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Die “Angela Merkel des Privatfernsehens” dankt ab – die Ära Anke Schäferkordt bei RTL

Anke Schäferkordt verlässt nach 27 Jahren RTL
Anke Schäferkordt verlässt nach 27 Jahren RTL

Die langjährige RTL-Chefin Anke Schäferkordt geht zum Jahreswechsel nach über 27 Jahren bei der Sendergruppe. In den Medien wurde sie immer mal wieder als die Angela Merkel des Privatfernsehens bezeichnet. Insofern ist der Zeitpunkt für den Abtritt natürlich in gewisser Weise passend.

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Denn auch die Ära Merkel neigt sich ihrem Ende entgegen. Man sollte solche Vergleiche nicht überstrapazieren, aber es stimmt ja schon: Die Führungsstile von Angela Merkel und Anke Schäferkordt ähneln sich, zumindest von außen betrachtet. Beide agieren unprätentiös und uneitel, beide sind stets an der Sache orientiert und beide sind in dem, was sie tun, extrem erfolgreich. Bzw.: In jüngster Zeit nicht mehr ganz so mega-erfolgreich. Der Stern der Kanzlerin ist dabei schneller und tiefer gesunken, jedenfalls sind aus den RTL-Zentralen in Köln und Luxemburg keine “Schäferkordt muss weg”-Rufe übermittelt.

RTL ist weit davon entfernt ein Krisenkandidat zu sein (wie es auch der Bundesrepublik immer noch sehr gut geht), aber das Gefühl macht sich breit, dass es nicht mehr so recht vorangeht mit dem Wachstum. Und nicht nur das Gefühl. Die zurückliegende 9-Monats-Bilanz offenbarte eine ungewohnte Schwäche des Deutschland-Geschäfts. Der operative Gewinn der Mediengruppe RTL Deutschland sank 2,6% Prozent auf 484 Millionen Euro. Gründe waren vor allem die geringeren TV-Werbeumsätze im dritten Quartal. Der Juli und der August waren zudem von der Fußball-WM bei ARD und ZDF dominiert und der Vergleichszeitraum des Vorjahres war halt besonders stark … aber Gründe gibt’s immer. Und das Deutschland-Business von RTL ist nach wie vor das Rückgrat der RTL-Group-Bilanz und damit auch von Bertelsmann. Da will man vielleicht nicht warten, bis etwas wirklich aus dem Ruder läuft.

Jenseits der Zahlen war auffällig, dass sich der Hauptsender der Gruppe, RTL eben, mit der Etablierung neuer, quotenstarker Formate doch schwer tat. Der Sender lebte und lebt stark von Sendungen, die ihren kreativen Höhepunkt überschritten haben: “Deutschland sucht den Superstar, “Das Supertalent”, “Bauer sucht Frau”, “Let’s dance”. Alles noch erfolgreich, alles OK. Aber im Prinzip auserzählt. Zwar gibt es bei der deutschen Fiction durchaus Lichtblicke, wie etwa die immens erfolgreiche Serie “Der Lehrer”, die wirklich großen Hits aber fehlen.

Schaut man zum eigentlich “kleineren” Sender Vox, sieht das anders aus. Der dortige Chef Bernd Reichart hat ein wahres Format-Feuerwerk entfacht. Die Gründershow “Die Höhle der Löwen” zeigt auch nach Staffel 5 noch keinerlei Ermüdungserscheinungen. Es gab preisgekrönte Serien wie “Der Club der roten Bänder”, gerade ist mit “Milk and Honey” eine weitere Vox-Eigenproduktion gestartet, die freilich mit dem Themenspektrum Provinz und Escort-Männer (!) seichter daherkommt als die “roten Bänder”. Aber auch andere Vox-Formate wie “Sing meinen Song” oder “Kitchen Impossible” wirkten ambitionierter und frischer als vieles, was bei RTL so anlief. Vox hat sich so ein bisschen zum trash-freien, besseren RTL gemausert.

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Darum ist es nun auch nicht überraschend, dass Vox-Geschäftsführer Bernd Reichart eine Karrierestufe überspringt und Anke Schäferkordt gleich als CEO der Mediengruppe Deutschland nachfolgt. Schäferkordt selbst wechselte einst vom Vox-Chefposten zunächst zum größeren RTL. Auch der aktuelle RTL-Geschäftsführer Frank Hoffmann war vorher Vox-Chef.

Muss Anke Schäferkordt nun gehen? Oder will sie gehen? Natürlich geht alles im “besten gegenseitigen Einvernehmen” über die Bühne, aber auf solche Pressemitteilungs-Prosa darf man nie viel geben. Interessanter ist die Formulierung von Frau Schäferkordt, dass “ein schneller Übergang im besten Interesse der Mediengruppe RTL Deutschland ist”. Das klingt irgendwie nicht ganz so nach Friede, Freude, Eierkuchen. Vor allem wenn man bedenkt, dass solche Zitate in Pressemitteilungen nicht einfach so dahingesagt werden, sondern sehr sorgfältig auf jede Konnotation geachtet wird.

Aber solche Spekulationen sind auch müßig. Nach über 27 Jahren bei RTL und 13 Jahren als CEO der Mediengruppe RTL Deutschland hat Anke Schäferkordt der Sendergruppe und dem deutschen Privatfernsehen insgesamt ihren Stempel ganz ohne Zweifel aufgedrückt. Unter ihrer Führung wurde der operative Gewinn der RTL Group seit 2005 mehr als verdreifacht. In jüngerer Zeit hat die Gruppe auch digital mächtig aufgeholt, mit Broadband TV, den digitalen Aktivitäten der Produktionstochter Fremantle und dem niederländischen Streamingportal Videoland haben die Luxemburger gleich drei Wachstumsbringer im Portfolio. In Deutschland wurde der digitale Wildwuchs, der zeitweise zu bemerken war, beendet, indem man mittlerweile auf die senderübergreifende Marke TVnow setzt.

Anke Schäferkordt hinterlässt also, wie man so schön sagt, ein gut bestelltes Haus. Dass nach so vielen erfolgreichen Jahren ein anderer das Ruder übernimmt, sollte ein normaler Vorgang sein. Im Privatfernsehen, wie in der Politik.

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Alle Kommentare

  1. Schäferkordts Lebensleistung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: rentable Tranquilizer für das Prekariat.

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