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Wochenrückblick: Rassistische Kartoffel – wie Bild-Chef Julian Reichelt die Neuen deutschen Medienmacher auf Trab hielt

Glyphosat in der “Tagesschau”, Reichelt und die Kartoffel, Schmidt bei SpOn und Nahles ohne Pferd
Glyphosat in der "Tagesschau", Reichelt und die Kartoffel, Schmidt bei SpOn und Nahles ohne Pferd

Bild-Chef Julian Reichelt wurde von den Neuen deutschen Medienmachern mit dem Negativ-Preis "Die Goldene Kartoffel" bedacht. Dass er persönlich zur Verleihung erschien, sorgte hier und da für Schnappatmung. Außerdem: ein "Tagesschau"-Beitrag zu Glyphosat enthielt Fake-News-Spurenelemente. Andrea Nahles hat ein Pferd und Harald Schmidt findet bei Spiegel Online zu alter Form. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Neuen deutschen Medienmacher sind eine Gruppe von Journalist*innen, die sich für eine größere Vielfalt in den Medien einsetzen. Die Gruppe feierte die Tage ihr 25-jähriges Bestehen und weil man zu diesem Anlass ein bisserl Aufmerksamkeit ganz gut brauchen kann, dachten sie sich einen Negativ-Medienpreis aus: die Goldene Kartoffel. Die erste Knolle wurde dann nach den Regeln der Aufmerksamkeits-Ökonomie an Bild-Chef Julian Reichelt vergeben, so eine Art Maximal-Nemesis der Medienmacher*innen. Reichelt sollte den Preis für die hetzerische Berichterstattung der Bild in Migrationsfragen erhalten. Womit die Medienmacher*innen vielleicht nicht gerechnet hatten war, dass Reichelt persönlich auftauchen würde – zwar nicht um den Preis entgegenzunehmen, sondern ihnen die Leviten zu lesen. So durften sich die Medienmacher*innen nicht nur seine Erlebnisse aus dem Syrien-Krieg anhören, sondern der Bild-Chef stempelte den Begriff “Kartoffel” auch noch als “rassistisch” ab, weil in Schulen hellhäutige Kinder (wie drückt man das einigermaßen korrekt aus?) mitunter als “Kartoffel” beschimpft würden. Zu allem Überfluss hatte Reichelt auch noch einen Flüchtling, pardon: Geflüchteten, im Schlepptau, der nicht nur gerade bei der Bild volontiert, sondern die Berichterstattung derselben gar nicht mal so skandalös findet. Bevor jetzt die Weltbilder reihenweise einstürzten, folgte eine Reihe von Veröffentlichungen, in denen diverse Autor*innen darlegten, dass weiße Männer per se nicht diskriminiert werden können, weil die Macht(struktur) ja mit ihnen ist. Außerdem, Königsargument: Im Duden steht unter “Kartoffel” gar nicht, dass es auch als Beleidigung verwendet wird. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen (das Sternchen nutzen sie selbst seltsamerweise nicht; #aufschrei) waren ob der Reichelt’schen Einlassungen so aufgekratzt, dass sie gleich noch ein Q&A zur “Goldene Kartoffel” angefertigt haben. Erste Frage: “Ist Euer Medienpreis ‘Die Goldene Kartoffel’ rassistisch?” Antwort: “Nein.” Puh! Glück gehabt!

