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Auch Spendengelder für Waisenkinder veruntreut? Spiegel stellt Strafantrag gegen Lügen-Reporter Relotius

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann

Der Betrugsskandal beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel wird nun doch ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Grund ist, dass der Autor Claas Relotius offenbar nicht nur dutzende Artikel verfälschte und Fakten wie handelnde Personen erfand, sondern möglicherweise auch Spendengelder vereinnahmte, die er auf sein Privatkonto überweisen ließ. Der Verlag kündigte deshalb an, nun Strafanzeige zu erstatten.

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In einem am Samstagabend um 20 Uhr veröffentlichten Beitrag auf Spiegel Online berichtet der Verlag von neuen Vorwürfen gegen den Reporter, der dem Nachrichtenmagazin in dieser Woche einen der größten Skandale der Mediengeschichte beschert hat. Der 33-Jährige mit Preisen überhäufte Claas Relotius steht im Verdacht, etliche, wenn nicht alle seiner mehr als 55 Artikel mit Fälschungen angreichert zu haben; teilweise waren ganze Stories oder deren Hauptdarsteller frei erfunden. Relotius hatte, mit erdrückenden Indizien konfrontiert, in der vergangenen Woche ein Teilgeständnis abgelegt und seinen Vertrag fristlos gekündigt.
Das war augenscheinlich aber noch nicht alles. Spiegel Online schreibt heute: „Wie Leser dem Spiegel mitgeteilt haben, hat Relotius von seinem privaten E-Mailkonto Lesern Spendenaufrufe geschickt, um Waisenkindern in der Türkei zu helfen. Das Geld sollte auf sein Privatkonto überwiesen werden.“ Weiter heißt es: „Die Spenden wurden anlässlich der Geschichte „Königskinder“ überwiesen, die in Ausgabe 28/2016 (9. Juli) im SPIEGEL erschien und von einem syrischen Geschwisterpaar handelte, das als Waisenkinder in der Türkei auf der Straße lebt. Inzwischen steht die Richtigkeit des Textes in Zweifel.“
Das ist noch diplomatisch formuliert, denn den inzwischen erlangten Kenntnisstand reportiert das Nachrichtenmagazin wie folgt:

(Einem Zeugen zufolge) habe Relotius die Biografie des Jungen gefälscht und stark dramatisiert. So hätte Ahmed nicht, wie in dem Relotius-Text angegeben, seine Mutter begraben. Diese lebe noch und arbeite in einem Möbelgeschäft in Gaziantep. Die von Relotius beschriebene Schwester Alin, die als Schwarzarbeiterin in einer Textilfabrik arbeiten soll, kennt Özmen nicht, Ahmed habe keine Schwester auf die die Beschreibung zutrifft. Womöglich ist die Person der Schwester komplett erfunden. Dies wird derzeit vom SPIEGEL geprüft.
Den Ausgang seiner Spendenaktion hat Relotius selbst in einem kürzlich erschienenen Reporter-Sammelband namens „Wellen schlagen“ fortgeschrieben. Darin berichtet er, dass er in mühevoller, monatelanger Arbeit die Kinder zu einer Ärztefamilie nach Niedersachsen habe bringen können, die die beiden adoptiert habe. Dabei handelt es sich offenbar ebenfalls um eine Fiktion.

 
Relotius sei derzeit für aktuelle Stellungnahmen nicht erreichbar, heißt es. Unklar ist demnach, wie viele Spender Geld an den Spiegel-Reporter überwiesen und welche Summe sich auf dessen privatem Konto anhäufte. Das Nachrichtenmagazin betont, dass die Spendenaktion der Redaktion nicht bekannt gewesen sei. Als Konsequenz kündigte der Verlag an: „Der Spiegel wird alle gesammelten Informationen der Staatsanwaltschaft im Rahmen einer Strafanzeige zur Verfügung stellen.“
Bei der ersten Veröffentlichung zu den Fälschungen am Mittwoch hatte es noch geheißen, eine Strafanzeige werde derzeit nicht erwogen, ebensowenig zivilrechtliche Schritte gegen Relotius. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hatte auf Anfrage von MEEDIA erklärt, dass sie keinen Anlass sehe, von Amts wegen zu ermitteln und dies damit begründet, dass bislang „keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für konkrete verfolgbare Straftaten“ vorlägen. Das dürfte sich nun ändern.
Unterdessen hat der ab Januar amtierende Gesamt-Chefredakteur Steffen Klusmann in einem ebenfalls am Samstagabend veröffentlichten Beitrag deutliche Töne angeschlagen und nochmals angekündigt, dass Der Spiegel unter seiner Führung kompromisslos die Lehren aus dem Betrugsfall ziehen werde. Anders als seine Kollegen Ullrich Fichtner und Clemens Höges verzichtete Klusmann dabei komplett auf stilistische Ballett-Einlagen und setzte auf Klartext. Sein Fazit: „Einer Marke mit der Autorität des Spiegel darf ein solches Versagen nicht passieren, das ist hochnotpeinlich und dafür können wir uns nur schämen – egal wie genialisch Relotius das alles eingefädelt haben mag.“
 

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