Partner von:
Anzeige

Wochenrückblick: Wo die Schüler-Interviewer von Bild-Chef Julian Reichelt falsch lagen

In dieser Kolumne: Florian Harms, Helga Beimer, Julian Reichelt und der Heilsbringer der CDU
In dieser Kolumne: Florian Harms, Helga Beimer, Julian Reichelt und der Heilsbringer der CDU

Ein Schülerzeitungs-Interview mit Bild-Chef Julian Reichelt machte diese Woche in Medienkreisen die Runde. Ein Begleittext kritisiert Reichelt für etwas, das er gar nicht so gesagt hat. t-online.de-Chef Florian Harms gerät ins Schwärmen über die Kanzlerin. Friedrich Merz feiert Twitter-Einstand und die ARD zieht bei der "Lindenstraße" den Stecker. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Eine der vornehmsten Aufgaben eines Bild-Chefredakteurs ist es seit jeher, für Gesprächsstoff unter uns Medienfuzzis zu sorgen. Diesen Job hat Kai Diekmann mit Bravour erfüllt und sein Nachfolger Julian Reichelt müht sich redlich, in die großen Stapfen zu treten. Aktuell sorgt der amtierende Bild-Chef mit einem Interview für Aufsehen, das er einer Schülerzeitung gegeben hat. Freilich nicht irgendeiner dahergelaufenen Schülerzeitung, sondern GO Public, der Schülerzeitung  von Reichelts alter Schule, dem Gymnasium Othmarschen. Sattsam bekannt ist die Schnurre, dass der noch junge Julian schon als Pennäler den Drang verspürte, Bild-Chef zu werden.

Das Interview ist dann wirklich gut geworden, die Schüler-Reporter machen einen tollen Job, während Reichelt sagt, was er gemeinhin halt so sagt. Interessanter noch als die Antworten des Bild-Chefs sind die atmosphärischen Einsprengsel. Etwa, wenn Reichelt während des Intvus mal schnell zum Vorstand gerufen wird und den jungen Reporten zuruft: “Ich muss mal kurz zum Vorstand. Ihr könnt hier abhängen. Nehmt euch ein Bier, spielt ein bisschen Playstation, wenn Ihr Lust habt. FIFA und Egoshooter hab´ ich. Ihr wisst ja, wie das funktioniert.“ Oder wenn er über das eigene Blatt urteilt: „So schlecht ist es gar nicht geworden, dafür, dass es so ein Scheisstag (sic!) war.“

Es gibt aber natürlich auch ernsthafte Äußerungen. Dass Reichelt die Titanic-Verlade mit #miomiogate nicht prickelnd fand, ist klar. Im Interview lässt er daran keinen Zweifel. Vor allem reitet er auch wieder darauf herum, dass der zuständige Titanic-Redakteur Moritz Hürtgen damals dem russischen Propagandasender RT ein Interview gegeben hat: “Was mir Sorgen macht, ist der Umgang danach mit Desinformationsmedien wie ‘Russia Today’. Da stell‘ ich mir schon die Frage, ob diese Form von Diskreditierung westlicher, freier Medien im Zusammenspiel mit dem russischen Geheimdienst, ob das wirklich unter Satire fällt.”

Was dem Go Public-Interviewer Johann Aschenbrenner vielleicht Sorgen machte, war dagegen, nach dem Interview möglicherweise für einen Reichelt- oder gar Bild-Versteher gehalten zu werden. Er veröffentlichte unter dem Titel “Die innere Wahrheit des Julian Reichelt” eine “Analyse” zum Interview, in der er Aussagen Reichelts kritisch beleuchtet. Man kann den Bild-Chef für vieles kritisieren, aber beim Analyse-Beipackzettel, ist dann doch eine Ungenauigkeit drin. Aschenbrenner schreibt:

Wenn man aus einem Gefühl eine Tatsache macht, lässt sich alles beliebig aufbauschen: Die Aussage im GO-PUBLIC-Interview, „TITANICs“ #miomiogate sei im Zusammenspiel mit dem russischen Geheimdienst geschehen, ist eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung. Der „TITANIC“-Redakteur Moritz Hürtgen gab dem Kreml-treuen Sender „Russia Today“ nach der Aktion ein Interview. Eine Kooperation mit Putins Schergen ist das aber noch lange nicht.

