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Kunstprojekt “Soko Chemnitz”: Nazi-Pranger von Zentrum für politische Schönheit sorgt für Verwirrung und Empörung

Erregt mit seiner Kunstaktion die Gemüter: Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit
Erregt mit seiner Kunstaktion die Gemüter: Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit

Die Aktionskünstler des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) haben ihre nächste aufsehen- und aufregungserregende Aktion gestartet. Auf der Website soko-chemnitz.de sollen Nutzer potentielle Nazi-Demonstranten identifizieren und anschließend in jeglichen Lebensbereichen denunzieren. Einige feiern die Aktion, andere stellen sich die Frage: Ist das noch Kunst?

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Unter der Domain soko-chemnitz.de hat das Kollektiv von Aktionskünstlern am gestrigen Montag eine Datenbank online gestellt, für die sie insgesamt mehr als drei Millionen Fotos mit 7.000 Verdächtigen ausgewertet haben will. Menschen, die das Künstler-Kollektiv für Nazis hält. Es sollen die “Ausländer-Jäger von Chemnitz” sein, die vor drei Monaten durch die Innenstadt gezogen sind. Das Zentrum für politische Schönheit habe sich zum Ziel gemacht, den Rechtsextremismus in Deutschland “systematisch” zu erfassen, erklärte Philipp Ruch, Kopf der Gruppe, am Montag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Womöglich zielt die Aktion aber nicht nur auf die Rechten an sich, sondern auch auf Verfolgungsbehörden, die – im Vergleich zu den G20-Ausschreitungen von Hamburg – die Taten in Chemnitz deutlich weniger intensiv verfolgt haben.

Die Ähnlichkeit der Aktion zu einem Fahndungsaufruf von Behörden ist nicht die einzige Parallele, die einem in den Sinn kommt. Auch an die nach dem G20-Gipfel veröffentlichte, umstrittene Titelseite von Bild erinnert die Aktion. Die Bild-Zeitung hatte damals Fotos der vermeintlichen Zerstörer, die im Hamburger Schanzenviertel wüteten, veröffentlicht, fragte: “Wer kennt diese G20-Verbrecher?”. Einige wurden daraufhin identifiziert.

Die Aktionskünstler vom ZPS rufen die Besucher der Seite nicht nur dazu auf, die abgebildeten Personen zu identifizieren. Sie wollen auch persönliche Daten über sie erfahren, sie sollen bei Arbeitgebern “denunziert” werden (O-Ton ZPS). Für Arbeitgeber hält die Website gleich Entwürfe für eine Kündigungen bereit. Wer denunziert, soll sogar Geld bekommen – 104 Euro lautete das höchste Kopfgeld am Dienstagvormittag. Parallelen zum so genannten AfD-Pranger, bei dem Schüler ihre Lehrer online anschwärzen sollten, sind offensichtlich und sicher auch gewollt.

Gestritten wird, wie sooft und nicht nur bei Aktionen des Zentrums für politische Schönheit, um die Frage: Ist die Aktion noch Kunst, beziehungsweise ist sie von der Kunstfreiheit gedeckt?

Die Geister scheiden sich, die Debatte verteilt sich auf mehrere Ebenen – viele Fragen sind offen. Mit 30 Leuten will das Kollektiv die mehr als 3.000.000 Demo-Bilder und -Videos in den vergangenen Wochen analysiert haben. Wer waren diese 30 Leute? Woher stammt das Material? Erst vor einigen Wochen, ebenfalls in Chemnitz, kam es zu Recherchefehlern, wenn auch ohne größere Ausmaße. Bei einem Pranger wäre das wohl deutlich anders.

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Das jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus wies am Dienstag darauf hin, dass einige für “Soko Chemnitz” verwendete Materialien von ihnen stammten und distanzierte sich von der Aktion. “Eine Kooperationsanfrage zu dieser Aktion lehnten wir im Vorfeld aus inhaltlichen Gründen ausdrücklich ab. Wir leiten rechtliche Schritte wegen der Verwendung unseres Materials ein.” Auch die sächsische Landesregierung schaltete sich ein, forderte die Akteure auf, den Werbespruch “So geht sächsisch” des Freistaates zu entfernen. Daneben berichteten Medien, dass ein angemieteter Laden in der Chemnitzer Innenstadt am Montag geräumt wurde. Der Vermieter, eine städtische Gesellschaft, hatte den Mietvertrag gekündigt, nachdem die Fahndungsfotos ausgehängt worden waren.

