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Trump Idiot, Welt in Gefahr, Klima krepiert: vom Sound der Welterkenntnis in Susanne Daubners Teleprompter

Thomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau
Thomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem mächtigsten Politiker eines südamerikanischen Staates und einem Serienmörder aus der niedersächsischen Provinz? Oder einem von Twitter-Anfällen heimgesuchten US-Präsidenten und der "Tagesschau"? Durchaus, meint MEEDIA-Kolumnist Thomas Fischer und verortet diesen in der deutschen Medienlandschaft. Das Zusammenspiel von Meldungen ohne Erkenntnisgehalt und professionalisierter Empörung in Fischers kleine Presseschau, Folge 5.

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Tropen-Trump

Herr Jair Bolsonaro ist, wie wir erfuhren, zum Präsidenten des Staates Brasilien gewählt worden. Die deutsche Presse nennt ihn abwechselnd „rechtspopulistisch“, „rechtsradikal“  und „den man rechtsradikal nennen darf“. Von Beruf ist er, wie wir denselben Quellen entnehmen, „ehemaliger Militär“. Das ist, wie ich finde, ein ungewöhnlicher Beruf.  Ich war einmal vier Monate lang Panzerjäger in Homberg/Ohm: Bin ich deshalb ein „ehemaliger Militär“? Was ist „Militär“ eigentlich für ein Beruf? Aus den Berichten der verschiedensten Redaktionen kennt man „das“ Militär, und im Kommandobunker von „Bild“ soll dem Vernehmen nach gleich ein ganzes Generalstäblein samt Feldbett zur Verfügung stehen. Und natürlich kennt man als Friedensfreund auch „die Militärs“ – in der Regel undurchsichtige Gestalten, neben Kim Il Um, Wladimir Putin oder einem Präsidenten auf Lebenszeit stehend und meist mit überdimensionierten Mützen angetan. Jedenfalls ist der Singular von „die Militärs“ ungebräuchlich und wurde nun offenbar speziell für Herrn Bolsonaro aktiviert.  War eigentlich Herr Karl Carstens „ehemaliger Militär“? Wie sieht es mit „Der Militär“ bei Theodor Heuss aus, Autor von „Das Reich“ und Zustimmer zum „Ermächtigungsgesetz“ am 23. März 1933?

Der 63-Jährige Herr Militär Bolsonaro war, wie ich lese, vor 41 Jahren Leutnant, später Hauptmann der Reserve, ist allerdings seit mindestens 30 Jahren Berufspolitiker. Ob diese Erwerbsbiografie die Berufsbezeichnung „ein Militär“ verdient, scheint mir fraglich. Bei Strauß, Leber, Wörner hat man darüber nie nachgedacht; Scholz und von der Leyen haben den Militär im Blut. Andererseits weiß man auch nicht, ob man zu einem Hauptmann der Reserve „ehemaliger“ Militär sagen darf, da es sich ja bei “Militär“ offenbar um einen Lebens-Beruf, wenn nicht gar (bei Bolsonaro) um eine Berufung handelt.

Der jugendliche Held ist, wie wir ebenfalls wissen, „im Wahlkampf durch homophobe und frauenfeindliche Äußerungen aufgefallen“. Das ist selbstredend sehr schlimm, ebenso, dass der zweite Vorname des Protagonisten „Messias“ ist und er sich als Vollstrecker des göttlichen Militärwillens auf Erden ankündigt.

Der „Trump der Tropen“! Das ist der Sound der Welterkenntnis und der Empathie, wie er dem deutschen Kommentar-Wesen eingeboren ist. „Der Trump“ ist, wie wir wissen, den deutschen Medien seit zwei Jahren zur Marke geronnen. Die Twitter-Ausscheidungen des Genannten sind der deutschen „Medienlandschaft“ (schöner Begriff übrigens!) pro Tag 500 Meldungen wert, obgleich der Erkenntnisgehalt sich seit Anbeginn der Null-Linie nähert. Er lautet: Alles Scheiße, Trump Idiot, Welt in Gefahr, Amerika am Abgrund. Dow Jones steigt, Fracking steigt, Klima krepiert, Flüchtlinge ertrinken massenhaft im Mittelmeer zwischen Mexiko und Texas.

Letzte Meldungen: 1) Trump ist zu blöd, Regenschirm zu schließen; 2)Trump sagt: „Hungerflüchtlinge“ aus Mittelamerika seien eine „Invasion“, auf welche der Militär warte. Das Letztere  ist natürlich etwas, was der junge Herr Kurz aus Wien und der alte Herr Seehofer aus Ingolstadt nie zu denken wagen würden. Von der jungen Frau Weidel einmal ganz zu schweigen.

Auch die Chefredaktionen der deutschen Qualitätspresse sind beunruhigt über die „Rhetorik“ des Tropen- und des Real-Trump: Ganz schlecht. Amerikanischer Freund verrückt. Hillary betrogen. Sarah Palin auf Mars-Mission. Robert de Niro enttäuscht. Wichtig und neu: Gesellschaft in den USA gespalten! Ganz anders als früher, als  Bush sen. oder Bush jun. oder der Militär Dwight Eisenhower (Achtung, Wortspiel-Redakteure!) dafür sorgten, dass deutsche Chefredakteure sich einkuscheln mochten ins moderne Feeling mit Militär Elvis und Fake-Militär John Wayne.

„Tropen-Trump“ ist Abkömmling italienischer Einwanderer! Vielen Dank für diese Analyse! Sonst noch was? Man hörte von „steigender Gewaltkriminalität“, einem Korruptionsskandal und einem Prozess gegen den früheren Präsidenten Lula da Silva, der zur Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt worden sein soll. Warum eigentlich? Zu Recht? Schon dies dürfte nur eine Minderheit der deutschen Bevölkerung vernommen haben, die seit Jahren mit ebenso unverständlichen wie uninteressanten Personalia zu Lula und seiner Nachfolgerin Rousseff traktiert wurde. Worum es in diesem Korruptionsverfahren (und den inzwischen neuen Anklagen) inhaltlich geht, weiß Susanne Daubners Teleprompter leider auch nicht. Was sagt der Baumarkt vor Acht dazu?

Eine kleine Testfrage, liebe TropenTrump-ExperteInnen: Wie viele Bundesstaaten hat Brasilien, und wie heißen sie? Bitte nicht googeln – nur mal flüssig hinschreiben, was Ihnen einfällt!

Was der Militär Bolsonaro eigentlich mit Brasilien zu tun hat, bleibt dem Konsumenten deutscher Medien weithin verborgen. Brasilien, das darf an dieser Stelle erwähnt werden, ist 25mal so groß wie Deutschland. Es hat 200 Millionen Einwohner, von denen derzeit etwa 660.000 unter durchweg sehr schlimmen Bedingungen inhaftiert sind (im Verhältnis viermal so viel wie in Deutschland). 95 Prozent des gesamten Vermögens des Landes gehören einer sehr kleinen Schicht von Superreichen, denen die große Masse der armen Einwohner – zurückhaltend ausgedrückt – menschlich, moralisch, philosophisch und rechtsstaatlich absolut egal ist und die das Land, den Regenwald, die Bodenschätze und alle Reichtümer mit Hilfe von Herrn und Frau Militär unter sich aufteilen. Und die diamantene Lampen und unermessliche Schätze in eine Höhle schaffen wie einst die 40 Räuber des Herrn Ali Baba. Diese Höhle liegt jenseits von Mexiko, in den grünen Hügeln von Texas, gern auch im Grenzbereich zwischen der zuverlässig räuberfreien Schweiz und dem garantiert mauerfreien Deutschland. Das Zauberwort, das Felsentor zu ihr zu öffnen, kennt niemand außer dem Geist der Hoffnung und dem Militär der Bank Ihres Vertrauens.

Unfassbar!

„Es ist eine unfassbare Mordserie.“ Dieser Titel wird in der Presse der Anklage gegen Niels Högel, Krankenpfleger, verliehen. Stets wird darauf hingewiesen, dass es sich um den „ehemaligen“ Krankenpfleger Niels H. handele. Das ist insoweit nicht wirklich überraschend, als der genannte Angeklagte rechtskräftig zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde und sich seit Jahren im Strafvollzug befindet. Man könnte das „ehemalig“ daher durchaus auch weglassen. Denn: Einmal Krankenpfleger, immer Krankenpfleger. Das ist wie mit „Militär“. Nur weil man mal seinen Traumberuf ein paar Jahrzehnte lang nicht ausübt, hat man ihn ja noch nicht verloren. Anders gesagt: Ich glaube, dass der Angeklagte Högel auch heute noch ein wirklicher und nicht ein ehemaliger Krankenpfleger ist. Er übt seinen Beruf allerdings derzeit und auf absehbare Zeit nicht aus.

