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Selbstverliebt und preisbesessen: Was der Fall Relotius beim Spiegel über einen Teil der Medienbranche aussagt

Autor Claas Relotius, Heftausgaben mit offenbar gefälschten "szenischen Rekonstruktionen" des Spiegel-Reporters

Tag 1 nach der Enthüllung einer der schwerwiegendsten Medienskandale der Republik. Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hat über Jahre hinweg teils erfundene Reportagen veröffentlicht und wurde dafür mit Preisen überhäuft. Der Skandal wird uns noch lange beschäftigen, gerade weil er über den Einzelfall hinaus viel aussagt über eine selbstverliebte Branche.

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Zu allererst ist der Fall Relotius ein trauriger Höhepunkt beim fatalen Hang von Qualitätsmedien, Geschichten zu erzählen, zu pointieren, zu drechseln. Und zwar so lange, bis am Ende ein geschliffener Text dasteht, der möglichst einen Henri-Nannen-Preis oder einen Reporterpreis oder sonst einen Preis gewinnt, von denen es viele gibt. Solche Preise sind schon lange eine Währung in der Kaste der Edelfedern und Qualitätsmedien geworden. Geschichten werden mit Blick auf mögliche Preise hin in Auftrag gegeben und geschrieben. Einer wie Claas Relotius, der in dieser Disziplin ganz groß abgeliefert hat, ist für die Redaktion ein Held.
Dabei gab es schon vor Relotius immer wieder Fälle, in denen Ungenauigkeiten, Mauscheleien, Übertreibungen, Auslassungen von Medien aufgeflogen sind. Gerade auch beim Spiegel mit seinem überstrapazierten Augstein-Motto „Sagen, was ist.“ In der Branche erinnern sich alle noch daran, dass der Spiegel-Reporter René Pfister einst seinen Nannen-Preis aberkannt bekam, weil er für ein Horst-Seehofer-Porträt die Einstiegsszene mit Seehofers berühmter Modelleisenbahn imaginierte. Die Modelleisenbahn gibt es freilich wirklich, sonst wäre Pfister womöglich auch seinen Job los und heute nicht Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros. Oder – noch gar nicht so lange her – die Sache, als der Spiegel die Szene erfand, dass Haidi Giuliani, die Mutter des beim Gipfel 2001 in Genua von der Polizei getöteten Carlo Giuliani, bei den G20-Krawallen von Hamburg die Unruhen von ihrem Hotelzimmerfenster aus beobachtete. In Wirklichkeit, hatte der Spiegel nur mit ihr telefoniert, fand diesen Reality-Gap aber nicht weiter bedeutsam.
Oder als der Spiegel in seiner Rekonstruktion des Endes der Jamaika-Verhandlungen von einer Presseerklärung schrieb, die mitten während der Verhandlung auf dem Handy der Kanzlerin auftauchte, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Pressemitteilung gab.
Die Liste ließe sich vermutlich fortsetzen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier erwähnt in seinem Text zum aktuellen Skandal gleich zum Einstieg eine Spiegel-Story, bei der ein Hinrichtungsplatz und ein Fußballfeld in Kabul zu ein und demselben Ort „verdichtet“ wurden, obwohl es in Wahrheit zwei Orte waren.
Der Spiegel ist freilich nicht allein. Erst jüngst musste der deutsche Playboy einräumen, dass ein Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone, das er veröffentlicht hat, in Teilen gefälscht war, ergänzt um möglichst spektakuläre aber erfundene Aussagen und Lästereien gegen Hollywood und den Regisseur Quentin Tarantino. Der eine oder andere erinnert sich womöglich auch noch an das Salatsoßen-Gate von SZ-Redakteur Heribert Prantl. Der Innenpolitikchef der Süddeutschen hatte detailliert beschrieben, wie es am Esstisch des Verfassungsrichters Andreas Voßkuhle so zugeht, wie dieser selbst das Dressing rührt. Blöd halt, dass hinterher rauskam, dass Prantl nie bei Voßkuhle eingeladen war und folglich auch die beschriebene Küchenszene nicht hat beobachten können.

Die Journalismus-Preis-Blase

Die Art, Szenen zu beschreiben als sei man dabeigewesen, haben angelsächsische Journalisten wie der Watergate-Enthüller Bob Woodward kultiviert und sie tun es noch. Woodwards Bücher lesen sich wie überlange Spiegel-Reportagen. Hier wie dort scheint der jeweilige Autor im Kopf der Protagonisten zu sitzen. Die Texte strotzen vor kleinen und kleinsten Details. Über Woodward sind keine Schlampereien mit der Wahrheit überliefert aber beim Lesen wundert man sich schon hier und da, wie detailliert er Szenen beschreibt, die er nur vom Hörensagen kennen kann. Das gleiche gilt auch für das Trump-Buch „Fire and Fury“ von Michael Wolff. Solche Vorbilder haben die Maßstäbe gesetzt – auch für die hiesigen Vertreter der Klasse Edelfeder.
So trifft man sich bei einer der vielen Preisverleihungen und zeichnet sich gegenseitig aus für die wieder mal ergreifendsten Szenen und genialsten Formulierungen. In den Jurys sitzen meist selbst Reporter oder Chefredakteure, die eifersüchtig darüber wachen, welches Medium wie viele der begehrten Trophäen einheimst. So entstand über Jahre ein sich selbst bestätigendes System der Selbstverliebtheit.
Stefan Niggemeier schreibt in seinem Relotius-Text:

Fichtner beschreibt, wie Relotius gezielt – und mit unlauteren Mitteln – versucht habe, „Preisgeschichten“ zu schreiben. Aber er lässt an keiner Stelle den Gedanken durchblicken, dass nicht nur Relotius das Problem ist, sondern auch das Genre der „Preisgeschichten“ und der Versuch, sie zu schreiben. Er versteigt sich sogar zu der Behauptung, Relotius sei ein singulärer Fall, und es gebe niemanden wie ihn.

