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Erste Hilfe für Digital Natives: Warum Medienpädagogik zum Pflichtfach an Schulen werden sollte

Generation WhatsApp: Für Kinder ab dem Grundschulalter sind Smartphone & Co. längst zur Commodity geworden
Generation WhatsApp: Für Kinder ab dem Grundschulalter sind Smartphone & Co. längst zur Commodity geworden

Der Umgang mit Smartphone, Computer oder Tablet ist fast zur Grundvoraussetzung geworden, um in der heutigen Zeit zu „überleben“. Bloß der Gedanke daran, offline zu sein, versetzt viele Menschen in Panik. Doch Digitalisierung bringt nicht nur Segen, sondern birgt auch Gefahren. Die Medienpädagogik hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen, vor allem aber Kinder und Jugendliche, darüber wie auch über das Potenzial der Medienwelt aufzuklären. Ein Feld, das angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen der Digital-Ära zuwenig Beachtung findet.

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Von Lena Rymkiewitsch

Annika ist 12. Ihr erstes Handy hatte sie mit 10, ein eigenes Tablet schon mit 6. „Damit ich sie nicht ständig im Blick haben muss“, sagt ihre Mutter. „Damit ich am Wochenende ausschlafen kann“, sagt ihr Vater. Aufstehen, WhatsApp checken, fertig machen. Für Annika Routine. Auf dem Weg zur Schule werden noch schnell ein paar Snaps an die Freundinnen verschickt. Hashtag: „kein Bock auf Schule“. Es folgen Mathe, Deutsch und Bio. Schnarch. Zuhause mit Freundin Lea angekommen, wird erst einmal Instagram durchkämmt. „Hast du schon das neue Bild von Pauline gesehen?“ Dann der Schock: Unter einem kürzlich geposteten Video reihen sich die Hass-Kommentare. „Annika du Dumme!“, „Haha du Opfer, geh dich begraben.“ Annika zuckt mit den Schultern. Zu ihren Eltern geht sie mit diesem Problem nicht, die haben eh keine Ahnung von Social Media. Es ist nicht das erste Mal, dass Mitschüler negativ auf ihre Beiträge reagieren. Auch Unbekannte können Bilder und Videos kommentieren, denn Annikas Profil ist öffentlich zugänglich. „Damit ich möglichst viele Follower erreiche“, sagt sie.

Unser Alltag ist durch einen ständigen Wandel geprägt. Via Internet steht man in einem permanenten Austausch, Informationen gelangen innerhalb von Millisekunden von A nach B. Smart Home-Geräte regeln die Temperatur und sagen dem Anwender, wie voll die Autobahn momentan ist. Grundschüler besitzen Smartphones und nutzen Messagingdienste, noch bevor sie richtig lesen und schreiben können. Sprachnachrichten werden zu wichtigen Begleitern. Wer nicht mithält, ist raus. Willkommen in der Welt der Digital Natives.

Doch wie kann es sein, dass es trotz des digitalen Wandels noch immer kein Fach in der Schule gibt, das sich mit alldem beschäftigt? Kaum eine Schule hält es für nötig, Aufklärungsunterricht nicht nur in Bezug auf Sexualität und Drogen zu stellen, sondern auch über die heutigen Medien und ihre Gefahren zu informieren. Man könnte fast meinen, Bildungsinstitutionen verschließen sich dem Ganzen absichtlich. Auch die Politik scheint das Thema zu ignorieren, zumindest fühlt sich niemand zuständig.

Auch Eltern sind oftmals überfordert, ihren Kindern den richtigen Umgang mit Medien beizubringen, sind sie doch nur digitale Immigranten, denen Internet, Smartphone und Co. erst im Laufe ihres Lebens begegneten. „Digital Natives“ hingegen wachsen mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf, sind seit Anbeginn ihres Lebens mit diesen konfrontiert und sehen sie als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Umwelt an.