Journalisten, die ihren Beruf ebenso wenig erlernen müssen wie Immobilienmakler, sind da terminologisch sensibler. Denn für sie spielt sich das Leben gern ab zwischen „Kneipenwirt in Prenzlauer Berg“, „Blogger“ und „Chefredakteurin unseres neuen Online-Magazins“, also zwischen „ehemalig“, „aktuell“ und „designiert“. Deswegen ist der „designierte Chef“ eines Magazins unvorstellbar wichtig, während die bis letzten Monat „ehemalige Chefin“ des Konkurrenzblatts niemanden interessiert, falls nicht ein drittes Magazin behauptet, sie wolle demnächst als ehemalige Militär kandidieren.

Der Krankenpfleger Högel also ist beim Landgericht Oldenburg – Schwurgericht – angeklagt, einhundert Menschen bedingt vorsätzlich getötet zu haben (§ 212 StGB), wobei er jeweils tatbestandliche Merkmale eines „Mordes“ (§ 211 StGB) verwirklicht habe. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts besteht, wie alle anderen auch, aus drei Berufsrichtern und zwei Laienrichter (Schöffen). Der Vorsitzende der Kammer heißt Sebastian Bührmann. Die übrigen Richter und Richterinnen haben auch Namen und überdies dieselbe Verantwortung für das Verfahren; beides ist aber geheim. Richter Bührmann steht, wenn es nach der Presse geht, dem Unfassbaren drei Wochen lang alleine gegenüber. Die Sache nimmt in einer kommunalen Halle ihren Lauf; Fotos der location finden Sie bitte im Netz.

Die „unfassbare Mordserie“  von 100 Taten ist kommunikatives Allgemeingut. Schon deshalb kann das „Unfassbare“ schon wieder nicht ausreichen: Warum sollte man „vielleicht 100 Opfer“ sagen, wenn sich aus einer kleinen Perversion der  „Unschuldsvermutung“ ergibt, dass es doch auch „vielleicht 200 Tote“ oder „vielleicht 300“ sein könnten („die allerdings nicht bewiesen werden konnten“)?

Anders gesagt: Warum soll es ausgeschlossen sein, dass die unfassbare Mordserie des Niels Högel 300 statt 106 Opfer umfasst? Man weiß es nicht, sagt  exklusiv ein Experte für Intensivstationen. Und ein paar Politiker haben auch schon zu Protokoll gegeben, man müsse unbedingt besser aufpassen in den Krankenhäusern, damit nicht das Unfassbare weitergehe. Heribert Prantl hat am 31. Oktober in der SZ  behauptet, dass auf Intensivstationen  „nicht selten mönströse Zustände“ herrschen. Das ist ein Wort! Gern wüssten wir mehr darüber: Sind noch mehr „unfassbare“ Serienkiller unterwegs? Darf man einige schon kennenlernen? Was ist los in den Pflegeheimen Bayerns?

Der Weg zum Superlativ ist breit und frei: Ist es „die blutigste“, „die größte“, „die schlimmste“ Mordserie? Welche noch „größeren“ kennen Sie? Die Welt stellte Herrn Högel  in Aussicht, zum „größten (!) Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte“ ernannt zu werden. Hieran nehmen wir nicht nur das einfallsreiche Adjektiv zur Kenntnis, sondern auch die feinsinnige Beschränkung auf die „Nachkriegs“-Zeit.

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Moral und Sprechen

Wenn ein Pressemedium ein mutmaßlich verbrecherisches menschliches Verhalten als „unfassbar“ bezeichnet: Darf es dann anschließend eine (fiktive) Statistik des „Unfassbaren“ veröffentlichen? Ich meine, liebe Redaktionen, mit der Frage nach dem „Dürfen“ nicht die Auskünfte ihres Presserechtsanwalts, sondern Ihr Gefühl für Anstand. Wenn sechs Tötungsdelikte „unfassbar“ sind: Darf man dann Steigerungsformen von „unfassbar“ veröffentlichen, und selbst dies noch zu überbieten versuchen, indem man wahllos Unfassbarkeiten hinzufantasiert? Was ist an 100 Morden „unfassbar“, was es an 67 Morden nicht wäre? Oder an 26, oder an sechs?

Ich weiß, dass dies anstrengende Fragen sind. Sie liegen auf dem Niveau von: „Wieviel besser ist jemand, der in einer Minute 33 Hamburger herunterschlucken kann, als jemand, der nur 29 schafft, aber mit Röstzwiebeln“? So lange Sie aber dieses Maß an Menschenverachtung hinnehmen und mit Preisen belohnen, müssen Sie damit leben, dass ich es verachte.

Gedenken

Nun zum Ort des unfassbar Wirklichen! Also in eine Mehrzweckhalle in Oldenburg: Richter Sebastian Bührmann, so mussten wir staunend lesen, „bat alle Anwesenden, zu einer Schweigeminute aufzustehen“. Der Angeklagte Högel erhob sich – gemeinsam mit 200 Nebenklägern, 17 Nebenklagevertretern,  Staatsanwaltschaft, Presse und dem Volk – zu der vom Kammervorsitzenden angeordneten „Gedenkminute“ für die Opfer derjenigen Taten, deren Begehung er  angeklagt ist. Ich las am 31. Oktober, er habe beim Gedenken die Arme vor dem Bauch gekreuzt. Ob irgendjemand in der Halle sitzenblieb, ist nicht überliefert. Es wäre interessant zu erfahren, wie sich die Vertreter der Presse verhielten, die über das „ungewöhnliche“ (!) Ansinnen des Kammervorsitzenden berichteten.

Der Aufruf, eine „Gedenkminute“ für die Opfer der angeklagten Taten zu vollziehen, fand statt, bevor (!) der Angeklagte befragt wurde, ob er zur Anklage etwas sagen wolle. Richter Bührmann, so lasen wir, sicherte dem Angeklagten alsdann zu, er werde einen „fairen Prozess“ erfahren:

„‘Alle Ihre Angehörigen haben es verdient, dass man ihnen in Ehren gedenkt‘, sagte Bührmann. Dies sei unabhängig davon, ob Högel etwas mit deren Tod zu tun habe oder nicht. ‚Wir werden uns bemühen und mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen‘, versprach Bührmann. An Högel gerichtet sagte er: ‚Ich werde mit Ihnen fair verhandeln, ich werde mit Ihnen offen verhandeln, in guten Sachen wie in schlechten Dingen‘“ (Die Welt).

Über diese Rede aus dem Reich des Absurden war der Angeklagte gewiss froh: Dass ein Strafkammervorsitzender zunächst eine Gedenkveranstaltung abhält und sodann dem Beschuldigten verspricht, er werde ab jetzt ganz unvoreingenommen nach der Wahrheit suchen, dürfte außerhalb amerikanischer Spielfilme in Deutschland ein Novum sein. Die Presse bezeichnet es durchweg als „ungewöhnlich“. Dieses Attribut ist nicht nur inhaltlich verfehlt. Es offenbart in seiner absichtsvollen Defensivität  eine bemerkenswerte Feigheit an einem Punkt, an dem es darauf ankäme.

Gerne wüsste man, was in der Verfahrensakte steht: War das Geständnis Högels eine Überraschung, oder war es  schon vor Monaten bei der polizeilichen Vernehmung erfolgt? Danach unter anderem beurteilt sich ja, welche Suche „mit allen Kräften nach der Wahrheit“ die Strafkammer nun zu entfalten gedenkt.

Heribert Prantl meinte zum Gedenk-Event am 31.Oktober: „Eine Gedenkminute reicht nicht aus“. Das ist gut gemeint, aber komplett verfehlt: Eine „Gedenkminute“ des Gerichts für die Opfer derjenigen Verbrechen, um deren Beweis es in der Folge dann einmal gehen solle, ist nicht weniger als eine Karikatur des Rechtsstaats. Es ist eine absurde Demonstration der Ersetzung rechtsstaatlich-strafrechtlichen durch vorverurteilendes Sühnedenken.

Wahrlich nichts spricht dagegen, der Opfer von Verbrechen zu gedenken. Aber wahrlich alles spricht dagegen, dass Gerichte, deren Aufgabe die Prüfung einer Anklage des Staats gegen einen Bürger ist, einmal vorab in der örtlichen Stadthalle eine Gedenk-Minute für diejenigen anzuordnen, deren Opfer-Eigenschaft zu prüfen erst Aufgabe des Prozesses ist. Eine absurdere Anbiederung ans vorauseilende Rachebedürfnis ist schwer vorstellbar.

Darf man einmal fragen: Ab wieviel Taten, Opfer, Schaden, Leiden darf ein Gericht eine „Gedenkminute“ zum Prozessauftakt einlegen? Was sagt zu dem unerhörten Vorgang der Deutsche Richterbund, dessen Vorsitzender publizistisch „Das Ende der Gerechtigkeit“ und den Niedergang der Rechtskultur beklagte? Was passiert, wenn ab sofort Strafverteidiger zum Auftakt des Prozesses „Gedenkminuten für unschuldig Verurteilte“ beantragen? Steht dann die Strafkammer auf und faltet die Hände über dem Bauch?

