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Was die Story über das Notebook, den Obdachlosen und den undankbaren Merz über Medien und Kommunikation lehrt

Der CDU-Politiker Friedrich Merz
Der CDU-Politiker Friedrich Merz

Die Geschichte eines verlorenen Notebooks im Jahr 2004 holt den CDU-Hoffnungsträger und Parteivorsitz-Kandidaten Friedrich Merz in den Medien im Jahr 2018 ein. Ein Obdachloser hatte den Computer damals gefunden und zurückgegeben. Als "Dank" gab es von Merz ein Buch mit Autogramm. Die Story wird nun als Ausweis der Charakterschwäche des CDU-Politikers durch die Medien getrieben. Merz selbst verhält sich dabei ungeschickt.

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“Man kann nicht nicht kommunizieren”, lautet die erste Grundregeln des Paul Watzlawick für menschliche Kommunikation. Friedrich Merz kennt diese Grundregel offenbar nicht. Aber der Reihe nach: Die taz veröffentlichte vergangene Woche ein Interview mit dem früheren Obdachlosen Enrico J.. Der hatte im Jahr 2004 nach eigenen Angaben den Laptop von Friedrich Merz gefunden. Auf dem Gerät seien alle möglichen wichtige Daten, u.a. Handynummern von hochrangigen Politikern wie dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder offen einsehbar gewesen. Enrico J. und sein damaliger Kumpel Micha haben das brisante Fundstück pflichtschuldigst dem Bundesgrenzschutz (gab es damals noch) übergeben. Merz habe sich dann später bei den beiden Findern “bedankt”, indem er ihnen eine Ausgabe seines Buchs “Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft” zukommen ließ, inklusive der Widmung: “Vielen Dank an den ehrlichen Finder.” Der ehrliche Finder fühlte sich verständlicherweise vergackeiert und schmiss das Merz-Buch in die Spree.

Die Story wurde 2010 schon einmal von der Obdachlosen-Zeitung Straßenfeger aufgeschrieben, freilich ohne Riesen-Resonanz. Doch in diesen Tagen, in denen es eine enorme mediale Nachfrage nach Merz-Geschichten im Allgemeinen und Anti-Merz-Geschichten im Besonderen gibt, feiert die Notebook-Schnurre mediale Auferstehung. Das Interview der taz wurde von zahlreichen Medien aufgegriffen. “Notebook gefunden, Sympathie verloren“, titelte Spiegel Online. In einer (natürlich) vernichtenden Analyse über den “CDU-Chefkandidaten” Merz erklärt der SpOn-Politik-Ressortleiter Sebastian Fischer, dass Merz von seiner Vergangenheit eingeholt werde:

Denn halb holt Merz die Vergangenheit ein, halb will er nicht von ihr lassen. Da ist die Geschichte mit dem verlorenen Notebook im Jahr 2004: Ein Obdachloser fand das Gerät des damaligen stellvertretenden Unionsfraktionschefs am Berliner Ostbahnhof, übergab es dem Bundesgrenzschutz – und erhielt ein paar Wochen später als Dank von Merz dessen ganz im Geist der damaligen Zeit verfasstes Buch übermittelt. Titel: “Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft.” Er habe das Buch der Spree übergeben, erinnerte sich der Empfänger an diesem Wochenende im Interview mit der ‘taz’.”

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“Die Vergangenheit” holt Merz also ein. Bzw.: Die Medien, die in der Vergangenheit stochern oder Hinweise nachgehen, die ihnen von interessierter Seite möglicherweise zugespielt werden. Es ist eine gelernte Eskalations-Dynamik in der Berichterstattung: Eine Geschichte wird hochgezogen (Notebook). Anschließend wird so getan, als sei dieses Thema von ganz alleine auf der Tagesordnung erschienen und man analysiert darauf herum.

Aktuell ist nur die Version von Enrico J. in der Welt. Merz und seine Kommunikations-Leute, so er denn welche haben sollte, schweigen auf Medienanfragen. Das sieht nicht gut aus, denn, siehe oben: Man kann nicht nicht kommunizieren. Wer bei solch einer Themenlage schweigt, bestätigt die Version der Story, die virulent ist. Das mit dem Aussitzen klappt heutzutage nicht mehr. Dabei gäbe es einiges zur Sache mitzuteilen. Hat Merz damals wirklich von den Umständen des Notebook-Funds gewusst, also wusste er persönlich, dass es sich um Obdachlose handelte? Oder wurde die Sache durch einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gehandhabt? Waren auf einem Notebook tatsächlich ohne Passwortschutz brisante Regierungsinformationen einsehbar? Das wüsste man gerne genauer, aber so lange Merz schweigt, gilt die Version, die in der Welt ist. Zu schweigen ist bei einer solchen Geschichte, die denkbar schlechteste Kommunikationsstrategie.

Man kann Die Notebook-Anekdote relevant finden, um den Charakter von Friedrich Merz zu bewerten oder man kann sie lächerlich finden. Man muss auf so etwas aber reagieren. Sollten die Investigativ-Medien der Republik bei Merz freilich nicht mehr Leichen im Keller finden als eine missglückte Widmung in einem Buch, dann kann sich der Kandidat glücklich schätzen.

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Alle Kommentare

  1. Fast alle deutschen Medienkonzerne (incl. Spiegel) dürfen sich ausgesprochen glücklich schätzen, dass anscheinend nur sehr wenige Menschen im Lande in einem großen Online-Lexikon nach deren eigenen Vergangenheit oder der ihrer (früheren) Mitarbeiter bzw. Gründer forschen. Wobei es bezeichnenderweise praktisch keine Literatur (und auch sonst keinerlei Medien) aus irgendwelchen sonstigen Quellen für eine “Aufarbeitung” dieser Vergangenheit gibt….
    Alfred Hugenberg & Co. lassen grüßen…

  2. Ich denke, es geht weniger um die Widmung, als um das Buch als “Dank”. Popeliger geht es ja wohl nicht. Auch ein wohlsituierter Bürger hätte sich darüber wahrscheinlich wenig begeistert gezeigt. Insofern liegen Sie mit Ihren Zeilen daneben.

  3. Na dann hoffen wir mal, dass nicht raus kommt, wie sich Frau Krampp-Karrenbauer bei ihrem ersten Kuss angestellt hat oder dass sie vielleicht wegen eines haarsträubenden Fehlers bei der Führerscheinprüfung durchgefallen ist – eventuell wegen Schlingerkurs…. Da könnte man dann Schlüsse auf ihre künftige Politik ziehen.
    Das ist doch alles Quatsch. An meinem hanebüchenen Beispiel sieht man, dass es alleine auf die Sichtweise der Medien ankommt, wen sie haben wollen und wen nicht. Wenn sie wollen kramern sie so lange rum, bis sie genügend “Abschussmaterial” haben um den einen zu fördern oder den anderen zu erledigen.
    Mir ist bei allen Medien aufgefallen, dass sie scheinbar große Probleme mit Herrn Merz haben. Ich muss leider unterstellen, dass man scheinbar hofft, dass die Merkel-Linie unter der wohl am Merkel-ähnlichsten Krampp-Karrenbauer Fortsetzung findet. Aber ob das für Deutschland so gut ist, wo diese Linie sich doch stark im Sinkflug befindet?

    1. Das ist aber auch ein gutes Stück weit selektive Wahrnehmung, Herr Wagner. Anfänglich hatte ich den Eindruck, dass die Medien regelrecht begeistert waren, dass mit Friedrich Merz ein alter Merkel-Widersacher seinen Hut in den Ring wirft. Klar, die alten Leichen werden jetzt auch wieder aus dem Keller geholt – wirklich wahlentscheidend sind diese aber nicht, wenn die CDU-Mitglieder über ihren neuen Vorsitzenden entscheiden.

  4. So ein Schmarrn
    Sind Sie sicher, dass Merz seiner Mutter zum letzten Muttertag gratuliert hat ?
    Spass beiseite, den Medien ist nichts zu blöd, um ausgiebig darauf rumzureiten

    1. So manche Medien scheinen schon wieder sehr erfolgreich verdrängt zu haben, was die von ihnen produzierte, für sie im Ergebnis überaus peinliche Affäre um den Ex-Bundespräsident Wulff und das Bobby Car für einen vernichtenden Endruck in der Bevölkerung hinterlassen hat….
      Und dann wundern sie sich tatsächlich immer wieder, warum immer weniger Leser bereit sind, für diese Sorte von Informationen ihr knappes Geld auszugeben…

  5. Erstaunlich – warum suchen eigentlich fast alle Medien zurzeit so intensiv Geschichten rund um Friedrich merz und holen alte Geschichten aus der Versenkung und informieren über die anderen Kandidaten, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn, so rein gar nichts oder wenn, nur Reaktionen auf Merz?

    Erinnert mich stark an die Anfangszeiten von Pegida, als eine Demonstration dieser Gruppierung mit ein paar hundert Demonstranten eine größere mediale Aufmerksamkeit bekam als eine Demonstration in Berlin mit mehreren 10.000 Demonstranten.

    Wer hilft da eigentlich wem beim Hochkommen und Beachtetwerden?

  6. Es riecht nach fake news. Die Story ist völlig unglaubwürdig. Sie beruht in einem wesentlichen Punkt – dem Geiz – auf dem Angabe dieses Obdachlosen, vor Gericht wäre seine Glaubwürdigkeit denkbar gering. Das passt auch nicht zur Großzügigkeit von Merz, der ja zusammen mit seiner Frau eine Stiftung eingerichtet hat, und das kann jeder auf Wikipedia nachlesen. Natürlich könnte man sich auch leicht vorstellen, dass ein Finderlohn auf dem Weg zum Finder „verloren gegangen“ ist.
    Das Schweigen von Merz ist leicht damit zu erklären, dass er sich schlicht nicht an den Vorgang erinnern kann. Es ist schlimm, dass sich sogar als seriös geltende Medien inzwischen als Urheber von fake news herausstellen. Ein gutes Beispiel ist die „Hetzjagd“ Kampagne, der sogar ein etwas ungeschickter veritabler Verfassungsschutzchef zum Opfer fiel.
    https://spoekenkiekerei.wordpress.com/2018/08/30/
    Merz wird es nicht anders gehen, wenn er sich zu sehr als mainstream-Gegner profiliert. Aber das muss er, wenn er der AfD Stimmen abjagen will. Deshalb wird er über kurz oder lang mit allen Mitteln abgeschossen.
    Deshalb wird wohl AKK das Rennen machen. Allerdings ist das das Beste, was der AfD passieren kann.

  7. Es riecht nach fake news. Die Story ist völlig unglaubwürdig. Sie beruht in einem wesentlichen Punkt – dem Geiz – auf dem Angabe dieses Obdachlosen, vor Gericht wäre seine Glaubwürdigkeit denkbar gering. Das passt auch nicht zur Großzügigkeit von Merz, der ja zusammen mit seiner Frau eine Stiftung eingerichtet hat, und das kann jeder auf Wikipedia nachlesen. Natürlich könnte man sich auch leicht vorstellen, dass ein Finderlohn auf dem Weg zum Finder „verloren gegangen“ ist.
    Das Schweigen von Merz ist leicht damit zu erklären, dass er sich schlicht nicht an den Vorgang erinnern kann. Es ist schlimm, dass sich sogar als seriös geltende Medien inzwischen als Urheber von fake news herausstellen. Ein gutes Beispiel ist die „Hetzjagd“ Kampagne, der sogar ein etwas ungeschickter veritabler Verfassungsschutzchef zum Opfer fiel.
    https://spoekenkiekerei.wordpress.com/2018/08/30/
    Merz wird es nicht anders gehen, wenn er sich zu sehr als mainstream-Gegner profiliert. Aber das muss er, wenn er der AfD Stimmen abjagen will. Deshalb wird er über kurz oder lang mit allen Mitteln abgeschossen.
    Deshalb wird wohl AKK das Rennen machen. Allerdings ist das das Beste, was der AfD passieren kann.

  8. Lustig, wie hier eine Verteidigungshaltung für Merz eingenommen wird. Hätte er wenigstens ein gutes wertiges Buch verschenkt, aber so. Der Ablageort Spree war genau richtig und die Aufwärmung der Geschichte bewahrt das Land hoffentlich vor Schhlimmerem.

  9. Mit solch einer frömmelnd-windigen Vorweihnnachtsgeschichte will man den Merz also ausmerzen? Peinlich.

    Und der “ehrliche” Finder von damals hatte also den laptop geknackt?

    Ich komm aus dem Lachen gar nicht mehr raus.

  10. Es geht weniger um das Buch an sich und den nicht gezahlten Finderlohn, sondern darum, daß um den Titel des Buches, “Ende der Wohlstandsillusion”, der in Anbetracht des Schicksals des Obdachlosen mehr als zynisch ist.
    Er hat sich doch auch zu Hartz IV schon mehr als dubios geäußert.

    Daß der PC nicht mit Passwort gesichert war kann ich mir leider schon vorstellen.

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