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Das Nachrichtenmagazin und der talentierte Herr Relotius: Spiegel sucht im Betrugsskandal nach Fehlern im System

Spiegel-Macher Ullrich Fichtner (li.), Dirk Kurbjuweit (re.), künftiger Gesamt-Chefredakteur Steffen Klusman: vom “Relotius-Sound” verführt?
Spiegel-Macher Ullrich Fichtner (li.), Dirk Kurbjuweit (re.), künftiger Gesamt-Chefredakteur Steffen Klusman: vom "Relotius-Sound" verführt?

Der Schock sitzt tief beim Spiegel und wirft Wellen auf die gesamte Branche: Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Reporter Claas Relotius hat dem Magazin über Jahre hinweg gefälschte Reportagen untergejubelt. Das Ausmaß und die Folgen des Skandals lassen sich bislang noch nicht erahnen. Die Spiegel-Chefs versuchen, den Fall zu erklären und geloben Aufklärung. Kernfrage: schlimmer Einzelfall, oder zumindest in Teilen auch Folge eines systemischen Problems?

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Krisenkonferenz im Spiegel-Hochhaus an der Ericusspitze in Hamburg: Im großen Konferenzraum, in dem die Redaktion sonst zur Heftplanung oder Blattkritik versammelt wird, geht es an diesem Mittwoch um 14 Uhr um Kritik in eigener Sache. Der ab Januar amtierende Chefredakteur Steffen Klusmann sitzt neben seinem künftigen Co-Chefredakteur und Print-Verantwortlichen Ullrich Fichtner, dem aktuellen Blattmacher Dirk Kurbjuweit und Geschäftsführer Thomas Hass. Die Stimmungslage reicht von “erschüttert”, “geschockt” bis “niedergeschlagen”. Es geht um einen beim Magazin und in der Branche beispiellosen Fall von Reportagen-Fälschung, die den hochdekorierten und bislang auch intern hochgelobten Autor Claas Relotius betrifft.

Relotius, trotz seiner erst 33 Jahre im Journalisten-Olymp angekommen, hat gestanden, zumindest weite Teile seines Werks manipuliert, vulgo erlogen zu haben. Gerade erst ist er mit dem Reporterpreis 2018 ausgezeichnet worden. 55 längere Artikel hat er für das Nachrichtenmagazin verfasst, davon etliche seit seiner Festanstellung vor eineinhalb Jahren. Noch ist das Ausmaß der damit verbundenen Fake News unklar. Es ist ein Skandal – und was für einer! – in dessen Zentrum ausgerechnet das deutsche Nachrichtenmagazin Nummer eins steht, dessen Claim “Keine Angst vor der Wahrheit” lautet.

Fälschungen mit “hoher Energie”

Der Reporter habe in großem Stil gefälscht, eröffnet Klusmann den anwesenden Medienjournalisten im “K4”, und Fichtner fügt später hinzu, Relotius habe genau gewusst, was er tue und das zudem mit “hoher Energie” getan. Der designierte Chefredakteur nutzt die Gelegenheit, um sich zu entschuldigen, bei Lesern, Anzeigenkunden und auch den Kollegen. Man werde eine dreiköpfige Aufklärungs-Kommission einsetzen, mit dem langjährigen Auslands-Ressortleiter Clemens Höges und dem neu verpflichteten Nachrichtenchef Stefan Weigel, einem Weggefährten Klusmanns aus FTD-Zeiten, der von der Rheinischen Post zum Spiegel wechselt. Die dritte Position soll mit einem Externen besetzt werden, wer das sein wird, stehe noch nicht fest. Das Gremium, so stellen alle Verantwortlichen klar, werde lange brauchen, um den Fall in allen Einzelheiten zu erhellen. Es werde nicht Wochen, sondern Monate dauern. Wenn es denn überhaupt gelingt, alle Verfehlungen aufzuklären.

