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Selbstverliebt und preisbesessen: Was der Fall Relotius beim Spiegel über einen Teil der Medienbranche aussagt

Autor Claas Relotius, Heftausgaben mit offenbar gefälschten “szenischen Rekonstruktionen” des Spiegel-Reporters
Autor Claas Relotius, Heftausgaben mit offenbar gefälschten "szenischen Rekonstruktionen" des Spiegel-Reporters

Tag 1 nach der Enthüllung einer der schwerwiegendsten Medienskandale der Republik. Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hat über Jahre hinweg teils erfundene Reportagen veröffentlicht und wurde dafür mit Preisen überhäuft. Der Skandal wird uns noch lange beschäftigen, gerade weil er über den Einzelfall hinaus viel aussagt über eine selbstverliebte Branche.

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Zu allererst ist der Fall Relotius ein trauriger Höhepunkt beim fatalen Hang von Qualitätsmedien, Geschichten zu erzählen, zu pointieren, zu drechseln. Und zwar so lange, bis am Ende ein geschliffener Text dasteht, der möglichst einen Henri-Nannen-Preis oder einen Reporterpreis oder sonst einen Preis gewinnt, von denen es viele gibt. Solche Preise sind schon lange eine Währung in der Kaste der Edelfedern und Qualitätsmedien geworden. Geschichten werden mit Blick auf mögliche Preise hin in Auftrag gegeben und geschrieben. Einer wie Claas Relotius, der in dieser Disziplin ganz groß abgeliefert hat, ist für die Redaktion ein Held.

Dabei gab es schon vor Relotius immer wieder Fälle, in denen Ungenauigkeiten, Mauscheleien, Übertreibungen, Auslassungen von Medien aufgeflogen sind. Gerade auch beim Spiegel mit seinem überstrapazierten Augstein-Motto “Sagen, was ist.” In der Branche erinnern sich alle noch daran, dass der Spiegel-Reporter René Pfister einst seinen Nannen-Preis aberkannt bekam, weil er für ein Horst-Seehofer-Porträt die Einstiegsszene mit Seehofers berühmter Modelleisenbahn imaginierte. Die Modelleisenbahn gibt es freilich wirklich, sonst wäre Pfister womöglich auch seinen Job los und heute nicht Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros. Oder – noch gar nicht so lange her – die Sache, als der Spiegel die Szene erfand, dass Haidi Giuliani, die Mutter des beim Gipfel 2001 in Genua von der Polizei getöteten Carlo Giuliani, bei den G20-Krawallen von Hamburg die Unruhen von ihrem Hotelzimmerfenster aus beobachtete. In Wirklichkeit, hatte der Spiegel nur mit ihr telefoniert, fand diesen Reality-Gap aber nicht weiter bedeutsam.

Oder als der Spiegel in seiner Rekonstruktion des Endes der Jamaika-Verhandlungen von einer Presseerklärung schrieb, die mitten während der Verhandlung auf dem Handy der Kanzlerin auftauchte, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Pressemitteilung gab.

Die Liste ließe sich vermutlich fortsetzen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier erwähnt in seinem Text zum aktuellen Skandal gleich zum Einstieg eine Spiegel-Story, bei der ein Hinrichtungsplatz und ein Fußballfeld in Kabul zu ein und demselben Ort “verdichtet” wurden, obwohl es in Wahrheit zwei Orte waren.

Der Spiegel ist freilich nicht allein. Erst jüngst musste der deutsche Playboy einräumen, dass ein Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone, das er veröffentlicht hat, in Teilen gefälscht war, ergänzt um möglichst spektakuläre aber erfundene Aussagen und Lästereien gegen Hollywood und den Regisseur Quentin Tarantino. Der eine oder andere erinnert sich womöglich auch noch an das Salatsoßen-Gate von SZ-Redakteur Heribert Prantl. Der Innenpolitikchef der Süddeutschen hatte detailliert beschrieben, wie es am Esstisch des Verfassungsrichters Andreas Voßkuhle so zugeht, wie dieser selbst das Dressing rührt. Blöd halt, dass hinterher rauskam, dass Prantl nie bei Voßkuhle eingeladen war und folglich auch die beschriebene Küchenszene nicht hat beobachten können.

Die Journalismus-Preis-Blase

Die Art, Szenen zu beschreiben als sei man dabeigewesen, haben angelsächsische Journalisten wie der Watergate-Enthüller Bob Woodward kultiviert und sie tun es noch. Woodwards Bücher lesen sich wie überlange Spiegel-Reportagen. Hier wie dort scheint der jeweilige Autor im Kopf der Protagonisten zu sitzen. Die Texte strotzen vor kleinen und kleinsten Details. Über Woodward sind keine Schlampereien mit der Wahrheit überliefert aber beim Lesen wundert man sich schon hier und da, wie detailliert er Szenen beschreibt, die er nur vom Hörensagen kennen kann. Das gleiche gilt auch für das Trump-Buch “Fire and Fury” von Michael Wolff. Solche Vorbilder haben die Maßstäbe gesetzt – auch für die hiesigen Vertreter der Klasse Edelfeder.

So trifft man sich bei einer der vielen Preisverleihungen und zeichnet sich gegenseitig aus für die wieder mal ergreifendsten Szenen und genialsten Formulierungen. In den Jurys sitzen meist selbst Reporter oder Chefredakteure, die eifersüchtig darüber wachen, welches Medium wie viele der begehrten Trophäen einheimst. So entstand über Jahre ein sich selbst bestätigendes System der Selbstverliebtheit.

