtausch und Verunglimpfung sind das Ziel omnipräsent erscheinender Sprachterroristen.

Die Aggressivität und Lautstärke dieser digitalen Debattenkultur ist medienhistorisch betrachtet völliges Neuland. Sie erfordert neue Regeln für die Journalisten, mögliche Restriktionen für die Nutzer, aber auch automatisierte Filtersysteme für die sozialen Medien, um gesellschaftliche Konversation und Debatte einerseits zu zivilisieren, andererseits ihre konstruktiven Dynamiken in Schwung zu halten. Der Traum von der Weisheit der Vielen ist ausgerechnet mit Beginn des Digitalisierungszeitalters zum Albtraum der Schwarmbösen geworden.

Trolle, Hater, Skimmer, Extremisten und der Rest des Social-Media-Pöbels schmieren ungefragt ihre Verbalexkremente an die vermeintlichen Klowände des Internet. In konzertierten Aktionen entlädt sich im Netz das Hässliche, Direkte, Hemmungslose. Mit seinen unvermeidbaren Echokammern und Filterblasen wird das Amalgam von multiplizierter Hassrede und gezielter Provokation in Kommentarspalten schnell zum explosiven Gemisch, das gerade Journalisten eine außerordentliche Frustrationstoleranz abverlangt. Von einer demokratiefreundlichen Debatte, die unsere Gesellschaft bereichert und unser Zusammenleben verbessert, sind wir meilenweit entfernt, was angesichts der Träume, die durch die Interaktivität des Netzes geweckt wurden, bitter ist.

Dass die direkten Kommunikationskanäle im Netz unsere Debattenkultur zusehends verschlimmbessern, ist eines der Hauptprobleme des zeitgenössischen Journalismus. Selbst wenn Journalisten keine direkte Mitschuld an der Verwahrlosung der Sitten im Digitalen tragen, haben sie freilich eine gesellschaftspolitische Mitverantwortung, kaputte Diskurse in eine gewaltfreie Dialogisierung zu transformieren. Im Sinne unseres demokratischen Wertesystems ließe sich ins Stammbuch der Journalisten schreiben, dass der Transfer einer Nachrichtenkompetenz, die sich als digitale Schlüsselkompetenz an den Werten unserer Gesellschaft orientiert, das wichtigste Anliegen auf dem Weg zu einer intakten Debattenkultur sein muss. Es soll darum gehen, Menschen eine souveräne und selbstbestimmte Aneignung des unübersichtlicher werdenden Medienangebots zu vermitteln.

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Die unterschiedlichen Erfahrungen führender Nachrichtenanbieter mit den sich wandelnden Debatten- und Dialogkulturen im Netz, werfen zweifellos viele Fragen auf. Professionelle Strategien zur Bewältigung des Publikumsdialogs oder Regelwerke müssen noch zielgerichtet erprobt werden. Auch die Handhabe von Redaktionen oder einzelnen Journalisten gegen Hassrede im Internet ist weitgehend erratisch. Aber immerhin erklärt das wachsende gesellschaftliche Grundbedürfnis, Fake News zu entlarven und die Echtheit von Quellen zu erkennen, die Renaissance der Medienpädagogik unter digitalen Vorzeichen.

Bereits vor zehn Jahren, noch lange vor Donald Trump und dem Aufstieg der populistischen Alt-right Bewegung, hat Alan C. Miller, Pulitzer-Preisgekrönter ehemaliger Investigativ-Reporter der Los Angeles Times, in Washington D.C das „News Literacy Project“ ins Leben gerufen. Es befähigt Menschen dazu, gefälschte und wahre Nachrichten auseinanderhalten zu können. Das Nonprofit-Projekt hinterfragt, wie Nachrichtenanbieter stärker in die Verantwortung genommen werden können, dysfunktionalen Effekten in der digitalen Kommunikation wie Hassrede, Fake News oder der zurückgehenden Nutzung journalistischer Angebote bei jüngeren Mediennutzern strategisch vorzubeugen und Nachrichtenkompetenz, aber auch das Urteilsvermögen von Medienqualität in der Bevölkerung zu befördern.

