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Dieser Journalist will das “beste Sportmagazin der Welt” machen – und druckt nur 9.000 Hefte

N°1-Chefredakteur Christof Gertsch hat mit seinem Team fast zwei Jahre an dem Magazin gearbeitet
N°1-Chefredakteur Christof Gertsch hat mit seinem Team fast zwei Jahre an dem Magazin gearbeitet

Sportmagazine haben es im deutschsprachigen Raum verdammt schwer. Die Konkurrenz ist groß und wenn es sich nicht gerade um König Fußball dreht, wird das Produkt schnell zum Ladenhüter. Ein Team um den Schweizer Journalisten Christof Gertsch hat sich an ein Crowdfunding-Projekt gewagt und wollte das "beste Sportmagazin der Welt" produzieren. Der Clou: Es erscheint nur ein einziges Mal.

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Eine Bieridee haben sie es manchmal genannt, zu Beginn, als N°1 noch weit davon entfernt war, ein journalistisches Produkt zu sein. Es war im Januar 2017 irgendwo in Bern, als Journalist Christof Gertsch mit befreundeten Kollegen zusammen saß und irgendwann jemand sagte: “Wir sollten uns in diesem Jahr alle etwas weiter aus dem Fenster lehnen, weniger Angst und viel mehr Freude haben.” Schweigen. “Dann lasst uns das beste Sportmagazin der Welt machen – das aber nur einmal erscheinen wird”, erwiderte irgendwann ein anderer.

So zumindest wird der Gründungsmythos des Sportmagazins N°1 im Editorial der am heutigen Montag erscheinenden Ausgabe erzählt. 130.000-Crowdfunding-Franken, diverse Redaktionssitzungen und Nachtschichten später ist aus der Bieridee ein handfestes Magazin geworden – mit einem Umfang von 212 Seiten ist es ziemlich dick, darin enthalten 32 opulent bebilderte und ausführlich erzählte Geschichten aus dem Sport. Insgesamt 9.000 Exemplare kamen aus dem Druck.

Das erste und einzige Cover von N°1: Der Maler Edward B. Gordon hat dieses Bild für das Magazin entworfen

Ein Heft von Sportlern für Sportler sei der ideelle Ansatz gewesen, erzählt N°1-Teilzeit-Chefredakteur Gertsch im Gespräch mit MEEDIA. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, versammelte das Redaktionsteam einen sportlichen Beirat um sich. Zwölf Schweizer Topathleten – in ihren Disziplinen jeweils in der Weltspitze, ehemalige Weltmeister oder Olympiasieger – halfen bei der Themenfindung. “Wir haben einige Redaktionssitzungen gemeinsam abgehalten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie eigentlich lesen wollen.” Danach ging es in die Produktion. So wurden unter anderem Lieblingsautorinnen- und Autoren angeschrieben und gefragt, welche (Sport-)Geschichte sie schon immer mal schreiben wollten. Sie durften sie dann auch gleich umsetzen.

Letztlich halfen die Kontakte von Gertsch und seinem Team, selbst ehemalige und aktuelle Sportjournalisten, um renommierte Kollegen für das Projekt zu begeistern: SZ-Reporter Holger Gertz hat beispielsweise einen Abschiedstext an den Fußball geschrieben mit dem Titel “Lieber Fussball … es war wunderschön mit dir, aber ich glaube, es funktioniert nicht mehr mit uns”, Sara Peschke (ebenfalls Süddeutsche Zeitung) erklärt, was mit Körper und Geist eines Läufers während eines Marathons passiert und der stellvertretende 11Freunde-Chef Tim Jürgens hat eines der letzten großen Interviews mit dem kürzlich verstorbenen Boxer Graciano “Rocky” Rocchigiani  geliefert.

Ein Text über die #MeToo-Bewegung und die Cheerleaderin Bailey Davis

Hinzu kommen gesellschaftsrelevante Geschichten wie zur #MeToo-Bewegung, bei der eine Cheerleaderin gegen die US-Football-Liga NFL kämpft; ein Krimi über einen mörderisch begabten Skifahrer oder sporthistorische Texte beispielsweise über große Momente der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft. Außerdem tritt der ein oder andere (Ex-)Athlet als Autor auf; beispielsweise Skifahrerin Tina Weirather, die ihre Erlebnisse bei den Olympischen Spielen in Form eines Tagebuchs beschreibt. “Wir wollen den erzählerischen Sportjournalismus hochleben lassen”, erklärt Gertsch das Konzept des Magazins, der selbst ebenfalls einige Artikel beigesteuert hat.