In einer Welt, in der alle gesellschaftlichen Teilsysteme nach und nach medialisiert werden, ist es unerlässlich, Kinder und Jugendliche so früh wie möglich über die Gefahren aber auch das Potenzial der Medien aufzuklären. Als Forschungsdisziplin führt das Fach an den allermeisten Hochschulen und Universitäten vorläufig ein Schattendasein; als Hauptfach wird es derzeit in Europa lediglich in der Schweiz unterrichtet.

Medienpädagogik – kein Konstrukt der Neuzeit

Wer denkt, Medienpädagogik habe seine Berechtigung erst mit dem Aufkommen von YouTube, Smartphone und Co. erlangt, der irrt gewaltig. Tatsächlich begann die mediale Erziehung bereits in den Anfängen der Menschheitsgeschichte, als Höhlenmalereien zur Pflege von kulturellen Inhalten genutzt wurden. Die ersten Lehrmittel in gedruckter Form erschienen im Jahr 1658 und trugen den Titel „Orbis sensualium pictus“, was übersetzt so viel bedeutet wie „die sichtbare Welt.“ Mit der Zeit gestalteten sich auch die Lehrmittel neu. Schriftrollen wurden zu Büchern, Tafeln zu Overhead-Projektoren und schließlich zu Beamern, angeschlossen an Computer.

Von der Medienpädagogik im eigentlichen Sinn spricht man bereits seit den 1970er Jahren. Doch trotz großer Projekte, Forschungen und einer Diskussion vor dem Europarat 2007, bei der unter anderem auf die Grundrechte plädiert wurde, hören viele Menschen wahrscheinlich zum ersten Mal von diesem Begriff.

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Das grundlegende Problem, das sich bei der richtigen Erziehung der Kinder in Bezug auf den Umgang mit Medien herauskristallisiert, besteht darin, dass sowohl Schulen als auch Eltern oftmals hinterherhinken. Die Digital Natives haben die Generation vor ihr überholt, wissen meist viel mehr über Technik und Social-Media, als die Personen, die ihnen eigentlich etwas beibringen sollten. Wenn Schüler ihren Lehrern erklären, wie sie die PowerPoint-Präsentation auf dem Rechner starten, sodass sie hinterher auch über den Beamer projiziert wird, oder weshalb sich ein Instagram-Account mittlerweile mehr lohnt als einer bei Facebook, dann sollte man sich wirklich fragen, wer hier eigentlich wem etwas beibringt – und ob der Bildungsauftrag seinen Zweck erfüllt.

Erziehung ohne Medienerziehung ist heute nicht mehr denkbar

Wenn Kleinkinder halbtags vorm Tablet geparkt werden, 9-Jährige mit dem neuesten iPhone in der Tasche herumstolzieren und Kinder ihren „Tiktok“-Account (früher: „Musical.ly“) trotz massiver Beleidigungen im Netz nicht löschen wollen, weil sie „ja schon 200 Fans haben und das so lange gedauert hat“, dann ist das ein Indiz dafür, dass etwas grundlegend schief läuft. Natürlich ist es nicht die Aufgabe eines Deutsch-Lehrers, sich mit angesagten Influencern oder den neuesten Smartphones auszukennen. Dennoch hat die Schule als eine der wichtigsten Bildungsinstanzen von Kindern und Jugendlichen die Pflicht, über die Gefahren des Internets aufzuklären.

Zudem ist der Erwerb von Medienkompetenzen heutzutage zu einer zentralen Aufgabe geworden: Nur wer diese meistert, wird gesellschaftlich voll akzeptiert. Dem können und dürfen sich Schulen aber auch Eltern nicht länger verschließen. Der Generationskonflikt hat häufig zur Folge, dass es zwischen „Digital Immigrants“ und Digital Natives zu neuartigen Verständnisproblemen kommt: Den Eltern geht die Fähigkeit ab, sich in die Lage ihrer Kinder zu versetzen – was nun auch für die Regeln der medialen Communities gilt. Sie haben oftmals den Eindruck, Medien seinen ein großer Risikofaktor für Heranwachsende.

