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Der Spiegel und sein Edel-Faker: Zwei Bewohner einer US-Kleinstadt zeigen, wie dreist Relotius Reportagen fälschte

Claas Relotius hat unter anderem über Fergus Falls geschrieben, eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA
Claas Relotius hat unter anderem über Fergus Falls geschrieben, eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA

Tag zwei seit Bekanntwerden des Betrugsskandals um den Spiegel-Reporter Claas Relotius und dessen Fälschungen: Während die Spiegel-Bosse Steffen Klusmann und Dirk Kurbjuweit im Morning Briefing einen sachlicheren Ton anschlagen als Kollege Ullrich Fichtner zuvor, verdeutlicht ein Text auf dem Portal Medium.com, wie dreist Relotius beim Schreiben seiner Reportagen mit der Realität umgegangen ist.

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“Wir hatten eine Menge Krisensitzungen, einige Pressegespräche, wir haben aufmerksam die sozialen Netzwerke verfolgt, über Strategien gesprochen. Der Tag ging spät zu Ende”, schreiben Steffen Klusmann, künftiger Spiegel-Chefredakteur und dessen Stellvertreter Dirk Kurbjuweit im Morning Briefing von Donnerstag. Den beiden sei bewusst, “dass der Fall Relotius den Kampf gegen Fake News noch schwerer macht, für alle: für die anderen Medien”, erläutern sie. Anders als der lange Offenlegungstext des künftigen Co-Chefredakteurs und Print-Verantwortlichen Ullrich Fichtner, der von einigen Beobachtern wegen seiner reportagigen und fast dramatischen Elemente kritisiert wurde, schlägt das Duo heute nach Bekanntwerden einen nüchternen, sachlicheren Ton an. Mit Blick auf ihren Ex-Kollegen schreiben sie nun:

Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, unseren Erwartungen nicht gerecht werden zu können mit guten und sehr guten Geschichten. Sie mussten exzellent sein. Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt, waren aber natürlich stolz über die enorme Resonanz auf seine Geschichten und über die vielen Preise, die er gewonnen hat. Ihm machte das Druck, seine Erfolge zu wiederholen, den nächsten Preis zu gewinnen. Er glaubte offenbar, dies nur über Fälschungen zu schaffen.

Es gehe dem Medienhaus nun darum, um die Glaubwürdigkeit zu kämpfen und sich der Enttäuschung der Leser zu stellen. Gleichwohl betonten Klusmann und Kurbjuweit, sehe man Relotius nicht als “einen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff”. Und weiter: “Er hat auch unser Mitgefühl. Er hat betrogen, wir haben uns betrügen lassen.” Das Ausmaß der systematischen Fälschungen hat in der Branche recht schnell die Frage aufgeworfen, wie diese trotz der viel gerühmten Dokumentationsabteilung beim Spiegel passieren konnte. “Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden”, heißt es in dem Morning Briefing, vor allem hinsichtlich der Dokumentare bzw. Faktenchecker. Seit dem Fall des 33-Jährigen wisse das Haus nun, dass das System lückenhaft ist. “In den nächsten Wochen und Monaten soll das Komitee diese Lücken finden und Vorschläge machen, wie wir sie stopfen können”, schreiben die beiden und schränken dabei ein: “Ganz verhindern werden sich solche Betrugsfälle aber nicht lassen, denn Verifikation darf nicht in Bespitzelung ausarten.”

Bei Relotius läuft “American Sniper” in der US-Provinz in Endlosschleife – nur eine von vielen Lügen

In welchem Ausmaß Relotius seine Reportagen gefälscht hat, zeigt nun ein am Mittwochabend publizierter Text auf dem Portal Medium.com, der Bezug nimmt auf die Spiegelgeschichte von Ende März 2017, eine Momentaufnahme aus Fergus Falls in Minnesota. Die beiden Autoren Michele Anderson und Jake Krohn leben in diesem 13.000-Einwohner-Städtchen und sind schon kurz nach der deutschen Veröffentlichung auf die Reportage aufmerksam geworden, die der Ex-Spiegel-Mann über Fergus Falls geschrieben hat. Auch Fichtner nimmt in seinem Beitrag vom Mittwoch Bezug auf dieses Stück und schreibt über die Recherche:

Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas anfangen kann, er findet keinen Zugang zum Stoff. Er schreibt E-Mails nach Hause, auch an Kollegen, dass er auf dem Schlauch steht, dass er nicht weiterkommt.

Letztlich liefert der damals schon preisgekrönte Reporter ein Panorama einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA mit Blick auf die Auswirkungen durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Nur leider ist die Geschichte frei erfunden. Das weiß der Spiegel mittlerweile, und das ahnten schon viel früher Michele Anderson und Jake Krohn, wie sie in ihrem Artikel aber auch bei Twitter erzählen. Sie waren von der per Google Translate übersetzten Version der Relotius-Reportage überrascht gewesen, über den Ton und ebenfalls über die darin enthaltenen vermeintlichen Fakten. “In dem Text sind so viele Lügen”, heißt es dort, “dass wir uns geeinigt haben, nur die elf absurdesten Lügen aufzulisten.”

