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Das Nachrichtenmagazin und der talentierte Herr Relotius: Spiegel sucht im Betrugsskandal nach Fehlern im System

Spiegel-Macher Ullrich Fichtner (li.), Dirk Kurbjuweit (re.), künftiger Gesamt-Chefredakteur Steffen Klusman: vom "Relotius-Sound" verführt?

Der Schock sitzt tief beim Spiegel und wirft Wellen auf die gesamte Branche: Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Reporter Claas Relotius hat dem Magazin über Jahre hinweg gefälschte Reportagen untergejubelt. Das Ausmaß und die Folgen des Skandals lassen sich bislang noch nicht erahnen. Die Spiegel-Chefs versuchen, den Fall zu erklären und geloben Aufklärung. Kernfrage: schlimmer Einzelfall, oder zumindest in Teilen auch Folge eines systemischen Problems?

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Krisenkonferenz im Spiegel-Hochhaus an der Ericusspitze in Hamburg: Im großen Konferenzraum, in dem die Redaktion sonst zur Heftplanung oder Blattkritik versammelt wird, geht es an diesem Mittwoch um 14 Uhr um Kritik in eigener Sache. Der ab Januar amtierende Chefredakteur Steffen Klusmann sitzt neben seinem künftigen Co-Chefredakteur und Print-Verantwortlichen Ullrich Fichtner, dem aktuellen Blattmacher Dirk Kurbjuweit und Geschäftsführer Thomas Hass. Die Stimmungslage reicht von „erschüttert“, „geschockt“ bis „niedergeschlagen“. Es geht um einen beim Magazin und in der Branche beispiellosen Fall von Reportagen-Fälschung, die den hochdekorierten und bislang auch intern hochgelobten Autor Claas Relotius betrifft.
Relotius, trotz seiner erst 33 Jahre im Journalisten-Olymp angekommen, hat gestanden, zumindest weite Teile seines Werks manipuliert, vulgo erlogen zu haben. Gerade erst ist er mit dem Reporterpreis 2018 ausgezeichnet worden. 55 längere Artikel hat er für das Nachrichtenmagazin verfasst, davon etliche seit seiner Festanstellung vor eineinhalb Jahren. Noch ist das Ausmaß der damit verbundenen Fake News unklar. Es ist ein Skandal – und was für einer! – in dessen Zentrum ausgerechnet das deutsche Nachrichtenmagazin Nummer eins steht, dessen Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ lautet.

Fälschungen mit „hoher Energie“

Der Reporter habe in großem Stil gefälscht, eröffnet Klusmann den anwesenden Medienjournalisten im „K4“, und Fichtner fügt später hinzu, Relotius habe genau gewusst, was er tue und das zudem mit „hoher Energie“ getan. Der designierte Chefredakteur nutzt die Gelegenheit, um sich zu entschuldigen, bei Lesern, Anzeigenkunden und auch den Kollegen. Man werde eine dreiköpfige Aufklärungs-Kommission einsetzen, mit dem langjährigen Auslands-Ressortleiter Clemens Höges und dem neu verpflichteten Nachrichtenchef Stefan Weigel, einem Weggefährten Klusmanns aus FTD-Zeiten, der von der Rheinischen Post zum Spiegel wechselt. Die dritte Position soll mit einem Externen besetzt werden, wer das sein wird, stehe noch nicht fest. Das Gremium, so stellen alle Verantwortlichen klar, werde lange brauchen, um den Fall in allen Einzelheiten zu erhellen. Es werde nicht Wochen, sondern Monate dauern. Wenn es denn überhaupt gelingt, alle Verfehlungen aufzuklären.
Fest steht: Der Spiegel hat ein Compliance-Thema, das sich gewaschen hat. Es geht auch um Verantwortlichkeiten im Haus und um die Frage, ob das als engmaschige Netz der redaktionellen Kontrollen Löcher hat, systematische Lücken. In einem sehr langen Text in eigener Sache hat Ullrich Fichtner beschrieben, wie man dem Fake-Autor in eigenen Reihen auf die Spur gekommen ist, warum es so lange dauerte und nun so mühselig sein wird, Gewissheit zu erlangen, ob viele oder vielleicht doch alle Texte des jungen Star-Schreibers sich im Wahrheits-Stresstest als Schall und Rauch erweisen. „Jaegers Grenze“, die zuletzt erschienene Story von Relotius über die US-mexikanische Grenze vom 17. November, soll zahlreiche Unstimmigkeiten aufweisen, u.a. auch die, dass der vom Autor beschriebene Protagonist aus der Headline offenbar gar nicht existiert.

