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Viel zu schön, um wahr zu sein: Der Fall Relotius zeigt, dass der Blick für die harte Recherche verloren gegangen ist

Bernd Ziesemer sieht in der Stilisierung der Reportage eine Fehlentwicklung

Claas Relotius wurde für seine Spiegel-Reportagen mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet. Bewertet wurden dabei immer Dramaturgie und Schreibe, was aber ist mit harter Recherche? Die „Edelreportage“ sei zur „Königsdisziplin des deutschen Journalismus stilisiert worden“, meint Publizist und Ex-Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer, der darin eine Fehlentwicklung erkennt.

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Von Bernd Ziesemer

Der Fall Relotius beim Spiegel sollte Anlass für die Branche sein, etwas über sich selbst nachzudenken. Seit vielen Jahren beobachte ich in vielen Medien eine Verschiebung weg von der harten Recherche und hin zur Inszenierung. Das hat nichts mit der ursprünglichen Idee von „Storytelling“ zu tun, ja nicht einmal mit der eigentlichen Definition einer Reportage: ein Ereignis dicht und detailgenau zu beschreiben, das man selbst mit eigenen Augen gesehen hat.

Auch mit dem Vorbild der großen angelsächsischen „Story“ hat das, was bei uns um sich gegriffen hat, nichts gemein: Was Zeitschriften wie der New Yorker oder die Washington Post betreiben, besticht durch das unglaubliche Ausmaß der Recherchen, die in die Texte eingegangen sind. Die Erzählweise dieser Stories aber ist oft vergleichsweise nüchtern, weit weg vom elegischen Literaturton journalistischer Texte bei uns. Viele deutsche Reportagen, die gleich sackweise Journalistenpreise kassieren, lesen sich irgendwie wie eine Novelle: Viel zu schön, um wahr zu sein.

In den vergangenen Jahren ist die Edelreportage zur Königsdisziplin des deutschen Journalismus stilisiert worden. Dazu beigetragen haben die Chefredaktionen von Qualitätsmedien, die harte Recherchen nicht mehr als Rückgrat ihrer ganzen journalistischen Produktion begreifen, sondern in „Investigativ-Ressorts“ auslagern. Viele Ressortleiter sehen es als ihre Hauptaufgabe, schöne Texte noch schöner zu schnitzen, statt zusätzliche Recherchen einzufordern, die einen Text noch besser machen könnten. Eine kleine Gruppe von Qualitätsmedien schanzt sich gegenseitig die Journalistenpreise zu, die als Bestätigung ihres eigenen Tuns gelten. Unter vielen Top-Journalisten der Republik herrscht eine Art persönliche Kumpanei, die nicht gut ist für die Branche. Und an einzelnen Journalistenschulen (glücklicherweise nicht allen) steht das Handwerkszeug der harten Recherche weit seltener auf dem Lehrplan als die hohe Kunst der Reportage. Das alles ist von Übel für einen guten Journalismus.

Einer der wichtigsten Preise im deutschen Journalismus trägt den Namen eines Reporters, der es in vielen Texten nicht besonders genau mit der Wahrheit nahm. Egon Erwin Kisch war ein Meister der Inszenierung, aber kein Held der Wahrhaftigkeit. Seine „Reportagen“ aus der Sowjetunion waren nichts als kommunistische Propagandastücke. Kisch brachte es fertig, sein großes Traumland zu bereisen und nichts von den Arbeitslagern und dem großen Terror Stalins mitzubekommen. Ja nicht einmal die Hungersnot in der Ukraine, der Millionen zum Opfer fielen, war ihm ein Wörtchen wert. Vielleicht sollte eine Konsequenz der Affäre Relotius sein, einmal über einen Namenswechsel für den Kisch-Preis nachzudenken. Es wäre nur eine kleine Geste – aber immerhin eine Geste, dass wir Journalisten verstanden haben.

Bernd Ziesemer ist Kolumnist für das Wirtschaftsmagazin Capital sowie freier Autor für zahlreiche Wirtschaftsmedien. Von 2002 bis 2010 war er Chefredakteur des Handelsblatt. Darüber hinaus ist er als Dozent an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten tätig. 

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