Anderson und Krohn legen in ihrem Beitrag dar, dass bei der Reportage viele Schilderungen schlichtweg hanebüchen sind und belegen dies durch eigene Recherchen. Das geht los beim Eingangsschild der Stadt, das eben nicht, wie von Relotius geschildert den Spruch ziert “Wel­co­me to Fer­gus Falls – Home of damn good folks”, sondern ein ganz gewöhnliches Exemplar ist. Es geht weiter über die zahlreichen Protagonisten des Stücks, bei denen vor allem die Details der Biografien erfunden sind und der Reporter wohl nie mit ihnen gesprochen hat. Oder auch die Anekdote nach der seit über zwei Jahren der Clint-Eastwood-Streifen “American Sniper” im dortigen Kino von Fergus Falls läuft. Anderson und Krohn haben beim Manager nachgefragt, der ihnen mitteilt, dass der Film bereits seit dem 19. Februar 2015 nicht mehr im Programm gelistet wird. Danach sei der Streifen nie wieder aufgeführt worden.

“Er lebte mehrere Woche in unserer Community und hat wenig Wahres über die Stadt berichtet”, betont das Duo. In 7.300 Wörtern habe er lediglich die Einwohnerzahl und die durchschnittliche Jahrestemperatur sowie einige grundlegende Fakten korrekt berichtet, die durch eine simple Google-Suche herauszufinden seien. Die Anwohner fühlen sich durch das Porträt ihrer Heimat hintergangen, und auch die beiden Medium-Autoren sagen, dass der Spiegel-Reporter lediglich Stereotype über den Mittleren Westen verbreiten wollte und nie daran interessiert war, das vorgefertigte Weltbild über diese Gegend über Bord zu werfen.

“Der Spiegel-Journalist hat sich mit der falschen Kleinstadt angelegt”
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Übrigens: Dass der Beitrag mit dem Titel “Der Spiegel journalist messed with the wrong small town” nicht schon früher erschienen ist, erklären die beiden mit beruflichen und familiären Gründen. Auf Twitter gab es zahlreiche Nachfragen, warum sich die beiden nicht schon früher an den Spiegel gewandt haben, unter anderem von den Welt-Journalisten Christian Meier und Don Alphonso. Sie hätten seit dem Frühjahr 2017 an diesem Stück gearbeitet, erläutern sie, aber mussten es bis zum Herbst dieses Jahres liegen lassen. Die aktuelle Entwicklung sei nun der richtige Zeitpunkt für die Publikation gewesen, nachdem sie den Beitrag einige Wochen zuvor fertigstellt hätten. Hinzu kommt laut Aussage der beiden die Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird. “But would have anyone believed us?”, schreiben sie auf dem Kurznachrichtendienst und verweisen auf den Mitaufklärer und Spiegel-Reporter Juan Moreno, dem ja zunächst auch kein Glauben geschenkt wurde – und der dann auf eigene Faust dem Verdacht nachrecherchiert hat.

Über Twitter steht der Spiegel indes bereits im Austausch mit Michele Anderson und Jake Krohn. Die beiden wünschen sich mindestens eine Entschuldigung und gerne ein neues Porträt ihrer Stadt, damit das falsche Bild in der Öffentlichkeit korrigiert wird.

Update, 21. Dezember, 9.45 Uhr: 

Der Spiegel hat in einem eigenen Beitrag mittlerweile Stellung bezogen zur Reportage von Claas Relotius aus Fergus Falls. “Ein Reporter ist derzeit unterwegs in die Kleinstadt, um den Hinweisen und Vorwürfen nachzugehen”, wird dort mitgeteilt. In einem ersten Schritt habe die Dokumentationsabteilung das Manuskript der “Relotius-Geschichte” erneut in Stichproben prüfen lassen. Das Ergebnis: “Bei der Verifikation wurde tatsächlich nicht sauber gearbeitet.” Diverse Beispiele belegen die faktischen Ungenauigkeiten im Artikel. “Der Spiegel hat Fakten also nicht so sauber überprüft, wie es seine Statuten vorsehen. Zu sehr haben sich Redaktion und Dokumentation auf die vermeintliche Glaubwürdigkeit des Reporters verlassen.”

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Alle Kommentare

  1. Irgendwann gehen die Fakefans zu weit und können pubertierenden Halbstarken die Hände reichen. So manche Jubelfanfare war nicht mehr als die Begleitmusik für den eigenen Untergang.