Was im Schrank der Gegengifte künftig vorrätig sein sollte, sind lösungsorientierte Storytelling- und Denkansätze, die der in Skandinavien populäre „konstruktive Journalismus“ anbietet. Dem aus den USA stammenden (und dort besser bekannt als „Solutions Journalism“) Paradigma folgend, greifen Journalisten stärker Alltagsthemen und -probleme ihrer Nutzer auf und perspektivieren diese. Journalismus kann auf diese Weise konstruktiv dazu beitragen, das Gespräch unserer Gesellschaft zu verbessern: Er kann mehr Perspektiven aufzeigen, wo und wie es besser laufen kann.

Als wissenschaftlich erwiesen gilt inzwischen, dass die Zufriedenheit und Loyalität der journalistischen Nutzer vor allem dann besonders hoch ist, wenn sie sich und ihre Bedürfnisse ernst genommen fühlen. Der konstruktive Journalismus stellt für die Journalismus-Publikumsbindung vor allem deshalb einen realen Mehrwert dar, weil er Alternativen zur Förderung digitaler Nachrichtenkompetenz eröffnet. Für die Redaktionsarbeit passt dazu die Strategie, vor allem Gegenredner in den Kommentarbereichen zu stärken und die konstruktiven Nutzer zu belohnen.

Damit notorische Trolle und Hetzer das konstruktive Dialogklima mit ihren Hasstiraden nicht vergiften oder Debatten regelrecht kidnappen, sollten diese aus den Kommentarbereichen ganz verbannt und, wo angezeigt, strafrechtlich verfolgt werden. Mit Aktionen wie “Verfolgen statt nur löschen” der Landesanstalt für Medien wollen Medienaufsicht und Behörden Redaktionen dazu ermächtigen und sie bei der juristischen Kärrnerarbeit unterstützen.

Wie können Journalisten eine zeitgemäße Nachrichtenkompetenz fördern und vermitteln? Neben der allmählichen Entgiftung der Debattenkultur und der Adaption innovativer Denkansätze wie dem konstruktiven Journalismus sind zur Beantwortung dieser Frage vor allem digitale Angebote, Formate und Vertriebskanäle richtungsweisend, die sich an junge Zielgruppen richten. Der demographische Bruch in der Mediennutzung hat zu großen Verwerfungen und Disruptionen in der Branche geführt, die nicht nur die Glaubwürdigkeit, sondern vor allem die Sichtarbeit und Erkennbarkeit journalistischer Inhalte infrage stellen: Als schwierige, aber nicht unlösbare Herausforderung gilt derzeit, wie Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt noch mit Nachrichten erreicht werden können, und wie sie verstehen, was das journalistische System zu leisten imstande ist.

Der Stellenwert der Millennials, also der Generation der zwischen 1981 und 2000 Geborenen, ist kaum zu überschätzen, weil sie quasi die letzte – häufig durch ihr Elternhaus – mit traditionellen Medien sozialisierte Generation sind: Weil sie der Gradmesser für journalistischen Erfolg der nächsten Jahre sind, kommen Journalisten nicht umhin, neuer Wege erproben zu, mit deren Hilfe sie Nachrichten für junge Menschen in sozialen Netzwerken, auf digitalen End- und Ausspielgeräten und über innovatives Storytelling erlebbar machen.

Digitale Nachrichtenkompetenz ist in erster Linie kommunikative Kompetenz, die uns hilft, unser kritisches Denkvermögen zu schulen: Durch sie erlernen wir, die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit von Medieninhalten zu beurteilen. Sie hilft uns im Informationschaos den Überblick zu behalten und authentische Nachrichtenquellen von Fehlinformationen zu unterscheiden. Sie kann konstruktive Diskursstränge zueinander ins Verhältnis setzen und destruktive Debatten eliminieren. Sie kann soziale Bezüge zur digitalen Kommunikation herstellen und ihre Konsequenzen ausleuchten.

