Anzeige

"Bild-Zeitung hat genau jene Unterstützung in Anspruch genommen, die sie jetzt an den Pranger stellt": WMP-Chef Inacker kritisiert "Blut-Scheich"-Enthüllung der BamS

Michael Inacker ist Vorstandschef der WMP Eurocom

Die Verwicklung von Kronprinz Muhammad Bin Salman in die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi hat weltweit Empörung hervorgerufen. Mit einer Titelgeschichte über „Geheim-Papiere“, die angeblich belegen, wie das saudi-arabische Köngishaus versuche, deutsche Medien-Meinung „zu kaufen“, sorgte die Bild am Sonntag jetzt für Aufsehen. Im Mittelpunkt: die in Berlin ansässige Agentur WMP Eurocom, die den Saudis diese „Dienstleistung“ angeboten habe und dafür monatlich eine sechsstellige Summe kassiere. WMP-Chef Michael Inacker weist den Vorwurf im MEEDIA-Interview als „üble Unterstellung“ zurück und erklärt, warum er dennoch das Mandat für die Königsfamilie „mit sofortiger Wirkung“ beende.

Anzeige

Die Bild am Sonntag beruft sich auf ein internes Strategiepapier aus Ihrem Hause, wonach Sie mit Lobbyisten-Diensten inklusive der Beeinflussung von Medien sowie engen Kontakten zu politischen Entscheidern werben. Trifft das zu?
Michael Inacker:
Die WMP ist eine klassische Netzwerkagentur mit umfassenden Kontakten in Wirtschaft, Medien und Politik. Wir öffnen unseren Kunden Kontakte in diese Bereiche und machen ihnen Vorschläge, mit wem sie über ihre Anliegen sprechen können. Dies geschieht immer auf der Grundlage der Kraft des Arguments oder zusätzlicher Information – und nicht durch Manipulation oder Kauf. Jeder, der mich kennt, der die WMP kennt, weiß, dass der Manipulationsvorwurf absurd ist.
Die Investigativ-Reporter der BamS stellen das in der aktuellen Titelgeschichte anders dar – und kritisieren, dass mit Hilfe Ihrer Agentur versucht werde „deutsche Meinung“ zu kaufen.
Wir weisen auch den Vorwurf, dass man mit Hilfe der WMP Meinung kaufen kann, als üble Unterstellung zurück. Wir öffnen – nicht nur im Falle Saudi-Arabiens – Türen zu Personen und Institutionen. Was heißt Mittler und Türöffner? Dabei ging es um Akkreditierungen, Kontakte zu Regierungsstellen sowie Kontakte in die saudische Zivilgesellschaft. Was Journalisten dann daraus machen, bleibt komplett Ihnen überlassen. Was entscheidend ist: Keiner der betroffenen Journalisten oder Medien stellt die Behauptung auf, von uns manipuliert oder bedrängt worden zu sein. Die Bild am Sonntag selbst stellt leichtfertig die Integrität von vielen Kollegen in Frage, in dem Sie von Meinungskauf schreibt. Dafür aber gibt es keinen einzigen  Beweis – weil man diesen definitiv auch nicht finden wird. Und es wäre fair von der Bild am Sonntag, dieses klarzustellen, anstatt Kollegen ohne belastbare Tatsachengrundlage und wider die eigene Erfahrung mit der WMP  an den Pranger zu stellen.
Grundlage des Berichts ist ein der Redaktion zugespieltes 50-seitiges Strategie-Papier von WMP.
Die BamS bezieht sich unter anderem  auf ein Chart, in dem wir auf unseren Einsatz mit der Formulierung „due to our efforts“ verweisen –  dieser, das kann jeder lesen, begrenzt sich aber auf die Vermittlung von zusätzlichen Informationen, zusätzlichen Kontakten und Hintergrundgesprächen.  In unserer Stellungnahme an die BamS hatten wir vor der Veröffentlichung unsere Tätigkeit näher beschrieben. Zitat: „Wir halten uns als Agentur ehemaliger Journalisten streng an die Grundsätze der redaktionellen Unabhängigkeit. Zu unseren Aufgaben gehören die Unterstützung bei der Visa-Beantragung sowie die Vermittlung von Kontakten in Saudi-Arabien, Hintergrund-Gesprächen und Interviews. Sowohl die daraus resultierenden Berichte als auch die gesamte Medienberichterstattung werten wir empirisch aus. Das ist allgemein gängige und offizielle Praxis.“ Davon ist in dem Artikel nichts zu lesen. Ich frage: Warum nicht?
Welche Grundsätze gelten für die Arbeit der WMP Eurocom, wo liegen die Grenzen?
Die WMP unterhält Geschäftsbeziehungen zu vielen Unternehmen und Staaten aus Regionen außerhalb der westlichen Welt. Dabei ist für uns ein wichtiger Anhaltspunkt, ob die Bundesregierung mit dem jeweiligen Land eine gute und belastbare Beziehung unterhält und auch, ob eine Vielzahl anderer deutscher Unternehmen in diesen Ländern aktiv ist. Im Falle Saudi-Arabiens waren und sind diese Grundlagen gegeben. Unser Engagement trägt dem großen öffentlichen Interesse am Reformprozess des Königreichs Rechnung. Dabei geht es um die Förderung des Dialogs zwischen Vertretern der Reformkräfte und der Zivilgesellschaft Saudi-Arabiens sowie Repräsentanten des öffentlichen Lebens in Deutschland. Wir sind überzeugt von dem Grundsatz: Wandel entsteht durch Dialog.