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Die Kartoffel mag vielleicht nicht per se rassistisch sein, aber steht sie womöglich im Verdacht, krebserregend zu sein. Jedenfalls, dann, wenn der Bauer, bzw. die Bäuerin allzu beherzt in den Glyphosat-Eimer gegriffen hat. Glyphosat, remember? Das war der Chemie-Aufreger aus der vergangenen Saison, der aktuell weder so ein bisschen durchs Dorf getrieben wird. Das SPD-Umwelt-Ministerium würde gerne strengere Regeln für die Ausbringung des Mittels festlegen, das CDU-geführte Landwirtschaftsministerium ist dagegen, die “Tagesschau” berichtete am Dienstag darüber. Wie oft im Leben lohnt es, auf Details zu achten. Glyphosat stehe “im Verdacht, Krebs zu erregen”, sagte “Tagesschau”-Sprecherin Susanne Daubner in der Anmoderation des Beitrags. Aha. Dabei belegen zig Studien weltweit, dass Glyphosat eben nicht krebserregend ist. Es gibt nur diese eine Studie einer WHO-Unterorganisation, die Glyphosat als “krebserregend” einstuft, allerdings nur allgemein, unabhängig von der Dosierung. Nach dieser Einteilung sind u.a. auch Bier, Radieschen, Sonnenlicht und rotes Fleisch krebserregend. Wurst erst recht. Also: Wenn man – überspitzt gesagt – jeden Morgen zu Frühstück einen Eimer Glyphosat trinkt, kann es schon sein, dass man Krebs bekommt. Andererseits: Wenn man sich ohne Sonnencreme acht Stunden an den Strand knallt und dabei mehrere blutige Steaks verzehrt, birgt das unter Umständen auch ein gewisses Restrisiko. Einen guten Text zum Reizthema Glyphosat und Krebs gibt es hier bei Spektrum.de. Wenn aber die seriöse Frau Daubner in der “Tagesschau” so nebenbei fallen lässt, dass das Zeug “im Verdacht steht, Krebs zu erregen”, was glaubt dann wohl der Zuschauer? Vielleicht glaubt er ähnliches wie jene US-Jury, die den Glyphosat-Hersteller Monsanto/Bayer zu Schadensersatz in Mio-Höhe verurteilt hat – wohlgemerkt unbeachtet einer fachlichen Expertise. Im “Tagesschau”-Beitrag wurde dann noch gesagt, dass es “ausgerechnet” die Stimme des damaligen CSU-Landwirtschaftsministers im Rogue-Modus gewesen sei, die dafür gesorgt habe, dass die Genehmigung von Glyphosat von der EU verlängert wurde, was so genaugenommen auch nicht stimmt. Selbst wenn der damalige CSU-Schmidt sich gemäß der Koalitionsvereinbarung bei der Glyphosat-Abstimmung enthalten hätte, wäre die Verlängerung gekommen. Als Martin May vom Industrieverband Agrar die “Tagesschau” via Twitter darauf hinwies, antwortete interessanterweise nicht die “Tagesschau”-Redaktion, sondern der Sprecher des Bundes-Umweltministeriums. Praktisch, wenn Regierungssprecher die Öffentlichkeitsarbeit der ARD-Nachrichten nebenbei mit erledigen.

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Fast könnte sie einem leid tun, die Andrea Nahles. Diese Woche beömmelten sich einige superfiese Medien, dass sie einen Parlamentskreis Pferd mit gegründet hat. Spiegel Online entnehme ich die interessante Zusatz-Info, dass Frau Nahles einen Friesenwallach besitzt. Friesen sind laut Wikipedia “stämmige Pferde mit einem gewölbten, oft hoch angesetzten und meist sehr kräftigem Hals, einer gut gewinkelten und bemuskelten Hinterhand und einer ausgeprägten Rippenwölbung.” Außerdem charakteristisch: der Kötenbehang (Haare über den Hufen). Sehr sympathische Tiere! Jetzt könnte man ja schon denken, dass es in der Es-Pe-Deh gerade dringlichere Themen zu besprechen gäbe, als Pferde-Dinge. Aber, hey: Bei dem ganzen Missmut in der Politik und dem unaufhaltsam scheinenden Untergang der deutschen Sozialdemokratie, da braucht’s halt doch auch mal was fürs Gemüt. Vollstes Verständnis für den Parlamentskreis Pferd von dieser Stelle!

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Wo ich gerade auf Spiegel Online unterwegs war, habe ich auch mal wieder in die Video-Kolumne von Harald Schmidt reingeschaut (Premium-Content, nur für zahlende Gäste!). Was soll ich sagen: Ich fand’s gut. An dieser Stelle habe ich in den Anfangstagen der Schmidt-Kolumne schon mal gemeckert, dass Schmidt auserzählt sei und die technische Qualität der Kolumne so unterirdisch, dass er wohl austeste, wie weit er gehen kann, bevor er gefeuert wird. Das muss ich zurücknehmen. Die Kolumne wird nach wie vor technisch minimal-invasiv mit Smartphone aufgenommen, ist aber gut verständlich. So ließ er uns diese Woche u.a. daran teilhaben, wie er am Laptop, die Pressekonferenz zur Kandidatur-Ankündigung der Annegret Kramp-Karrenbauer verfolgte, inklusive kleiner Spitzen gegen den notorischen Hemd-Aufknöpfer Julian R. und Thomas Walde vom ZDF. Manchmal brauchen solche Formate eben ein bisschen Zeit, bis sie ihren Ton finden.

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Ausgabe des Podcasts “Die Medien-Woche” spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt auch über die Goldene Kartoffel. Außerdem geht es um den Dauerzoff zwischen Donald Trump und CNN, um den Preis, den die Zeitschriftenverleger Bundeskanzlerin Merkel verliehen haben sowie einmal mehr um die Antisemitismus-Debatte rund um Jan Böhmermann. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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