Der Aktion gegenüber kritisch positionieren sich sogar politisch deutlich links einzuordnende Medien wie das Portal Vice. Das berichtet, das Zentrum habe im Vorfeld der Aktion versucht, mit einem Reporter, der in Chemnitz vor Ort war, zu kooperieren. Er sollte Teilnehmer identifizieren, lehnte nach Redaktionsangaben aus Sorge vor einem Pranger ab. “Und das zu Recht”, wie Vice schreibt.

Aussagen wie “Ich bin als Deutscher in Deutschland geboren und dafür schulde ich der Welt einen Scheiss!!!” mögen dem ZPS als Beleg einer menschenfeindlichen Einstellung reichen, trotzdem deckt sie das Grundgesetz. Beweise für die Beteiligung an schweren Straftaten, die eine öffentliche Fahndung rechtfertigen würden, gibt es nicht. Selbst wenn es sie gäbe, wäre statt eines Online-Prangers zunächst der Weg zu den Behörden die richtige Entscheidung.

Das Zentrum für politische Schönheit sind Grenzgänger. Darf man Geflüchtete Tigern zum Fraß vorwerfen, fragten sie einmal. Weshalb aber ertrinken lassen? Zuletzt errichteten sie direkt vor dem Haus von AfD-Politiker Björn Höcke einen “Ableger” des Holocaust-Mahnmals aus Berlin. Bislang waren ihre Aktionen aber immer vom Recht gedeckt.

Jetzt arbeiten die Künstler mit Mitteln, die sie selbst kritisieren und die rechtlich mindestens umstritten sind (der Bild-Pranger war nach Ansicht des Landgerichts Frankfurt beispielsweise rechtswidrig). Doch unabhängig davon: Mit der Denunziation überschreite die Aktion moralische und ethische Grenzen, die man nicht überschreiten dürfe, lauten Kommentatoren-Stimmen. In der Süddeutschen wurde der “digitale Schandpfahl mit Denunziationsaufforderung” als “Ärgernis und eine politische Dummheit” bezeichnet. “Die Macher halten das nicht für Denunziantentum. Sondern für Kunst. Richtig so”, heißt es dagegen aus Richtung von Spiegel Online. Dort wird zudem gerätselt, ob es sich bei den Gezeigten tatsächlich um echte Personen handelt oder vielleicht sogar um Fotos von Darstellern. Als Form der Satire.

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Alle Kommentare

  1. “Jetzt arbeiten die Künstler mit Mitteln, die sie selbst kritisieren und die rechtlich mindestens umstritten sind.” Tja. Wenn die Zivilgesellschaft es nicht schafft, den rechten an-den-Pranger-Stellern den Pranger wegzunehmen, sondern nur daran herumkritisiert … dann muss man halt zu solchen Mitteln greifen.

    Man nenne eine Alternative, die besser geeignet ist, das Problem zu lösen – und die in der Vergangenheit nicht bereits gescheitert ist.

  2. Als Schweizerin finde ich es ausgesprochen peinlich, dass einer meiner Landsleute sowas treibt und dazu noch im Ausland. Das Kunst zu nennen ist eine Beleidigung für alle echten Künstler! Jeder Europäer hat das Recht, sich gegen solche Methoden zu wehren.

    Das ZPS hat auch in der Schweiz schon eine widerliche Aktion gegen unseren Nationalrat Köppel betrieben, immerhin waren bei uns Politiker aller Parteien dagegen. In Deutschland ist das offensichtlich nicht so.

    1. Welchen Ihrer Landsleute meinen Sie denn, Frau Heinzelfrau? Falls Sie Herrn Ruch meinen, der ist gebürtiger Dresdner, zwar Sohn eines Schweizers, der aber auch in Dresden lebte!

      1. “Ruch” ist schweizerdeutsch und bedeutet “rau”.
        Philipp Ruch nennt sich Deutsch-Schweizerisch und ist möglicherweise Doppelbürger.

