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Preisgekrönte Frauenfreunde: Thomas Fischers Rückschau auf ein Medienjahr der Skandale von "Wedel" bis "Relotius"

Thomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau

Das Medienjahr 2018 geht zuende, wie es angefangen hat: Mit einem ganz großen Knaller, einem ganz großen „Aufarbeiten“ und der Suche nach einem „System“, das dahintersteckt, wenn unter den Engeln der Wahrheit und Schönheit sich ein Teufel der Lüge und der Niedertracht verborgen hält. Was mit „Wedel“ begann, endet mit „Relotius“. In Fischers kleine Presseschau zieht Kolumnist Thomas Fischer Bilanz.

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Preise!

Dass die heutige Medien-Kolumne ein wenig persönlich gefärbt ist, muss verschmerzt werden; es gilt in unseren empathischen Zeiten ja auch als Zeichen guter Absicht. Man darf die Empathie allerdings auch nicht übertreiben, wie es der preisgekrönte Spitzenjournalist R.  frecherweise jahrelang tat, indem sich zunächst in das Stimmungsbild des umgebenden Soundsystems einfühlte und dann die passenden Tatsachen dazu erfand. Vielleicht ist er psychisch krank. Das wäre nicht nur schadensersatzmäßig eine gute Prophylaxe, sondern auch erklärungstechnisch. Und weil der Wahnsinn im Premium-Journalismus praktisch nie vorkommt, fällt er auch so selten auf. Vor allem, wenn die Fake-Texte allesamt von allerhöchster Qualität sind: Meisterwerke am laufenden Band. Das wird schon dadurch bewiesen, dass ja sonst auf keinen Fall die noch meisterhafteren Chefs und Juroren darauf hereinfallen könnten.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Chefredakteur der ZEIT ist Mitglied der Jury des „Nannen-Preises“ und hat es schon immer gewusst: Zwar hatte man „Zweifel nicht in dem Sinne, dass es Fälschungen waren“; andererseits aber waren die Stücke so, „dass es einige von uns nicht glauben konnten. Auch ich nicht“ (di Lorenzo im SPIEGEL-Interview vom 21.12.2018). Das Nicht-Glauben-Können führte aber, soweit ersichtlich, nicht zu Nachfragen, sondern allein zur Höchststrafe im Nannen-Himmel: Kein Nannen-Preis.
Die Branche wälzt sich seit zehn Tagen im erhitzten Öl stellvertretenden Schämens und tiefgründiger Elegien. Wie konnte es soweit kommen? Wer wusste, wer ahnte etwas? Haben  am Ende gar wir alle versagt, wie einst in Gladbeck? Jedenfalls muss jetzt alles anders werden. Die Schraube dreht sich im Zweistundentakt der Updates, denn unter einem Geysir selbstreferentieller Metatexte tut es die Qualitätspresse nicht. Auf „Facebook“ und „Twitter“ tragen die Kundigen nach, was in die Leitartikel nicht mehr passte.
Es gibt bekanntlich ungefähr 500 deutsche „Journalistenpreise“, fast so viel wie DLG-prämierte Dauerwürste. Der letzte Preis, den der Meisterschreiber R. aus Hamburg erhielt, war der „Reporterpreis“, Anfang Dezember. Auch das „Wedel“-Team der ZEIT war dort und kriegte den Preis dafür, dass es am 4. Januar 2018 enthüllt hat, wer der bis dahin unbekannte Täter war, der zwischen 1975 und 1996 Frauen aus sexuellen Motiven ausgenutzt, bedrängt und genötigt und die gesamte Film-, Fernseh- und Medienbranche in jahrzehntelange Angststarre versetzt hatte. Der Schuldige wurde enttarnt; ihm halfen weder freches Bestreiten noch alte Kumpels. Seinem „System“ wurde mittels Task-Forces und einer Anlaufstelle für Opfer in Bad Hersfeld der Garaus gemacht.
Ein Rechtsanwalt aus München twitterte, die ZEIT habe die von ihr vorgeführten Opfer am Füllhorn des Reporterpreises nicht beteiligt. Das brachte ihm eine Abmahnung des ZEIT-Rechtsanwalts ein, weil es beim Reporterpreis gar kein Preisgeld gibt. Das gibt es beim „Leuchtturmpreis“, den die ZEIT-Redakteure für dieselbe Leistung im Juni auch schon erhalten hatten. Damals teilte die ZEIT mit, dass das Preisgeld von 3.000 € an ein Opferprojekt gespendet werden solle. Man ist bis heute sehr gerührt über die vorbildliche Fürsorge und Loyalität, die man den „die Frauen, die sich uns unter erheblichem Risiko anvertraut haben“ (die stellvertretende ZEIT-Chefredakteurin Sabine Rückert, nach SZ vom 25. 3. 2018), zuteilwerden ließ. Im „Jahresrückblick“ am 3. Dezember schob man daher ein langes Interview mit einer Unternehmerin aus Berlin nach, die – wie gerüchteweise behauptet wird – die einzig selbstrecherchierte unter den präsentierten „Opferzeuginnen“  der ZEIT gewesen sein soll.
 