Sie kann unsere Kompetenzen und Kenntnisse der technischen, ökonomischen und organisatorischen Rahmenbedingungen digitaler Medien, einschließlich der praktischen Methoden zu ihrer Gestaltung und Publikation für die breitere Öffentlichkeit, nachhaltig verbessern. Sie kann zur Entschleunigung des Nachrichtengeschäfts und zur Akkuratesse seiner Akteure beitragen. Schließlich kann sie – neben vielen weiteren Punkten – Schemata, Strukturen und Strategien erarbeiten, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Der Journalismus spielt bei alledem eine entscheidende Rolle: Er kann ihre Didaktik und Entwicklungsprozesse beschleunigen, indem er den Austausch zwischen den Redaktionen, aber auch mit und unter den Nutzern fördert. Die Digitalisierung ist zu einem unverzichtbaren Element spätmoderner Gesellschaften geworden. Ihre Risiken kritisch zu reflektieren, ist mehr als eine pädagogische Zielgröße. Es ist unsere Pflicht.
Über die Autoren:
Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang Digital Journalism und das Programm Digital Journalism Fellowship (DJF) an der Hamburg Media School. Seit 2008 lehrt er unter anderem in Hamburg und Berlin als Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft.
Dr. Leif Kramp forscht am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen. Er ist Lehrbeauftragter für empirische Kommunikationsforschung und Nachrichtenkompetenz unter anderem an der Hamburg Media School.

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Alle Kommentare

  1. Trefflich zusammenfassender Beitrag von Weichert und Kramp. Würde mich allerdings freuen, wenn dabei mal die Arbeit von Medien-Ombudsleuten als Baustein berücksichtigt würde. Sie vermitteln Medien-Kompetenz, pflegen den Dialog, die Selbstreflexion und vermitteln zwischen Lesern, Nutzern und Redaktionen. Hier ein Beispiel: https://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/leseranwalt/Falsche-Tatsache-im-Leserbrief;art18771,10148278 .
    Mehr unter http://www.vdmo.de oder konkret bei http://www.mainpost.de/leseranwalt .
    Anton Sahlender
    Leseranwalt der Main-Post
    Vorsitzender der Vereinigung
    der Medien-Ombudsleute e.V.

  2. Es gibt einige klassische journalistische Regeln, die es auch dem Leser erleichtern würden, Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Aber in vielen Medien werden diese mit Füssen getreten.

    Recherchieren soll man immer an der Quelle und nicht in anderen Medien. Wenn das nicht möglich ist, muss man mehrere Quellen für die Recherche berücksichtigen und dabei auch unterschiedliche Aussagen berücksichtigen.

    Wenn es über eine Sache mehrere Ansichten gibt, sollte man immer mindestens eine Meinung und die Gegenposition zitieren.

    Es ist nicht immer möglich, vor Ort nachzuprüfen, ob Auskunftspersonen die Wahrheit sagen. Dann baut man ihre Aussagen am besten als Zitate ein.

    Auch in einem kritischen Artikel ist eine sachliche und höfliche Sprache notwendig.

    Wenn man negative Nachrichten verbreitet, muss man der betreffenden Person oder dem Unternehmen die Möglichkeit zu einer Stellungnahme anbieten.

    Ein Interview lässt man vom Interviewten gegenlesen und berücksichtigt seine Korrekturen.

    Die eigene Meinung der Journalisten muss als solche bezeichnet werden.

  3. Einen Kommentar schreibe ich hier. Und das hat nichts zu tun mit Partizipation, mit Diskurs, Dialog oder was sich Journalisten auch immer aus dem Feedback-Raum erträumen und zusammenträumen:

    Brecht würde sich im Grab umdrehen, ihn mit der aktuellen Diskusson in Zusammenhang zu bringen. Und “Brecht auf Speed” ist leider völlig falsch. Nur weil Enzensberger einen Satz von ihm aus dem Zusammenhang gerissen und für seinen Baukasten instrumentalisiert hat, ist eine völig schiefe Traditionslinie entstanden, die nur besser wird, wenn man Brecht im Original liest.

    Das Problem mit den Postings speist sich aus ganz klaren Quellen: auf der einen Seite falsche Journalistenerwartungen, fehlende Moderations-ressourcen, willkürliche Spielgregen, auf der andern Seite Überforderung mangels Erfahrungen im öffentlichem Reden, Unterschätzung der Folgekommunikation, intransparente digitale Umfelder, Kontextlosigkeit. Und wo Mutwilligkeit dabei ist, da gibt es Gesetze.
    Wer das vertiefen möchte – hier gehts zum PDF:
    library.fes.de/pdf-files/akademie/13352.pdf

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