Schluss

Was haben Bolsonaro mit Högel, Brasilien mit Oldenburg, Trump mit der „Tagesschau“ zu tun? Nichts, sagen die Genannten. Alles und nichts, meine ich. Wer berufsmäßig Dieselmotoren produziert, ist verantwortlich für das Ergebnis, und wer berufsmäßig Empörung produziert, ist es ebenfalls. Es ist mir bekannt, dass alles schwierig ist; das gilt aber für alle und ändert nichts. Wer den Niedergang von Rechtskultur bejammert und gerichtliche „Gedenkminuten“ für erst noch zu beweisende Opfer in Strafverfahren goutiert, steht dem Geschäft der Herren Militär ratlos gegenüber.

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Was für ein dämlicher Artikelvorspann. Bolsonaro ist genauso “Machthaber” in Brasilien wie Angela Merkel “Machthaberin” in Deutschland ist. Beide haben eine demokratische Wahl gewonnen – ist das so schwer anzuerkennen, wenn der Kandidat nicht ausnahmsweise links ist?

    1. “ausnahmsweise” nicht links? Sie sind ein Komiker! Linke als Führungspersonen moderner Demokratien sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Und Merkel ist übrigens auch alles andere als links.
      Nur rechte Verschwörungstheoretiker erträumen sich “links-grün-versiffte” Zustände herbei…

      1. Ich halte Merkel für eine Links-Grüne. Ihre linke Politik hat mit den eigentlichen Positionen der CDU seit langem nichts mehr zu tun. Die CDU ist letztlich inhaltlich entkernt.

        Spannend ist es, die Wahlprogramme der ersten Merkel-Jahre mit den heutigen zu vergleichen. Im Grunde belegt die AfD die Positionen, die die CDU unter Merkel nach links verlassen hat.
        Jetzt hat die CDU ein Glaubwürdigkeitsproblem, zwar nicht so schlimm wie die im Suizid befindliche SPD, dennoch ist der Schaden für die CDU extrem hoch.

  2. Unfaßbar, was da in Oldenburg abgeht… aber die Presse schreibt darüber, hat also doch irgendeinen Fetzen Wirklichkeit zu fassen gekriegt. Aber worüber soll das Gericht urteilen, wenn ihm zugerufen wird, die dem Angeklagten vorgeworfenen Taten seien unfaßbar? Über etwas, was nicht zu fassen ist, kann man kein Urteil fällen.

    Der Ausruf “Unfaßbar!” proklamiert ja, daß da etwas ist, was dem rational denkenden Verstand nicht zugänglich ist, sondern nur dem Gefühl, wie vielleicht “die Allmacht Gottes” für den Gläubigen wohl “unfaßbar” ist, aber in seiner Vorstellung gefühlt sehr real.

    “Journalisten” oder Inhaber von öffentlichen Ämtern sollten aber nicht primär Gefühle produzieren, sondern zum rationalen Nachdenken auffordern. Nicht ein Klima der wachsenden Empörung führt zu einem friedlichen Miteinander, sondern Verstehen der Ursachen und deren Beseitigung.

    Danke für diesen Artikel, Herr Fischer!

    1. “Aber worüber soll das Gericht urteilen, wenn ihm zugerufen wird, die dem Angeklagten vorgeworfenen Taten seien unfaßbar?”

      Es soll jedenfalls nicht auf Basis von Zurufen entscheiden.

      Ich finde es im Übrigen auch nicht verwerflich, solche Taten als “unfassbar” zu bezeichnen, Sie sagen es ja selbst.
      Sowohl das Gericht als auch die Presse haben die Aufgabe, von dieser jedem Menschen immanenten emotionalen Basis, die schwer zu leugnen ist, etwas rational zu fassen, das ein Urteil begründet (Gericht) bzw. Mißstände offenlegt, die nicht alleine im Inneren des mutmaßlichen Täters liegen (Presse).
      Dies findet m.E. auch statt.
      Als Beispiel:
      https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Prozessbeginn-Hoegel-gesteht-100-Patienten-Morde,hoegel282.html

      1. Man darf wirklich ALLES als “unfassbar” bezeichnen, was man möchte. Ob man es auch sollte, ist eine andere Frage. Und eine weitere Frage ist es, WER das tun sollte.
        Nach meiner Kenntnis verhandelt das LG Oldenburg über eine Anklage. Diese wirft dem Angeklagten 100 Tötungsverbrechen vor. Ob diese Verbrechen “unfassbar” sind, wissen wir, wenn sie festgestellt sind. Ob sie eine “unfassbare Mordserie” darstellen, wissen wir, wenn festgestellt ist, dass eine Person sie bagengen hat, und dass es in diesem Strafverfahren darauf ankommt, wissen wir, wenn festgestellt wird, dass es der Angklagte war.
        Sie wissen ja, was ich meine. Und man sollte den Inhalt nicht hinter Formalia verschwiemels. Wer “unfassbar” schreit, WEIL weil es so viele mögliche Opfer sind, hat ja vielleicht vor dem einzelnen Opfer sehr wenig Respekt und Achtung. Warum nicht “Gedenkminiuten” angesichts des “Unfassbaren” abhalten in allen anderen Tötungs-Verfahren auch? Es sind ja die möglichen 100 Opfer vopn Oldenburg nicht allesamt auf einmal ums Leben gekommen, sondern ein jedes ganz für sich allein. Welches Recht gibt es, und welchen Anlass, und welche Moral, die das “unfassbar” nennt? Ist Unfassbarkeit eine Funktion von Rekorden?
        Und wenn ja: Muss, sollte, darf man diesen Rekord feiern, wie es die Presse derzeit tut, als quantitaitive Verbindung von Schuld, Leid, Beweis und Killer-Bestenliste?
        Mir scheint, dass dies eine über alle Maßen makabre Verbindung ist. Und bedrückend scheint mir, dass das erkennende Gericht – dem Vernehmen nach – dies zumindest mitmacht und durch öffentliche Demonstrationen noch zu übertrumpfen versucht.

      2. Lieber Herr Fischer,
        Sie haben sichtlich meinen Kommentar unten noch nicht gelesen.
        Darum nur hierzu:
        “Wer “unfassbar” schreit, WEIL weil es so viele mögliche Opfer sind, hat ja vielleicht vor dem einzelnen Opfer sehr wenig Respekt und Achtung.”

        Das sehe ich anders.
        Es ist nicht (alleine) die ZAHL der Opfer, sondern (insbesondere) die Tatsache (?), daß diese Zahl ausschließlich dadurch ermöglicht wurde, daß der Täter in genau DIESEM Bereich agieren konnte. Einem Bereich, den man als einen sehr geschützten Bereich erwarten sollte, in dem genau das NICHT passieren KANN, dachte man.
        Jeden “Stadtparkmörder” hätte man doch viel früher gefaßt! Ausgerechnet einen “Krankenhausmörder” aber nicht?!
        Was hier offenbar wird, ist der fehlende Respekt gegenüber Kranken, der verhinderte, daß diese Taten überhaupt in dieser Zahl stattfinden konnten.
        DAS ist unfassbar!

      3. Wie Th. Fischer schon schrieb, kann und darf jeder zu allem und jedem sein “Unfaßbar!” ausrufen. Richtiger wäre dann allerdings ein “ich kann’s nicht fassen!”. Das heißt, “ich kann es nicht begreifen”, ” kann es nicht verstehen”. Kein Mensch muß müssen, niemand ist gezwungen, alles und alle Weltzusammenhänge zu verstehen. Obwohl ich es als angeraten ansehe, sich darum zu bemühen, das zu versehen, was um einem herum und einem selber passiert. Neue Erkenntnisse zu erlangen, ist ein Genuß. Aber das nur beseite.

        Wenn nun aber Presseorgane erklären, “es ist unfaßbar”, dann proklamieren sie damit, daß niemand in der Lage ist, die Sache zu fassen, kein Mensch begreifen kann, das es unmöglich sei, das Geschehene zu verstehen.

        Und damit wird’s übel.

        Es ist ja nicht der einzelne Schreiber, der erklärt “ich, der Journalist Hans Mustermann verstehe nicht, worüber ich schreibe, und ich will mir auch keine Mühe machen, es zu fassen und zu begreifen”, sondern es ist die Redaktion, die Leitung der Redaktion und der Herausgeber und Verleger, die damit ihrer Leser- und Zuschauerschar vorschreiben, ja keinen Gedanken daran zu verschwenden, das Geschehene zu verstehen zu wollen, “es ist unfaßbar! Niemand kann’s verstehen!”

        Und damit haben aber Redaktion und Verlag die Gelegenheit, irgendwelche, mit dem vorliegenden Fall überhaupt nicht zu tun habende “Erklärungen” nachzuschieben, und “Lösungen” zu suggerieren, die letzenendes alle darauf hinauslaufen, die Menschenrechte (auf Leben und körperliche Unversehrtheit) und die fundamentalen politischen Rechte der Rede- und Pressefreiheit, der Versammlungs- und der Vereinigungsfreiheit einzuschränken oder gleich ganz abzuschaffen.

        Und da sage ich: NEIN.