Stefan Niggemeier schreibt in seinem Relotius-Text:

Fichtner beschreibt, wie Relotius gezielt – und mit unlauteren Mitteln – versucht habe, „Preisgeschichten“ zu schreiben. Aber er lässt an keiner Stelle den Gedanken durchblicken, dass nicht nur Relotius das Problem ist, sondern auch das Genre der „Preisgeschichten“ und der Versuch, sie zu schreiben. Er versteigt sich sogar zu der Behauptung, Relotius sei ein singulärer Fall, und es gebe niemanden wie ihn.

Niggemeier bezieht sich hier auf die “Rekonstruktion” des Falls durch den designierten Spiegel-Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner. Fichtners langer Text offenbart selbst viele der genannten Probleme, ist er doch in genau jenem blumigen, gedrechselten Stil verfasst, der dem “Relotius-Sound” auch zu eigen war. Beim Pressegespräch zum Skandal geriet der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit – selbst auch ein Fan der szenischen Rekonstruktionen – ins Schwärmen über den gefallenen Kollegen. Man habe mit Relotius einen modernen Vertreter “des ganz neuen Spiegel” gehabt. Fast so, als hätte man sich den perfekten Reporter gebacken.

Selbstreflexion, Selbstkritik gar, waren noch nie die Stärken des deutschen Nachrichtenmagazins. Das zeigen auch die teils majestätsbeleidigten, teils ausweichenden Reaktionen auf die kleineren Mauscheleien in den oben beschriebenen Fällen. Stattdessen hat man eifrig am Mythos der eigenen Unfehlbarkeit gestrickt. Bei der Werbekampagne mit dem Claim “Keine Angst vor der Wahrheit” wurde für ein Motiv auch der Leiter der Dokumentationsabteilung abgelichtet, der “mit seinem Team von 70 Leuten jedes Wort jedes Artikels” prüfe, zitiert mit den Worten “Ich glaube erstmal gar nichts.” Nun ja. Eine Veröffentlichung bei medium.com, die eine Relotius-Reportage aus der US-Kleinstadt Fergus Falls auf Faktenbasis auseinandernimmt, zeigt eindrücklich, dass es auch faktisch so einige Falschbehauptungen in Relotius-Texten gab. Das kann man aber gar nicht der Dokumentation vorwerfen. Diese Art von Reportagen sind derart gespickt mit winzigen Details und Beschreibungen, dass es unmöglich ist, alles nachzuprüfen.

Was sich der Spiegel als Institution vorwerfen lassen muss, ist, den gegenteiligen Eindruck erweckt zu haben. Es wurde die Legende einer allwissenden, unfehlbaren Faktencheckertruppe jahrelang aufgebaut und genährt.

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Herdentrieb

Interessant ist auch ein Blick auf die Rezeption des Fichtner-Textes durch andere Medienschaffende. Zunächst gab es auf Twitter und bei Facebook viel Applaus. Als “transparent” und “klar” wurde er gelobt, es handle sich um eine “vorbildliche Aufarbeitung”. Ein paar Stunden später folgte dann ein Backlash. Die herrschende Meinung auf Twitter drehte recht eindrucksvoll gegen den Fichtner-Text.

Das Phänomen nahm an Fahrt auf, nachdem der Niggemeier-Text erschienen war, der sich sehr kritisch mit Fichtners Artikel auseinandersetzt. Auch bei den Salonkolumnisten erschien eine kritische Abhandlung, die viel geteilt wurde. Darin hieß es u.a.:

Die Karriere des Reporters Claas Relotius wurde von einer Form von Journalismus ermöglicht, vielleicht sogar gemacht, die Fiktionen und Fakten miteinander vermischt und die Rolle des Erzählers über die des Rechercheurs stellt. Eine Form des Journalismus, die sich mit Reporterpreisen selbst feiert, die politische Aktivisten wie Michael Moore mit Dokumentarfilmern verwechselt und die es für eine besondere Leistung hält, den Nachrichtenkern von Enthüllungen wie den „Panama-Papers“ unter Abertausenden von schön formulierten Sätzen zu vergraben. Fühlen, was sein könnte – statt sagen, was ist.

Bemerkenswert, wie sich hier eine weitere Eigenart des Medienbetriebs zeigt, nämlich der so genannte Herdentrieb, also das Wiederkäuen von herrschenden Meinungen. Das Tempo von Social Media hat es an sich, dass solche herrschenden Meinungen teil im Stundentakt wechseln können. Was im Urteil von Alpha-Journalisten eben noch eine klare, transparente und vorbildliche Aufarbeitung war, ist zwei Stunden später “eitle, klebrige Pampe” (Niggemeier).

Nun will der Spiegel also schonungslos und umfassend aufklären und hat eine Kommission einberufen. An der Zeit wäre es tatsächlich für eine wirklich umfassende Aufarbeitung all dieser Phänomene und Defizite, denn neu ist das dem aktuellen Skandal zugrunde liegende Problem nicht. Claudius Seidl schrieb vor Jahren schon in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text unter der Überschrift “Die Verniedlichung der Welt“. Darin heißt es über ein Angela Merkel-Porträt aus dem Spiegel:

Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem “Spiegel” liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen
fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus.

Das hat Seidl 2010 geschrieben. 2010! Es ist seither nichts besser geworden.

