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“Journalismus sollte nicht schneller sein müssen als er gut sein kann”: ZDF-Korrespondent über Twittern nach Straßburger Terror-Tat

ZDF-Journalist Stefan Leifert hat am Dienstagabend aus Straßburg berichtet
ZDF-Journalist Stefan Leifert hat am Dienstagabend aus Straßburg berichtet

Twitter ist längst zu einem wichtigen Tool für die Live-Berichterstattung geworden. ZDF-Korrespondent Stefan Leifert hat am Dienstagabend aus Straßburg berichtet, als ein Mann in der Nähe eines Weihnachtsmarktes mehrere Menschen getötet und verletzt hat. MEEDIA hat mit ihm über die Relevanz des Kurznachrichtendienstes und die Lernprozesse der Journalisten im Umgang mit dem schnellen Nachrichtenmedium gesprochen.

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Herr Leifert, ursprünglich waren Sie wegen der Berichterstattung über die Parlamentswoche in Straßburg. Nun gab es am Dienstagabend den Angriff eines Mannes in der Nähe eines Weihnachtsmarktes. Wo haben Sie sich aufgehalten, als die ersten Meldungen über Schüsse in der Stadt die Runde machten?
Stefan Leifert:
 Ich habe mich in der Straßburger Innenstadt befunden, wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Ein paar Minuten vorher sind wir noch an dem Ort vorbei gelaufen. Ich habe eine Schreierei mitbekommen, die ich für eine Familienfehde oder ähnliches gehalten hatte. Aber meine Kollegen und ich sind uns ziemlich sicher, dass das mit dem in Verbindung gestanden haben muss, was dann später passiert ist. Wir haben dann von den Ereignissen gehört, als wir vor einem Restaurant standen und dort Leute in Geschäfte flüchteten. Über Twitter haben wir mitbekommen, dass es Schüsse gab. Da war Twitter die erste Quelle und die zweite war etwas später ein Kollege, der die Schüsse gehört hatte und mich dann angerufen hat.

Im Laufe des Abends und bis spät in die Nacht haben Sie auf dem Kurznachrichtendienst regelmäßig Updates zum Vorfall veröffentlicht. Sie waren zudem in den Live-Schalten der Nachrichtensendungen des ZDF zu sehen. Welche Relevanz spielt der Kurznachrichtendienst für Ihre Arbeit in einer solchen Ausnahmesituation?
Twitter habe ich in der Situation in zwei Richtungen genutzt. Es ist hilfreich, um allererste Eindrücke zu sammeln. Ich bin auf Tweets mit Fotos und Augenzeugenberichten gestoßen, die zwar mit aller Vorsicht zu genießen sind, aber mit denen man Unterscheidungen machen kann, ob es glaubhafte Informationen und Fotos von vor Ort sind. Daraus konnten wir zumindest schließen, in welcher Straße sich der Vorfall abgespielt hat. Damit hatten wir schnell einen ersten Eindruck vom Geschehen. In die andere Richtung ist Twitter ein Kanal, auf dem wir Journalisten gesucht werden und Unterscheidungen machen können zwischen dem, was wir gesichert sagen können, was schwirrende Gerüchte sind, was andere Medien berichten, was behördlich bestätigt ist und was Falschinformationen sind.

Der taz-Redakteur Martin Kaul hat mehrere Tweets veröffentlicht, in denen er erklärt, warum Nutzer ohne journalistischen Hintergrund keine Live-Streams von “Schießereien” hochladen sollten. Hintergrund war ein Video einer Frau, in dem sie Schüsse, flüchtende Menschen und ein Opfer filmte und das von anderen Nutzern geteilt wurde. Unter anderem nennt Kaul in seiner Argumentation den Grundsatz der Nachrichtensicherheit. Wie sehen Sie das?
Man kann keinem verbieten, die Netzwerke für das zu nutzen, was man technisch mit ihnen machen kann. Die Mahnung zur Vorsicht ist daher eher an die Empfänger als die Sender zu richten: Wie glaubwürdig ist der sendende Nutzer, wie verlässlich seine Quelle, wie authentisch der Bericht, wie valide die Information? Berichtet da jemand, der auf verlässliche Quellen verweist und Unterscheidungen vornimmt? Wenn solche Kriterien erfüllt sind, können in solchen Situationen auch Berichte nicht-journalistischer Nutzer hilfreich sein. Darin besteht ja die Stärke des Netzes. Aber die Schwäche ist immer mitzudenken.