  3. Zwar sehr gut, aber zu lang. Der Text würde vermutlich vielmehr gelesen werden, wäre er gerafft.

    1. Joseph II kritisiert Mozart: “Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart”

      Mozart: “Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.”

      Man sollte nun nicht jedes Stück von Herrn Fischer mit Mozart vergleichen, aber zu behaupten, dass sie zu viele Buchstaben hätten, sagt doch mehr über einen selbst aus.

      1. Bei Susanne Daubner hab ich immer Sorge sie verschluckt sich plötzlich oder schläft gar beim Vorlesen wirklich ein – und fällt dann aus dem Rahmen. Obwohl, sie steht im Grunde wie auf Wache, das muss man ihr schon zugute halten, nur es hat eben den Anschein sie schläft mit offenen Augen und es bewegen sich die Lippen rein mechanisch. Aber vielleicht kommt das nur mir so vor, also rein subjekiv betrachtet.

    2. Interessante und – ehrlich gesagt – nicht wirklich neue Kritik!
      Frage zur Information des Autors: Wie machen Sie selbst es beim Lesen: Schauen Sie erst nach, wieviel Zeichen ein Text hat, und entscheiden dann je nach Ergebnis, ob Sie ihn lesen? Tun das die anderen Leser nach Ihrer Kenntnis? Wenn ja: Woher wissen Sie das?

      Will sagen: Wenn der Text nach Ihrer Ansicht “sehr gut” ist, freut es mich. Wenn er ABER “zu lang” ist, kann er doch eigentlich nicht gut sein, oder? Oder was meinen Sie`?

      Ich kenne viele Texte, die zu kurz sind, andere sind Schlecht und zu lang. Das “lang” und das “kurz” sind zwei ziemlich relative Größen, und Sie gewinnen (auch) bei Ihnen nur Gestalt und Substanz durch das Wörtchen “zu”. “ZU…” für was? Welche Rolle nehmen Sie selbst ein? Sind Sie Rezensent? Germanist? Kritischer Kritiker? Dann wäre “zu lang” einfach zu kurz.

      1. Lieber Herr Fischer,

        ich rege mich immer auf, wenn ich etwas lese, das mir gefällt (auch ab und zu missfällt), und es dann zu Ende gelesen ist, das mir kurzweilig erscheint. Darum fange ich dann wieder von vorne an, immer wieder. Bis es reicht und ich genug habe. Das wiederum hängt damit zusammen, dass ich beim Lesen über den Inhalt nachdenke, versuche klarzubekommen wie das denn alles gemeint ist und dann unweigerlich sogar sehr viele Fragen auftauchen, ich beim wiederholten Lesen Antworten finde – oder eben auch nicht. Dann ärgere ich mich nämlich wiederum darüber, dass nicht alles vom Autor vorgedacht und vorgekaut wurde, ich sogar jetzt noch selbst denken sollte, anstatt einfach nur zu konsumieren und mich unterhalten zu lassen.

        Ich kenne mein Problem, es ist angeboren, grundlegend und nahezu pathologisch: Ich hab immer meine Meinung, kann meinen Schnabel nicht halten.

  4. Entsetzlich! Wo soll da noch Hinführen? Die immer größer werdende Gerechtigkeitslücke innerhalb der Justiz entfaltet bei mir inzwischen ein gewisses Abschreckungspotenzial hinsichtlich unfassbarer Vorhaben. Wurde kommuniziert, ob aus den Reihen der Verteidigung wenigstens über die mutmaßliche Befangenheit des Richters B. nachgedacht wurde?

  5. Entsetzlich! Wo soll das noch hinführen? Die immer größer werdende Gerechtigkeitslücke innerhalb der Justiz entfaltet bei mir inzwischen ein gewisses Abschreckungspotenzial hinsichtlich unfassbarer Vorhaben. Wurde kommuniziert, ob aus den Reihen der Verteidigung wenigstens über die mutmaßliche Befangenheit des Richters B. nachgedacht wurde?

  6. Es bleibt noch die kürzlich durch die Presse gegangende Meldung zu erwähnen, wonach der Angeklagte eine Tötungsabsicht abgestritten hatte, sondern nur vor Kollegen und Vorgesetzten mit seinen hervorragenden Fähigkeiten zur Wiederbelebung habe brillieren wollen, wofür er eben die Objekte seiner Übungen in Todesgefahr gebracht, aber nicht habe töten wollen.

      1. (zu früh abgeschickt)
        https://www.sueddeutsche.de/politik/klinikmorde-ausgeliefert-1.4191919

        “Der Klinikmörder hatte Helfer und Helfershelfer, die ihm das Morden leicht gemacht haben. Eine Gesellschaft, die sich mit untragbaren Zuständen in Klinken und Heimen abfindet, gehört dazu.”

        Untragbare Zustände in Kliniken und Heimen? Welche denn? Und welche Gesellschaft findet sich damit ab?

        Wie passt dann das damit zusammen, dass er brillieren und nicht töten wollte?
        Helfer? Helfershelfer? Hallo?

      2. @Gangsterwally:

        Aussprechen, was ist, damit fängt man an, den Nebel des “Unfaßbaren” beiseitezuschieben und zu einem rationalen Verständnis des Geschehenen und des Handelnden zu kommen.

        Hier ist ein Zitat aus einem längeren Text vom 30.10. des NDR zum Prozeßauftakt:

        Die Arbeit habe ihn abstumpfen lassen, sagte Högel. Es sei nur darum gegangen, die Werte der an Schläuche und Maschinen angeschlossenen Patienten auf der Intensivstation stabil zu halten. Sie zu pflegen oder zu waschen sei in den Hintergrund getreten. “Man entpersonifiziert sie”, sagte Högel. Die Patienten habe er manipuliert, um seine Fähigkeiten zu beweisen. Seiner Aussage zufolge wollte er zum “harten Kern” der Intensivstation gehören. Wenn er Patienten erfolgreich reanimierte, habe er sich gut gefühlt und Anerkennung erfahren.

        Geltungssucht erscheint hier als das primäre Motiv Högels, nicht Mordlust, nicht Töten von Schwerkranken aus einem falsch verstandenen Mitleid oder Euthanasie, wobei er den Tod seiner Vorführpatienten offensichtlich “billigend in Kauf genommen” hat, was er spätestens nach dem ersten Todesfall wußte.

        Das Gericht sollte sich nicht von Gefühlen überwältigen lassen und keine Gefühlsbezeugungen zelebrieren, sondern den Weg der nüchternen Erkenntnis beschreiten.

        Wobei dieser dritte Prozeß für das weitere Leben des Niels Högel keine oder nur geringe Folgen haben wird, denn er ist bereits rechtskräftig zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

        Ich sehe die Gefahr, daß dies zu einem reinem Schauprozeß wird.

      3. @Lüko Willms

        Danke. Das haben Sie schön dargelegt.

        Wenn man sich die Erläuterung und Selbstexploration von Högl anschaut, dann wird es deutlich, dass es wohl durchaus darum ging, sich als Pfleger wertvoll und anerkannt fühlen zu können, wenn er erfolgreich reanimieren konnte. In vielen oder den meisten Berufen geht es um Anerkennung des Könnens, Wissens. Wenn man etwas leistet, Erfolg hat, andere dies wertschätzen, dann bekommt man normalerweise positive Rückmeldung, was wiederum ein gutes Selbstwertgefühl erzeugt. Das ist nachvollziehbar.

      4. @ Lüko Willms

        “Ich sehe die Gefahr, daß dies zu einem reinem Schauprozeß wird.”

        Wie meinen Sie das?
        Sollte es diesen Prozess Ihrer Meinung nach gar nicht geben?
        Könnte es sein, daß Sie hier bereits vorverurteilen?
        Eine mögliche anschließende Sicherheitsverwahrung wäre im Falle einer Verurteilung durchaus eine nicht geringe Folge, meine ich.

      5. Was möchte man mit einem Schauprozess in diesem konkreten Fall bewirken?

        Was ist ein Schauprozess überhaupt und warum und wozu werden solche geführt?

      6. @Fotobiene sagte am 03.11.2018 um 14:03 Uhr
        @Gangsterwally sagte am 04.11.2018 um 08:10 Uhr

        Wie ich das meine, daß dieser Prozeß zu einem reinem Schauprozeß werden könnte?

        Nu, der Angeklagte ist bereits zu Lebenslänglich verurteilt. Länger als Lebenslänglich geht nicht. An seinem Strafmaß kann der jetzige Prozeß nichts ändern. Eigentlich hätte man nur den vorigen Prozeß neu eröffnen und die weiteren 100 Fälle hinzufügen müssen, was aber wohl nach Strafprozeßrecht nicht geht. Aber die Nebenkläger wollen mit diesem Prozeß auch die Grundlage dafür zu schaffen, noch andere Leute strafrechtlich zu belangen und vor allem zivilrechtliche Ansprüche geltend zu machen – sich am Tod ihrer Angehörigen bereichern.

        Die Gedenkminute zu Anfang zeigte schon die Gefühlsproduktion, die m.E. in einem Strafprozeß nichts zu suchen hat. Also ob der Richter mehr die 120 Nebenkläger zufriedenstellen wollte, als Recht zu sprechen.