 

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Alle Kommentare

  1. Wer über viele Jahre in der Politik tätig war, hat in der Regel einige Lügengeschichten von vermeintlich seriösen Zeitungen oder Zeitschriften über sich ergehen lassen müssen, da das in der Bundesrepublick für den Verfasser nicht sonderlich teuer ist, meist reicht eine Gegendarstellung auf S. 49 links unten. In den USA kostet eine solche Rufschädigung nicht selten 6-7stellige Summen, da überlegt sich schon der eine oder andere, ob er es mit der Wahrheit zu gunsten einer Skandal-Story nicht so genau nimmt. Leider werden sich durch diesen Betrugsskandal nur die Falschen bestätigt fühlen, die selber Fake-News verbreiten und dann von Lügenpresse reden.

  2. Das wirklich geile ist die Selbstgerechtigkeit mit der geschrieben wird. Einer der Ihren ist entlarvt worden, selbstverständlich nur ein “Einzelfall”. Das hat mit dem deutschen Journalismus natürlich überhaupt nichts zu tun!!! Verwunderungsmütze aufgestülpt und frisch weiterfabuliert was das Zeug hält. Blöd nur das mit der Vernichtung der deutschen Industrie für die Edelfedern nach Ende der Medienära nicht mal mehr ein Job in der Industrie drin ist. Aber der Arbeitgeber Politik wird schon helfen.

  3. Selbstverliebt und preisbessessen, schreibt Winterbauer in seiner Überschrift. Mittlerweile geht es in diesem Thread darum, wie gut oder schlecht die Spiegel-interne Prüfung von Artikeln funktioniert- oder eben, wie die Spiegel- Leute geltend machen: versagt hätten.

    Aber kann das denn stimmen?

    Bleibt unseren Medien denn tatsächlich eine andere Rolle als jene, Selbstverliebt zu werden und preisbessessen zu sein?

    Vergleichen wir mal alles, was Relotius jemals von sich gegeben hat mit dem, was sich nachweislich in der BRD zugetragen hat:

    Bitteschön: nachweislich! Nicht vergessen.

    Ein FDJ-Mitglied der DDR, in ihrer Organisation zuständig für Propaganda geht in die Politik, will in die SPD, landet aber in der CDU, wird dort Ministerein, dann Vorsitzende, dann Kanzlerin. In ihrer Zeit als Ministerin wird die BRD ihre Währung gegen eine bessere EU-Währung tauschen, die versprochenermaßen ohne TransferLeistungen auskommen soll, in der auch die Griechen irgendwie hineinrutschen, für die anschließend 180 Milliarden weggepumpt werden mußten. Die Rolle der EZB lasse ich mal hier weg, dabei die Rolle des EuGH. Diese Kanzlerin Merkel heißt Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern wie Syrien willkommen und bezeichnet dies als humanitäre Pflicht. Die meisten von denen sind Schwarze, die aus offenbar syrischer Seenot gerettet werden können nur dadurch, daß sie sich die Zielhäfen aussuchen, in denen sie angelandet werden wollen. Frauen dieser schwarzen Seenot-Bürgerkriegsflüchtlinge schieben mittlerweile Kinderwägen durch deutsche Städte, ohne daß sich in den Medien jemand die Frage stellte, wie dies alles Luftbrücke zusammenpaßen kann. Das Land wurde mittlerweile irgendwie unter eine abschließende Gerichtsbarkeit eines EuGH gestellt, wobei unser weiterhin oberster amtierender Richter des bisherigen Gerichts seine Einschätzungen über die Süddeutsche kommuniziert.

    Die Truppen unseres Landes stehen in einem Militärverbund an der Grenze Rußlands, nicht weit von Leningrad. Nur mühsam versucht die EU einen Brexit durch strenge Konditionen zu verunmöglichen, während sie gleichzeitig den freien Welthandel zu präferieren scheint. Frankreich und vor allem Italien müssen die finanziellen Vereinbarungen der EU unterlaufen, wenn denen nicht deren Bevölkerung aufs Dach steigen soll. Die EZB fährt eine Zinspolitik, die sämtliche privaten Altersversorgungen zumindest in der BRD schlichtweg ruiniert hat, dennoch wird diese Politik als großer Gewinn für die BRD verkauft von Politikern, die sich ansonsten auch noch hochgradig einig sind darin, entstehende politische Gegenbewegungen zu diffamieren und zu kriminalisieren. Das vorherrschende Demokratieverständnis der vereinigten Elite hat die Fahne der BRD nicht nur sprichwörtlich eingeholt. Ein von ehemaligen Kommunisten aus der Taufe gehobener, und vom Bund finanzierter Verein legt langsam den bundesdeutschen Verkehr lahm, ruiniert die Schlüsselindustrie der BRD, währenddessen sich die Kanzlerin nach diesem Nachweis ihres Wirkens von ihrer als konservativ bezeichneten Partei mit der Bemerkung verabschiedet:

    “Es ist mir eine Ehre gewesen”.

    Woraufhin ihr 10 minütige Standing Ovations entboten werden.

    Man könnte hinterfragen, wie sich all dies unter den Augen von als frei bezeichneten Medien abspielen konnte. Dafür wird es Gründe geben müssen.

    Diese Gründe werden dann auch erklären können, warum solchen Medien letzten Endes nur verblieb, selbstverliebt zu preisbesessen zu werden.

    Was möchte man diesem Relotius eigentlich vorwerfen?
    Über was hätte er denn schreiben sollen?

