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“Der Vorwurf trifft uns mehr, als wir es zugeben”: Anja Reschke zur Kritik an mangelnder Korrektheit im Journalismus

Auf dem Vocer Innovation Day in Hamburg diskutierten unter anderem Martin Schulz und Anja Reschke
Auf dem Vocer Innovation Day in Hamburg diskutierten unter anderem Martin Schulz und Anja Reschke

Der fünfte "Vocer Innovation Day" in Hamburg endete mit einer Diskussion hochkarätiger Gäste: SPD-Politiker Martin Schulz und Moderatorin Anja Reschke sprachen am Samstag mit Sprachforscherin Elisabeth Wehling im Spiegel-Gebäude über Korrektheit im Journalismus, den Umgang mit der AfD und darüber, was für Medien und Politik wirklich wichtig sei. Keine leichte Aufgabe, wie die Debatte klar machte.

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Die Frage, was wirklich wichtig ist und welche Themen Journalisten überhaupt beschäftigen sollten, ist keine wirklich neue – ist es doch ein elementarer Bestandteil des journalistischen Berufs, Neuigkeiten nach ihrer Relevanz zu gewichten. In Zeiten von Populisten, die es mit Grenzüberschreitungen immer wieder in die Schlagzeilen schaffen, und Social-Media, deren Filterblasen eigene Schwerpunkte setzen, rückt diese Frage aber erneut in den Vordergrund der journalistischen Debatte. Zu Recht, wie der „Vocer Innovation Day“ in Hamburg am Samstagabend gezeigt hat.

Hochkarätige Gäste waren geladen, um über das Thema “Was wirklich wichtig ist” zu sprechen: die Moderatorin Anja Reschke zum Beispiel („Panorama“, „ZAPP“). Sie hat jüngst ihr Buch „Haltung zeigen!“ veröffentlicht und damit eine Debatte über die gesellschaftliche Bedeutung von Haltung der Journalisten angestoßen. Auch der SPD-Politiker Martin Schulz ist gekommen. Als ehemaliger Kanzlerkandidat war Schulz immer wieder Teil der Berichterstattung in den Medien, sah sich selbst sogar in einer “medialen Treibjagd” gefangen, als es um seine Position als Politiker in der SPD nach der Wahlniederlage ging. Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling sprach zudem über die Methoden des politischen Framings von Populisten. Sie war eine der wenigen, die die Wahl von Trump zum US-Präsidenten vorhergesagt hatte.

Wer über das Thema, wie Journalisten Themen gewichten sollten, debattiert, kommt an zwei zentralen und politisch aktuellen Fragen nicht vorbei: Wie sollten Journalisten und Politiker mit der AfD umgehen und: Welche Rolle spielt “Political Correctness” (politische Korrektheit) dabei.

“Mut zu Political Correctness”

Vor allem der letzte Punkt war ein großer Teil der Diskussion zwischen den Gästen. “Wir haben in den vergangenen Jahren eine Art von Konvention entwickelt, dass man ganz bestimmte Sachen in unserer Gesellschaft nicht macht”, sagt Martin Schulz, der das als einen der zentralen Fortschritte in der Gesellschaft sieht. Genau das werde von Leuten wie Trump oder von Anhängern der AfD nun angegriffen – ein Grund, warum diese so viel Aufmerksamkeit erfahren.

“Rechtsextreme Parteien schulen ihr Personal genau darauf, Menschen bewusst und unterschwellig zu verletzen”, sagt Schulz. Dass derartig unterschwellige Beleidigungen in der Sprache genauso wirken wie körperliche Verletzungen, konnte Elisabeth Wehling bestätigen. Politische Korrektheit sei laut der Sprachwissenschaftlerin daher in der Debatte mit und über die AfD und andere Populisten notwendig. Allerdings dürfe Politische Korrektheit nicht dazu führen, dass “wir eine Sprache benutzen, die keiner versteht”, fährt Schulz fort. Genau das sei ein Einfallstor für Populisten. Trotzdem brauche es mehr “Mut für Political Correctness” in der Debatte. Das sei notwendig, um sich nicht auf das Niveau der Populisten herabzulassen.

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Schulz selbst hat sich nach der Niederlage in der Bundestagswahl vergangenes Jahr auf die Fahne geschrieben, gegen Rechtspopulisten mit klaren Worten anzutreten: “Ich würde mir mehr Mobilisierung des demokratischen Anstands wünschen”, so der SPD-Politiker weiter. Zuletzt sorgte Schulz mit einer Wutrede im Bundestag nicht nur in den Sozialen Netzwerken, sondern auch in den Medien für Aufsehen. Das Video seiner Rede, die er sich erst “hart erkämpfen musste”, ist ein Beispiel dafür, wie erfolgreich klare Worte sein können – obgleich sich Schulz gegen den Vorwurf verwahrt, er habe damit nur einen viralen Hit landen wollen (“Ist mir egal, ob das viral ging”).

“Das Thema haben wir echt verschlafen”

Schulz bemängelt zudem, dass Medien rechten Parteien und Vorkommnisse wie in Chemnitz zu viel Raum gegeben haben. “Wenn ein Mob durch Chemnitz läuft, ist das ein großes Thema. Die ‘Unteilbar’-Demo dagegen wenig”, so Schulz. Ein Vorwurf, den die Moderatorin Anja Reschke nicht auf sich sitzen lassen wollte: “Gerade bei Chemnitz sah ich sehr wohl beide Demontrationszüge”. Interessant in diesem Zusammenhang: Bei einer Diskussion der AfD mit den Chefredakteuren von ARD und ZDF in Dresden vergangenen Monat, mussten sich die beiden Journalisten genau den gegenteiligen Vorwurf anhören, sie hätten zu viel über die Gegendemos berichtet. Daran sieht man, wie viel Gefühl bei der Bewertung eine Rolle spielt.

Auch Reschke hat die Diskussion der AfD mit den Chefredakteuren gesehen. Darin aufgekommen war etwa das Thema “UN Migrationspakt”, das zwar in rechten Kreisen eine starke Rolle spiele, aber in etablierten Medien bis dato kaum behandelt wurde. Der “Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration” soll die internationale Zusammenarbeit in der Migrationspolitik stärken. “Das Thema haben wir echt verschlafen”, gibt Reschke zu. Schon zu Beginn der Diskussion gab Reschke zu bedenken: “Der Vorwurf, Journalisten würden nicht korrekt berichten, trifft uns mehr, als wir es zugeben”. Zudem wisse man, dass man mit einigen Berichten auch in die rechte Kerbe schlägt – das mache es zum Teil schwierig. “Wenn dein Beitrag auf der Startseite der NPD landet, ist das natürlich blöd”.

Reschke plädierte dafür, dass es wichtiger denn je sei, Themen nicht nur zu erzählen, sondern auch einzuordnen. Das sei schließlich die Aufgabe von Journalisten. Ganz viele Redaktionen seien durch die Kritik an ihrer Arbeit verunsichert gewesen, was nur natürlich sei. Trotzdem findet es auch die Moderatorin weiterhin wichtig, Haltung im Journalismus zu zeigen.

Die Diskussion an der Ericusspitze hat gezeigt, wie schwierig der Umgang mit Populisten ist, ohne jedoch sehr konkret zu werden. Die damit im Zusammenhang stehende Frage, welche Gewichtung Medien rechten Vorkommnissen wie in Chemnitz geben sollten, konnte keiner der Gäste klären – das zeigt, wie viel Klärungsbedarf es bei diesem Thema noch gibt.

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