Schillernde Recherche-Halbwelt

Je tiefer die Spiegel-Verantwortlichen in die schillernde Recherche-Halbwelt von Claas Relotius eintauchten, desto schlimmer wurde es. Seine Beschreibungen hatten einfach alles, wie auch die Jurys der Preise lobten: Fakten, Atmosphäre, Eleganz. Jetzt ahnt man, dass der Spiegel-Redakteur eher Romane als Reportagen textete. Zu schön, um wahr zu sein. Und er säuselte seinen Vorgesetzten überaus erfolgreich ein, der ideale Mann vor Ort zu sein. Fichtner sprach in diesem Zusammenhang vom „Relotius-Sound“, als wäre er gerade aus einem hypnotischen Traum geholt worden. Kurbjuweit gerät rückblickend fast ins Schwärmen, wenn er bekennt, man habe das Gefühl gehabt, mit dem Autoren aus dem Gesellschaftsressort einen modernen Vertreter „des ganz neuen Spiegel“ vor und um sich gehabt zu haben. Leise im Auftreten, uneitel – und geradezu unheimlich gut.
Tatsächlich aber tat sich, so soll der preisgekrönte Journalist seinen Vorgesetzten gebeichtet haben, im Job regelmäßig die Hölle für ihn auf. Fichtner beschreibt das so:

Wenn es aber hake, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte finde, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage: „Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!“. Im Gespräch mit Relotius wirkt es so, als sei er nun, nachdem seine Welt eingestürzt ist, auf der Suche nach Metaphern für sich selbst. Er ist noch nicht fündig geworden.

Nun ist der künftige Print-Chefredakteur aber in allererster Linie „wütend“ auf das, was Relotius den Kollegen und vor allem der Marke Spiegel angetan hat. Denn darin ist man sich hier am Konferenzbalken einig: Dem Journalismus wurde großer Schaden zugefügt, besonders dem Format der Reportage. Dies trifft das Nachrichtenmagazin in einem empfindlichen Punkt, den die Macher vielleicht noch nicht genug wahrhaben wollen. Die dem Autoren allseits attestierte Brillanz beruht auf der ungeheuren Dichte und den virtuos gesetzten Details der von ihm erzeugten Bilder. Welche Fakten-Checker sollen nachprüfen, welches Lied eine Figur aus der Erzählung wann gesungen hat? Wer kann Geräusche oder scheinbar zufällige Ereignisse nachvollziehen, wenn das Geschehen so weit weg und der Text so outstanding erscheint? Der Kollege habe das „schon sehr ausgebufft gemacht“, bekennt man nun reuig und verspricht, was auch sonst, vollständige Aufklärung und Transparenz.

Nährboden für Fake-Reporter?