Opfer!

Der erwähnte Rechtsanwalt aus München vertritt die einst von der ZEIT ins gleißende Scheinwerferlicht getauchte Auskunftsperson Jany Tempel. Sie ist die namentlich bekannte, von der ZEIT am 4. 1. 2018 als Opfer vorgeführte Person. Die ZEIT präsentierte sie für ihre „vorbildliche Verdachtsberichterstattung“ mitsamt ihren psychischen Erkrankungen und Kindheitstraumata, wertete Befragungen ihrer Psychotherapeutin aus, grub sich in die Seele ihrer Kronzeugin, wie man es halt macht als Journalistenpreisträger.
Frau Tempel soll vom bekannten „Medienanwalt“ Sch. aus Berlin an die Redaktion vermittelt worden sein – was, wie man hört, „geheim“ gehalten werden sollte. In langen Besprechungen mit Unter-, Ober- und Chefredakteurinnen soll sie bewegt worden sein, ihren Wunsch nach Anonymität aufzugeben. Bedingung dafür war, so sagt ihr Anwalt, dass das von Tempel geschilderte Tatgeschehen aus dem Jahr 1996 verjährt sei, die Beschuldigung also nicht in einem justiziellen Verfahren überprüft werden könne.
Die Zeugin Tempel benannte weitere mögliche Auskunftspersonen. Mindestens eine davon taucht im preisgekrönten „Zwielicht“-Stück im Zeit-Magazin auf. Diese Zeugin bestand darauf, anonym zu bleiben. Noch vor Veröffentlichung teilte sie mit, dass sie sich nicht richtig wiedergegeben fühle, und verlangte aus dem Text gestrichen zu werden. Die Antwort sei gewesen: Zu spät, die Story stehe, und man verwende das aus ihren Mitteilungen nachrecherchierte Material. Der „Wie ich Wedel einmal vorlesen musste“-Abschnitt kam im „Magazin“-Stück vom 4.1. ohne wörtliche Zitate aus. Die Frauenfreundschaft mit dem ersten Opfer war damit schon beendet, bevor überhaupt der Bericht über „die Frauen, die sich uns unter erheblichem persönlichen Risiko anvertraut haben“, erschien.
Die leidige Verjährungsfrage war ja bei der ZEIT eigentlich gut aufgehoben:

„Frage: Denken Sie, Sie wissen manchmal mehr als die Richter?
Rückert: Ja, manchmal denke ich das. Das klingt jetzt hybrid, aber es ist so. (…) Ich bin Journalistin und ich kenne mich mit Fakten aus. (…) Ich bin eine Fachjournalistin, davon gibt es auch nicht so viele auf diesem Gebiet. Was mich stört, ist die Unwissenheit der Anderen.“
(Quelle: SAKIDA – für Frauen, die mehr wollen, Mai 2011)