  2. Das ist in der BRD 3 Reichsverwaltung doch ohnehin egal. Ob nun der lügt oder ob man einschränken lässt , kommt auf das gleich heraus.
    ZITAT: Dazu sollen in Ländern wie Deutschland etwa die Meinungsfreiheit, die Kunstfreiheit sowie die Wissenschafts- und Pressefreiheit eingeschränkt werden.Eingeführt werden soll Stattdessen ein »Toleranzzwang« und eine neue EU-Superbehörde, welche die Umsetzung entsprechender Maßnahmen überwacht. https://marbec14.wordpress.com/2015/01/09/eu-plan-umerziehungslager-fur-andersdenkende/

  3. DAS wäre eine ehrliche, eine selbstreflektierende Kritik in eigener Sache gewesen:

    “Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, die Erwartungen unser Chefredaktion voll und ganz gerecht werden zu können mit politisch korrekten, linkspopulistischen Fake-Geschichten. Sie mussten einen rot-grünen Bias haben und alle Ressentiments unser engstirnig und spießig gewordenen, kapitalismusfeindlichen und antiamerikanischen Leserschaft immer und immer wieder bestätigen, nur dann waren wir beim “Der Spiegel” rundum zufrieden. Wir machten ihm Druck seine Erfolge, die auf das Schüren und Bestätigen von Vorurteilen und der Förderung von Selbstgefälligkeit und Denkfaulheit beruhen, zu wiederholen, um so unsere sinkende Auflage zu erhöhen. Er wusste offenbar, dass wir deshalb beide Augen zudrücken.”

  4. Das kommt eben dabei raus, wenn die Haltung wichtiger als Fakten ist. Der Mainstreamjournalismus ist wie diese Regierung, die von der überwiegenden Zahl der Journalisten gestört wird, in Sachen Glaubwürdigkeit am Ende.

  5. Keine Hilbillies, schießwütigen Rednecks, ausländerfeindlichen Truckerfahrer, arbeitslosen Hinterwäldler gefunden?
    Da musste natürlich die Fantasie einspringen.
    Kann mir keiner erzählen, das nicht mindestens einer in jeder größeren Redaktionsstube sitzt.
    Würde eher dazu tendieren, dass 50 -60% die Einstellung von Relotius haben, nur eben nicht so gut schreiben können. Seine Geschichten lesen sich wirklich gut.

    1. Oh Boy !

      Traute Lafrenz, letzte Überlebende der “Weißen Rose”, ist nach SPIEGEL-Recherchen von dem Fall Claas Relotius betroffen

      Auf Neonazis in Chemnitz bezogen, zitiert Relotius sie so: “Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitlergruß, wie früher.” Die Sätze in der vierten Antwort habe sie nie benutzt, sagt Lafrenz. Sie habe auch nie aktuelle Fotos in US-Zeitungen von entsprechenden Aufmärschen in Deutschland gesehen.

      Lafrenz wiederholte während des zweiten Gesprächs am Mittwoch mehrmals: “Das habe ich bestimmt nicht gesagt.”

      Im SPIEGEL hatte niemand einen Nachweis des Gesprächs durch Vorlage einer Aufzeichnung oder Ähnliches verlangt.

  6. Jetzt tut doch nicht so, als wäre das alles etwas völlig Neues und Überraschendes. Mein Vater hat den Spiegel schon in den 60ern gemieden, nachdem er einen Artikel über Banken und ihre Geschäfte darin gelesen hatte. Da er vom Fach ist, wurde ihm schnell klar, dass da vieles erstunken und erlogen war. Das hieß damals allerdings noch nicht “Fake News”, sondern Gesinnungsjournalismus…

  7. Das eigentliche Problem ist m.E.: Ein, wortwörtlich, „ausgezeichneter“ Journalist verfasst etwas, das wird in einem renommierten Medium veröffentlicht – und schon wird es kaum mehr hinterfragt. Das sagt a u c h etwas aus über fast jede/n einzelne/n „Konsumente/In“ von Informationen. Wer mit einem Finger anklagend auf den Journalisten, den Spiegel oder gar „die“ Medien zeigt, dessen andere Finger weisen auf ihn selbst. – Das einst gewollte kritische Denken, das Hinterfragen behaupteter Sachverhalte (wo, worüber und von wem auch immer), setzt u.a. kritischen Journalismus voraus. Doch abgesehen von wenigen ,Edelfedern’: Wie sehen denn für die meisten JournalistINNen heutzutage die Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven aus? Und wie geht man, auch hierzulande, mit unbequem gewordenen JournalistINNen um? Ein Berufskollege.

  8. Matthew Karnitschnig wirft Spiegel weitere Fake Berichte vor

    Matthew Karnitschnig
    ‏Verified account @MKarnitschnig
    1h1 hour ago

    Point is, the notion that DerSpeigel has a world class fact-checking department was always fiction. When caught out, they simply went silent. Any journalist who competed against them knows how fast and loose they are with the facts. Far from a surprise, #Relotius was inevitable.

  9. Diese Enthüllung zeigt wie wenig Wert die Bezeugungen aus der Spiegel-Führung tatsächlich haben.

    Da brauchen Spiegel-Redakteure gar nicht seitenweise emotional rumschwallen,

    ES HAT KEINERLEI FAKTENCHECK STATTGEFUNDEN !!!

    Und das beweist eindeutig und zweifelsfrei, beim Spiegel gab/gibt es keine wirkliche Qualitätssicherung.

    Krass ist übrigens, diese Kleinstadt und ihre Bewohner hätten tatsächlich eine schöne (wahre) Geschichte hergegeben.

    Aber diese wollte beim idologisierten Spiegel eben kein Mensch hören/lesen und war offenbar anders in Auftrag gegeben.

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