Auch hier kommt die Medienpädagogik zum Einsatz. Denn neben dem wichtigen Aspekt der Aufklärung wird auch der richtige Umgang mit Medien gelehrt, sodass Kinder und Jugendliche optimal auf die digitalisierte Welt vorbereitet werden. Durch das Erstellen eines sogenannten „Start-Stop“-Filmes lernen Kinder beispielsweise nicht nur die grundlegenden Techniken, sondern auch, dass nicht alles ist, wie es scheint. Gerade jungen Kindern fällt das Unterscheiden zwischen Fiktion und Wirklichkeit oftmals schwer. So kann in spielerischem Rahmen ein kritischer Blick auf Medien gelehrt werden.

Das Land muss handeln

Die zunehmende Medialisierung des Alltags stellt Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und Lehrer vor neue, sich ständig wechselnde Herausforderungen. Doch auch nach über 50 Jahren theoretischer und praktischer Arbeit hat es die Medienpädagogik bis heute nicht geschafft, als wichtiges Ausbildungsfeld anerkannt zu werden. Man könnte meinen, das hänge unter anderem mit der etwas schwerfälligen Bürokratie Deutschlands zusammen, frei nach dem Motto: „Das haben wir schon immer so gemacht, wieso sollte man nun etwas ändern.“ Doch auch im internationalen Vergleich wird schnell deutlich, dass die Medienpädagogik und die Anerkennung dessen Bedeutung noch immer in den Kinderschuhen steckt. Lediglich die skandinavischen Länder gelten als Vorreiter auf diesem Gebiet. Hier kommen bereits seit zwei Jahrzehnten digitale Medien im Unterricht zum Einsatz und man legt großen Wert auf eine frühe mediale Aufklärung. Die Folge: Bei Pisa-Studien schneiden Kinden und Jugendliche aus diesen Ländern in vielen Disziplinen deutlich besser ab als der Durchschnitt.

Während Unternehmen und Institutionen Milliarden in die Digitalisierung stecken und mittlerweile sogar staatliche Behörden wie die Polizei und der Bundestag auf Twitter vertreten sind, sitzen Kinder in Klassenräumen vor alten Overhead-Projektoren und erfahren oft erst, weshalb es falsch sein kann, persönliche Videos oder Daten im Internet zu veröffentlichen, wenn es längst zu spät ist.

Auch im Fall der zwölfjährigen Annika ist es unabdingbar, Themen wie Cybermobbing und den richtigen Umgang mit sensiblen Daten im Netz frühzeitig anzusprechen. Die Auffassung, man könne Kinder gänzlich vor dem Einfluss von Medien schützen, ist nicht zeitgemäß. Stattdessen muss man alles daran setzen, mit den Kindern und Jugendlichen zusammen Strategien für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien auszuarbeiten.

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Alle Kommentare

  1. Natürlich müssen Eltern überfordert sein mit der Erziehung ihrer Kinder.
    Es war ja noch nie soo schlimm wie heute.
    Die Jugend wächst zwar mit Smartphone und Computer auf- im Gegensatz zu den “Experten”, man braucht aber nichtsdestotrotz eine staatliche Führung.
    Wie sonst kann man bereits in frühen Jahren solch wichtige Themen wie die Wohltat der Zuwanderung, des Islam, des Genderismus oder gar der korrekten politischen Erziehung. In Deutschland hat man schließlich mit dem Dritten Reich und dem SED-Regime zwei erfolgreiche Systeme der staatlichen Früherziehung. Einen solchen Erfahrungsschatz sollte man sich auch in für die Medienpädagogik nicht ungenutzt lassen. Eine politische Früherziehung im Kika Kanal reicht nicht aus.

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