Seit wann besteht das Mandat des saudi-arabischen Königshauses und wie kam es dazu?
Das Mandat besteht seit Herbst 2017. Formal-vertraglich läuft es über eine US-amerikanische Unternehmensberatung. Wir hatten bereits in früheren Jahren ein Mandatsverhältnis mit der Botschaft Saudi-Arabiens in Deutschland. Dieses Mandat wurde in der Zwischenzeit von einem Wettbewerber übernommen; im Übrigen haben sich viele unserer Konkurrenten um das Mandat gerissen.
In den von der BamS zitierten Unterlagen geht es auch einzelne Journalisten und deren Berichterstattung, die sich angeblich durch Ihre Intervention aus Sicht Saudi-Arabiens positiv verändert habe. Welche Art Einfluss üben Sie auf Medienvertreter aus?
Es wäre doch naiv zu glauben deutsche Journalisten lassen sich manipulieren. Aber eine Veränderung der Tonalität kann man empirisch messen und das haben wir auch getan: sowohl positiv wie auch negativ. Das nennt man Messung des Medientenors. Das wird tagtäglich so praktiziert. Bei uns, aber genauso in den Pressestellen von Unternehmen und Ministerien. Daran ist nichts Verwerfliches. Allerdings müssen wir selbstkritisch feststellen, dass die Art der Darstellung zu den Medienkontakten bösmeinender Interpretation ein Einfallstor geboten hat, die die Integrität von betroffenen Journalisten in Frage stellt. Dass das passiert ist, bedauere ich zutiefst und habe die Kolleginnen und Kollegen bereits um Entschuldigung gebeten. Gleichzeitig werden wir dafür Sorge tragen, dass sich dies nicht wiederholt. Nennungen von Journalisten bei Kunden ohne vorherige Rücksprache bei den betreffenden Medienvertretern wird es bei uns nicht mehr geben. Bei Interview-Anfragen bei allen anderen unserer Mandate verweisen wir darauf, dass wir den Namen weitergeben.
Gibt es Gegenleistungen, die Sie Journalisten bieten?
Ich weiß, was manche Leute hier denken – aber nein: Hier fließt gar nichts. Wir vertrauen allein der Kraft guter Argumente.
Sie selbst sind ehemaliger Journalist mit langjähriger Erfahrung. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass derartige Strategiepapiere geeignet sind, bei ausländischen Auftraggebern den Ruf der Integrität und Unabhängigkeit einer freien Presse zu diskreditieren?
Unseren Auftraggebern ist zu jedem Zeitpunkt klar, dass die deutschen Medien in ihrer Berichterstattung unabhängig sind. Dies ist eine zentrale Message unserer Beratertätigkeit. Und das ist mein Credo, das noch nie bezweifelt wurde. Im Falle von Saudi-Arabien haben wir immer wieder deutlich gemacht, dass nur wirkliche Verhaltensänderungen und die Fortschreibung der Reformen zu einer Verbesserung des Medienbildes im westlichen Ausland führen können. So verstehen wir unsere ehrliche Vermittlerarbeit.
Glaubt man dem Strategiepapier, so sieht sich Ihre Agentur auch in politischen Machtzentralen als bestens vernetzter Türöffner. Stimmt es tatsächlich, dass Sie sich gegenüber Ihren Kunden für einen direkten Zugang zum Bundespräsidenten oder ins Kanzleramt rühmen?
Dies entspricht nicht den Tatsachen. Wir brauchen uns unserer Kontakte nicht zu rühmen, denn wir haben sie. Und dies ist bei Kunden und in der Öffentlichkeit so bekannt. Im konkreten Fall ging es um Vorschläge an hochrangige Vertreter Saudi-Arabiens aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, welche Persönlichkeiten in Deutschland als „möglicher Kontakt“ für Gespräche in Frage kommen. Einige dieser genannten Persönlichkeiten kennen selbst wir nicht – aber sie sind wegen ihrer Funktion von Interesse. Und dies haben wir den Saudis auch so mitgeteilt.
Anders herum gefragt: Welche Leistungen honorieren Ihre Klienten? Wie zahlt sich das Investment für diese aus?
Unsere Kunden schätzen uns als ihren Anwalt in der öffentlichen Arena. Im Falle ausländischer Kunden erklären wir zunächst die deutschen Zusammenhänge in Wirtschaft, Medien und Politik. Viele deutsche Medien sind jenseits der Landesgrenzen wenig bekannt – auch bei Inhalt und dem Tenor der Berichterstattung über bestimmte Themen. Wir beschreiben unseren Kunden, wer wichtige Entscheider in verschiedenen Bereichen sind und warum wir empfehlen, mit diesen Persönlichkeiten Kontakt aufzunehmen.
Eine Ihrer angebotenen Dienstleistungen nennt sich Nation Branding. Worum geht es dabei?