Fest steht: Der Spiegel hat ein Compliance-Thema, das sich gewaschen hat. Es geht auch um Verantwortlichkeiten im Haus und um die Frage, ob das als engmaschige Netz der redaktionellen Kontrollen Löcher hat, systematische Lücken. In einem sehr langen Text in eigener Sache hat Ullrich Fichtner beschrieben, wie man dem Fake-Autor in eigenen Reihen auf die Spur gekommen ist, warum es so lange dauerte und nun so mühselig sein wird, Gewissheit zu erlangen, ob viele oder vielleicht doch alle Texte des jungen Star-Schreibers sich im Wahrheits-Stresstest als Schall und Rauch erweisen. “Jaegers Grenze”, die zuletzt erschienene Story von Relotius über die US-mexikanische Grenze vom 17. November, soll zahlreiche Unstimmigkeiten aufweisen, u.a. auch die, dass der vom Autor beschriebene Protagonist aus der Headline offenbar gar nicht existiert.

Schillernde Recherche-Halbwelt

Je tiefer die Spiegel-Verantwortlichen in die schillernde Recherche-Halbwelt von Claas Relotius eintauchten, desto schlimmer wurde es. Seine Beschreibungen hatten einfach alles, wie auch die Jurys der Preise lobten: Fakten, Atmosphäre, Eleganz. Jetzt ahnt man, dass der Spiegel-Redakteur eher Romane als Reportagen textete. Zu schön, um wahr zu sein. Und er säuselte seinen Vorgesetzten überaus erfolgreich ein, der ideale Mann vor Ort zu sein. Fichtner sprach in diesem Zusammenhang vom “Relotius-Sound”, als wäre er gerade aus einem hypnotischen Traum geholt worden. Kurbjuweit gerät rückblickend fast ins Schwärmen, wenn er bekennt, man habe das Gefühl gehabt, mit dem Autoren aus dem Gesellschaftsressort einen modernen Vertreter “des ganz neuen Spiegel” vor und um sich gehabt zu haben. Leise im Auftreten, uneitel – und geradezu unheimlich gut.

Tatsächlich aber tat sich, so soll der preisgekrönte Journalist seinen Vorgesetzten gebeichtet haben, im Job regelmäßig die Hölle für ihn auf. Fichtner beschreibt das so:

Wenn es aber hake, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte finde, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage: “Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!”. Im Gespräch mit Relotius wirkt es so, als sei er nun, nachdem seine Welt eingestürzt ist, auf der Suche nach Metaphern für sich selbst. Er ist noch nicht fündig geworden.

Nun ist der künftige Print-Chefredakteur aber in allererster Linie “wütend” auf das, was Relotius den Kollegen und vor allem der Marke Spiegel angetan hat. Denn darin ist man sich hier am Konferenzbalken einig: Dem Journalismus wurde großer Schaden zugefügt, besonders dem Format der Reportage. Dies trifft das Nachrichtenmagazin in einem empfindlichen Punkt, den die Macher vielleicht noch nicht genug wahrhaben wollen. Die dem Autoren allseits attestierte Brillanz beruht auf der ungeheuren Dichte und den virtuos gesetzten Details der von ihm erzeugten Bilder. Welche Fakten-Checker sollen nachprüfen, welches Lied eine Figur aus der Erzählung wann gesungen hat? Wer kann Geräusche oder scheinbar zufällige Ereignisse nachvollziehen, wenn das Geschehen so weit weg und der Text so outstanding erscheint? Der Kollege habe das “schon sehr ausgebufft gemacht”, bekennt man nun reuig und verspricht, was auch sonst, vollständige Aufklärung und Transparenz.

Nährboden für Fake-Reporter?
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Hier aber liegt das Problem. Denn auch wenn niemand bestreiten wird, dass es sich bei der Causa Relotius um einen redaktionellen Betriebsunfall handelt, der andere hochangesehene Medien genauso hätte treffen können (und nach derzeitiger Verdachtslage wohl auch getroffen hat), für die der Journalist in den letzten Jahren schrieb, so bleibt am Ende die Frage, ob Der Spiegel nicht einen Nährboden für einen Fake-Reporter geliefert hat. Kaum ein Magazin ist dafür sowohl berühmt wie berüchtigt, dem Leser zu suggerieren, dass Reporter in allen Phasen der Berichterstattung unmittelbar Zeuge des Geschehens sind oder sich zumindest auf Einblicke aus allererster Hand berufen können. Dafür ist das Magazin häufig in die Kritik geraten, vor allem aufgrund des tendenziösen Charakters solcher oft nicht einmal gegendarstellungsfähiger Passagen. Kurbjuweit nennt dies den Stil der “szenischen Rekonstruktion” und sieht auch jetzt keinen Grund, von der bewährten Praxis abzurücken.