  3. Irgend jemand muss doch etwas gegen die Rassisten- und Naziwelle tun. Die Politik unternimmt nichts, die Behörden ignorieren oder beschönigen rechte Verbrechen und die Polizei ist ist großen Teilen selbst rassistisch.

    Es ist gut, dass es auch in Sachsen Menschen gibt, die etwas unternehmen, bevor wir uns alle in Lagern oder Knästen darüber unterhalten müssen, was wir versäumt haben. Meine Unterstützung hat das Zentrum für politische Schönheit!

    Solange Leute wie der ehemalige Verfassungsschutzchef Maaßen nicht im Gefängnis sind, hat niemand das moralische Recht, solche Aktionen zu kritisieren.

    1. Läuft doch, Sellner und Co. nehmen diese Schei**e dankbar auf und nutzen sie für ihre Zwecke.

      Das ZPS ist ein echtes One-Trick-Pony, anfangs in der ganzen links-linken Ekelhaftigkeit hart triggernd aber eben immer nach dem gleichen Schema.

      Teilweise haben es selbst die linksliberalen Medien geblickt und berichten nicht mehr, das ZPS betreibt reine Selbstbefriedigung und mobilisiert nur die Kräfte des Gegners.

      Wie viele andere müssen diese ZPS Leute sich bald einen richtigen Job suchen, was schwer wird, denn halb Deutschland führt irgendwelche Listen und sinnt nach Rache.

      1. „[…] halb Deutschland […]“, Jesus (der neue Klaus aka der pseudo-türkisch-irische Witzbold namens RTE bzw. der TV?)?

        Am ärgsten fällt der Größenwahn
        oft grad die kleinen Leute an. (Eugen Roth)

  4. Hasslinke liefern “rechts” die Munition frei Haus und legen auch noch eine Zielliste bei.

    Wieso seid “ihr” so dumm?

    Egal, weiter so!

    Vielleicht mal wieder so ne ultraschlaue Hipsterschice von Welcke-Böhmi van xtr3?

    Und Reschke-Restle besorgen die Nachberichterstattung?

    Idioten

  5. Deutschland hat doch bereits ausreichend gruselige Erfahrung darin gemacht, wohin Denunziation führt – nämlich zu einem vergifteten Klima der Angst, einer Spaltung der Gesellschaft und letztlich zu einer Zerstörung der Demokratie und der Zivilgesellschaft. Die Ultra-Linken zeigen immer mehr, dass sie die selber die Faschisten sind, die sie zu bekämpfen vorgeben.

  6. Wäre das demokratisch legitimiert z. B. durch ein Gesetz oder eine Volksabstimmung, warum nicht? Auf gleichem Wege könnten dann auch Folter, Todesstrafe, GULAGs und natürlich auch der Islam als einzige Religion in Deutschland legitimiert werden.

    Es ist alles eine Frage der “demokratischen Legitimation”. Ich denke, der Ex-Verfassungsrichter Fischer wird mir hier vollumfänglich zustimmen. Genauso jeder Demokrat.

  7. Wo genau ist jetzt der Unterschied zwischen den von den meisten Medien in Deutschland offen geächteten Rechtsextremisten und solchen Linksextremisten?

    1. Bei der Gelegenheit sollte evtl. auch in Erinnerung gerufen werden, dass die Menschen im Deutschland in den Jahren um 1933 die National- (also Rechts-) Sozilalistische Diktatur noch vor sich hatten. Die Menschen in Russland aber bereits seit 15 Jahren unter einer linksSozialistischen Diktatur mit Millionen Opfern litten. Und auch damals gab es in Deutschland Medien, die die Menschen (wenn auch in ihrem Sinne) informierten/manipulierten. Und dass sich damals die ideologische Frontlinie in Deutschland nicht nur zwischen den Lagern von Demokraten und RechtsSozialisten aufspannte. Sondern auch die LinkSozialisten nach der Macht griffen. Vor diesem Hintergrund war für die Menschen damals das kleinere Übel. (Auch für viele Politiker von anderen Parteien wie sogar dem Reichspräsidenten Hindenburg!)

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