Im Falle unserer staatlichen Kunden helfen wir ihnen auch dabei, eine professionelle Pressarbeit aufzusetzen, wie sie im Westen gang und gäbe ist. Während früher in Saudi Arabien beispielsweise Anfragen von Medienvertretern ins Leere liefen, haben wir sichergestellt, dass diese unbürokratisch und schnell beantwortet und die von Journalisten gewünschten Informationen weitergegeben werden. Im Idealfall ermöglichen wir unseren Kunden den Aufbau eigener Netzwerke, und es liegt an ihnen, daraus etwas zu machen.
Die WMP Eurocom gilt manchen schlicht als PR-Unternehmen, anderen als überaus einflussreiche wie undurchsichtige Lobbyisten-Agentur. Was unterscheidet Ihre Firma in Netzwerk und Arbeitsweise von den vielen Spin Doctors im politischen Berlin?
Was andere oft nur behaupten, können wir tatsächlich. Ansonsten und zur Klarstellung: die Arbeit der WMP beruht auf zwei Säulen: Einerseits klassische mediale Kommunikation in allen Facetten; andererseits politische Kommunikation zur Wahrung der Interessen unserer Mandanten im politisch-öffentlichen Diskurs – manchmal nicht unähnlich der Rolle eines Anwalts. Aber immer setzen wir dabei auf die Kraft des Arguments. Am Ende entscheidet jeder Politiker und jedes Regierungsmitglied, ob man diese Argumente für erwägenswert hält.
Gab es in der Folge der BamS-Veröffentlichung bereits Reaktionen von Kunden oder seitens der Journalisten, die im Strategiepapier genannt werden?
Wir sind mit mehreren im Papier genannten Personen im Gespräch.
Gegenüber der Bild am Sonntag erklären Sie, dass WMP Eurocom weiterhin für Saudi Arabien tätig sei. Zugleich bekräftigen Sie, die Ermordung des Journalisten Kashoggi sei ein Verbrechen, „das aufgeklärt werden muss“. Gibt es aktuell Überlegungen, das Mandat für das Königshaus zu beenden?
Wir werden das Mandat mit sofortiger Wirkung beenden. Anders als der von der Bild am Sonntag erweckte Eindruck haben wir dieses Mandat nicht erst im Zusammenhang mit der Khashoggi-Affäre, sondern zu einer Zeit übernommen, in der die ganze Welt große Hoffnungen auf das Reformprogramm der saudischen Führung des Kronprinzen gesetzt hat und es großen Informationsbedarf gab. In dieser Zeit haben wir – wie es unsere Aufgabe ist – als Mittler zwischen der offiziellen saudischen Seite, aber auch der Zivilgesellschaft einerseits und deutschen Medien und Institutionen andererseits gearbeitet. Diese Rolle der WMP war und ist allgemein bekannt und geschätzt. Viele Journalisten haben unsere Unterstützung als Türöffner und Mittler in Anspruch genommen. Selbst die Bild-Zeitung hat genau jene Unterstützung in Anspruch genommen, die sie jetzt an den Pranger stellt.
Die BamS hat den Umstand, Hilfe der WMP erhalten zu haben, im Artikel immerhin eingeräumt. Was verstehen Sie unter Mittler und Türöffner?
Dabei ging es um Akkreditierungen, Kontakte zu Regierungsstellen sowie Kontakte in die saudische Zivilgesellschaft. Bei der Aufhebung des Frauenfahrverbots im Sommer gab es zum Beispiel nur wenige Frauen, die bereit waren mit westlichen Medien zu sprechen. Wir haben dabei geholfen einige Frauen zu finden, die zu einem Gespräch bereit waren – alles Weitere haben dann die Journalisten in völliger Eigenregie zusammentragen. Oder wir haben junge saudische Start-up Unternehmer nach Deutschland gebracht, die mit Startups hier in den Dialog getreten sind. Wir haben insbesondere viele Kontakte in die junge saudische Reformgeneration gelegt – in Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft. Im Frühjahr haben wir junge saudische Filmemacherinnen, die eine kritische Dokumentation über das Frauenbild in ihrem eigenen Land produziert haben, nach Berlin – zu ihrer ersten Auslandsreise – gebracht. Dieser neuen Generation von Saudis, die ihr Land verändern wollen, fühlen wir uns auch verpflichtet, weil wir deren Hoffnungen bei unseren Besuchen persönlich selber erlebt haben. Diese Erfahrungen haben es uns schwer gemacht, nach der Ermordung Khashoggis – das Mandat sofort zu beenden.
Wie sehen Sie es aus heutiger Sicht?
Es war der falsche Weg. Nach der schrecklichen Tat müssen wir heute feststellen, dass sowohl unsere Mittler-Rolle als auch die Möglichkeiten die Reformkräfte zu unterstützen, von der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr gesehen und von uns deshalb nicht vertreten werden kann. Vor diesem Hintergrund beenden wir das Mandat.
 
Die Fragen an Michael Inacker wurden per E-Mail gestellt.

Anzeige