        Manchen der Nebenkläger geht es anscheinend auch mehr um Genugtuung, ja Rache, nicht um ein gerechtes Urteil. Die Nebenkläger werde von der reaktionären Organisation “Weißer Ring” betreut, wie der NDR schreibt.

        Siehe aus dem NDR-Bericht vom 30.10.18 zum Prozeßauftakt:

        Die Angehörigen hoffen laut ihrem Sprecher Christian Marbach auf Antworten – auch vom Angeklagten selbst. “Wir haben vier Jahre für diesen Prozess gekämpft und erwarten, dass Högel wegen weiterer 100 Morde verurteilt wird.” Ziel sei, dass Högel so lange wie möglich in Haft bleibt, so Marbach, dessen Großvater von Högel getötet worden war. Als übergeordnetes Ziel des Prozesses geht es Marbach zufolge auch darum, zivilrechtliche Ansprüche künftig durchsetzbarer zu machen.

      7. Nachtrag:

        Eigentlich leidet der Högel unter einem Minderwertigkeitskomplex, dem er durch großartige Wiederbelebungen entgegenwirken wollte, allerdings mit willkürlich herbeigeführten Anlässen dazu, die leider oft genug schiefgegangen sind, d.h. tödliche Wirkungen hatten.

        Wie die vielen Feuerwehrmänner, die Feuer legen, um sich an der Spritze zu beweisen.

        Solche Leute brauchen psychotherapeutische Hilfe, nicht Strafe.

        Obwohl — der Högel ist jetzt 41 Jahre alt. Bei “lebenslänglich” kommt der vermutlich erst nach mindestens 20 Jahren wieder frei.

        Als dann 61-jähriger ist er dann wohnungslos und arbeitslos und noch zu jung, um in Rente gehen zu können. Der muß dann mindestens noch sechs Jahre alle halbe Jahre Hartz4 beantragen.

        Die sog. “Sicherungsverwahrung” ist eines der Überbleibsel aus der Nazizeit, wie das Verbot des Schächtens und und der Mordparagraph in Freisler-Sprache. Auf der Grundlage wurden sog. “Berufsverbrecher” in Konzentrationslager verschleppt und grausamst gequält bis totgeschlagen (siehe das Buch “Die Moorsoldaten” von Wolfgang Langhoff, der nach Machtübergabe an die Nazis 13 Monate in KZs verbracht hatte, und danach in die Schweiz fliehen konnte. Das Buch gibts noch im Buchhandel).

        Sowas gehört nicht ins Strafrecht. Falls jemand wirklich so psychisch krank ist, daß er/sie besser in einer geschlossenen Anstalt untergebracht werden sollte, dann ist das kein Fall für die Strafjustiz sondern für Vormundschaftsgerichte. Und das kann auch nicht davon abhängig gemacht werden, ob jemand schon rechtskräftig wegen einer Straftat

  7. Ein “Militär” ist laut Duden ein “hoher Offizier”, und der Begriff ist durchaus gebräuchlich, wie man im Internet leicht überprüfen kann.
    Bolsonaros einzige berufliche Ausbildung ist “Berufsoffizier” in den Jahren der Militärdiktatur, der er bis heute nachtrauert und die er noch radikaler wiedereinführen möchte.
    (“Bolsonaro ist Oberst der Reserve und verteidigt die Militärdiktatur von 1964 bis 1985 als „glorreiche Epoche“. Die Diktatur habe lediglich einen Fehler begangen: „Sie folterte und tötete nicht.“”
    http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/umstrittener-praesidentschaftskandidat-jair-bolsonaro-brasiliens-revolverheld/23132446.html)
    Insofern meine ich schon, daß man ihn so bezeichnen sollte, um diesen Aspekt zusammenzufassen.
    Die Kenntnis der Bundesstaaten Brasiliens halte ich weder für eine Voraussetzung noch für eine wichtige Information zum Verständnis dessen, was da gerade in Brasilien vorgeht, schon gar nicht in einem dreiminütigen Beitrag der Tagesschau. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Medien, die sich recht intensiv mit dem Thema befassen.
    Wenn sich große Demokratien der Welt von demokratischen Werten verabschieden, ist das durchaus beachtlich und bedenklich, wie nicht nur unsere eigene Geschichte zeigt. In einer globalisierten Welt geht es um so mehr uns alle an.

    Ich finde die (mutmaßlichen) Taten des Niels Högel ebenfalls unfassbar, er ist ein ehemaliger Krankenpfleger, weil er ein lebenslanges Berufsverbot hat.
    Natürlich kann man lange über dieses Wort, das keine Steigerungsform hat, philosophieren, mir fällt es jedoch auch in diesem Punkt schwer, den Sinngehalt solcher Überlegungen zu erfassen (!).
    Eine Empörung über Empörung ist aus meiner Sicht gleichermaßen leer.

    Den Abschnitt über die “Gedenkminute” halte ich für sehr wichtig. Offenbar hat nicht einmal die Verteidigung etwas dagegen einzuwenden gehabt. Und daß ausgerechnet Prantl als (ehemaliger? – kleiner Scherz am Rande…) Jurist so kommentiert, ist in der Tat unfassbar (upps).

    1. Ich verstehe das leider mit der Gedenkminute bei Gericht gar nicht.

      Warum macht man das und wozu ist das gut?

    2. “Den Abschnitt über die “Gedenkminute” halte ich für sehr wichtig. Offenbar hat nicht einmal die Verteidigung etwas dagegen einzuwenden gehabt.”
      Vermutlich (man weiß es nicht) hat es einfach spontan gemenschelt, ob des Ausmaßes der noch zu beweisenden Anzahl der Opfer?
      Es bedurfte einer Mehrzweckhalle für die Anzahl der Nebenkläger, man stelle sich vor, man tritt als Richter in den Saal und sieht diese Masse an Betroffenen, da kann man sich schon mal zu nicht juristisch durchdachten Aktionen hinreißen lassen, darf nicht sein, aber manchmal überkommt es wahrscheinlich selbst Richter in ganz besonderen Situationen. Ich fände ein Fehlurteil schlimmer als eine Gedenkminute.

      1. Ich denke nicht, daß es den Richter so plötzlich “überkam”.
        Er wußte ja, was ihn erwartet.
        Und wenn es so gewesen wäre, dann müßte man um so mehr über seine Eignung als Richter nachdenken, wenn er sich nicht mindestens (!) anschließend dafür entschuldigt.

        Offenbar – und das ist in der Tat sehr schlimm für unsren Rechtsstaat – reagierte der vorsitzende Richter (vermutlich mit Zustimmung der “restlichen” Kammer – räusper) tatsächlich auf die “Zurufe” der Presse (“Öffentlicheit”) – s. mein Beitrag dazu oben.
        Das ist aber nicht “Schuld” der Medien, sondern – mindestens – des Vorsitzenden.
        Ich verstehe die Verteidigung da ganz und gar nicht.
        Bei Twitter fing ich dazu den Begriff “Palliativverteidigung” auf, das trifft es hier doppelt.

      2. @fotobiene
        “Mehr als 120 Hinterbliebene treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. 70 von ihnen verfolgten den Prozessauftakt. Richter Bührmann wandte sich an sie mit den Worten: “Passen Sie wirklich auf sich auf und überfordern Sie sich nicht.” Er entschuldigte sich für die “harte Sprache” des Gerichts.”
        https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Richter-im-Hoegel-Prozess-Klarheit-fuer-Angehoerige,hoegel268.html
        Geboren in Oldenburg ist Herr Bührmann vllt. bekannt mit einer oder mehrerer der Familien der Opfer.
        Sie und Herr Fischer haben natürlich Recht, alles kein Grund für Empathie eines Richters.
        Was wiegt eine Minute gegen das unfassbare (!) Ausmaß der Taten von Herrn Högel über Jahre?
        Ich glaube nicht (mein Glaube), dass der Richter sich von der Presse hat beeinflussen lassen, ich glaube (immernoch Glaube), dass er einfach vorbereitet oder nicht seinem inneren Gewissen Tribut gezollt hat, vermutlich unprofessionell, so what.

      3. “Geboren in Oldenburg ist Herr Bührmann vllt. bekannt mit einer oder mehrerer der Familien der Opfer.”

        Meinen Sie nicht, das könnte ein Grund sein, “der geeignet ist, Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen.” ? (§ 24 StPO)

        “vermutlich unprofessionell, so what.”

        Würden Sie das auch sagen, wenn Sie selbst unschuldig vor einem Richter stehen?
        “Naja, der kennt halt das Opfer, und unprofessionell ist er auch. Aber der wird mich sicher freisprechen.”
        ??