Darüber wird zu reden sein, und man kann nur hoffen, dass dies intensiv auch beim Spiegel passiert. Claas Relotius gilt derzeit als Einzelfall, als einer, der sich selbst als “krank und hilfsbedürftig” bezeichnet, dessen “Kontrollmechanismen versagten”. Das erscheint nach Lage der Dinge plausibel, aber dennoch sollte der Spiegel sich hüten, den Skandal als unvermeidbar hinzustellen. Klusmann will die “Verifikations-Mechanismen” auf den Prüfstand stellen, Fichtner sieht mit Sorge, dass es bei den ganz jungen Kollegen eine ungesunde Fixierung auf Journalisten-Preise gebe. Alle, auch Kurbjuweit, versichern, man werde “schonungslos mit uns selbst umgehen”. Fast trotzig fügt Fichtner in Anspielung auf ein Augstein-Zitat hinzu, man werde vor allem das tun, was Der Spiegel immer getan habe: damit weitermachen zu sagen, was ist.

Der Medienjournalist und ehemalige Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hat in seinem lesenswerten Beitrag “Der ‘Spiegel’ und die gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens” auf Übermedien (Paid Content) sehr deutlich aufgeschrieben, warum das aus Sicht des Nachrichtenmagazins selbstgerecht wirkt und zu wenig sein könnte, wenn es darum geht, den Skandal aufzuarbeiten. Auch mit dem überlangen Text Fichners geht Niggemeier hart ins Gericht. Dem künftigen Co-Chef des Spiegel wirft er vor, bei der Beschreibung des Sachverhalts das Stilmittel der Überhöhung einzusetzen, statt schlicht zu informieren: “Man kann darüber streiten, ob solche Dramatisierungen zulässig sind. Dass Fichtner sie ausgerechnet bei einem Artikel, der davon handelt, dass jemand es mit den Dramatisierungen über alle Grenzen hinweg übertrieb, für eine gute Idee hält, spricht für erstaunlich wenig Selbstreflexion.”

Das Fazit des Medienkritikers: “Aus dem scheinbaren Versuch, schonungslos aufzuklären, wird (…) eitle, klebrige Pampe.” Zwar gebe sich der Spiegel “größte Mühe, Fehler zu verhindern”, schreibt Niggemeier aus Erinnerung an seine Zeit bei dem Nachrichtenmagazin: “Aber wenn sie passiert waren, ging es einigen Beteiligten und Verantwortlichen nach meiner Wahrnehmung damals vor allem darum, das Gesicht zu wahren.” Vor diesem Hintergrund sollte auch die vermeintlich schonungslose Selbst-Kasteiung Fichtners mit Skepsis betrachtet werden:

Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der Spiegel in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind. Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im Spiegel-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz.
Ullrich Fichtner auf Spiegel Online

In einem Punkt allerdings macht sich Klusmann keine Illusionen. Es sei aussichtslos zu glauben, dass es gelänge, den jungen Autor für etwaige Schadenersatzansprüche haftbar zu machen. Von einer Strafanzeige gegen Claas Relotius hat der Spiegel-Verlag deshalb auch zumindest vorerst abgesehen – anders als etwa die Verantwortlichen des Burda-Magazins Playboy, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ein Autor ein Interview mit Hollywood-Komponist Ennio Morricone offenbar gefälscht hatte. Relotius hat seinen Vertrag beim Spiegel Anfang der Woche fristlos gekündigt und kam damit seinem Rausschmiss zuvor. Man hoffe, dass er ein privates Umfeld habe, das ihn jetzt auffange, heißt es beim Spiegel. Eine Vertrauensperson aus der Redaktion stehe außerdem mit dem Ex-Kollegen in Kontakt.