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Ihre Tweets waren sehr präzise und nüchtern, häufig versehen mit einem Verweis auf französische Behörden oder Politiker. Wie muss sich die Informationslage darstellen, damit sie einen Tweet veröffentlichen?
Für journalistisches Twittern gelten keine anderen Standards als für jedes andere journalistische Format. Ich würde dort nichts schreiben, was ich nicht auch in klassischen Formaten wie einer Live-Schalte, einem Bericht oder einem Onlineartikel sagen oder schreiben würde. Es muss die gleiche Verlässlichkeit und Validität haben. Wenn ich den Eindruck habe, dieses Kriterium ist erfüllt, twittere ich unabhängig von unseren klassischen Nachrichtensendungen, die wir bedienen.

Nun gab es in den vergangenen Jahren gerade nach solchen Ausnahmesituationen viele Diskussionen über das Twitterverhalten von Journalisten und den Umgang mit Informationen während der Berichterstattung. Welche Entwicklung beobachten Sie?
Mein Eindruck ist, dass wir seit den Attentaten von Paris im Jahr 2015 dazugelernt haben. Aber auch die Ereignisse in Deutschland wie in München, wo wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir ein Ereignis lange als Terrorakt bezeichnet haben, das am Ende eine Amoktat frei von religiösen Motiven war, haben dazu beigetragen. Wir haben einerseits gelernt, schärfer Begriffe zu unterscheiden und Quellen zu bewerten und zu benennen. Außerdem ist die Sensibilität für Falschinformationen gestiegen, da hat sich zwischen 2015 und 2018 vieles getan. Auch die Robustheit im Umgang mit gezielter Propaganda, Ausschlachtung von Attentaten zu politischen Zwecken und mit Attacken auf Journalisten im Netz ist gestiegen.

Welche Begriffe und Quellen meinen Sie konkret?
Ein Begriff ist „mutmaßlich“. Da geht es darum, dass man so lange daran festhält, wie es journalistisch geboten ist und die Behörden es auch tun. Ein zweites Beispiel ist die Verwendung des Wortes „Gefährder“. Die Polizei hat am Dienstagabend recht früh bekannt gegeben, dass der Täter in einer Gefährderdatei gelistet ist, woraus aber nicht automatisch auf das Motiv der konkreten Tat von gestern Abend geschlossen werden konnte. Die Polizei wies darauf hin, dass der mutmaßliche Täter zwar ein radikalisierter Gefährder sei, Auslöser für die Tat aber der morgendliche Versuch, ihn aufgrund Ermittlungen wegen eines Raubdelikts festzunehmen, sein könnte. Auch so eine Differenzierung musste man gestern machen. Alles in allem haben die Ereignisse der letzten drei Jahre dazu geführt, dass Journalisten zweimal überlegen, bevor sie bei einem Tweet auf „Senden“ drücken. Und das ist gut so. Journalismus sollte nicht schneller sein müssen als er gut sein kann.

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Alle Kommentare

  1. Warum dieser perverse Aktualitätsdruck? Maximal schnell zu sein, ist kein Ausweis von Qualität, sondern eines Denkens in Quoten, also von ökonomischer Konkurrenz. Es ist ein getriebener, hektischer, sich überschlagener Journalismus, gepusht von einem Aktualitätswahn, der für die Akteure und ihr nach Sozialmedien gierendes Publikum wie ein Naturgesetz erscheint und doch nichts anderes will, als andere Medien minutenlang alt aussehen zu lassen. Zum eigenen Vorteil.

  2. Ein genialer Scherz von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Auf französischen Fernsehsendern war ich immer aktuell informiert. Dass das ZDF davor Angst hat, auch nur an einen Terrorverdacht zu denken, ist nichts Neues….Berichterstattung muss heute aber schnell und richtig sein. Sie sollte nicht der Pädagogisierung der Zuschauer bzw. Leser dienen. Wie auch heute noch versucht wird, die Ausrufe Allah uh ackbar auszusparen und die Zahl der Toten mal mit drei und dann wieder mit zwei angegeben wird, nur um zu vermeiden, dass eine höhere Zahl von Opfern erscheint. Wenn ich Nachrichten im ZDF oder anderen ÖR sehe, bin ich niemals sicher, ob diese Meldungen stimmen. Das war vor einigen Jahrzehnten anders…

    1. Die unterschiedlichen Opferzahlen rühren wohl daher, dass zwei Menschen für tot erklärt wurden und ein dritter Mensch hirntot im Krankenhaus liegt. Nach deutscher Definition wäre auch ein Hirntoter als Toter zu bezeichnen. Sein Kreislauf kann allerdings mit Maschinen aufrechterhalten werden, etwa um seine Organe verfügbar zu halten.

      1. Lieber Christian, darum geht es gar nicht, es geht um die unsäglich verschleiernde Berichterstattung. Deutschlands Medien liegt imho mehr daran die Leser zu belehren als zu informieren. Das diese Diskrepanz in den Zahlen von dieser Tatsache rührte ist mir auch gegenwärtig. Ich wehre mich nur gegen die tendenziöse Berichterstattung.

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