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“Absage an Neunzigerjahre in Aspik”: Wie die Leitarktikler den Sieg von AKK und die Niederlage von Merz einordnen

Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue CDU-Chefin. Ihre Wahl wird in der Medienlandschaft unterschiedlich bewertet
Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue CDU-Chefin. Ihre Wahl wird in der Medienlandschaft unterschiedlich bewertet

Die Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur CDU-Vorsitzenden hat am Wochenende die Leitartikel der Zeitungen dominiert. Mit einem denkbar knappen Ergebnis setzte sich die Saarländerin in der Stichwahl gegen Konkurrent Friedrich Merz durch – für die Kommentatoren ein Zeichen großer Spaltung innerhalb der Partei. Umstritten ist, ob mit "AKK" ein Neustart gelingt.

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Die Bild-Zeitung, die vor der Wahl erkennbar den Kandidaten Merz und dessen politische Agenda promotet hatte, begründet die Wahl Kramp-Karrenbauers mit der “wenig emotionalen” Rede von Merz. Bild-Chef Julian Reichelt schreibt in einem Kommentar: “Annegret Kramp-Karrenbauer hat im bisher wichtigsten Moment ihrer politischen Karriere die beste Rede ihres Lebens gehalten”. Friedrich Merz habe diese Chance dagegen mit einer “hölzernen, wenig emotionalen Rede vergeigt”.

Allein ist Julian Reichelt mit dieser Einschätzung nicht. Bild-Kollege Franz Josef Wagner schreibt in seiner Kolumne “Post von Wagner” an den Wahlverlierer: “Ihre Rede war düster. Sie fühlten die Last der Verantwortung, waren gehemmt.”. Weiter: “Sie sprachen wie ein Steuerberater, erreichten die Herzen nicht.” Und auch Nikolaus Blome kommentiert:

Beim CDU-Parteitag hielt Friedrich Merz eine Rede, mit der man sich beim Wähler um die Kanzlerschaft bewirbt. Annegret Kramp-Karrenbauer hielt eine Rede, mit der man vor 1000 Delegierten Parteichef wird.

Bei der Bild herrscht also Einigkeit.

Die Welt sieht in der Wahl Kramp-Karrenbauers den fehlenden Willen der Partei zu “Experimenten”. “Die Partei hat zwar in den vergangenen Wochen das Debattieren, das Sich-an-sich-Begeistern wieder gelernt, aber nicht das Experimentieren. Sie scheut noch das ganz große Wagnis”, schreibt der Politikredakteur Thomas Vitzthum. Das Votum für AKK sei ein letzter Sieg für Merkel, die 18 Jahre lang die Partei führte.

Zeit-Politikchef Bernd Ulrich zieht nach dem Parteitag ein gespaltenes Fazit: Für die “weibliche Politik” und die “liberale CDU” sei der 7. Dezember ein guter Tag gewesen, ein Aufbruch aber sei das nicht:

Nach wie vor hat die Partei nicht einmal ansatzweise verstanden, dass Digitalisierung und Ökologie nicht einfach irgendwelche Themenfelder sind, die zu den schon bekannten politischen Problemen hinzukommen, sondern die Seinsformen von Politik und Demokratie im 21. Jahrhundert.

Inhaltlich sei die CDU in diesen Tagen keinen Schritt vorangekommen, schreibt Ulrich – auch unter der neuen Parteichefin nicht.

Dass Kramp-Karrenbauer der Partei “kein ganz anderes Gesicht” geben wird, schreibt auch die Süddeutsche Zeitung. Die Saarländerin werde der Bundeskanzlerin zwar “hier und da widersprechen”. “Aber sie wird ihr das Regieren nicht wesentlich erschweren”. Die Mehrheit der Christdemokraten wählte AKK, weil sie “wiederholt an die Werte erinnerte, die unter den meisten Christdemokraten unstreitig sind” und regelmäßig an den Mut der CDU appellierte, so die SZ. Das denkbar knappe Ergebnis zwischen ihr und Konkurrent Merz, der für eine ziemlich andere Politik steht, zeige jedoch die Spaltung der CDU. Das werde “die Partei auch künftig umtreiben”, schreibt die Autorin Ferdos Forudastan.