Als erste Jury hat inzwischen das Vergabe-Gremium des Ulrich Wickert Preies reagiert und dem dem unter Betrugsverdacht stehenden Spiegel-Redakteur den Peter Scholl-Latour Preis 2018 aberkannt. Prämiert worden war Relotius für seine Reportage “Löwenjungen”, die zum Teil gefälscht ist. Der Peter Scholl-Latour Preis wird alljährlich von der Ulrich Wickert Stiftung für die Berichterstattung über das Leid von Menschen in Krisen- und Konfliktgebieten vergeben. Ulrich Wickert erklärte dazu: “Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten.”

 

Der Spiegel hat eine eigene Seite zum Fall Relotius eingerichtet, auf der die Statements in eigener Sache ebenso verlinkt sind wie die unter Betrugsverdacht stehenden Artikel. Durch diese Transparenz erhofft sich das Nachrichtenmagazin auch weitere Hinweise auf mögliche Fälschungen in den Artikeln.

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Alle Kommentare

  1. Wichtig ist nicht nur bei Reportagen die für den Spiegel geschrieben werden, dass das sogenannte “Narrativ” stimmt, und in dem Punkt hat der talentierte Mister Relotius beflissen auf die vorzüglichste Art und Weise geliefert wie zuvor bestellt wurde. Hätte er, der Gefallsüchtige, ansonsten die vielen Medienpreise und das überschwängliche Lob und die aufrichtige Anerkennung seiner Vorgesetzten und Redaktionskollegen beim Hamburger Nachrichten-Magazin so unverstellt und unbekümmert erhalten? Sicher nicht.

    Ps. Und was den jämmerlichen Selbstrechtfertigungsversuch des Herrn Fichtner betrifft: Mein Gott, noch nie so ein kitschiges Elaborat gelesen. “Pulp Fiction” pur. Wollte er sich damit ersatzweise -man weiß ja nie was noch passiert- beim BASTEI-Verlag als Groschenroman-Autor bewerben? Scheint fast so.

  2. Während Herr Fichtner auf Spon seine Betroffenheit über die frei erfundenen “human interest stories” selbst im Muster einer solchen aus der Perspektive eines leitenden Spiegel-Journalisten gibt, sucht bereits Stefan Niggemeier nach dem Fehler im sozialen Minikosmos des “Systems Spiegel”, ein Artikel der Epoch Times, hierin einigen Foristen hier gleichend, im systemtischen Fehlern der korporativen Gruppe deutscher Journalisten, die sich in einen “links-liberalen” Gesinnungsclub verwandelt hätten.

    Wenn dem auch der Fehler zugrundeliegt, nicht zu erkennen, dass das, was sich heute “linksliberal” nennt, weder liberal noch links im Sinne der europäischen Geistesgeschichte ist, sondern das identitäre und dogmatisch erstarrte Selbstverständnis eines Milieus, das verlernt hat, sein eigenes Verhältnis zu gessellschaftlichen Machtstrukturen überhaupt in den Fokus zu nehmen, geschweige denn, es zu analysieren, so weisen sowohl die Äußerungen in der Epoch Times wie die vieler Leserkommentare weiter, als bisher selbst die kritischsten Bemerkungen aus der Branche selbst, die, in der Tat, in Gänze betroffen ist.

    Der Unmut über die Stoßrichtung unserer Medien begann nicht erst mit der Flüchtlingskrise im Jahr vorher. Vielmehr setzten massenhafte Proteste in Leserforen und der dramatische Rückgang von Abonennten ab Anfang 2014 ein, als ein entfesseltes Russland-Bashing massive Angst vor einem Krieg in Europa führte. Bereits hier betrafen Einschläge den Spiegel: Ich erinnere mich nur zu gut an den massiven Aufschrei von mehr als 2000 Kommentatoren auf ein fatales Spiegel-Titelbild mit der Aufschrift “Stoppt Putin jetzt!”, dem der editorische Artikel “Ende der Feigheit!” dann noch die letzte kriegerische Note gab – wie überhaupt die Leser seit dem permanenten Russland-Bashing seit 2014. Der zuständige Chefredakteur verließ danach das Blatt – ohne dass sich dies einen veränderten Umgang mit dem Thema bewirkt hätte.