 
Und dann gab es ja auch drei Spitzenanwälte: einen für Medienrecht, einen für Zivilrecht, einen für Strafrecht, die mit der Chefredaktion zusammensaßen. Der Zeugin Tempel teilte diese mit: Alles verjährt! Wer genau für die falsche Auskunft verantwortlich und wer überhaupt beauftragt und bezahlt wurde, über die Frage nachzudenken, ist heute streitig. Der Medienanwalt jedenfalls soll gleich nach Irrtumsaufdeckung klargestellt haben, er habe damit nichts zu tun.
Jedenfalls war die Auskunft falsch. Die behauptete Tat gegen Tempel wäre erst 2019 verjährt. Das beruht auf einer Gesetzesänderung von 2015  (§§ 78, 78b StGB), die man gewiss nicht übersehen durfte, wenn man als Rechtsanwalt mit dieser Frage befasst war.
Nun soll auf eine Anfrage der Journalistin Gisela Friedrichsen, die in der vergangenen Woche in der WELT auf die Sache hingewiesen hat, die von der Unwissenheit der anderen gestörte Redakteurin der ZEIT ihre Kollegin darauf hingewiesen haben, selbst der ehemalige Bundesrichter Fischer habe nach Veröffentlichung der Wedel-Story kritisch gefragt, warum eigentlich man „nur verjährte“ Taten präsentiere. Da kann man sehen, sollte das wohl heißen, wie schwer erkennbar der Irrtum war!
Wenn das zutrifft, würde ich mich natürlich darüber freuen, von der ZEIT-Chefredaktion einmal wieder als Referenz zitiert worden zu sein. Denn in der Tat schrieb ich das in einer E-Mail an die Redakteurin, ungefähr eine Stunde nach der ersten Lektüre des ZEIT-Magazins vom 4. 1. 2018. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die im Text verborgenen Informationen zu Tatzeit (die Mutter des damaligen Lebensgefährten erinnert sich, es sei 1996 gewesen) und Lebensalter („Jany Tempel ist heute 48 und hat braune Haare“) noch nicht entschlüsselt.
Die Staatsanwaltschaft München eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen Wedel, das – soweit erkennbar – noch nicht abgeschlossen ist. Die Zeugin Tempel wurde, begleitet von Medienanwalt Sch., von der Staatsanwaltschaft vernommen. Da sie kein Zeugnisverweigerungsrecht hat, musste sie auch alle von ihr bekannten Auskunftspersonen benennen, die anonym bleiben wollten. Alle dürfen sich seither, je nach Ausgang des Ermittlungsverfahrens, auf umfangreiche Vernehmungen in der Hauptverhandlungsschlacht einstellen. Dumm gelaufen!
Die Chefredaktion bedauert natürlich sehr: Wer hätte das ahnen können! Der Zeugin Tempel soll man allerlei Navigationshilfe sowie finanzielle Unterstützung bei möglichen Zivilprozessen Wedels gegen sie versprochen haben. Für die hohen Aufwendungen der Zeugin in dem Strafverfahren gegen Wedel (als „Opferzeugin“ oder Nebenklägerin) reichte die Fürsorge der lieben preisgekrönten Freundinnen allerdings nicht mehr.
Ergebnis: Frau Tempel weiß nun, wie es ist, wenn man sich der ZEIT „unter erheblichem persönlichen Risiko anvertraut“. Sie hat gekriegt, was sie unter allen Umständen verhindern wollte (ein öffentliches Strafverfahren) und sitzt auf einer Kostenrechnung von vorerst 31.000 €. Ihr Rechtsanwalt soll inzwischen Klage gegen die ZEIT erhoben haben. Es scheint fast, als gebe es im großen Wedel-Tribunal der ZEIT nur einen einzigen Gewinner: sie selbst.
 

Frauenfreundschaft

Bekanntlich wird der Kolumnist gern als „Frauenfeind“ beschimpft. Wenn die Burmesters und Schwarzers, Schmollacks und Mayrs losgelassen sind, helfen auch Wortlaut und gute Absicht nichts: Als der Kolumnist zu „#metoo“ ironisch anmerkte, Meldungen über Frauen-Erniedrigung hätten heuchlerische TV-Sender von Frauen verlesen lassen, deren stereotype Herrichtung als sexualisierte Fernsehsternchen die angebliche Betroffenheit Lügen strafte, wurde selbst diese Solidaritätskundgebung von tiefgläubigen Fundamentalistinnen als Nachweis krankhaften Frauenhasses gedeutet. Da muss man durch.
Auch ich, so bekenne ich, habe gesündigt. Einst schrieb ich im Entwurf einer Kolumne folgende Zeilen über Widersprüche in Opfer-Definitionen:

„(…) Und dann, vielleicht, wird die Selbst-Bestimmung der deutschen Frau ein Niveau erreicht haben, das ihrer Natur genügt: Die Verschmelzung von Louboutin-Trägerin, Aufsichtsratsvorsitzender und Kind: Immerzu missbraucht, immerzu zu kurz gekommen, immerzu im Schmerz. Nie genug.“

 
Das war nach Ansicht der ZEIT-Redakteurin zwar ganz nett, reichte aber nicht aus. Nach redaktioneller Bearbeitung lautete die im Juni 2016 veröffentlichte Passage daher so:

„…Und dann – vielleicht, eventuell – wird die Selbst-Bestimmung der deutschen Frau ein Niveau erreicht haben, das ihrer Sehnsucht genügt: Die Verschmelzung von Louboutin-Trägerin, Aufsichtsratsvorsitzender und ewigem Kind. Auf hohen Absätzen, doch immerzu missbraucht. Auf lukrativen Posten, doch immer noch zu kurz gekommen. Auf immer unverstanden sowieso: Kaum trippelt man selbstbestimmt im kurzen schwarzen Spitzenkleidchen übers Parkett, honigblond hochgesteckt, die Augen falsch bewimpert, die Lippen geschürzt, die Brust gestützt ­– da starren schon wieder Männer, es ist doch zum Verzweifeln.“

 
„Soll das Journalismus sein?“, demütigte einst die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT öffentliche eine kleine Möchtegern-Schweigenbrecherin aus der Berliner Online-Redaktion. Das Mäuschen aus der Schar der von manchen Hamburgern gern „Online-Tanten“ Genannten wusste vermutlich noch nicht, wie richtige Loyalität geht.
Aus welchem psychologischen Dunkel sich die Bilder vom schwarzen Spitzenkleidchen, honigblonden Trippeln und der Lukrativität der Dienstleistung speisten, ist nicht mein Problem. Es ist aber, finde ich, ein bisschen ungerecht, dass der angebliche Autor dafür als sexistischer Drecksack beschimpft wird, dieweil sich die Urheberin über Preise für Frauen-Solidarität freut.
 

Jahrestag

Manchmal verbinden sich, wie jeder Hamburger Journalist weiß, Fäden des Lebens auf wundersame Weise. Am 22.10.2016 erreichte mich – damals noch gern gesehener ZEIT-Kolumnist – aus der Chefredaktion die Anregung, ich möge mich in der nächsten Kolumne mit „Maden im Speck“ beschäftigen und mich in diesem Zusammenhang der Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Carolin Emcke, annehmen. Die E-Mail war – zurückhaltend ausgedrückt – sehr deftig formuliert und ließ weder fachlich noch persönlich ein gutes Haar an der ehemaligen ZEIT-Kollegin. Mir waren damals weder die Preisträgerin bekannt noch ihre Texte geläufig. Ich las (und sah) die Paulskirchenrede und das dort preisgekrönte Werk „Gegen den Hass“, und schrieb am 25. Oktober 2016 auf ZEIT Online einen ironischen und nicht wirklich freundlichen, aber gegenüber der Anregung vom 22.10. stark abgemilderten Text, für den ich von der Chefredaktion wiederum sehr gelobt wurde.
Nun geschah – Gerüchten zufolge – Folgendes: Eine hochgestellte Person soll der ZEIT-Chefredaktion die Botschaft haben zukommen lassen, man möge bitte den Kritiker Fischer unverzüglich seines Kolumnistenamtes entheben. Diese gewiss dezent und höflich vorgetragene Bitte hätte – wenn sie denn erfolgte – eine knifflige Lage geschaffen, denn die Umsetzung wäre kaum vollstreckbar gewesen, ohne dass herauskam, aus welchem hasserfüllten Dünger der Frauen-Loyalität die Ironie entsprungen war. Mitglieder der Chefredaktion warfen sich für die Freiheit der Presse und für eine nachträgliche Probezeit für den Kolumnisten (nicht etwa für die Quelle seiner Inspiration!) ins Zeug. Der hochgestellten Person wurden, wie mir berichtet wurde, aus Berlin Ausdrucke sämtlicher Fischer-Kolumnen zur Prüfung zugeleitet.
Es verging ein Jahr. Dann kamen Wedel I (ZEIT Magazin 4.1.2018), und Wedel II (ZEIT Dossier 24.01.2018), und Fischers Kritik daran bei MEEDIA. Er erfuhr am 25. März 2018 aus der Süddeutschen Zeitung, dass die ZEIT sich von ihm „getrennt“ habe:
„Grund sei, dass ein Text Fischers ‚illoyal gewesen (sei) gegenüber unseren eigenen Reportern, die mit erheblichem Aufwand recherchierten, und vor allem auch gegenüber den Frauen, die sich uns unter erheblichem persönlichen Risiko anvertraut haben. Außerdem hatte Herr Fischer keine Argumente‘, sagte Rückert der SZ.“
Die fristlose Kündigung war der Chefredaktion keine Zeile oder Briefmarke wert, und als eine  Journalistin bald danach den Autor via DLF als mutmaßlich impotenten, abgehalfterten alten Mann beschimpfte, voraussichtlich auf dem Weg zu rechtsradikalen Ansichten, meldete der stellvertretende Chefredakteur Ulrich per Twitter, dieser Text habe ihm den Karfreitag erhellt. (Nur zur Erinnerung: Wenn man eine Journalistin als mutmaßlich „ausgemolkene Ziege“ bezeichnet, geht man in die Deutsche Rechtsgeschichte ein als Gegenstand des „Fernsehansagerinnen-Urteils“ des BGH vom 5.3.1963 – VI ZR 55/62. Man kann das vermeiden, indem man schreibt: Ob das Äußere der Dame, das von manchen als „ausgemolken“ empfunden werde, auf zunehmende Frigidität zurückzuführen sei, wisse man nicht genau. So geht Preisjournalismus heute.) Herrn Ulrichs (journalistisches) Credo brach sich am 24.12.2018 auf Twitter Bahn wie folgt: „Gottvater, Gottes Sohn und der Heilige Geist – die Einheit von Macht, Liebe und Wahrheit, nur zusammen bringen sie Heil.“
 

