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„Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Zeitungsredaktion?“ Betriebsrat ist sauer auf Funke-Manager Schoo und fürchtet neue Sparrunde

Funke-Geschäftsführer Andreas Schoo
Funke-Geschäftsführer Andreas Schoo

Die Essener Funke Mediengruppe will bei den Webauftritten ihrer Regionaltitel die Bezahlschranke hochziehen. Dafür müssen die Redaktionen ihre Arbeitsweise radikal ändern und im Mehrschicht-System arbeiten. Dies stößt in der Belegschaft auf Widerstand. Der Betriebsrat befürchtet, dass hinter der neuen Webstrategie von Zeitschriften- und Digitalchef Andreas Schoo in Wahrheit der Beginn einer neuen Sparrunde steht.

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Gern spricht Andreas Schoo mit der Fachpresse. Mit einem Video-Interview mit dem Münchener Fachblatt werben & verkaufen hat sich der Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe bei der Belegschaft allerdings keinen Gefallen getan. Flapsig zieht er darin über den Arbeitsalltag der Zeitungsredakteure des Essener Medienhauses her. „Heute ist es ja so, dass ein Tageszeitungsjournalist zehn Uhr ankommt, dann vielleicht einen Kaffee trinkt, um zwölf Uhr die erste Konferenz, und dann wird der Tag angegangen“, erklärt er vor laufender Kamera. Schnell merkt er allerdings, dass er sich mit seinen Äußerungen im Ton vergriffen hat und schiebt hinterher: „Bisschen überspitzt dargestellt“.

Doch das Video-Gespräch von Schoo kam bei Mitarbeitern gar nicht gut gut an. Die Betriebsräte – unter anderem der WAZ, NRZ sowie Funke Online NRW – reagieren mit einem internen Brief, der MEEDIA vorliegt und über den Übermedien zuerst berichtet hatte. In einem einseitigen Brief kritisieren sie die verbale Entgleisung des früheren Bauer-Managers. „Wir haben Ihre ‘überspitzt’ formulierte Video-Botschaft mit Befremden und Enttäuschung zur Kenntnis genommen. Tageszeitungsredakteure kommen also erst um 10 Uhr, trinken zwei Stunden Kaffee bis zur ersten Konferenz und gehen dann den Tag an. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Erkenntnis? Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Lokalredaktion oder überhaupt in einer Zeitungsredaktion, die tagesaktuell produziert?“, monieren die Arbeitnehmervertreter.

Und setzen ein paar Zeilen später nach: „Schon jetzt bereiten wir abends Themen und Artikel für den nächsten Tag vor, weil der Arbeitsaufwand anders gar nicht mehr zu stemmen wäre“, heißt es in dem Brief. Und weiter: „Wir wissen längst, dass wir als Tageszeitung kein Nachrichtenmonopol mehr haben. Gerade deshalb haben wir Konkurrenzmedien und Social Media zusätzlich im Blick. Wir stellen online, posten Facebook-Beiträge und sind bereits jetzt schon im Dialog mit den Lesern auf allen verfügbaren Kanälen.“

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Dass Schoo die Zeitungsredakteure auf die Palme bringt, liegt an der neuen Digitalstrategie des Essener Medienhauses. Künftig sollen die Redakteure bereits um 6 Uhr erste Artikel verfassen, um die Webauftritte für Paid-Content-Modelle attraktiver zu machen. Damit hofft Schoo, die weiter nachlassenden Vertriebserlöse mit den gedruckten Medien aufzufangen. Doch in den Redaktionen führt das Modell zu zusätzlichem Arbeitsaufwand, der offenbar an die Grenzen des Zumutbaren stößt. „Wir sehen User first als Perspektive und als Mittel, durch mehr digitale Abos die Verluste der Printausgaben zu stützen. Wir stellen uns dieser neuen Herausforderung, so wie wir es in den letzten zehn Jahren immer gemacht haben. Und das, obwohl die Redaktionen kontinuierlich personell ausgedünnt wurden und immer mehr Aufgaben dazu bekommen haben. Die Folge: Arbeitsverdichtung, Überstunden, steigende, zum Teil gesundheitsgefährdende Belastungen“, meinen die Betriebsräte.

Die Arbeitnehmervertreter glauben, dass die neue Digitalstrategie der Beginn eines neuen Sparkurses ist. „Von Euphorie in den Redaktionen kann keine Rede sein. Die könnte vielleicht entstehen, wenn wir nicht ständig in der Angst leben müssten, dass User first nicht doch ein Sparmodell ist und es eigentlich darum geht, noch weniger Menschen noch mehr Qualität abzuverlangen“, heißt es in dem Schreiben. Die Stimmung im Essener Medienhaus ist seit Tagen schlecht. Grund hierfür sind Gerüchte, wonach der Zeitungskonzern wieder einmal vor bedeutsamen Einschnitten steht. Ein Sprecher von Funke betonte auf MEEDIA-Anfrage: “Herr Schoo hat in dem angesprochenen w&v-Video selbst gesagt, dass er ‘überspitzt’ formuliert hätte. Es lag nun tatsächlich nicht in seiner Absicht, den Arbeitsalltag von Redakteuren zu kritisieren – es entspricht auch nicht seiner Sichtweise”. Keine Angaben macht der Unternehmenssprecher, ob die Funke Mediengruppe plant, eine neue Sparrunde einzuläuten.

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