AKK wird mit Frust zu kämpfen haben

Für FAZ-Herausgeber Berthold Kohler hat diese Spaltung aber auch etwas Positives: Die Unterschiede der Lager werden allein dazu führen, dass AKK den Anhängern der beiden anderen Kandidaten “programmatische Angebote machen” müsse. Der CDU-Tag habe zudem gezeigt, welches Potential und welche Ambition noch in der Partei stecken. Und überhaupt sei Kramp-Karrenbauer schon rhetorisch keine “Mini-Merkel”, wie ihr Kritiker immer wieder nachsagen. Die CDU müsse sich daher nicht vor der Zukunft fürchten.

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Die linke taz aus Berlin sieht in dem knappen Ergebnis hingegen eine “Gefahr, die auch allen Sorgen bereiten muss, die die Inhalte der CDU grauenhaft finden”. Kramp-Karrenbauer werde mit dem Frust der Konservativen in der CDU “zu kämpfen haben”, schreibt Chefredakteur Georg Löwisch. Die Wahl AKKs zur Vorsitzenden zeige zudem, dass die CDU keine “Neunzigerjahre in Aspik” wolle. Merkel habe die Partei so stark geprägt hat, dass niemand diese Entwicklung umkehren könne. “Die CDU wollte einfach nicht zurück.”

 

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Der Publizist und ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart sieht in seinem Morning Briefing vom Montag (per E-Mail) das Ergebnis als Dilemma der Volkspartei: “Annegret Kramp-Karrenbauer hat gewonnen, aber nicht gesiegt. Friedrich Merz hat verloren, aber er wurde nicht vernichtet. Das Merz-Lager hat mit knapp der Hälfte der Delegierten und einem starken Rückhalt an der Basis, der sich auf acht Regionalkonferenzen in einem Festival des Applauses niederschlug, nicht großartig, aber solide abgeschlossen. Die CDU steht – anders als es das Parteitagsmotto „Zusammenführen“ suggerierte – als gespaltene Persönlichkeit vor uns.”

Große Herausforderung

Einig sind sich nahezu alle Kommentatoren darin, dass die größte Aufgabe der neuen Parteichefin nun das “Zusammenführen” der CDU-Lager ist. Handelsblatt-Chef Sven Afhüppe kommentiert: “Der CDU droht eine historische Zerreißprobe”. Die Voraussetzungen, den Zusammenhalt der Partei zu stärken, könnten für die neue Vorsitzende kaum schlechter sein, heißt es weiter. Viele würden dies der neuen Vorsitzenden aber zutrauen. Afhüppe appellierte zudem, dass sie in der CDU die Wirtschaftspolitik wieder in den Fokus rücken müsse, um die Partei zu alter Stärke zu führen.

Das Handelsblatt hatte es am Tag der Entscheidung sogar in die Rede von Annegret Kramp-Karrenbauer geschafft, nachdem der Leiter des HB-Hauptstadtbüros, Thomas Sigmund, einen Kommentar mit der Aussage “Auf dem CDU-Parteitag heißt es jetzt: Merz oder Untergang” betitelt hatte.

Auch Spiegel Online sieht die Spaltung der Partei als Herausforderung: “Mit der Wahl von Kramp-Karrenbauer zeigt (die Partei) ein bisschen Mut zu Veränderung, aber eben auch den Wunsch, dass nicht alles auf den Kopf gestellt wird”, schreibt Spon-Politikautor  etwa. “Diese Balance zu finden, stellt die neue Parteichefin vor eine echte Herausforderung”. Und auch die Bild ist sich sicher: Das wird “ein Drahtseilakt”.

(rt)

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Alle Kommentare

  1. Merkwürdige Rechenkünste, gepaart mit Gleichgewichtstörungen, treiben manche um: Das unbedarfte Geplapper vom “denkbar knappen Ergebnis” kann nur von Leuten kommen, die dem Vorbeter nachschwätzen und zudem Relationen nicht einschätzen können: 35 Stimmen mehr, sind 35 Stimmen mehr. Der olle Adenauer regierte die alte BRD vom Start 1949 an vierzehn Jahre lang unangefochten mit EINER Stimme Mehrheit…

    1. “…unbedarfte Geplapper vom “denkbar knappen Ergebnis””
      Gleiches gilt aber auch für das Ergebnis von Wahlen und Volksabstimmungen wie etwa zu “Brexit” & Co….
      Trotzdem wird seit Monaten demonstriert.

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