Nur: Reichelt hatte gar nicht gesagt, dass der Titanic-Witz “im Zusammenspiel mit dem russischen Geheimdienst geschehen” sei (s.o.). Reichelt kritisierte den “Umgang danach mit Desinformationsmedien”, also mit Russia Today, was nebenbei bemerkt auch nicht nur “Kreml-treu” ist, sondern sogar Kreml-finanziert. Könnte es sein, dass das, was der Go Public-Redakteur Reichelt hier vorwirft – nämlich sich eine “innere Wahrheit” zu basteln – so ein bisschen auch auf ihn zutrifft? Manchmal sieht man nur, was man sehen will.

+++

Ein weiteres großes Interview diese Woche erschien bei t-online.de, und zwar mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. t-online.de-Chefredakteur Florian Harms ist mit der Mission angetreten aus dem einstigen Mail-Beimedium eine ernstzunehmende Medienmarke zu machen und da ist ein Kanzlerinnen-Interview durchaus ein echter Meilenstein. t-online.de-Chef Harms war dann auch ganz wuschig, ein echtes Kanzlerinnen-Gespräch auf der Seite zu haben. Schon einen Tag vor Veröffentlichung des Interviews geriet er in seinem Morgen-Letter “Tagesanbruch” ob den Fähigkeiten und der Persönlichkeit der Kanzlerin umfangreich ins Schwärmen.

Wenige Politiker hätten so viel Kritik einstecken müssen, wie die Kanzlerin, die es aber auch echt schwer habe (kursiv sind Zitate aus dem “Tagesanbruch”): “Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik, Kritik am Asylstreit mit der CSU, Kritik am Umgang mit Maaßen, Kritik an all den Versäumnissen, die Leitartikler, Oppositionspolitiker und sonstige schlaue (oder sich für schlau haltende) Köpfe ihr vorhalten. Dazu das Tagesgeschäft, der proppenvolle Terminkalender, oft sieben Tage Arbeit die Woche, dazu der Erdogan mit seiner herablassenden Art, der Putin mit seinen Tricks, und dann twittert auch noch der Trump irgendwelchen Unfug.”

Schlimm!

Da braucht man “eine zähe Konstitution und man muss einstecken können, wenn man das wichtigste Amt des Staates bekleidet, klar.”

Klar!

“Aber auf Dauer kann das ganz schön schlauchen. Erst recht, wenn man gleichzeitig in den wenigen freien Minuten über die eigene Zukunft nachsinnt, über die Macht und deren Schwinden, über den richtigen Moment für den Ausstieg und über das eigene politische Erbe.”

Ach Gott, die arme Angie!

Nachdem sie aber den Verzicht auf den CDU-Vorsitz ankündigte, “schlägt sie auch jetzt nicht über die Stränge, formuliert sie nicht vorschnell, plant sie ihre Tage und Schritte weiterhin sorgfältig und umsichtig. Aber sie strahlt etwas Gelöstes aus, eine Leichtigkeit, die ihr in den vergangenen Monaten abging. Sie findet ihren schlagfertigen Witz wieder, sie verfolgt interessiert, aber gelassen das Rennen um ihre Nachfolge, sie erfreut sich, anders als Seehofer, im Regierungsbetrieb nach wie vor vieler Unterstützer – und sie hält plötzlich kraftvolle, tiefgründige und aufrüttelnde Reden.”