    Im Gegenteil: Nur noch darauf ausgerichtet, ein Deutungsnarrativ, in der politische und mediale Macht, anders als die Bürger, eine einseitige Feinderklärung an ein Land richteten, das in zwei schuldhaft von Deutschland verursachten Kriegen insgesamt über 30 Millionen Tote zu beklagen hatte, und dieses in ein Kriegsnarrativ gossen, das in immer heftigerer und keine Publikumsbeschimpfung auslassender Form anhob, jeden Dissenz zu delegitimieren und eliminieren (was hochgradig illiberal, ja sogar anti-liberal und nicht mti dem Grundgesetz vereinbar ist) erwies sich der hiesige Journalismus bereits als im drohenden Umfang vermachtet. Die sozial und europäisch instinktlose Selbstbejubelung der gleichen identitären Gruppe von Menschen im Zuge der Kriegsmigrationskrise 2015 (die peinlich achtsam die Frage außer Aucht ließ, welche politischen Kräfte denn den Nahen Osten in Schutt und Asche gelegt hatten) erledigte dann den Rest.

    Wer auf unzensierten Foren Leserkommentare liest, erkennt das Problem ebenso, wie die, die medienwisssenschaftliche Forschung zur Kenntnis nehmen: Die Medien sind nicht nur in der Hand einiger weniger Medienkonzerne in einem bisher ungekannten Maße konzentriert (vgl. Zahlen des Börsenvereins des dt. Buchhandels), ihre führenden Redakteure sind nicht nur in denselben Netzwerken organisiert wie Politiker (vgl. Krüger, Meinungsmacht, 2014), sie sind nicht nur sozial ungeheuer homogen (vgl. Forschung von Thomas Meyer), sie treiben nicht nur eine an der PR geschulte Ästhetisierung von Journalismus und dessen immer weiter gehende Boulevardisierung voran (vgl. u.a. die Forschung von Michael Meyen und Jörg Becker), sie sind nicht nur in Nato-Strukturen eingebunden (vgl. Veröffentlichung der Informationsstelle Militarisierung (IMI) u.a. zu den sogenannten Nato-Exzellenzzentren wie die JAPCC und den East StratComs TaskForces und Forschung von Jörg Becker, sowie die Publikationen zur Kriegsberichterstattung des Dusiburger Instituts für Sprache und Sozialforschung (DISS)) – sondern Journalisten müssen sich die Durchsetzung der von Machtlobbyismus geprägten Agendas zusätzlich zu ihrem identitären Selbstverständnis erhoben – und die, die es nicht tun, bleiben ohne Aufträge.

    In der Tat ist der deutsche Journalismus zum Symptom einer ökonomischer, politischer und sozialer Oligarchisierung entspringenden Demokratiekrise geworden, begeht aber den Fehler, diese für eine Folge seiner Legitimationskrise, nicht seines Zustands zu halten.

    Machtkonforme Narrative zu formen und zu verbreiten, deren Macher dadurch glauben, beanspruchen zu können, ihnen gebüre die absolute Deutungshoheit, waren melodramatische human interest stories, in einer massenkonformen Ästhetik verpasst, das Mittel erster Wahl. Die in ihnen wirksame apodiktische Werbeästhetik sollte den damit verkauften politischen Dogmen eine gleichfalls apodiktischen Legitimationsanspruch verschafffen.