    1. .. verehrter Herr Wahnsinn, leider lese ich bei Ihnen wahr Sinn drin wo mir doch soviel lieber wäre Frohsinn statt steter Irrsinn ..

      1. @A Treschau

        Man muß es wenigstens versuchen, “irgendwie dazwischen” zu schreiben.

        Zwischen was?

        Zwischen dem,

        was die Menschen als Realität empfinden. Obwohl man Realität garnicht “empfinden” kann, man kann diese allenfalls feststellen.

        Und dem, was Menschen wollen. Von was sie sich antreiben lassen, um ihr Wollen der Rationalität überzustülpen, bis sie den Unterschied zwischen Wollen und Realität nicht mehr wahrnehmen. Dies hat sich drastisch verschärft, seitdem man in Sommerklamotten dem russischen Winter zu trotzen versuchte.

        Wer Leute auf diese Weise auf den Haken nehmen kann, der hat es leichter, wenn er die öffentliche Meinung kontrolliert. Aber gut endete es nicht. Es ist auch heute nicht gut, denn letztendlich kann sich nur die Kenntnis der Möglichkeiten einer Beeinflussung verbessert haben. Alles andere bleibt gleich. Die klassenlose Gesellschaft ist, wie der Messias, eine Fiktion der Endzeit, sie stellt sich ein erst im Moment des Unterganges, wie auch der Messias ein auf ewig Kommender bleiben wird. Der tatsächliche Messias erscheint erst am Ende aller Zeiten. Wie könnte es auch anders sein?

        Was also fängt man dann noch an mit seiner eigenen Selbstverliebtheit als wie besessen Preise einzusammeln. Auszeichnungen für die Übererfüllung. Orden für die Helden der Arbeit. Irgendwo ließe sich da noch “sozialistisch ” einfügen.

        Nachdem Hubbard sich mit dem 3. Reich befaßt hatte meinte er, die Deutschen seien besonders anfällig, auf eine bestimmte Weise gelenkt zu werden. Mal von dem Kerl abgesehen: hatte er recht?

        Große Dinge tarnt man, indem man sie vor aller Augen ablaufen läßt. Ist aber womöglich wieder nur eine Verschwörungstheorie.

  4. Die Selbstdarstellung des SPIEGEL bzgl. Standards des factchecking scheint selbst eines fact-checkings zu bedürfen:

    https://twitter.com/spoke32/status/1076219426024886273

    “For @DerSPIEGEL to claim that no publication is safe from a dishonest journalist may be true. But it’s also clear that they didn’t try very hard — and if they had followed best practices standard at most major US mags they might have caught this a lot sooner.”

    1. Wow! Danke für den Link. Na ja, im Vergleich damit scheint mir das Fakten-Checken beim Spiegel eine eher flüchtige Prozedur zu sein
      .
      Angelsächsischen Journalismus, insbesondere den in den US, kann man sowieso nicht mit deutschem vergleichen. Zuviel “Haltung” und Ehrfurcht hier, wie ich meine. Ich war mal in den 80-er Jahren für ein Jahr in den US und erinnere mich an eine Nachrichtensendung. Nachdem der Präsident eine Frage zweimal ausweichend beantwortet hatte, wurde der Großbildschirm hinter dem Moderator abgeschaltet mit der Begründung, das Fortführen des Interviews mache keine Sinn, da die Fragen nicht beantwortet würden (das war allerdings in der Folge selbst in den US ne Geschichte). Nach meiner Rückkehr dann die erste Tagesschau. Statt “Hi, whats up today” hieß es dann im Stil Nachrichten von der Front: Erkennungsmelodie. Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau (ich stand spontan auf und grüßte den Fernseher militärisch). Auch z. B. Merkels Solo bei Anne Will fällt im Vergleich dazu leicht ab.

      Korrektur: In meinem obigen Post muss es “genießen” heißen.

      1. Twitter kann man im Fall #Relotius sehr empfehlen, die Ami Reporter geben auch Einblick in die Art von Prüfungen, die bei US Magazinen offenbar Standard sind.

        Beim #Spiegelgate wird dagegen immer klarer, viele Relotius Geschichten wurden nichtmal im Ansatz überprüft

  5. Warum werden selbst hier, beim kritischen MEEDIA, die Hälfte meiner Kommentare nicht freigeschalten? Habt ihr es noch immer nicht kapiert? Durch Zensur erreicht ihr genau das Gegenteil: Wenn ich meine Meinung hier kund tue (von der ihr anscheinend glaubt sie wäre “falsch”), dann sollten doch etliche aufgeklärte und weltoffene Zeitgenossen-also die GUTEN- mich hier widerlegen können, oder? Was erzielt mehr Wirkung? 1.) Ich beschimpfe oder ignoriere jemanden mit einer anderen Meinung. ODER 2.) Ich gebe dem anderen die Möglichkeit seine Meinung kund zu tun und widerlege ihn daraufhin unaufgeregt und sachlich mit Fakten.

    Also ich bin Anhänger der 2. Möglichkeit, denn die beinhaltet, dass ich möglicherweise einen eigenen Trugschluss durch den Hinweis meines Gegenübers überdenke und zu einer anderen “richtigen” Faktenlage komme. Aber anscheinend ist man hier bei MEEDIA auch nur auf Propaganda bedacht. Man gibt mir hier nicht mal die Chance meine Meinung zu äußern, denn anscheinend hat man auch hier Angst, dass meine Aussagen nicht widerlegt werden können, oder noch schlimmer: Ich könnte tatsächlich Recht haben! Und genau deswegen zensieren fast alle Onlinemedien was das Zeug hält! Und dann wird auch noch auf dreiste Weise von Filterblasen geschrieben, obwohl genau IHR es seid, welche dafür verantwortlich seid!