Sportfans, die gerne gute und lange Geschichte lesen

Der Markt der Sportmagazine im deutschsprachigen Raum, die einen erzählerischen Anspruch und dazu keinen sportartspezifischen Fokus haben, ist schwer zu bespielen. Die Erfahrung musste erst kürzlich die Redaktion des von Gruner + Jahr vermarkteten Heftes NoSports machen, das sich mit allen Sportarten fernab des Fußballs beschäftigte. Obwohl journalistisch auf hohem Niveau, konnte das Produkt letztlich weder die Leser noch den Anzeigenmarkt vollends überzeugen. Die zehnte Ausgabe des Magazins wird auch die letzte sein, wie der 11 Freunde Verlag im Mai dieses Jahres verkündete (MEEDIA berichtete).

Besser läuft es dagegen beim von Chefredakteur Fatih Demireli geführten Sportmagazin Socrates, das in der Novemberausgabe sein zweijähriges Bestehen feierte und dessen Anzeigenleitung ebenfalls von G+J verantwortet wird. Die Mission: “Gute Sportgeschichten auch über 140 Zeichen” zu erzählen. In seinem Jubiläums-Editorial schreibt Demireli zum wirtschaftlichen Druck: “Wir leben in keiner Oase und natürlich sind wir auf Erfolge , die monetär messbar sind, angewiesen.” Im Gegensatz dazu haben Printtitel mit einem Schwerpunkt, vor allem wenn es um die dominierende Sportart Fußball geht (bspw. 11 Freunde und Kicker), auf dem Leser- und Anzeigenmarkt dauerhafte Erfolgschancen.

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Das schwierige Umfeld im deutschsprachigen Raum ist einer der Gründe, warum laut Gertsch “im Moment keine Pläne” für eine “N°2” existieren. Außerdem gebe es für das Heft eigentlich kein Geschäftsmodell, sagt der 36-Jährige. Es handelt sich um ein Liebhaberprodukt, das sich unterm Strich durch das erfolgreiche Crowdfunding refinanziert – mehr oder weniger: Druck, Versand, externe Autoren, Fotografen und Gestalter (insgesamt 40 Beteiligte) konnten mit dem gesammelten Betrag bezahlt werden – das achtköpfige Kernteam um Gertsch jedoch nicht. Er schätzt, dass das Heft in einer normalen Produktion um die 400.000 Schweizer Franken kosten würde.

Eine Geschichte über den begabten Skifahrer Gregor Anton Kreuzpointner, der zum Doppelmörder wird

Dass es das Magazin auf dem freien Markt schwer haben würde, weiß Gertsch als erfahrener Printjournalist. Aus seiner Sicht liegt das unter anderem an einer kleinen Zielgruppe: “Wir versuchen hier zwei Kategorien Mensch zusammenzubringen: die einen lesen gerne lange und gute Geschichten und die anderen sind Sportfans.” Zwar habe die Resonanz gezeigt, betont er, dass es da eine Schnittmenge gebe. Dennoch: Alle Versuche, ein “eigenständiges, nicht auf ein Special-Interest-Publikum fokussiertes Sportmagazin in diesem Raum zu etablieren”, fügt Gertsch hinzu, seien bislang gescheitert.

Sportmagazine in der Schweiz sind entweder als Beilage ein Teil größerer Blätter, oder sie wenden sich an ein spezialisiertes Publikum einer Sportart. Eine groß angelegte Marketing-Kampagne mit Hilfe der reichweitenstarken Leistungssportler hat es im Vorfeld der Publikation nicht mehr gegeben. Der Sport-Beirat hatte vor allem in der Phase des Crowdfundings geholfen. Zwar gibt es in der Schweiz drei Verkaufsstellen (zwei in Zürich, eine in Bern), darüber hinaus ist das Heft ausschließlich in der gedruckten Stückzahl erhältlich. Zu den Käufern gehören beispielsweise einige Großkunden, die das Magazin als Weihnachtsgeschenk bei Sport-Events verteilen werden.

Viele Pläne, was aus der Marke werden könnte

Doch so ganz stimmt der Ausdruck “keine Pläne” von Gertsch nicht. Zwar kann das Team allein aufgrund der Tatsache, dass alle Mitglieder andere Hauptberufe haben, nicht einfach in die Produktion einer zweiten Ausgabe gehen, das sei allen Beteiligten auch immer klar gewesen, betont er. Gleichwohl gebe es Ideen, wie die Marke als Plattform bespielt werden könnte. “Da stelle ich mir dann aber alle Kanäle vor, nicht nur Print und Online”, erklärt der N°1-Chef , “sondern auch Podcasts, Bücher, Podiumsdiskussionen und Vorträge.”

Für das N°1-Team endet dieses Mammut-Projekt zunächst mit einer Release-Party des Heftes Mitte Dezember in Bern. Insofern sollten Besitzer des Magazins das Postskriptum im Vorwort ernst nehmen: Dort heißt es nämlich, dass man das Magazin nicht an einem Stück lesen soll. “Legen Sie sich das Heft neben Ihr Bett, zum Sofa, ins Bad – und schmökern Sie mal in einem Text, dann im nächsten.”

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