  8. Lieber Herr Fischer,

    zu Ihren Ausführungen zur Bolsonaro-Wahl:
    Zitat: “Der „Trump der Tropen“! Das ist der Sound der Welterkenntnis und der Empathie, wie er dem deutschen Kommentar-Wesen eingeboren ist.”
    Es wäre nachvollziehbarer, wenn Sie Quellen bzw. Links zu den von Ihnen gescholtenen Medien angeben würden, Pauschalisierungen machen nichts wahrer.
    Man muss doch deutlich zwischen Print- und Onlinepressemedien unterscheiden, meist bekommt man immernoch in den Printmedien ordentliche Informationen, während heutzutage fast die gesamte Online-Presse Publikum generieren muss, von ein paar Nischenportalen mal abgesehen. Geld verdient man mit Klicks (Werbekunden), Klicks schafft man nur durch reißerische Aufmachung, da bleibt guter Journalismus gern mal auf der Strecke, “sehr schön” zu beobachten beim Spiegel. Onlinejournalismus ist übrigens ein eigener Studiengang, vermutlich (!) wird da mehr Wert auf die Vermarktung als auf Inhalte gelegt.
    Die “Onlinesprache” ist eine degenerierte Form der “Printsprache”, meine Tageszeitung hinkt natürlich immer einen Tag bez. der aktuellen Meldungen hinterher, trotzdem mag ich lieber die Kommentare dort, weil sie sachlicher und “unaufgeregter” sind. Meine Tageszeitung bewirbt mich ständig mit dem E-Paper, vermutlich aus Angst vor meiner Kündigung, die Verlage müssen halt leben.
    Einen Onlinekommentar zu schreiben ist auch für den, der es nicht so mit dem Lesen von Gedrucktem hat, völlig easy, für mich gibt es aber nichts Schöneres, als immernoch “Leserbriefe” zu schreiben und diese dann abgedruckt zu wissen.
    Stichwort IVW-Verzicht.

    Danke für die “Beleuchtung” um den Prozess gegen Högel, dafür “liebe” ich Sie, dass Sie den Blick schärfen auf Gegebenheiten, die man als Allgemeingebildeter nicht wahrnimmt, das ist Ihre eigentliche Berufung als Kolumnist für mich.

    1. “Man muss doch deutlich zwischen Print- und Onlinepressemedien unterscheiden, meist bekommt man immernoch in den Printmedien ordentliche Informationen, während heutzutage fast die gesamte Online-Presse Publikum generieren muss, von ein paar Nischenportalen mal abgesehen.”

      Darf ich Sie dazu auffordern, Ihre eigene Forderung einzuhalten?

      “Es wäre nachvollziehbarer, wenn Sie Quellen bzw. Links zu den von Ihnen gescholtenen Medien angeben würden, Pauschalisierungen machen nichts wahrer.”

      Ich denke nämlich, daß Ihre Behauptung so pauschal nicht stimmt.
      “Print” ist das Medium, das ums Überleben kämpft, man sieht es an den sinkenden Auflagen.
      Print benötigt Klicks, die zu “Plus-Inhalten” führen, die man nur über ein Print-Abo erreicht.
      Entsprechend reißerisch sind die Headlines und Inhalte, zudem auf eine eher ältere, konservative (milde gesagt) Generation zugeschnitten – sei es der “Gauland-Gastbeitrag” oder der “Höcke-Waldspaziergang”, mal so als Beispiel.

      Zudem legen Sie Ihr Gewicht auf “Kommentare”, die Sie bei Print für unaufgeregter halten, weil sie Sie erst einen Tag später erreichen (!).
      Selbstverständlich müssen sie meist viel früher als Onlinekommentare verfasst werden, denn sie müssen durch Redaktion, Druck und Verkauf, bevor sie Sie erreichen.
      Wenn es um Information geht – das ist MEIN Schwerpunkt bezüglich Journalismus – ist Online längst aus technischen Gründen haushoch überlegen, weswegen es keine Print mehr ohne Online gibt, wohl aber Online ohne Print, nicht nur in “Nischen”.
      Aus Kostengründen etabliert sich hier längst auch qualitativ z.T. höherwertigerer Journalismus als bei Print.

      1. Was ich mit meinem Vorkommentar sagen will ist, der Onlinejournalismus generiert ja auch in der Masse inzwischen eine Klientel, die keine Zeitung (Print) in die Hand nimmt oder nahm, d.h., eine Klientel, die durch Sensationen und Minimalismus der Sprache eingefangen werden muss. Um nicht Formaten wie BILD und Co. die Klicks zu überlassen, muss man sich der “Aufmachung” anpassen, also “vereinfacht” sich der Sprache, herunter gebrochen z.B. auf “der Militär” Bolsonaro.
        Ich klicke mich natürlich auch permanent (Arbeitsplatz und privat) durch Online-Portale auf der “Jagd” nach Tagesneuigkeiten, aber auch da gibt es doch wirklich Unterschiede.
        Trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, neben meinen Print-Abos, Die Zeit und die FAZ und auch den Spiegel am Wochenende zu kaufen und stelle immer wieder fest, das ist etwas anderes in der Sprache als ihre Online “Ausgaben”, vermutlich gehöre ich da inzwischen auch zur Old School, ein Sonntag bei schlechtem Wetter mit Stapeln von Zeitungen ist unübertroffen.
        Ich weiß natürlich, dass die Print-Medien eher früher als später aussterben werden, bis auf Bildbände lese ich inzwischen nur noch Bücher auf dem E-Book, aber etwas gedrucktes liest sich m.M.n. immernoch gewählter als diese Online Sprache.

    2. @FrauSCZ am 02.11.2018 um 18:09 Uhr:

      Zitat: “Der „Trump der Tropen“! Das ist der Sound der Welterkenntnis und der Empathie, wie er dem deutschen Kommentar-Wesen eingeboren ist.”

      Es wäre nachvollziehbarer, wenn Sie Quellen bzw. Links zu den von Ihnen gescholtenen Medien angeben würden, Pauschalisierungen machen nichts wahrer.

      Einfach mal googeln nach der genauen Wortfolge “Trump der Tropen” — das fördert eine ganze Reihe von Fundstellen zutage, vom Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung über Greenpeace und den Freitag bis zur Tagesschau und der Wiener Zeitung.

      Dazu auch noch in der verkürzten Variante “Tropen-Trump”.

      Es sind so viele, daß ein einzelnes Organ darunter als Quelle anzugeben, eine womöglich unzulässige Werbung wäre…

  9. Vor einer Gerichtsverhandlung eine Gedenkminute für die Opfer desjenigen abzuhalten, über den in dem folgenden Verfahren verhandelt werden soll, so etwas wäre in der Vergangenheit dieser Republik womöglich als irgendwie störende Formalie bewertet worden.

    Aber die Zeiten haben sich – aus irgendwelchen nicht näher zu untersuchenden Gründen – geändert.

    Vielleicht auch, weil uns inzwischen andere Themen auf den Teleprompter gesetzt werden.

    Derzeit entrücken uns beispielsweise die Vorkommnisse um die bevorstehende Unterzeichnung eines Migrationspaktes, sowie dieser Pakt selber. Nur weil unsere Medien darüber nicht berichten wollen.

    Es könnte zur Häufung von vielen, dann auch von stillen Gedenkminuten kommen.

    1. Völlige Zustimmung, Herr Willi!
      Alle Medien sind derzeit voll mit Pippikram, unfassbar. Aber was da demnächst in Marokko unterschrieben werden soll wird immer noch in seiner unheilvollen Wirkung für unser Land heruntergespielt oder verharmlost.

      1. @A Folke

        so sieht es aus.

        Es zeigt, daß die Mehrheit der Menschen – entsprechend geführt – weder in der Lage sind zu erkennen, wie sie immer und immer wieder verführt werden noch mitzubekommen scheinen, in welche Richtung sie gedrängt werden. Beim Migranten- Pakt handelt sich ja nicht um das erste Gesetzeswerk, welches unsere eigenen Gesetze unterhöhlt und damit letzten Endes unsere Grund-Rechte preisgibt. Am Parlament vorbei und an Beamten, die auf unseren Staat einmal vereidigt wurden.

        Vielleicht wird uns vorher ein Krieg mit Rußland erlösen. Da schauen auch alle gelähmt zu, ohne daß es jemanden zu
        tangieren scheint.

  10. Erstens:
    Was mich interessieren würde: Könnte jene Gedenkminute des Gerichts für die Verteidigung u.U. einen Revisionsgrund darstellen? Dann hätte das Gericht dem Recht wie auch der Gerechtigkeit einen Bärendienst erwiesen. Fraglich wäre dann wahrscheinlich, ob der Vorsitzende eine Gedenkminute für “die Toten” oder für “die Mordopfer” eingelegt hat; die erste Variante mag befremden, dürfte aber strafprozessual unproblematisch sein. Die zweite Variante wäre m.E. ein Fall von Befangenheit par excellence.

    Zweitens:
    Die Verwendung von Superlativen scheint mir im Fall Högel schon nicht ganz unangemessen, wenngleich der Unterschied, ob nun sechs oder 100 Morde, für Herrn Högel lediglich bedeuten dürfte, dass die von einer Strafvollstreckungskammer festzulegende Mindestverbüßungsdauer statt vielleicht 25 Jahre nun womöglich 30 Jahre betragen wird.