    1. Lieber Florian

      bei Meedia habe ich nie das Gefühl,dass diese zensieren…Man kann seine Meinung in jeder Hinsicht äußern und wenn diese dann sachlich formuliert ist,wird diese auch veröffentlicht..
      Daher muss ich Meedia mal in Schutz nehmen

  6. der Märchenerzähler Claas Relotius war früher auch für Folio.nzz tätig und schrieb dort 2013 und 2014 auch Artikel..
    Eine Leserin fiel in dem Artikel: ” Blondinen färben ihr Haar dunkel” auf,dass der Artikel eine Fiktion war.
    Es handelt sich hier um einen Bericht aus Finnland über Coffiere…
    Folio .nzz.ch verzichtete nach diesen Lügengeschichten auf eine weitere Zusammenarbeit mit Relotius…
    Erstaunlich,dass man beim Spiegel von diesem Vorfall angeblich keine Kenntnis hatte…
    Hier der Link zu dem Artikel und auch die Kommentare der Leserin lesen,die auf diese Fiktion aufmerksam machte.
    http://www.folio.nzz.ch/autor/claas-relotius

  7. dem Spiegel hätte einiges auffallen können,wenn man es denn gewollt hätte..

    Man denke an das Interview von Relotius mit der 99 jährigen Frau Lafrenz in den USA,sprich die letzte Überlebende der Weißen Rose(Widerstandsgruppe im 3.Reich)

    Er interviewte diese Frau am gleichen Tag im August 2018,wo die Ereignisse in Chemnitz stattfanden..
    Im Spiegel las man dann::Frau Lafrenz war entsetzt über die Fotos in US-Zeitungen,die Menschen mit Hitlergruß zeigen und durch die Straßen marschieren,usw….
    Fazit:Fotos in US-Zeitungen am gleichen Tag der Vorgänge in Chemnitz?
    Relotius hatte es wohl im Netz gelesen,aber Frau Lawrenz hatte solche Fotos in US-Zeitungen selbst nie gelesen und sich zu den Chemnitzer Vorgängen auch nie geäußert.
    Weitere Bausteine setzte Relotius in diesem Interview ein,obwohl Frau Lafrenz diese Äußerungen nie von sich gegeben hatte..
    Ich habe das Gefühl,dass Relotius nur das geliefert hatte,was von ihm erwartet wurde..
    Die Geschichten waren zu schön,um diese anzuzweifeln..Sie passten halt auch ins Weltbild der Chefetage des Spiegels und vielen Ideologen,die ihr TUN nach diesen rührenden Märchen stets als gerechtfertigt ansahen..
    Dabei handelt es hier nicht um Täuschungen,sondern um einen Riesenbetrug,deren Ausmaße noch nicht absehbar sind..
    Und das manchen,wie die Anne Will,oder andere Journalisten(in) den Spiegel nun loben,für die Selbstaufklärung ist schon fatal..
    Nichts ist bisher wirklich aufgeklärt…
    Und ohne den Co-Autor Juan Moreno,der auf eigene Faust in der Sache Relotius recherchierte,wäre der Betrug nicht aufgefallen..
    Moreno wurde ja anfangs nicht ernst genommen und musste mit Nachdruck mehrmals darauf hinweisen,dass die Storys von Relotius,wo Morenao als Co-Autor mitwirkte,nicht stimmig sind!

    1. “Die Geschichten waren zu schön, um diese anzuzweifeln”. Na ja, wohl eher zu schön, um wahr zu sein, oder?

      Ich kann nur jedem, der Journalismus ohne Haltung geniessen will, also sich schlicht über Aktuelles ohne Meinung, ohne die übliche unerträgliche Mischung aus Nachricht und Kommentar informieren will, den Videotext von ARD und ZDF empfehlen. Da fehlt schlicht der Platz für die Meinung selbsternannter Influencer.

      Zum Text selbst kann ich leider nichts beitragen, da ich den Spiegel (nach Jahrzehnten des Abos) irgendwann nach 2015 abbestellt habe. Oder war es schon nach Abschaltung der Kernkraftwerke?

      1. Die ARD-/ZDF-Videotexte wären wirklich eine zeitsparende, halbwegs ideologiefreie Infoquelle, wenn sie nicht von Sonderschülern und Legasthenikern verfasst würden, deren Fehlerorgien niemand korrigiert. Absolut ärgerlich, was da angeboten wird. Und völlig rätselhaft, was die Verantwortlichen den ganzen Tag machen. Ich glaube, bei einem der Sender ist eine ehemalige Fotografin o.ä. zuständig. Grausam.