    Das Handwerk eine solche ästhetische Hülle fließbandmäßig herzustellen, war das, was Relotius, der den normativen Druck, der auf ihm lastete, vermutlich eher spürte als reflektierte, perfekt bedienen konnte. Da interessierte sein Umgang mit Quellen nur am Rande. Dass er nicht, wie in der Branche üblich, seine Stories auf selektivem Umgang mit Quellen, sondern deren freie Erfindung aufbaute, wäre nur ein Schönheitsfehler gewesen, wäre es nicht aufgefallen.

    Der Journalismus in diesem Land ist schon längst einer, der nur noch opportun ist. Einen Widerspruch gegen entfesselte Machtpolitik ist auf ihm schon lange nicht mehr aufzubauen. Erst recht ist er zu einer Metrareflexion fähig, was bei uns schief läuft. Nicht dass Demokratie sich bei uns selbst abschafft, ist sein Problem, sondern dass er mit der Zunahme der immanenten Widersprüche der gesellschaftlichen Legitimationsbasis der derzeitigen “alternativlosen”, “marktkonformen” und doch nur noch an Eliteninteressen orientierten “Demokratien” des Westens diese nicht mehr pannenfrei verschleiern kann.

    Unser Gesellschaft hat ein ganz grundlegendes Problem. Und es anzuschneiden, heißt zu akzeptieren, dass wir vor einer Grundsatzfrage stehen: nämlich der, dass wir nur entweder die Demokratie retten können oder die derzeitige Asymmetrie politischer und ökonomischer Macht, aber nicht beides. Daran, dass wir die Machtfrage ernsthaft stellen, hängt aber vermutlich nicht nur das Überleben der Demokratie in Europa, sondern das Überleben der Menschheit. Keiner der großen internationalen Probleme, weder der Klimawandel, noch der Staatenzerfall, noch die Verknappung von Rohstoffen lassen sich mit einer Hegemonialpolitik, erst recht keiner kriegerischen, lösen.

    Der Westen hat in den vergangenen Jahrzehnten seine eigene Legitimationsbasis zerstört, indem er durch mediales Lobbying demokratische Diskursivität beseitigt und durch seine muskuläre Kriegspolitik die internationale Gültigkeit des Rechts nahezu zerstört hat – und ihre normative Grundlage zur Kriegs-PR degradierte. Die derzeitige Krise des Spiegels legt dies als Symptom nur offen. Die Probleme aber sind grundsätzliche – und davon, ob sie endlich jetzt eingestanden werden, hängt vermutlich das Überleben der Menschheit ab.

  3. Kurbjuweit sieht „keinen Grund, von der bewährten Praxis der szenischen Rekonstruktion abzurücken“? Dann kann sich der Spiegel die Aufarbeitung des Skandals ja sparen.

    Also munter weiter mit diesen bewährt detailversessenen Reportagen: Wer hob wann sein zierlich Teetässlein aus limogeser Porcellan und hat dabei gezittert, wer schaut erbittert, wer zerknittert, wer hat welchen Quatsch getwittert …

    Bloß nicht an der Methode rütteln. Und immer schön das Journalist*_Innen-Ego in den Mittelpunkt stellen!

  4. Die brauchen sich beim SPIEGEL nicht wundern, stehen sie doch in der Presselandschaft ganz oben mit ihren Zeilen, auf deutsch:
    Sosusagen Gott und der SPIEGEL…

  5. Hanns-Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache.”

    Unter seinem Namen wird ein Medien-Preis vergeben. Eine Preisträgerin sowie Journalisten erklärten unlängst, daß Friedrichs das Gegenteil dessen gemeint habe, was er hier dem Wortlaut nach zum Ausdruck gebracht hatte.

    Der womöglich triebhaft zu erklärende Deutungs-Anspruch von „Haltungs“-Journalisten ließe sich klarer kaum dokumentieren.

    Nun opfern sie einen aus ihrem inneren Wirkungskreis, wohl in der berechtigten Annahme, dafür etwas Glaubwürdigkeit zurücktauschen zu können.