Hier aber liegt das Problem. Denn auch wenn niemand bestreiten wird, dass es sich bei der Causa Relotius um einen redaktionellen Betriebsunfall handelt, der andere hochangesehene Medien genauso hätte treffen können (und nach derzeitiger Verdachtslage wohl auch getroffen hat), für die der Journalist in den letzten Jahren schrieb, so bleibt am Ende die Frage, ob Der Spiegel nicht einen Nährboden für einen Fake-Reporter geliefert hat. Kaum ein Magazin ist dafür sowohl berühmt wie berüchtigt, dem Leser zu suggerieren, dass Reporter in allen Phasen der Berichterstattung unmittelbar Zeuge des Geschehens sind oder sich zumindest auf Einblicke aus allererster Hand berufen können. Dafür ist das Magazin häufig in die Kritik geraten, vor allem aufgrund des tendenziösen Charakters solcher oft nicht einmal gegendarstellungsfähiger Passagen. Kurbjuweit nennt dies den Stil der „szenischen Rekonstruktion“ und sieht auch jetzt keinen Grund, von der bewährten Praxis abzurücken.
Darüber wird zu reden sein, und man kann nur hoffen, dass dies intensiv auch beim Spiegel passiert. Claas Relotius gilt derzeit als Einzelfall, als einer, der sich selbst als „krank und hilfsbedürftig“ bezeichnet, dessen „Kontrollmechanismen versagten“. Das erscheint nach Lage der Dinge plausibel, aber dennoch sollte der Spiegel sich hüten, den Skandal als unvermeidbar hinzustellen. Klusmann will die „Verifikations-Mechanismen“ auf den Prüfstand stellen, Fichtner sieht mit Sorge, dass es bei den ganz jungen Kollegen eine ungesunde Fixierung auf Journalisten-Preise gebe. Alle, auch Kurbjuweit, versichern, man werde „schonungslos mit uns selbst umgehen“. Fast trotzig fügt Fichtner in Anspielung auf ein Augstein-Zitat hinzu, man werde vor allem das tun, was Der Spiegel immer getan habe: damit weitermachen zu sagen, was ist.
Der Medienjournalist und ehemalige Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hat in seinem lesenswerten Beitrag „Der ‚Spiegel‘ und die gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens“ auf Übermedien (Paid Content) sehr deutlich aufgeschrieben, warum das aus Sicht des Nachrichtenmagazins selbstgerecht wirkt und zu wenig sein könnte, wenn es darum geht, den Skandal aufzuarbeiten. Auch mit dem überlangen Text Fichners geht Niggemeier hart ins Gericht. Dem künftigen Co-Chef des Spiegel wirft er vor, bei der Beschreibung des Sachverhalts das Stilmittel der Überhöhung einzusetzen, statt schlicht zu informieren: „Man kann darüber streiten, ob solche Dramatisierungen zulässig sind. Dass Fichtner sie ausgerechnet bei einem Artikel, der davon handelt, dass jemand es mit den Dramatisierungen über alle Grenzen hinweg übertrieb, für eine gute Idee hält, spricht für erstaunlich wenig Selbstreflexion.“
Das Fazit des Medienkritikers: „Aus dem scheinbaren Versuch, schonungslos aufzuklären, wird (…) eitle, klebrige Pampe.“ Zwar gebe sich der Spiegel „größte Mühe, Fehler zu verhindern“, schreibt Niggemeier aus Erinnerung an seine Zeit bei dem Nachrichtenmagazin: „Aber wenn sie passiert waren, ging es einigen Beteiligten und Verantwortlichen nach meiner Wahrnehmung damals vor allem darum, das Gesicht zu wahren.“ Vor diesem Hintergrund sollte auch die vermeintlich schonungslose Selbst-Kasteiung Fichtners mit Skepsis betrachtet werden:

Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der Spiegel in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind. Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im Spiegel-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz.
Ullrich Fichtner auf Spiegel Online

In einem Punkt allerdings macht sich Klusmann keine Illusionen. Es sei aussichtslos zu glauben, dass es gelänge, den jungen Autor für etwaige Schadenersatzansprüche haftbar zu machen. Von einer Strafanzeige gegen Claas Relotius hat der Spiegel-Verlag deshalb auch zumindest vorerst abgesehen – anders als etwa die Verantwortlichen des Burda-Magazins Playboy, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ein Autor ein Interview mit Hollywood-Komponist Ennio Morricone offenbar gefälscht hatte. Relotius hat seinen Vertrag beim Spiegel Anfang der Woche fristlos gekündigt und kam damit seinem Rausschmiss zuvor. Man hoffe, dass er ein privates Umfeld habe, das ihn jetzt auffange, heißt es beim Spiegel. Eine Vertrauensperson aus der Redaktion stehe außerdem mit dem Ex-Kollegen in Kontakt.
Als erste Jury hat inzwischen das Vergabe-Gremium des Ulrich Wickert Preies reagiert und dem dem unter Betrugsverdacht stehenden Spiegel-Redakteur den Peter Scholl-Latour Preis 2018 aberkannt. Prämiert worden war Relotius für seine Reportage „Löwenjungen“, die zum Teil gefälscht ist. Der Peter Scholl-Latour Preis wird alljährlich von der Ulrich Wickert Stiftung für die Berichterstattung über das Leid von Menschen in Krisen- und Konfliktgebieten vergeben. Ulrich Wickert erklärte dazu: „Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten.“
 
Der Spiegel hat eine eigene Seite zum Fall Relotius eingerichtet, auf der die Statements in eigener Sache ebenso verlinkt sind wie die unter Betrugsverdacht stehenden Artikel. Durch diese Transparenz erhofft sich das Nachrichtenmagazin auch weitere Hinweise auf mögliche Fälschungen in den Artikeln.

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