  8. Ich danke dem Autor, er spricht mir in vielem aus dem Herzen. Und ich kann – als Leserin und Journalisten-Kollegin dem anerkennenden „Hut ab“ vieler Kollegen nicht zustimmen. Nichts darüber, warum und wie man in den letzten Wochen nach der Wahrheit gesucht hat, über den Umgang mit dem Co-Autor Moreno, nichts über die Umstände in der Redaktion, wo man ja wohl stolz ist, auf solche Text-Rund-Drechsler. Und das in einer Zeit, in der Trump und mit ihm viele behaupten, die Medien seien Lügenpresse. Das ist nicht nur ein Vertrauensverlust, ich fühle mich betrogen und belogen. Auch wenn es „ja keine Toten und Verletzten“ gab, wie ein Leser schrieb – Wahrheit und Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit sind die einzige Währung, die Medien haben.
    Und jetzt tut der Spiegel so, als wäre es eine Personalie, eine traurige, fast bedauernswerte dazu.
    Für mich gibt es klar Täter, und eine echte Aufarbeitung tut Not, – und da nicht nur der Spiegel betroffen ist, sollte auch nicht nur der Spiegel ermitteln. Gleich gar nicht die Chefredaktion, die ja seit langem in alles involviert ist – und es dem Kollegen Moreno offenbar schwer gemacht hat, die Wahrheit endlich offen zu legen.
    Der Spiegel reagiert für mich – leider – nur so offen, wie gerade möglich. So wirkt es jedenfalls. Man möchte selbst bestimmen, was und wie viel Preis gegeben wird und über alles die Kontrolle behalten.

    Ja, es ist eine „erfundene“ Welt, die der Spiegel da offenbar oft und gern und stolz veröffentlicht. Wer behauptet eigentlich, dass diese Geschichten „rund“ sein müssen? Der Spiegel und mit ihm der Mainstream?
    Es ist ja wohl nicht nur so, dass es für Storys Preise gibt, sondern ein Preis ergibt den nächsten Preis, Selbstläufer. Die Preisveranstaltungen, egal ob Medien oder TV oder Bücher sind mehr und mehr zu eitlen Eigenlob-Veranstaltungen verkommen. Weder Bambi noch Henne oder Echo sind noch anzuschauen…
    Und wenn auch noch immer die gleichen Preise bekommen – gilt übrigens auch für Pressefotos des Jahres.
    Mich bewegen auch diese Geschichten aus den Krisengebieten so schon längst nicht mehr, sie sind schon lange viel zu erkennbar als nach Rezept gearbeitet: Man weiß, welche Zutaten gebraucht werden, damit ein „Meisterkuchen“ rauskommt. Und jede Zeitschrift hat in fast jeder Ausgabe so eine unglaubliche Ans-Herz-Geh-Story. Besonders nett, wenn man aus Schutz (?lächerlich?) oder Bedeutungserhebung? noch schreibt von
    „Brigitte S. aus W“ (Name ist der Redaktion bekannt)…
    Das ist Einfallstor für typische Psychologie-Fallstudien, da wird gern alles reingepackt. Und nichts muss stimmen. Kommt aber immer öfter vor, auch im Spiegel.
    Immer mehr Medien backen sich sog. Edelfedern, loben sie heftig, bestärken jene darin, etwas Besonderes zu sein – und treiben sie damit geradezu in eine Spirale. Nicht nur diesen Autor, sondern vermutlich wollen viele Kollegen Edelfedern werden und eifern dem nach. Auch in ihren Mitteln. Auch deshalb ist dieser ganze Fall so fatal. Es geht nicht nur um den einen, es geht um ein System.

    Der Spiegel selbst hat ja längst seine einstige Spur verlassen – hieß es früher nicht mal Nachrichtenmagazin? Es wird immer boulevardesker (kübelbök), ich brauche auch keine ganzseitign Fotos, keine Illustrationen mit gezeichneten Grafiken. Aber einen Faktencheck, keine Weihnachtsmärchen.
    Im Übrigen auch keine Vorab-Parteinahme, also immer gegen Putin, immer gegen AfD. Der Skandal um die Nichtbesetzung der Vizepräsidentin im Bundestag ist undemokratisch! Auch wenn ich die Partei nicht leiden kann, so gibt es doch demokratische Spielregeln. Dafür erwarte ich Einsatz des Spiegels!

    Bitte bleiben Sie in diesem Falle dran, seien Sie hartnäckig und kritisch. Auch wenn „Promis“ und Kollegen Beifall und Anerkennung klatschen über die ersten Spiegel-Schritte. Für mich hat es (noch jedenfalls) den Anschein, es soll,dabei bleiben, dass es wie immer keine richtige Kollegen-Kritik geben soll. Weil man „das nicht macht“.
    Dabei ist es jetzt wirklich der Ort und die Zeit, miteinander etwas für Glaubwürdigkeit der Medien zu tun.
    Ich fürchte nämlich, sonst könnte es ganz schnell um viel mehr gehen, als nur um den Kollegen und den Spiegel. Die Befürworter der Fakenews laufen sich vermutlich noch warm.

  9. Schon das dieser Artikel kommentiert werden darf. Danke meedia!

    Zur grandiosen Selbstkritik des Spiegel fällt mir ein Gedicht des ehemals großen deutschen Märchenerzählers und neuerdings als Antisemit und Rassist gesehene Wilhelm Busch ein:

    Kritik des Herzens

    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
    So hab’ ich erstens den Gewinn,
    Daß ich so hübsch bescheiden bin;

    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp’ ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;

    Und viertens hoff’ ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Daß ich ein ganz famoses Haus.

  10. Das Grundproblem leider nicht verstanden. Ideologen schreiben nicht was “ist” oder was sein “könnte”, sondern sie schreiben was sein “sollte”. SOLLTE !!! So auch der Herr Relotius.

