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Spiegel-Fälscher Claas Relotius bestreitet, Spendengelder veruntreut zu haben – und nimmt sich einen Anwalt

Erstmals nach Bekanntwerden der Fälschungsvorwürfe gegen ihn hat sich der ehemalige Spiegel-Reporter Claas Relotius jetzt – zumindest indirekt – öffentlich geäußert. Anlass war die Ankündigung des Nachrichtenmagazins Ende vergangener Woche, Strafanzeige wegen Betrugsverdacht zu erstatten. Über einen Anwalt dementierte der 33-Jährige, Spendengelder veruntreut zu haben. Er habe diese an ein Hilfswerk weitergeleitet und die Summe aus Eigenmitteln sogar noch aufgestockt.

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Die Deutsche Presse-Agentur berichtete am Donnerstagabend über die neue Entwicklung in dem Fall. Dem Spiegel war das Dementi hingegen nur ein Update am Ende eines SpON-Artikels vom vergangenen Sonnabend wert, in dem der künftige Chefredakteur Steffen Klusmann über die geplante Strafanzeige gegen den Ex-Mitarbeiter informiert hatte. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte es geheißen, Relotius sei für eine Stellungnahme zu dem Verdacht nicht erreichbar gewesen. Offenbar war das Magazin durch Leser auf die Spenden aufmerksam gemacht worden, die dem Reporter Geld auf dessen Privatkonto überwiesen hatten, als Hilfe für zwei syrischen Jugendliche, über die Relotius in seiner preisgekrönten Reportage „Königskinder“ berichtet hatte. Die Geschichte, die der Autor 2016 als damals noch als freier Autor für den Spiegel verfasst hatte, war in weiten Teilen erfunden, auch das beschriebene Geschwisterpaar existiert nicht.
Der von Relotius nun engagierte Anwalt Michael Philippi aus der Hamburger Kanzlei Unverzagt von Have argumentiert, sein Mandant habe nach diversen Zuschriften spendenwilliger Leser angeboten, Spendengelder über sein privates Konto zu sammeln und weiterzuleiten. Weiter heißt es in einer schriftlichen Erklärung (die komplette Pressemitteilung ist hier nachzulesen): „Zu keinem Zeitpunkt hat er (Relotius, die Red.) jedoch beabsichtigt, Spenden selbst zu vereinnahmen. Eine solche Verwendung ist auch nie erfolgt.“ Tatsächlich habe der Journalist den bis dahin auf seinem Konto eingegangenen Spendenbetrag von rund 7.000 Euro aus eigenen Mitteln auf 9.000 Euro aufgestockt und am 26. Oktober 2016 an die Diakonie Katastrophenhilfe für ein Projekt zur Unterstützung von kriegsflüchtigen Kindern im Irak überwiesen.
Den Spendern, die über die abweichende Verwendung demnach nicht informiert waren, wolle Relotius ihre Gelder „vollständig zurückerstatten“. Zugleich, heißt es abschließend, entschuldige sich der Reporter „ausdrücklich bei allen hilfsbereiten Spendern, die sich in ihrer Intention, an die von ihm geschilderten syrischen Geschwister zu spenden, getäuscht fühlen müssen.“
Auf Spiegel Online ist jedoch nachzulesen, dass Relotius in der Spendenangelegenheit offenbar einen aktiveren Part innehatte, als es die in diesem Punkt sparsame anwaltliche Erklärung vermuten lässt – und dass Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Dementis bleiben. Dort heißt es u.a.:

Auf das fiktive Schicksal von Alin und Ahmed haben sich Dutzende Leser mit Briefen und E-Mails an die Redaktion gewandt und angeboten, den vermeintlichen Waisenkindern zu helfen – wenigstens finanziell. Der SPIEGEL selbst startete damals keine Spendenaktion, sondern verwies in einer späteren Ausgabe auf die Möglichkeit, an die türkische Hilfsorganisation Hayata Destek zu spenden, die sich um syrische Flüchtlingskinder kümmert (SPIEGEL 30/2016).
Relotius aber hat diesen Lesern, ohne Wissen des SPIEGEL, eine ausführliche E-Mail von seinem privaten Account geschrieben. Darin erzählt er, dass er regelmäßig mit den Kindern und deren Onkel in Kontakt sei, dass er sich um sie kümmern und sie in Sicherheit bringen werde.
Er schreibt von seiner Hoffnung, die Kinder und ihren Onkel zusammenbringen zu können.(…) Schließlich wird er konkret: „Wenn Sie also bereit sind, der Familie Geld zu spenden, dann würde ich mich sehr darüber freuen. Als Privatperson kann ich Ihnen leider keine Spendenquittung ausstellen und auch nur meine private Kontoverbindung angeben. Sie müssten mir dann vertrauen – wie auch als Leser – dass ich selbstverständlich jeden Euro und jeden Cent zu 100% an Ahmed, Alin und ihren Onkel weiterleiten werde.“
Einem der Leser schrieb er am 26. Juli 2016: „Es würde mich freuen, wenn wir den Spenderkreis erweitern können. Von einer Veröffentlichung meiner Mail im Internet bitte ich jedoch abzusehen.“ Den zuständigen Chefs erzählt Relotius nicht von seiner Spendenaktion. Auch die Redaktion hat erst durch die Aufarbeitung des Falls Relotius von der privaten Spendensammlung des ehemaligen Mitarbeiters erfahren. (…)
Mindestens einem Leser hat Relotius, einen Tag, nachdem der SPIEGEL die Fälschungen von Claas Relotius öffentlich machte, eine E-Mail geschrieben, die dem SPIEGEL vorliegt. Darin entschuldigt sich Relotius für die Täuschungen – die Spende habe er aber weitergeleitet: „Es gibt diese Geschwister wirklich und das Geld ist ihnen auch zugekommen“. Weil er aber wisse, dass kaum jemand ihm noch glauben könne, biete er an, das Geld zurückzuzahlen, und bitte um Verzeihung „nicht als Redakteur, sondern als Mensch“. Laut Özmen (ein Fotograf, der Relotius bei Recherchen begleitete, Anm. der Red.), der mit der syrischen Familie in Kontakt steht, sind nie Spenden an Ahmed weitergeleitet worden.

Auch zum Thema Fälschungen findet sich in der vom Anwalt verbreiteten Erklärung ein Absatz. Darin wird auf das Eingeständnis von Relotius Bezug auf genommen, „über Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden“ zu haben. Ihm sei „bewusst geworden, dass er hierdurch dem Ansehen des Spiegel und der Presse insgesamt schweren Schaden zugefügt“ habe: „Er bedauert dies zutiefst und wird sich bemühen, diesen Schaden soweit möglich zu begrenzen. Insbesondere hat unser Mandant zu keinem Zeitpunkt denjenigen in die Hände spielen wollen, die seine Reportagen nun mit zweifelhafter politischer Intention als Beweis für die Existenz einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ in Deutschland anführen.“
Mit Material von dpa

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