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Faker-Fake: Falscher Claas Relotius bietet Medien vermeintliche Interviews an

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Rechts: Der "echte" Relotius. Links: Die Mail des "falschen" Relotius

Der Fall Relotius hält die Medienszene weiter auf Trab: Seit einigen Tagen erreichen diverse Medien vermeintliche Interviewangebote des gefallenen Ex-Spiegel-Reporters. Doch dabei handelt es sich offenbar um einen Betrüger.

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Demnach hat ein Unbekannter im Namen von Relotius bei mehreren Redaktionen per Mail und sogar am Telefon Interviews angeboten. Dabei berief sich die Person auf angebliche Interviewanfragen an seine Spiegel-Adresse. Diese sei “aus Gründen, die Sie sich denken können”, nicht mehr zu erreichen. Eine Anfrage erreichte auch die Redaktion von radioeins, die unter anderem mit dem NDR-Medienmagazin “Zapp” bei Geschichten aus der Medienszene kooperiert. Ein Anruf bei der Hamburger Kanzlei Unverzagt von Have sorgte für Klarheit: Gegenüber dem Sender erklärte Relotious’ Anwalt, dass sein Mandant derzeit für keinerlei Interviews zur Verfügung stehe und demnach auch nicht hinter den Angebote stehe. Dennoch stimmte der rbb-Radiosender einem Interview zu.

Angebliches Buchprojekt in Planung

Hatte sich der “echte” Relotius nach Bekanntwerden der Fälschungen Ende Dezember nur kurz über seine Anwaltskanzlei zitieren lassen, gab sich der falsche Relotius im Vorfeld des Interviews recht redselig: Er könne “zu allen Vorwürfen Stellung nehmen”, ließ er verlautbaren. Außerdem wollte er zu seiner Arbeit beim Spiegel auspacken und gab an, über ein geplantes Buchprojekt zu sprechen. Zudem erwähnte er gegenüber radioeins, dass es sich bei seinen gefakten Reportagen wohl nicht um einen Einzelfall gehandelt habe. Vielmehr habe das ein “gewisses System”, zitiert ihn das Medienmagazin “Zapp”.

Als es dann zum Interview zwischen dem vermeintlichen Spiegel-Reporter und radioeins-Moderator Volker Wieprecht kam, legte der Betrüger nach: “Diese Geschichten werden ja überall so gebracht und da kann es gar nicht wild genug sein, nicht wahr? Deswegen war ich da auch der richtige Mann.” Laut “Zapp” schaltete Wieprecht kurzerhand Spiegel-Chefredakteurin Susanne Beyer hinzu, die den Unbekannten anhand der Stimme als Betrüger entlarvte – woraufhin dieser abrupt auflegte. Auch die Medienredaktion des Deutschlandfunks führte ein Gespräch mit dem Fake-Relotius. Ihr Gegenüber hätte “in Stimme und Sprachduktus” dem Auslandsreporter geähnelt, gab man zu Protokoll. Die Journalisten hätten zum Abgleich “Tonaufnahmen aus dem Internet” genutzt.

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Wer dahinter steckt, ist unklar

Offenbar ist der Betrüger, der sich bei diversen Redaktionen über eine falsche Mailadresse meldete, dem Spiegel schon seit einigen Tagen bekannt. Laut Beyer habe man sogar Fotos von dem Trittbrettfahrer, auf denen er eine Mütze trägt und eine Presseausweis mit dem Namen “Claas Relotius” in die Kamera halte. “Wie auch immer er da rangekommen ist oder ob er ihn gefälscht hat. Jedenfalls ist der Mann, den wir auf den Fotos sehen, nicht der Claas Relotius, den wir kennen”, so Beyer.

Wer hinter der Aktion steckt und was seine Motivation ist, bleibt unklar. Der Betrüger verlangte offenbar auch kein Geld als Gegenleistung für ein Interview. Eine Satire-Aktion ist nicht gänzlich auszuschließen. So gehören etwa gefakte Accounts zum Lieblingsmittel der Titanic-Redaktion, um Medien in die Irre zu führen. Allerdings spricht das durch und durch ernste Auftreten des Trittbrettfahrers und der abrupte Gesprächsabbruch während des Interviews eher dagegen. Zumal die Aktion bislang nur die Medienszene zu beschäftigen scheint.

Für eine Retourkutsche der besonderen Art sorgte am Wochenende übrigens die Star Tribune aus Minnesota. Die Kleinstadt Fergus Falls im US-Bundesstaat war in einer der bekanntesten Fake-Geschichten des Ex-Spiegel-Reporters gar nicht gut weggekommen. In dem Text bediente der Reporter so ziemlich jedes Klischeebild vom angeblich tumben, hinterwäldlerischen Trump-Wähler. In einer Glosse drehte die Zeitung Star Tribune aus Minnesota den Spieß nun um und beschreibt einen (fiktiven) Besuch bei Spiegel-Chefredakteur Adolph B. Beethoven.

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