  11. Mir hat der Spiegel-Text über den Fall nach einigem Nachdenken auch missfallen.

    Da stimmt schon etwas journalistisch nicht. Die Zitate von R. aus seinem “Compliance-Gespräch”, die dort drinstehen, hätte er doch nie so gebracht, wenn er gewusst hätte, da wird eine Reportage draus gemacht. Wahrscheinlich war er zu dem Zeitpunkt auch noch nicht anwaltlich beraten.

    Kommt dazu, dass solch eine psychologisierende Studie über R.s Motive eigentlich journalistische Distanz voraussetzt. Die hat der Spiegel in der Sache natürlich nicht, er ist schlicht Partei. Da wäre schlichte Fakten-Aufklärung angesagter gewesen.

    Last not least fällt noch auf, dass sich der Artikel im Spiegel zwischen den Zeilen schon ziemlich anmaßt, R. als Typ und seine Motive zu durchschauen (Richtung: Geltungsdrang). Das ist schon deswegen wenig “demütig”, weil R. es immerhin geschafft hat, den Spiegel jahrelang an der Nase herumzuführen.

    Ein bescheidenes “wir wissen über diesen Menschen letztlich nichts” wäre da überzeugender gewesen.

  12. Ich rate zu einigen wenigen, möglichst unterschiedlichen Nachrichtenquellen, um auf dem Laufenden zu bleiben, im wesentlichen aber zu Büchern. „Social web“ und Reportagen sind vergeudete Zeit.

  13. Es viele Themen, ergiebige Themen, es gibt Skandale über Skandale. Es ist nicht so, daß es für Journalisten keinen Stoff gäbe. Im Gegenteil. Genau hier offenbart sich der Giga-Skandal des etablierten Journalismus: Die Journalisten WOLLEN nicht schreiben. Sie wollen totschweigen, was ihnen nicht paßt. Da kollidiert der Wahn des etablierten Journalismus mit der Realität.

    Was tun?

    Hin und wieder gibt es Themen, für die ist ein kleiner Blog viel zu klein. Handfeste Skandale gehören vor ein großes Publikum. Was tun? Man gibt das Thema einem Journalisten.

    Man gibt das Thema einem Journalisten. Leichter gesagt als getan. Zuerst muß man nämlich einen finden, der etwas mit dem Thema machen könnte. Dann muß man einen finden, der Einem zuhört. Und das Schlimmste: Man muß einen finden, der die Sache auch begreift. Das sind große Hürden – und oft habe ich hinterher festgestellt, daß es einfacher gewesen wäre, doch selbst über das Thema zu schreiben. Einfacher und schneller, denn bis man dem Journalisten etwas erklärt und er es begriffen hat, hätte man die Sache längst dreimal selbst geschrieben. Gespräche mit Journalisten kosten Zeit und Nerven…

    Im Laufe der Jahre habe ich mit Zeitungsredaktionen und Fernsehredaktionen zusammengearbeitet, von der Hamburger Morgenpost über TV2 in Norwegen über RAI 3 in Italien bis Radio Canada. Nicht oft. Aber es hat gereicht.

    Es ist ja nicht so, daß jedes Thema sofort aufgegriffen und verarbeitet wird. Nein, das ist die extrem seltene Ausnahme. In der Regel werden Themen beschnuppert, liegen gelassen und vergessen. Das erfährt man natürlich erst, wenn es längst zu spät und das Thema wie Gemüse auf dem Wochenmarkt verwelkt ist. Viele Themen haben nur eine sehr begrenzte Haltbarkeit.

    … und hier geht es weiter: http://ariplex.com/folia/archives/2121.htm

  14. Kein Einzelfall und kein Einzeltäter! Im Spiegel-Journalismus und auch anderswo wird gern “gestriemelt”. Da werden Fakten weggelassen, um die Geschichten in die gewollte Richtung zu lenken, und nicht selten Zitate umgedichtet, genauso wie anonyme Zitate aus vermeintlichen Aufsichtsrats- oder Parteikreisen, Vorstandsmitgliedern, Politikern und anonymen Abgeordneten erfunden. Ehrliche und kritische Journalisten, die zu ihrem eigenen Berufsstand in gesunder Distanz leben, werden das zugeben und bestätigen. Aber die meisten wollen das nicht wahrhaben, ihre eigene Zunft ist heilig. Sie kritisieren lieber die Anderen in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Fehler werden erst zugegeben, wenn sie aufzufliegen drohen, wie jetzt beim selbstherrlichen Spiegel.

  15. Die Jurymitglieder, die die ganzen Preise verleihen, sollten mal eine kreative Pause einlegen (Vorbild: Literaturnobelpreis) und darüber diskutieren, wieviel sie selbst mit ihrem Hype um das Storytelling zu diesem Desaster beigetragen haben. Kein Journalistenseminar, keine Weiterbildungsveranstaltung in den letzten Jahren, bei dem nicht erzählt wurde, dass quasi die einzige Rettung des Qualitätsjournalismus darin liege, genauso solche “Geschichten zu erzählen” wie Relotius sie geliefert hat. Wer auf sauber recherchierten Berichten oder Interviews beharrte, wurde belehrt, dass im digitalen Zeitalter “sowas Langweiliges kein Mensch mehr lesen möchte”. Schade, dass ich bald aufhöre. Ich hätte sicher viel Spaß gehabt.

  16. >Das kann man aber gar nicht der Dokumentation vorwerfen. Diese Art von Reportagen sind derart gespickt mit winzigen Details und Beschreibungen, dass es unmöglich ist, alles nachzuprüfen.

    Das ist wirklich Unsinn, die “Fergus Falls” Geschichte beweis einfach, hier wurde gar nix geprüft, warum weiss nur der Spiegel.