Niggemeier bezieht sich hier auf die „Rekonstruktion“ des Falls durch den designierten Spiegel-Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner. Fichtners langer Text offenbart selbst viele der genannten Probleme, ist er doch in genau jenem blumigen, gedrechselten Stil verfasst, der dem „Relotius-Sound“ auch zu eigen war. Beim Pressegespräch zum Skandal geriet der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit – selbst auch ein Fan der szenischen Rekonstruktionen – ins Schwärmen über den gefallenen Kollegen. Man habe mit Relotius einen modernen Vertreter “des ganz neuen Spiegel” gehabt. Fast so, als hätte man sich den perfekten Reporter gebacken.
Selbstreflexion, Selbstkritik gar, waren noch nie die Stärken des deutschen Nachrichtenmagazins. Das zeigen auch die teils majestätsbeleidigten, teils ausweichenden Reaktionen auf die kleineren Mauscheleien in den oben beschriebenen Fällen. Stattdessen hat man eifrig am Mythos der eigenen Unfehlbarkeit gestrickt. Bei der Werbekampagne mit dem Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ wurde für ein Motiv auch der Leiter der Dokumentationsabteilung abgelichtet, der „mit seinem Team von 70 Leuten jedes Wort jedes Artikels“ prüfe, zitiert mit den Worten „Ich glaube erstmal gar nichts.“ Nun ja. Eine Veröffentlichung bei medium.com, die eine Relotius-Reportage aus der US-Kleinstadt Fergus Falls auf Faktenbasis auseinandernimmt, zeigt eindrücklich, dass es auch faktisch so einige Falschbehauptungen in Relotius-Texten gab. Das kann man aber gar nicht der Dokumentation vorwerfen. Diese Art von Reportagen sind derart gespickt mit winzigen Details und Beschreibungen, dass es unmöglich ist, alles nachzuprüfen.

Was sich der Spiegel als Institution vorwerfen lassen muss, ist, den gegenteiligen Eindruck erweckt zu haben. Es wurde die Legende einer allwissenden, unfehlbaren Faktencheckertruppe jahrelang aufgebaut und genährt.

Herdentrieb

Interessant ist auch ein Blick auf die Rezeption des Fichtner-Textes durch andere Medienschaffende. Zunächst gab es auf Twitter und bei Facebook viel Applaus. Als „transparent“ und „klar“ wurde er gelobt, es handle sich um eine „vorbildliche Aufarbeitung“. Ein paar Stunden später folgte dann ein Backlash. Die herrschende Meinung auf Twitter drehte recht eindrucksvoll gegen den Fichtner-Text.
https://twitter.com/annewill/status/1075395000979152897
https://twitter.com/ArminWolf/status/1075377603513630720
Das Phänomen nahm an Fahrt auf, nachdem der Niggemeier-Text erschienen war, der sich sehr kritisch mit Fichtners Artikel auseinandersetzt. Auch bei den Salonkolumnisten erschien eine kritische Abhandlung, die viel geteilt wurde. Darin hieß es u.a.:

Die Karriere des Reporters Claas Relotius wurde von einer Form von Journalismus ermöglicht, vielleicht sogar gemacht, die Fiktionen und Fakten miteinander vermischt und die Rolle des Erzählers über die des Rechercheurs stellt. Eine Form des Journalismus, die sich mit Reporterpreisen selbst feiert, die politische Aktivisten wie Michael Moore mit Dokumentarfilmern verwechselt und die es für eine besondere Leistung hält, den Nachrichtenkern von Enthüllungen wie den „Panama-Papers“ unter Abertausenden von schön formulierten Sätzen zu vergraben. Fühlen, was sein könnte – statt sagen, was ist.

Bemerkenswert, wie sich hier eine weitere Eigenart des Medienbetriebs zeigt, nämlich der so genannte Herdentrieb, also das Wiederkäuen von herrschenden Meinungen. Das Tempo von Social Media hat es an sich, dass solche herrschenden Meinungen teil im Stundentakt wechseln können. Was im Urteil von Alpha-Journalisten eben noch eine klare, transparente und vorbildliche Aufarbeitung war, ist zwei Stunden später „eitle, klebrige Pampe“ (Niggemeier).
Nun will der Spiegel also schonungslos und umfassend aufklären und hat eine Kommission einberufen. An der Zeit wäre es tatsächlich für eine wirklich umfassende Aufarbeitung all dieser Phänomene und Defizite, denn neu ist das dem aktuellen Skandal zugrunde liegende Problem nicht. Claudius Seidl schrieb vor Jahren schon in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text unter der Überschrift „Die Verniedlichung der Welt„. Darin heißt es über ein Angela Merkel-Porträt aus dem Spiegel:

Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem „Spiegel“ liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen
fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus.

Das hat Seidl 2010 geschrieben. 2010! Es ist seither nichts besser geworden.
 

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