    1. >Was mich interessieren würde: Könnte jene Gedenkminute des Gerichts für die Verteidigung u.U. einen Revisionsgrund darstellen?

      Meine Vermutung:
      Nein, da nur die schriftlich niedergelegten Urteilsgründe Gegenstand einer Revision sein können.

    2. Zu Erstens: Nein, es wird keinen Revisionsgrund darstellen. Die Verteidigung hätte möglicherweise Aussicht auf Erfolg bei einer Ablehnung des Richters wegen Besorgnis der Befangenheit gehabt, aber wenn die Verteidigung darauf verzichtet, obwohl der Ablehnungsgrund bekannt war, dann gibt es dafür auch keine Rechtsmittel.

      1. Darf ich Sie fragen wann denn eine Besorgnis der Befangenheit bestehen würde? Welche Gründe wären das?

      2. Das Gesetz formuliert das so:

        “Wegen Besorgnis der Befangenheit findet die Ablehnung statt, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen.”

        Es geht also darum, ob der Richter etwas getan oder gesagt hat, das auf fehlende Objektivität schließen lassen könnte. Das kann etwas sein, das während der Gerichtsverhandlung passiert, aber auch beispielsweise wenn sich der Richter auf Facebook allgemein abfällig über Angeklagte äußert.

        Wie verhält sich das zur Schweigeminute? Im Strafprozess geht es nicht darum festzustellen, ob den mutmaßlichen Opfern der Tat Unrecht getan wurde, sondern ob der mutmaßliche Täter schuldig ist. Wenn jetzt der Richter meint, dass im Strafprozess (in dem es eigentlich um den Angeklagten geht) den mutmaßlichen Opfern gedacht werden soll, könnte man auf die Idee kommen, dass dem Angeklagten hier signalisiert wird: “Das sind deine Opfer” – und zwar bevor festgestellt wurde, ob er überhaupt schuldig ist. Das muss man nicht so streng sehen, aber es ist zumindest nicht gänzlich abwegig, sich zu fragen, ob die Meinung des Richters nicht vielleicht schon von Anfang an feststand.

        Wichtig ist auch, dass es nicht Voraussetzung der Ablehnung ist, dass der Richter wirklich voreingenommen ist; es reicht die “Besorgnis”.

      3. Tja, das ist eben der Unterschied zwischen einem rechtskundigen Nicht-Juristen und einem Volljuristen, vielen Dank!

      4. @GB

        Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben für die Erläuterung.
        Das heißt, es ist offensichtlich, der Richter hat sich schon vorab in einer für den Angeklagten nachteiligen Weise festgelegt.

        Kommt sowas öfters vor?

      5. Ergänzung:

        Ҥ 338 StPO
        Absolute Revisionsgründe

        Ein Urteil ist stets als auf einer Verletzung des Gesetzes beruhend anzusehen,

        3. wenn bei dem Urteil ein Richter oder Schöffe mitgewirkt hat, nachdem er wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt war und das Ablehnungsgesuch entweder für begründet erklärt war oder mit Unrecht verworfen worden ist (..)”

        Darum ja meine Verwunderung, daß die Verteidigung nichts tat (s.o.), also keinen Befangenheitsantrag stellte.

        Neben erneuter lebenslanger Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gäbe es noch die anschließende Sicherungsverwahrung auf unbestimmte Zeit.

      6. @ Gangsterwally

        “Das heißt, es ist offensichtlich, der Richter hat sich schon vorab in einer für den Angeklagten nachteiligen Weise festgelegt.”

        Nein, das heißt es eben nicht.
        Es könnte aber zu Recht eine Besorgnis der Befangenheit bestehen, wie von GB erläutert.

  11. nach meinen Informationen soll der Angeklagte inzwischen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als zutreffend eingeräumt haben.

    Vielleicht hat die Schweigeminute aller Anwesenden ihn zu dieser Reaktion bewegt. Wer weiß das schon. Wer kann da noch Unverständnis für die Vorgehensweise des Richters aufbringen.

    1. Klar, so läuft’s:
      Richter spontan emotional Schweigeminute.
      Angeklagter daraufhin ebenso spontan emotional Geständnis.
      Story proudly presented by “Richter Alexander Hold”.
      🙄

      1. @Fotobeine

        Ob der Richter seine Gedenk-Minute spontan anberaumt hat, ist mir nicht bekannt. Aber spontan oder nicht, ansonsten ist es so abgelaufen.

        Vielleicht wird das deutsche Rechtswesen zukünftig dazu übergehen, in einer vorher anberaumten Gedenk-Minute die Ermordeten aus ihrer unverdienten Abwesenheit zu heben und dazu ihre Namen zu verlesen, bevor man in das Verfahren eintritt und sich mit dem vermuteten Täterumfeld befaßt.

        In letzter Zeit erscheint vieles möglich, nachdem Begründungen – sofern überhaupt einforderbar – eine neue Qualität erreicht zu haben scheinen.

        Jedes freiwillig abgegebene Geständnis hat einen bedeutenden Stellenwert, der uns etwas Flexibilität wert sein sollte. Man könnte eine aus dem Volke kommende Petition andenken. Vielleicht wäre die derzeitige Justizministerin womöglich dankbar, gesprächsbereit ?

      2. @Willi Wahnsinn

        Der Mensch ist ja bekanntlich kein rein von der Vernunft geleitetes Wesen. Sohin erschiene so manches Tun unerklärbar, würden wir nicht auch den Einfluss des Unbewußten heranziehen.

        Mir persönlich erscheint eine Schweigeminute zu Prozessbeginn -zu welchen Zwecken auch immer-, jedenfalls sehr unvernünftig.

        Man denke im Vergleich dazu an den erhobenen Zeigefinger eines Vaters? In diesem Zusammenhang müsste man dann dann unweigerlich viele Fragen über mögliche Erscheinungsformen moralischer Urteile und Disziplinierungsmaßnahmen stellen, um ein bestimmtes Verhalten hervorzurufen oder gar zu erzwingen.

    2. Man weiß ja nie was sich im Inneren eines Menschen so abspielt, also nicht nur im Denken, sondern auch in der Psyche und weshalb jemand so oder anders reagiert. Sehr schwierig.

  12. Ich verstehe das verdruckste Raunen der Presse bei Bolsonaro auch nicht. Der Mann ist ein lupenreiner Faschist. Da gibt es überhaupt nichts zu deuteln.

    1. Bolsonaro, ein Faschist ?

      Muß so sein, und ergibt sich bereits daraus, daß Nahles ihren Vorgänger, den früheren SPD-Vorsitzenden Martin Schulz nach Brasilien entsendet hatte, um dem dort inhaftierten Ex-Präsidenten Brasiliens, Luiz Inácio Lula da Silva, – Gegenspieler von Bolsonaro – im Gefängnis einen Besuch abzustatten.

      Klingt komisch.
      War aber so.

  13. Herr Fischer,

    bezüglich ihrer genannten Anzahl von Inhaftierten in Brasilien, 660.000 und der von Ihnen genannte Vergleich dazu, dass dies viermal so hoch sei, wie in Deutschland.
    Von welcher Anzahl der in Dt Inhaftierten gehen Sie aus?
    Nach meinen Kenntnissen “sitzen” aktuell Ca 61.000 Frauen und Männer ein.

    1. Nein:
      “Es hat 200 Millionen Einwohner, von denen derzeit etwa 660.000 unter durchweg sehr schlimmen Bedingungen inhaftiert sind (im Verhältnis viermal so viel wie in Deutschland).”

      Also:
      Brasilien: 0,3 % der Gesamtbevölkerung
      Deutschland: ca. 0,08 % der Gesamtbevölkerung