    Wie gesagt, wirklicher Aufklärungswille ist bei der Spiegel-Führung nicht vorhanden, sonst könnte die Spiegel Dokumentation doch mit drei Klicks in der Datenbank belegen was sie (z.B.) im Fall “Fergus Falls” geprüft haben.

  17. Ich denke, dass die klassischen Medientitel und ihre Mitarbeiter noch nicht wirklich begriffen haben, was der digitale Wandel bedeutet. Betrüger, Poser und Scharlatane tummelten und tummeln sich überall. Auch in den Medien. Würde zu gerne wissen, bei wem gestern noch das innere Schwitzen angefangen hat…

    Wir leben in einer Welt, die sich so schnell wie noch nie und immer schneller dreht. So viele Möglichkeiten, so viele Platformen und natürlich so viele, die gehört werden wollen. Das fängt bei jedem einzelnen Journalisten an und endet bei irgendeinem in Hintertupfing, der bei Insta ist.

    Und um gehört zu werden, wird alle genutzt und benutzt. Das Ergebnis haben wir gestern in krasser Form erlebt. Jeder, der in den Medien sollte sich selbstkritisch ab und an hinterfragen. Auch Meedia sollte das. Ich erinnere kürzlich an Beiträge über andere Medien und Medienpreise. Da nimmt man gerne jeden Halm, der irgendwie schräg steht und setzt sich drauf. Alle möglichen Aspekte, die etwas anderes aussagen, die Sicht erweitern, werden elegant übergangen.

    Insofern ist es sowohl beim Spiegel richtig die Sensoren für Selbstkritik neu zu justieren und zu schärfen aber auch bei allen anderen und nicht zuletzt bei den Kritiker. Denn wer kritisiert die Kritiker?

  18. Wenn der Autor solcher, sich sehr flüssig lesender Was-in-den-Köpfen-so-vor-sich-geht-Texte tatsächlich mit jedem dieser “Köpfe” sehr vertraut und persönlich darüber gesprochen hat, was eben im jeweiligen Kopf so vor sich gegangen ist, dann ist diese Verfahrensweise auch legitim. Diesen Eindruck, so nehme ich ganz stark an, wollen diese (eitlen) Autoren auch erwecken – ganz nah dran zu sein an den wichtigen bzw. richtigen Entscheidern und zu Geschichte und Thema passenden Protagonisten. Was dann aber eben auch mit sich brächte, dass man (viel) zu nah dran, also nicht mehr unabhängig genug für sauberes journalistisches Herangehen ist. Was mich aber schon immer gewundert hat, ist, dass man solche Texte in die Kategorie “literarisch” einordnet. Wo sie doch stilistisch oft nicht über ein “sehr blumig” hinausgehen.

  19. Es wird sich gar nichts ändern. Oder war Janet Cooke 1981 mit ihrem Pulitzerpreis bei der Washington Post ein Weckruf? Oder 1983 Gerd Heidemann beim Stern?

    Man betrachte nur den “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen,” der im Juni an Annabel Wabha und Jana Simon für eine Recherche ohne Substanz ging.

  20. Journalisten sind keine Schriftsteller. Sie sind “Schreibhuren” (schreiben gegen Geld). Sie sollen Fakten darlegen, evtl. bewerten.
    Wären sich Journalisten dieser Aufgabe bewusst, wäre auch die Hemmschwelle, mit Fake-Berichten das Gehalt (und nur darum geht es!) aufzubessern, geringer.
    Ein guter Journalist fällt durch seine exakte Arbeit auf, durch sonst nichts.
    Wenn ein Journalist meint, er müsse einen extraordinär geschliffenen Schreibstil (der in journalistischen Texten nichts weiter als Geschwurbel und Zeilenschinderei ist) an den Tag legen, soll er Schriftsteller werden. Dem sieht man es nach, wenn er Wahrheit und Fiktion zugunsten der Geschichte vermischt und das Ergebnis in wohl gesetzten Worten in die Festplatte kratzt.
    Vielleicht sollte so manche “Edelfeder” ihren fertigen Text vor Abgabe durchs “Blabla-Meter” (Ermittlung des “Bullshit-Indexes” eines Textes) schicken, wenn sie den Schock danach verkraften können … Bullshit-Index dieses Textes: 0,12. 😉

    1. Braun plus Smiley – das machts auch nicht leckerer @Prusz

      Immer die Füsse stillhalten am Besten, auch beim Bullshitbingo an der Selbstbedienungstheke.

    2. Da Journalisten ja nur Fakten schreiben sollen, gibt es zum Glück begnadetet Köpfe wie Thomas Pruß, der selbstverständlich in jeden Journalisten-Kopf geschaut hat und sicher weiß: Es geht allen nur um das Gehalt!
      Und klar: Geschliffener Schreibstil ist Zeilenschinderei …

    3. @Thomas Pruß: Wenn Sie schon so gut über die Aufgabenstellung des Journalismus im Allgemeinen und über den journalistischen Schreibstil im Besonderen Bescheid wissen, hoffe ich doch, dass Sie wenigstens Ihr eigenes Berufsethos ganz genau kennen und befolgen.

    4. Selbst der Bullshitmeter würde nicht helfen: Relotius “Jaegers Grenze” kommt auf einen Index von 0,06. Textlich also einwandfrei! Romane von Relotius wären sicher auf Spiegels Bestseller-Liste 😉

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