  6. Relotius tat, was jeder Heiratsschwindler tut: Das Ego seines Goldesels füttern. Der Esel ist hier der Spiegel. Die Redaktion war in seinem Fall blind, weil es ihr schmeichelte, dass ihr Reporter den Helden der Guten Welt so nah war. Und wenn Kaepernicks Anwalt auf die Frage nach einem Fakeinterview (nach eigener Beschreibung des Spiegels) lediglich mit einem lakonischen “There is no basis.” antwortete statt zu verklagen, zeigt das, wie unwichtig in jenem Teil der Welt ein Spiegel ist, der sich in Deutschland gerne als Nabel der Wahrheit sieht. Selbst im Artikel von Herrn Fichtner auf SpOn über den Skandal im eigenen Haus suhlt sich der Spiegel im schwülstig formulierten Selbstmitleid, ganz im Schreibstil der Fakeartikel, statt – sich auch im Stil deutlich distanzierend – knapp, sachlich und ohne Schwulst die Fakten zu benennen. Außerdem wäre es schön, würde sich die Redaktion wieder auf den (sehr ehren- und beachtenswerten) Augstein-Spruch besinnen, der da lautet: “Sagen, was ist.” Statt dessen schreibt die Redaktion seit vielen Jahren, was ihre Redakteure wollen, dass sein soll. Wer aber Menschen erziehen will, soll Sozialarbeiter oder Lehrer aber kein Journalist werden.

  7. Claas Relotius ist vermutlich nicht krank, sondern das Produkt eines rotgrünen Systems von Bevölkerungserziehung und Desinformation, in dem linke Gesinnung mehr zählt als Können und Redlichkeit. Der “Kampf gegen Rechts”, gegen das deutsche Volk und seine Traditionen, für Überfremdung und ethnisch-kulturelle Fragmentierung läßt alle Bedenken überwinden, sofern sie überhaupt vorhanden sind. “Nach mir die Sintflut!”, das dürfte das heimliche Motto so manches verantwortungslosen linken Journalisten sein. Vielleicht markiert Claas Relotius nur die Spitze des Eisbergs.

  8. >Von einer Strafanzeige gegen Claas Relotius hat der Spiegel-Verlag deshalb auch zumindest vorerst abgesehen

    Das ist interessant und beweist wie unglaubwürdig die Aufklärungsbemühungen beim Spiegel tatsächlich sind.

    Unter Druck könnte Herr Relotius ja Dinge aussagen, die den Spiegel und die Chefredaktion schlecht aussehen lassen, nachher gab es in dem Laden noch eine Kultur des Wegsehens oder Reporter wurden sogar ermutigt den richtigen Spin zu liefern.

  9. Die Hitler-Tagebücher des Spiegel. Nie wieder wird der Spiegel glaubwürdig sein. Dem Stern ist es auch niemals wieder gelungen.

  10. Gab es da nicht vor einiger Zeit schon ähnliche Psychopaten bei den deutschen Massenmedien, wie einen gewissen Tom Kummer? Lügenpresse stimmt somit auch für den Spiegel.

  11. er hat doch nur geliefert,was man heutzutage auch bei den Gutmenschen lesen will..
    Ich denke da auch immer an die Berichte ,wo Syrer in regelmäßigen Abständen Geldbörsen finden und diese brav bei der Polizei abgeben..

    Ich habe mich schon immer gefragt,wie gewisse Medien ihre Leser für so dumm halten können!

  12. An Transparenz scheint der Spiegel allerdings nicht sonderlich interessiert, denn man stellt keine Liste mit den Artikeln von Herrn Relotius online (Mir würden schon die Überschriften reichen), im Gegenteil hat man die Verweise unter seinem Namen in der Autorenübersicht gelöscht.

    Warum ?

    IMHO hat Relotius eben nicht nur wahnsinnig gut den gewünschten Anti-Trump/Redneck Spin geliefert, sondern auch Merkels Flüchtlingspolitik emotional unterfüttert. Das möchte der Spiegel wohl verheimlichen.

  13. “… Gefühl gehabt, mit dem Autoren aus dem …”

    mit dem Autor. Nicht: Au, Toren!

    Wird Zeit, sich mal von der Bairischen Deklination zu trennen. Gerade bei diesem Wort. Grundschule ist vorbei.

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