Höllensturz

Den Rechercheuren sei zu verdanken, „dass ein altes Wertesystem ins Wanken geraten ist“, sprach die Vorsitzende des „Netzwerks Recherche“ bei der Verleihung des „Leuchtturmpreises“ für die Wedel-Enthüllung. Das war vielleicht nur die halbe Wahrheit, denn gerüchteweise soll tatsächlich die ganze Recherche in jedem einzelnen Schritt von der stellvertretenden Chefredakteurin geleitet und betreut worden sein. Jedenfalls ist es ein etwas alberner Euphemismus: Das „alte Wertesystem“ ist nämlich weder am 4.1.2018 und noch aufgrund der Ermittlungsarbeit der ZEIT „ins Wanken geraten“, sondern spätestens 40 Jahr früher.
Das „Wanken des Systems“ ist aber natürlich eine Metapher, die zu einer Journalistenpreisverleihung im Jahr 2018 unbedingt dazugehört. Das ganze Medienjahr war ja ein einziges Wanken, bis am Ende der Journalismus selbst wankt unter der Last des ständigen „Schweigen-Brechens“ und der beängstigenden Stille am Schluss einer jeden Enthüllungs-Fanfare.
Nehmen wir das „System“, das die ZEIT frühzeitig als „System Wedel“ aburteilte: Die meines Wissens umfangreichsten, breitesten und lautesten Aufrufe zur Denunziation, zum Begleichen alter Rechnungen und zum „Schweigen-Brechen“, welche die deutsche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, ergaben als meistgelesene Antwort „So etwas wäre heute nicht mehr möglich“. Außer dem von der ZEIT bereits abgeurteilten Herrn Wedel fanden sich in der weiten Welt der Kunst- und Medienindustrie zwar ein Münchner Pianist und der eine oder andere peinliche Redakteur, aber kein aktuell knackiger Fall. Trotz allen Suchens ließen sich in Deutschlands Kulturbetrieben und Redaktionen auch keine halbwegs prominenten Schwulen und Lesben finden, die jemals aus sexuellen Motiven Macht missbraucht oder irgendeinen anderen Menschen ausgenutzt hätten. Selbst die von der ZEIT am Jahresanfang angekündigten „zahlreichen weiteren protokollierten Fälle“ (mal 18, mal 22, mal 26) dürfen nach 10 Monaten wohl als verhungerte Cliffhanger angesehen werden. Über das Fallaufkommen bei der Opfer-Anlaufstelle der Bad Hersfelder Festspiele ist ebenfalls nichts bekannt.
Umso besser! Ein Grund zur Freude! Und nicht dazu, einfach immer weiter im Jammersound zu behaupten, es müsse das „Schweigen gebrochen“ werden, welches ersichtlich aus sich überbietendem Geschrei besteht. Und ganz gewiss nicht dazu, sich auf Kosten der Opfer mit Tapferkeitsmedaillen behängen zu lassen.
So mag sich für heute der Kreis zum Anfang schließen: „Das System, das die ZEIT sucht, hat sie selbst geschaffen, gefördert, gestützt“, schrieb ich einst. Die angeblich psychisch gestörten oder einfach bösen schwarzen Schafe, deren Höllensturz unter lautem Betroffenheits-Schluchzen wir miterleben dürfen, sind von den preisgekrönten Erzengeln selbst zuvor dahin befördert worden, wo sie waren. In Hamburg und anderswo.
 
 

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