Wie ein paar Hobby-Wahlanalysten mit dem korrekten Ergebnis der Hessenwahl ARD, ZDF und alle anderen großen Medien blamierten

Trotz großer Spannung bei der Hessenwahl verabschiedeten sich alle TV-Sender noch vor der Verkündung des Endergebnisses aus ihrer Live-Berichterstattung. Und verpassten so die Wende hin zu einer nun doch möglichen Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition. So gelang es der kleinen Website Wahlrecht.de und ihrem Twitter-Account, das korrekte Ergebnis zu verkünden - und die großen Medien in gewissem Maße zu blamieren.

von Jens Schröder

Als er Sonntagnacht ins Bett gegangen sei, war die Welt noch in Ordnung, heute morgen nach dem Aufstehen dann nicht mehr. Solche Sätze wie dieser vom hessischen FDP-Spitzenkandidaten René Rock gab es heute morgen sicher viele. Der Grund: Das endgültige Ergebnis der hessischen Landtagswahl unterschied sich in einem wesentlichen Punkt von den letzten Hochrechnungen von ARD und ZDF. Entgegen dieser letzten Zahlen der TV-Sender, bevor sie off air gingen, ist nun doch eine Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition möglich. Die FDP ist für die Regierungsbildung nicht mehr nötig.

Für die großen Medien, insbesondere die TV-Sender, ist das Endergebnis etwas peinlich. Statt angesichts der extrem engen Zahlen abzuwarten, gingen selbst das hr fernsehen und Phoenix gegen Mitternacht aus ihrer Live-Berichterstattung – und bekamen so die Wende bei den Auszählungen nicht mehr mit. Die letzten Hochrechnungen von Infratest Dimap und der Forschungsgruppe Wahlen von 23.27 Uhr und 23.37 Uhr verkündeten wie in den Stunden davor, dass es nicht reichen wird für Schwarz-Grün. Damit ging es in die Nacht. Politisch interessierte Menschen schauten in die Röhre – oder in die sozialen Netzwerke. Dort nämlich zeigten Hobby-Wahlanalysten, was dank des Internets und ein bisschen Excel-Kenntnissen möglich ist.

Gemeint ist die Website Wahlrecht.de, die seit vielen Jahren sämtliche Sonntagsfragen archiviert und an Wahlabenden auch Prognosen und Hochrechnungen sammelt, sowie eigene Berechnungen anstellt. Als aufgrund der vielen TV- und Online-Berichte kaum jemand damit rechnete, dass es doch noch eine Wende bei den Auszählungen geben könnte, twitterte Wahlrecht.de um 1.14 Uhr: “Es fehlen nur noch 7 (Brief-)Wahlbezirke (6 in Frankfurt, 1 in Bad-Homburg) bis zum vorläufigen Endergebnis. Nach unseren Berechnungen hätte Schwarz-Gelb derzeit eine hauchdünne Mehrheit (69 von 137 Sitzen)“. Trotz des später korrigierten Tippfehlers – gemeint war natürlich Schwarz-Grün und nicht Schwarz-Gelb, war Wahlrecht.de damit das erste Medium, das darauf hinwies, dass es doch nochmal spannend würde. Um 1.35 Uhr – 16 Minuten vor dem vorläufigen amtlichen Ergebnis – twitterte man “Alle Wahlbezirke sind jetzt ausgezählt. CDU+GRÜNE, CDU+SPD und SPD+GRÜNE+FDP haben jeweils eine Ein-Sitz-Mehrheit (69 von 137)” und hatte damit vollkommen recht.

Zwar hatten die Zahlen-Analysten von ARD und ZDF mehrfach darauf hingewiesen, dass die Mandatsverteilung aus ihren Hochrechnungen noch sehr unsicher sei, dennoch wurden die Zahlen – auch von vielen Online-Medien – so gedeutet, dass es nicht reichen würde für Schwarz-Grün. Dabei lag insbesondere die Forschungsgruppe Wahlen mit ihrer 18-Uhr-Prognose auffällig nah am Endergebnis: Die 27% der CDU hat man perfekt voraus gesagt, die 19,8% von SPD und Grünen nur um 0,2 Punkte verfehlt, die 6,3% der Linken ebenso, die 13,1% der AfD um 0,1 und die 7,5% der FDP auch nur um 0,5.

Das Problem war jedoch die Sitzverteilung, die so schwer vorhersehbar war. Der Grund: der große Unterschied zwischen den Direktmandaten und dem Gesamtergebnis. Die CDU hatte 40 der 55 Direktmandate gewonnen, daher bekamen alle anderen Parteien viele Ausgleichsmandate und der Landtag wurde von 110 auf 137 Sitze erweitert. Eine solche Voraussage war um 18 Uhr schlicht nicht möglich – und auch in den Stunden danach nur schwer. Doch als es möglich war, hatten sich ARD, ZDF & Co. längst in die Nacht verabschiedet – und überließen Wahlrecht.de den Scoop.

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