  14. Sehr geehrter Herr Fischer, geneigtes Publikum,
    ich möchte mich gern bemühen, hier was klarzustellen (Bitte mit Augenzwinkern lesen.).
    Es geht um die Begrifflichkeit “MILITÄR”.
    Ganz allgemein ist dies ein wundervolles Thema, weil sich darüber herrlich palavern lässt, wobei sich der verwertbare Informationsgehalt am Ende, wie auch so oft in unserer “Qualitätspresse” (Wer zum Teufel hat diesen dämlichen Begriff erfunden?), in Richtung Nulllinie bewegt.
    Wie ist das nun mit dem, der, das “Militär”?
    Als “DAS MILITÄR” bezeichnen wir im Allgemeinen und Besonderen Alles, was sich ein völkerrechtlich anerkannter Staat (Beachte: Verfassung zwingend notwendig, mitunter fehlt sie!) so leistet, auch wenn er’s eigentlich nicht könnte oder dürfte, um irgendwelchen echten, erfundenen oder eingebildeten Feinden oder Ähnliches (z.B. Konkurrenten) den blutigen Garaus zu machen. Dieses Tun und Lassen, meist mehr Tun als Lassen (siehe einen Vielvölkerstaat jenseits des Atlantik), bezeichnen wir als “KRIEG”.
    (Aufpassen, die Bundesrepublik Deutschland genießt hierbei historisch bedingte Narrenfreiheit und darf das “ANDERS” oder so nennen.)
    Daraus folgt: “DAS MILITÄR” und “KRIEG”, in dieser und nur in dieser Reihenfolge, gehören zusammen.
    Unsere Vorfahren, die damals noch in Höhlen hausten und sich ab und an mit Knüppeln oder Anderem ausstaffierten, um den Behausern benachbarter Höhlen die Schädel einzuschlagen, hatten weder einen Staat (schon gar nicht im völkerrechtlichen Sinne) noch eine Verfassung, sondern nur Hunger oder Wut oder Beides im Bauche.
    Sie hatten also auch nicht “DAS MILITÄR”. Das kam dann erst sehr viel später.
    Jetzt gibt es den Begriff “MILITÄR” aber auch noch in einer zweiten Bedeutung. Während “DAS MILITÄR” geschlechtsneutral ist, stellt sich “DER MILITÄR” immer geschlechtsspezifisch dar.
    (Hier wird beim werten Leser natürlich sofort ein Fragezeichen im Kopf aufleuchten. Aber gemach, das geschah auch schon vor vielen, vielen Jahren, als mal irgenso’n großer Kahn absoff. Da brüllte Einer “Rette sich wer kann, Frauen und Kinder nach links, Männer nach rechts!”. Bleibt Jemand in der Mitte stehen und fragt: “Und was soll ich machen?”.)
    Natürlich gibt es in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr nur “DER MILITÄR” sondern auch “DIE MILITÄR” oder “ICH WEISS NICH, WAS ICH BIN MILITÄR” oder ähnliches “MILITÄR”.
    Frauen befehligen ja Atom- U- Boote, ob Kommandanten von Flugzeugträgern schwul sind- keine Ahnung aber durchaus denkbar und auch nicht schlimm.
    An dieser Stelle muss ich allerdings einfügen, dass die meisten Homosexuellen wahrscheinlich niemals zu “ICH WEISS NICHT, WAS ICH BIN MILITÄR” werden, weil sie ganz allgemein zu friedlich sind und nicht genug “Wut im Bauch” haben. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Worauf es bei Allem ankommt, ist der Werdegang.
    Der frisch einberufene oder sich freiwillig in dieses Abenteuer gestürzte “Schütze Arsch im letzten Glied”, der nach einiger Zeit als “Gefreiter in der ersten Reihe” entlassen wird, ist natürlich nicht “DER MILITÄR”. Er/ Sie/ oder Sonstwas darf sich natürlich auch nicht als “Frau/ Herr/ oder Sonstwas MILITÄR” bezeichnen. Er/ Sie/ oder Sonstwas war zeitweilig Teil von “DAS MILITÄR”.
    Auch die Frau “FLINTEN- Uschi” ist mitnichten eine “DIE MILITÄR” sondern nur für die entsprechende Amtszeit ein Teilchen im “DAS MILITÄR”.
    Sich als “DIE/ DER/ oder SONSTWAS MILITÄR” zu bezeichnen, bleibt all Jenen vorbehalten, die in früher, zarter Jugend auf Abenteuersuche auszogen und das “Ich hau Dir ungestraft, weil höchst staatlich erlaubt und gewollt, die Rübe ‘runter!” zu ihrem Beruf (mitunter auch zur Berufung) gemacht haben, indem sie eine entsprechende Bildungseinrichtung besuchten und diese mit mehr oder weniger Erfolg abschlossen, so wie ich vor Jahrzehnten. (Deshalb kenne ich mich da auch etwas aus.)
    In diesem Sinne ist es natürlich hahnebüchener Quatsch, wenn in der Presse steht, der neue Präsident von Brasilien wäre ein “DER MILITÄR”. Auch Trump als Präsident von eigenen Gnaden ist kein “DER MILITÄR”.
    Aber beide sind als nominelle Oberbefehlshaber von “DAS MILITÄR” ihrer völkerrechtlich anerkannten und mit einer ordentlichen Verfassung gesegneten Staaten ein Teil von “DAS MILITÄR”.
    Dabei ist es völlig gleichgültig, wie hoch der individuelle Intelligenzquotient ausfällt (Bei Trump zumindest muss man bezweifeln, ob überhaupt einer da ist.), ausschlaggebend ist allein der beglaubigte und bestempelte Abschluss.
    Im Gegensatz dazu war Dwight D. Eisenhower, auch nachdem er seine Uniform an den berühmten Nagel gehängt hatte und Präsident wurde, als Oberbefehlshaber vom “DAS MILITÄR” immer noch ein “DER MILITÄR”, denn er hatte besagten Abschluss.
    Womit, so denke ich, auch der/ die letzte Leser/In verstanden haben müsste, warum mitunter die Lametta- behangenen und oft farbenprächtig ausstaffierten “DIE/ DER/ oder SONSTWAS MILITÄR” geringschätzig auf Alles herunterblicken, was unter die in diesem Sinnzusammenhange dritte Kategorie fällt, nämlich “DIE/ DER/ oder SONSTWAS NICHTMILITÄR” (Man kann diese Gruppe auch als “ZIVILPERSONEN” bezeichnen.)
    Was viele der “ZIVILPERSONEN” leider nicht wissen, ist die Tatsache, dass die “Herunterblicker” in einem gewissen Sinne auch das Recht dazu haben. Sie haben eben die höchst staatliche Erlaubnis, Jedem, der sie schief anguckt, die Rübe ‘runterzuhauen. Und wenn sie gefangen werden, genießen sie auch noch den Schutz der Genfer Konvention über die Behandlung Kriegsgefangener. “Ätsch Ihr blöden “ZIVILPERSONEN””! Euch schmeißen sie die Bomben auf’n Kopp und wir machen uns derweil ‘nen Bunten”.

    1. Danke, Applaus!
      Wirklich lustig zu lesen. Werde ich, wenn ich darf, morgen Nachmittag in der kunterbunten Literaturpflegeclique gerne allen vortragen. Die Horde freut sich immer besonders über exquisite Schmankerln aus der zeitgenössischen Leserbriefecke.

      Ich bin dann auch schon sehr gespannt, was die alle sonst zu den hier vorgebrachten Themen sagen werden, und ob es, so wie meist, in Diskussionsexzesse, was ein ganz besonderes Gruppenerlebnis darstellt, ausarten wird. Mit an Bord haben wir einen erklärten Trumpfan, sei IQ ist uns nicht bekannt. Der Gruppe, als eine Art unterstützender sozialer, also “kleiner” Heimat kommt somit wohl eine ungewöhnliche Bedeutung zu.

  15. @TF: wieder mal vielen Dank für diesen Volltreffer. Wohltuend, dass man in allen Strafverteidigerblogs und nun auch in Ihrer Kolumne sehr eindeutige Worte für diese Gedenkminute in Oldenburg liest. Da erkennen offenbar nur wenige das Problem.

    Da in SPON das Diskussionsforum schon wieder geschlossen ist, erlaube ich mir noch einen Hinweis auf die naheliegende Lösung zum Thema Organspende: da es, wie Sie auch bemerken, unterschiedliche ethische Vorstellungen hierzu gibt, wäre es das einfachste, wenn man sich zu gesunden Zeiten, sagen wir bis Alter von 30 Jahren oder nach einer entsprechenden Untersuchung, für eine Seite entscheiden müsste (Organspender oder nicht). Und dann werden potenzielle Organempfänger, die sich selbst auch mal als potenzielle Spender haben eintragen lassen, eben beim Empfang priorisiert. Da sehe ich nun absolut kein ethisches Problem mehr: der, der dagegen ist, dass seine eigenen Organe verwendet werden, muss akzeptieren, beim Empfang von Fremdorganen hintangestellt zu werden.

    (Ich habe seit Jahrzehnten einen Organspenderausweis.)

  16. Sehr geehrter Herr Fischer,

    ich habe bereits einige Ihrer Auftritte/Texte verfolgt und dort, wie nach der Lektüre der Ausgaben dieser Kolumne, bin ich häufig im Zwiespalt über das was Sie schreiben. Zugegeben bin ich mir auch nicht immer sicher, ob ich Ernsthaftigkeit von Pointe korrekt unterscheiden konnte.
    Ich bewegte mich in meiner Meinung über Ihre Texte bereits zwischen unschönen Beleidigungen und deutlich häufigeren Augenblicken des Erkenntnisgewinns anhand des Einblicks in Ihre Denkweise, wie gesagt, sofern mir nachvollziehbar.

    Vielleicht muss man für manche Gedanken über Themen und Personen selbst eine gewisse Authorität der eigenen Person erlebt haben, denn mir wäre ohne Ihre Texte so mancher Blickwinkel verborgen geblieben, unabhängig davon, ob ich zum selben Schluss darüber komme.

    Kurz und knapp, Sie haben mich bereits viele Stunden meines Lebens gekostet, die ich allein mit Nachdenken oder verärgert sein verbracht habe. Am Ende dessen stand in der Regel das Gefühl, die Zeit nicht vergeudet zu haben, dafür vielen Dank.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Sebastian M.

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