Einfach toll! Harms bilanziert: “Wir erleben in diesen Tagen eine Kanzlerin, die aus der Gelassenheit neue Kraft schöpft und kein Blatt vor den Mund nimmt.”

Der t-online.de-Chef war so enthusiasmiert, dass er am Tag der Interview-Veröffentlichung der Kanzlerin via Twitter gleich noch ein beherztes “Yo man!” hinterherrief. Diesen Tweet hat er später dann allerdings wieder gelöscht. Keine Ahnung, warum.

Anzeige

+++

Als Neuzugang im Twitter-Wunderland begrüßen wir diese Woche den neuen CDU-Heilsbringer in spe, Friedrich Merz! Das “Team Merz” meldete sich mit einem einigermaßen originellen Bierdeckel-Tweet in der Politik-Medien-Bubble an.

Merz war ja mal bekannt dafür, dass er Steuererklärungen forderte, die so einfach sind, dass sie auf einen Bierdeckel passen. Hö, hö. Auf jeden Fall war das aber ein deutlich souveränerer Twitter-Einstand, als ihn Hotte Seehofer hinbekommen hat. Der hatte zunächst im Sommer angekündigt/gedroht, jetzt bald selbst zu twittern. Dann passierte nix. Dann meldete er sich mit einer eher Naja-Videobotschaft, die hinten auch nicht abgehackt war, vom Twitter-Account des Innenministeriums aus zu Wort und erklärte, künftig hier unter dem Kürzel “HS” zu twittern.

Dann ging unter @der_seehofer ein persönlicher Account online, der bisher zwar fast 7.000 Follower aufweist, aber noch keinen einzigen Tweet abgesetzt hat. Die Sache mit der digitalen Kommunikation ist nicht die des Horst Seehofer. Wer’s genau nachlesen will: Das Trauerspiel um das Twitter Hü und Hott des Seehofers, hat Watson.de hier aufgeschrieben.

+++

Hiobsbotschaft am Freitag: Die ARD stellt 2020 die “Lindenstraße” ein. Wobei: Ich kann’s sogar verstehen. Ende 1985 ging die Serie an den Start, bisher über 1.700 Folgen! Mega! Früher war ich großer Fan, habe keine Folge verpasst, sonntags 18.40 Uhr war heilige TV-Zeit. Anrufe absolut unerwünscht! Persönliche Höhepunkte waren der Mord an Nerv-Pfarrer Matthias von Psycho-Lisa mit einer Bratpfanne, der Emo-Zusammenbruch vom jungen Sarikakis in der Wohnung des an den Rollstuhl gefesselten Dr. Dressler (bis heute ein Lehrstück in Sachen Over-Acting) und diese Sache, als der Pizzabäcker Enrico (“Topolino”) aus Liebe die ganz fürchterliche Langspielplatte von Isolde Pavarotti in großer Stückzahl aufkaufte, um sie in die Hitparade zu hieven. Aber das war früher. In den vergangenen Jahren habe ich die “Lindenstraße” nicht mehr verfolgt und war offenbar nicht der einzige.

Zurückgehende Quoten und “Sparzwänge” seien die Gründe für das anstehende Aus. Die Zeiten und die Sehgewohnheiten haben sich halt verändert. Mit der “Lindenstraße” endet 2020 ein großes Stück deutsche Fernsehgeschichte, vielleicht ist das die deutscheste Serie von allen (zusammen mit “Diese Drombuschs”).

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich diesmal mit Kollege Christian Meier von der WELT über die Hysterie-Welle, dass YouTube vielleicht bald ganz sicher abgeschaltet werden soll (Spoiler: wird es nicht) und es geht um die Debatte rund um den Dokumentarfilm “Lord of the Toys”, der eine Gruppe YouTuber in Dresden begleitet. Und wir reden nochmal über den Interview-Ärger, den der deutsche Playboy mit einem gepimpten Ennio-Morricone-Interview hatte. Freue mich, wenn Sie reinhören!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia