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Wochenrückblick: Skepsis ist angebracht, dass beim Spiegel nach Relotius die große Umdenke beginnt

Ex-Spiegel-Reporter Claas R., Ex-Außenminister Siggi G., Ex-Bild-Mann Georg S., aktuelles Spiegel-Cover
Ex-Spiegel-Reporter Claas R., Ex-Außenminister Siggi G., Ex-Bild-Mann Georg S., aktuelles Spiegel-Cover

Auch die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne befasst sich noch einmal mit dem Medienskandal um den Spiegel-Reporter Claas Relotius und seine Fälschungen. Außerdem geht es um den Weihnachts-"Skandal" rund um eine Grußkarte, die unchristliche Springer-Weihnachtsfeier und eine "delikate Liebesbeichte"von Sigmar Gabriel gegenüber Giovanni di Lorenzo. Jessas!

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Die Medien-Story der Woche, wenn nicht des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts war die Selbst-Enthüllung des Spiegel, dass der vielfach preisgekrönte Star-Reporter Claas Relotius viele seiner Geschichten über Jahre hinweg gefälscht und verfälscht hat. Was eben noch als preiswürdiger Spitzen-Journalismus galt, ist nun plötzlich verachtenswerte Betroffenheits-Prosa. Jedenfalls in den Augen des künftigen Spiegel-Co-Chefredakteurs Ullrich Fichtner, der für seine umfangreiche Rekonstruktion des Skandals viel Kritik einstecken musste. Der Stil der Aufarbeitung sei zu nah am Relotius-Sound, wurde ihm vorgeworfen. In unserem Podcast “Die Medien-Woche” sagt Fichtner meinem Kollegen und Mit-Podcaster Christian Meier von der Welt dazu: “Sie werden mir glauben, dass ich den Text in einer sehr gedrängten und dramatischen Situation für dieses Haus geschrieben habe und nicht an preiswürdige Formulierungen gedacht habe. Es ist vielleicht ein Stil, der mir eigen ist. Ich habe den Text so gut gemacht, wie ich ihn machen kann.”

Nun, da kann sich jeder selbst ein Bild machen. Was mich skeptisch stimmt, dass beim Spiegel nun bald die große Umdenke einsetzt, sind einerseits die immer noch durchscheinenden Schwärmereien der Spiegel-Top-Journalisten für den gefallenen Reporter. Und andererseits diese beiläufig eingestreuten Selbst-Bestätigungen, trotzdem irgendwie schon alles richtig gemacht zu haben. Fichtner sagt im Podcast auch: “Wir müssen unsere Verfahren überprüfen, wir müssen überprüfen, ob wir richtig aufgestellt sind. Wir müssen überprüfen, ob wir einen Fall wie Relotius bei anderer Organisation früher hätten erkennen können. Aber wir werden nicht grundsätzlich infrage stellen, wie wir hier arbeiten.” Verfahren überprüfen – ja. Aber ans Eingemachte, ans Grundsätzliche möchte man dann lieber doch nicht gehen. Im Spiegel-Morgenletter am Tag nach der Enthüllung schrieben der im neuen Jahr offiziell antretende Chefredakteur Steffen Klusmann und Vize-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit (auch ein Fan des Relotius-Sounds):

Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, unseren Erwartungen nicht gerecht werden zu können mit guten und sehr guten Geschichten. Sie mussten exzellent sein. Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt, waren aber natürlich stolz über die enorme Resonanz auf seine Geschichten und über die vielen Preise, die er gewonnen hat.

“Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt …” Woher nehmen die Spiegel-Chefs die Sicherheit zu wissen, welchen Eindruck sie bei einem Reporter vermitteln? Und warum hat Ullrich Fichtner in seinem Rekonstruktionstext nicht erwähnt, dass er selbst einst Relotius’ Ressortleiter war und als sein Förderer galt? Und dann dieses Titelbild:

Wirklich? “Sagen was, ist”? Dieses komplett überstrapazierte und mittlerweile schon ad absurdum geführte Augstein-Zitat als Titel? Und dann fängt die Story im Print-Spiegel auch schon wieder so gedrechselt-szenisch an: “Ein perfekter Sturm auf dem Meer beginnt meistens, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: Die Wassertemperatur spielt eine Rolle, die Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten, der Jetstream in eisigen Höhen.” Der Spiegel hat einen der dicksten Medienskandale überhaupt an der Backe und im Aufmachertext wird erst mal was vom Jetstream daherschwadroniert. Immerhin haben Sie die Aufarbeitung frei zugänglich gemacht und das Interview zum Fall mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo darin ist sehr gut, vor allem weil klar wird, dass es eben doch vorher schon Zweifel an Relotius und seinen Texten gab: “Dass die Geschichten ganz erfunden sein könnten, darauf wäre auch ich im Traum nicht gekommen. Aber wenn man die Geschichte eines Menschen rekonstruiert und schreibt, wie er geschnauft hat oder wie schnell sein Atem war oder in welcher Geschwindigkeit er durch irgendeine Straße läuft oder welches Lied er dabei anstimmt oder gar, was er sich in einer bestimmten Situation denkt, dann müsste doch instinktiv Skepsis aufkommen. Es soll nicht schlauer klingen, als wir es waren. Ich sage nur: Beim Nannen-Preis ist Relotius nie zum Zuge gekommen.” Da schau her. Auch andere wiesen darauf hin, dass man den Braten womöglich schon früher hätte riechen können:

Wer sich weiter für den Fall interessiert, dem sei noch dieses Video aus dem Jahr 2015 empfohlen, in dem der Chefredaktor des Schweizer Magazins Reportagen, Daniel Puntas Bernet, Relotius und seinen Kollegen Roland Schulz befragt. Es tut weh, sich das mit dem Wissen von heute anzuschauen. Wegen der Art und Weise, wie Relotius da über seine Fakes spricht. Aber auch weil der Chefredaktor in ehrliche Ergriffenheit so sehr von den Texten, die Fälschungen sind, schwärmt. Die ganze Affäre zeigt auch, wie verführbar Journalisten sind.

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Der andere große Skandal diese Woche war natürlich, dass die Integrationsbeauftrage der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, Weihnachten abgeschafft hat. Zum Glück, hat die Bild-Zeitung das aufgedeckt und in allerletzter Minute verhindert. Kleiner Scherz. Aber vielleicht haben sie den Wirbel ja mitbekommen, den die Bild um eine Weihnachts-Grußkarte der Pressestelle von Widmann-Mauz gemacht hat, weil in der Karte das Wort “Weihnachten” fehlte und – um Gotteswillen!!! – drinstand: „Egal woran Sie glauben … wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr.“ Das “Egal woran Sie glauben”, verdrehte die Bild sinngemäß zu einem “Woran Sie glauben, ist egal” und schäumte ohne Ende. Auch FJW wurde bemüht, der Frau Widmann-Mauz einen bösen Brief zu schreiben. Der frühere Bild-Mitarbeiter und Ex-Regierungssprecher Georg Streiter hat sich zu der Bild-Kampagne gegen Widmann-Mauz ausführlich bei Facebook eingelassen:

Dass es neben der Karte von der Pressestelle auch noch eine persönliche Weihnachtskarte von Widmann-Mauz gab, die nicht nur einen viel größeren Verteiler hatte, sondern auch noch ein “friedvolles Weihnachtsfest” und “gesegnetes Jahr 2019” wünschte, hatte die Bild doch auch glatt vergessen zu erwähnen.

Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht noch diesen Nachtrag bei Streiters Facebook-Beitrag:

Auch außerhalb von Facebook habe ich einige Reaktionen bekommen. Darunter auch diesen Hinweis: “… Und, übrigens: Bei der Weihnachtsfeier von Axel Springer tauchte das Wort Weihnachten nicht ein Mal auf, es gab keine Weihnachts-Deko, Musik war Techno, Essen McDonalds und der CEO war als Transe verkleidet …”

Komplett korrekt!

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Weiter oben habe ich das Spiegel-Interview mit Giovanni di Lorenzo gelobt. Der Mann ist ja nicht nur Branchen-Levitenleser und Zeit-Chef, sondern auch Talkshow-Moderator bei “3 nach 9”. In der vergangenen Ausgabe war u.a. Ex-Außenminister Siggi Gabriel zu Gast, der mit der Schnurre um einen Lacher bettelte, dass seine Frau ja früher auf di Lorenzo gestanden habe. Der parierte die Ranwanzerei gewohnt charming und weiter ging’s. Die Szene war eigentlich nicht weiter der Rede wert, doch die zuständige PR-Agentur witterte einen großen Aufschlag. Eine erschütternd lange Pressemitteilung mit Clickbaiting-verdächtiger Zeile wurde fabriziert: “Sigmar Gabriel bei ‘3nach9’: Eifersüchtig auf Giovanni di Lorenzo”, inklusive Bilder-Folge der Szene und passendem YouTube-Schnippsel. Die Gabriel’sche Mini-Anekdote wird von den PR-Profis dabei zur “delikaten Liebesbeichte” hochgejazzt.

Wenn ihr so weiter macht, liebe PR-Profis von der Agentur Position, dann ist bald noch ein Reporterpreis fällig.

Der Wochenrückblick verabschiedet sich mit dieser Kolumne für dieses Jahr, denn irgendwann muss ja auch mal gut sein.

Ein schönes Wochenende, ein frohes und natürlich vor allem gesegnetes (hallo, Bild!) Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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