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Unfähig, vertriebsgetrieben und Umsatz-fixiert: Wie Medienmacher das Aus der Computermesse Cebit bewerten

Die Cebit in Hannover war einst eine der größten Computershows der Welt
Die Cebit in Hannover war einst eine der größten Computershows der Welt

Auch einen Tag nach der Bekanntgabe beschäftigt das Aus der Cebit in Hannover die deutschen Medienmacher. Gesucht wird nach der Ursache für den Besucherschwund der über 30 Jahre alten IT-Messe – und der Antwort auf die Frage, was der Schlussstrich über den Digitalstandort Deutschland und die Politik zu sagen hat. Eine Debatte, die vielerorts mit Bedauern geführt wird.

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Ihre besten Zeiten waren längst und unwiederbringlich vorbei: die Cebit, einst weltgrößte Computershow, zieht den Schlussstrich. Das Aus war absehbar. Rückläufige Buchungen für 2019 erhöhten zuletzt den Druck auf die Organisatoren. Die Besucherzahlen sackten in diesem Jahr von einst über 850.000 auf etwas über 100.000 ab. Und wirklich klar war nie, ob die Cebit eine Messe ist für Anzug-tragende Fachbesucher, nerdige Digital-Natives oder den Konsum-orientierten Mittelstand.

An das Scheitern der Messe glauben wollte aber offenbar niemand. So drehte die Mitteilung der Deutschen Messe AG am Mittwoch große Runden bei Berichterstattern und Fans. Im Netz war neben Häme besonders Nostalgie zu spüren.

“Enorm vertriebsgetrieben”

Medienmacher begeben sich derweil auf die Suche nach den Gründen für das Aus der Cebit. Der Digitalexperte Sascha Lobo, unter anderem für Spiegel Online Kolumnist, berichtet auf seinem Blog aus eigener Erfahrung. Er selbst habe von 2008 bis 2012 für die Messe gearbeitet. Lobo sieht allen voran die zu starke Fokussierung auf den Umsatz als Ursache für die fehlende Transformation der Messe ins Digitalzeitalter.

Ein Zeichen sei der Zugang zum WLAN auf dem Veranstaltungsgelände: Zur Cebit 2013 kostete ein Stunde WLAN neun Euro, für 600 Minuten haben die Veranstalter fünfzig Euro gefordert – und das auf einer Digitalmesse. Obendrein konnten die Besucher nur mit Bargeld für den Zugang zahlen.

Die Umsatzfixierung der Veranstalter habe, so Lobo weiter, dazu geführt, dass die Cebit “enorm vertriebsgetrieben” war. Für eine Messe heißt das: Quadratmeter verkaufen. “Diese ungesunde Umsatz-Fixierung wirkte sich bis auf eine Meta-Ebene aus, über Jahre war eine wichtige Messgröße der Cebit, wieviel Umsatz die Kunden auf der Messe gemacht hatten”, schreibt der Digitalexperte. Das habe dazu geführt, dass eher kleinere Stände als große zugelassen wurden, die – am besten – auch Hardware verkaufen. “Denn wer mit einem Messestand messbare Umsätze erzielt, ist eher zum Quadratmeterkauf bereit als ein Unternehmen, das eigentlich nur aus Image- oder Kommunikationsgründen auf die Cebit kommt.”

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Die Verantwortlichen investierten zudem nicht in neue Veranstaltungs- und Geschäftsmodelle – für eine (Digital)messe unabdingbar:

Die Haltung, dass im Zweifel eher Sparsamkeit der Kaufleute Tugend sei, und zwar statt Investition. Vor allem aber trägt die Verantwortung für das Scheitern der Cebit die so verbreitete wie merkwürdige Hoffnung, der Wandel werde alles verändern außer einem selbst.

Lobo selbst ist Mitglied im niedersächsischen Digitalrat. Dort sitzen unter anderem der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil sowie der Wirtschaftsminister des Landes Bernd Althusmann, der in dieser Position automatisch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Messe AG (u.a. verantwortlich für die Cebit) ist. Die Chance wolle Lobo nutzen und bei der nächsten Sitzung des Digitalrates das Thema “anbringen, und nachbohren, wie es zu dieser katastrophalen Entscheidung kommen konnte”.

“Unfähig, den Markenkern in neue Zeit zu transformieren”

Auch der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart macht die Cebit zum Thema in seinem Morning Briefing. “Das Ende der Cebit ist Teil eines großen Versagens”, schreibt er und macht zugleich die Politik dafür verantwortlich. Die Eigentümerin der Cebit, die Deutsche Messe AG, gehört zu hundert Prozent der Stadt Hannover und dem Land Niedersachsen (beides SPD geführt). Sie waren “unfähig, den Markenkern der Cebit in die neue Zeit zu transformieren”, so Steingart.

Spiegel Online-Netzexperte Patrick Beuth sieht in dem Aus der Cebit dabei kein schlechtes Zeichen für den IT-Standort Deutschland: “Der Schaden dürfte aber regional begrenzt sein, auf Hannover und seine Umgebung”, schreibt er. Die Gründe sieht er differenzierter als andere. Zum einen wurde die Hannover Messe mit ihrem Industrieschwerpunkt in Teilen zur Konkurrenz im eigenen Haus. Zum anderen sind namhafte Hersteller der Messe ferngeblieben, weil die Produkte für Endverbraucher auf der CES, dem Mobile World Congress in Barcelona und der Ifa in Berlin vorgestellt werden.

In der Welt bedankt sich Wirtschaftsredakteur Thomas Heuzeroth für über 30 Jahre Computermesse und spricht abschließend aus, was viele der Kommentatoren und Fans denken: “Dieses Ende hat die Cebit nicht verdient”.

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